Freitag, 30. März 2012

Fallstricke umgehen: Das Einmaleins der ethischen Adoption

In den letzten Wochen wird dieser Blog von vielen Lesern besucht, die sich über Adoptionen aus Äthiopien informieren wollen. Das sehen wir an den Zugriffen, die über eine google Suche "Adoption Äthiopien" zu uns finden. Für alle diejenigen, die noch am Anfang des Prozesses stehen, möchten wir ein paar Hinweise zusammenstellen, um die ethischen Fallstricke einer Adoption aus Äthiopien möglichst zu umgehen:
  • Informationen sind alles. Eine gut informierte Adoptivfamilie ist viel besser in der Lage mit den Herausforderungen umzugehen. Informieren Sie sich über die Lage in Äthiopien, die herrschenden Gesetze, die politische Situation und die Adoptionsskandale der letzten Jahre. Das hilft Ihnen die richtigen Fragen zu stellen und Gefahrensituationen zu erkennen.
  • Informieren Sie sich auch über die Herausforderungen von Adoptionen von älteren und kleineren Kindern. Lesen Sie die Bücher von unserer Leseliste. Gehen Sie vorbereitet in diese Entscheidung, die wie keine andere ihr Leben verändern wird. Sprechen Sie mit Adoptiveltern über Probleme und Herausforderungen. 
  • Wenn Sie einen Kindervorschlag bekommen: Fragen Sie, wie das Kind ins Heim gekommen ist. Rekonstruieren Sie die Geschichte Ihres Kindes im Detail. Kein Kind hat keine Verwandte. Wenn die Eltern verstorben sind, fragen Sie nach Tanten, Onkel und Großeltern. Diese können Ihnen Auskunft über Eltern, Familienkonstellation und Gründe für die Abgabe ins Heim geben. Treffen Sie die leibliche Mutter, auch wenn es Ihnen schwer fällt.
  • Reisen Sie in das Herkunftsdorf des Kindes. "Waisentourismus" in ländliche Gebiete in Äthiopien sind aus guten Gründen umstritten. Sie sollten dort nicht als reiche Weiße auftreten und Begehrlichkeiten wecken. Andererseits müssen sie das Umfeld kennenlernen, in das ihr Kind geboren wurde. Es gibt Ihnen den Schlüssel zur Identität Ihres Kindes.
  • Verlassene Kinder ohne Verwandte haben eine schwere Last zu tragen. Kinder werden ausgesetzt oder laufen von zu Hause weg. Sie sollten nachverfolgen, ob und wie nach den Eltern gesucht wurde. Es gibt viele Fälle, bei denen später die Eltern leicht gefunden werden konnten, obwohl die Ermittlungen der Polizei nichts ergaben. Sprechen Sie mit der Heimleitung über die Suche nach den Eltern. Sprechen Sie mit der Polizei. Besuchen Sie den Ort, wo ihr Kind gefunden wurde. Machen Sie deutlich, dass sie daran interessiert sind, die Eltern zu finden.
  • Sprechen Sie mit ihrer Vermittlungsstelle auch über unangenehme Themen. Sprechen Sie über Kinderhandel, Korruption und die Verbindung der Vermittlungsstelle zum Heim. Fragen Sie, welcher Geldbetrag an das Heim gezahlt wird und wofür. Es ist Ihr Geld.
Und es ist Ihre Familie, um die es geht.   

Mittwoch, 21. März 2012

Tarikuwa Nigist Lemma alias Journee Bradshaw

Als vor knapp zwei Jahren die Berichte über Korruption und Mißbrauch in Adoptionen aus Äthiopien bekannt wurden, stand ein Fall im Mittelpunkt der Berichtertstattung. Journee Bradshaw und ihre Adoptivfamilie waren nicht nur ein Beispiel für eine verfehlte Vermittlungspolitik, in der ein junges Paar drei Geschwisterkinder adoptierte, von denen sich eines als 15 Jährige entpuppte. Sondern zugleich hat sich Journee/Tarikuwa von Beginn an öffentlich gegen die Adoption gewehrt. Ihre Geschichte wurde im Film "Fly away children" ausführlich dokumentiert.

Heute lebt Tarikuwa nicht mehr bei ihrer Adoptivfamilie. Sie hat ihren alten Namen wieder angenommen und möchte ihn auch in ihren Papieren wieder haben. Sie besucht die High School und versucht, Geld für eine Reise nach Äthiopien zu verdienen. Ihre Adoptivfamilie lebt mit ihren zwei Schwestern in Hawaii. In einem Interview schildert sie von ihrer Odyssee in den USA und ihren Plänen für die Zukunft.  

Mittwoch, 14. März 2012

Kinderhandel in China

China galt lange Zeit als das Land mit dem saubersten Verfahren für internationale Adoptionen. Chinesische Kinder, die verlassen oder ausgesetzt aufgefunden wurden, wurden in staatliche Kinderheimen aufgenommen und dann zur Adoption freigegeben. Aufgrund der strengen staatlichen Aufsicht und der Ein-Kind-Politik war der Bedarf für internationale Adoptionen nahezu zwangsläufig vorgegeben. Nach den landläufigen Erklärungen setzten Eltern ihre Kinder aus, um sich einer Bestrafung für die Überschreitung der Kinderzahl zu entziehen. Dadurch wurden tausende gesunde Säuglinge in Adoptionsverfahren überführt, die schnell sehr begehrt waren. Insbesondere chinesische Mädchen wurden ins Ausland vermittelt.

Seit mehreren Jahren häufen sich jedoch die Berichte, dass Adoptionen aus China längst nicht so sauber abliefen wie bislang geglaubt. Die Behörden befassen sich nun ernsthaft mit Menschenhandel in China und stoßen auf schockierende Praktiken.

Das Ministerium für Öffentliche Sicherheit hat nun einen Bericht veröffentlicht, nachdem im letzten Jahr 8,660 Kinder und 15,458 Frauen aus Menschenhandel 'befreit' werden konnten. Über 3200 Menschenhändlergruppen wurden verhaftet einschließlich einer Bande, die Frauen nach Angola in die Prostitution verkaufte.

Im Jahr 2011 wurden mehr als 2000 Kinder für Adoptionen entführt und verkauft. Letzten November wurde in Shandong eine Bande enttarnt, die Säuglinge für US$8,000 anbot. Seit 2008 wurden 11.300 Personen wegen Menschenhandels verurteilt. Das Ministerium hat zudem eine landesweite DNA-Datenbank aufgebaut, um entführte Kinder ihren Eltern zurückzubringen.

Aber auch die Behörden selbst waren an Zwangsadoptionen beteiligt. Familien wurden Kinder von Behörden weggenommen und ohne Einverständnis der Eltern zur Adoption freigegeben. Die Berichte über entführte adoptierte Kinder trifft insbesondere amerikanische Familien. Ungefähr 100.000 Kinder wurden seit 1992 hauptsächlich in die USA, Kanada und Spanien vermittelt. (Nach Deutschland wurden keine Kinder vermittelt, da es hier keine automatische Einbürgerung gibt, die China als Voraussetzung verlangt.) Selbsthilfegruppen versuchen nun die Herkunft ihrer Kinder zu ermitteln und den Kontakt zu den Eltern aufzunehmen. Die Zahl der Adoptionen geht deutlich zurück.

Die Moral von der Geschichte? Es gibt derzeit - vielleicht mit der Ausnahme Russlands - kaum ein Land, in dem es keine ethischen Probleme, sprich kriminelle Praktiken, in internationalen Adoptionen gibt. Zukünftige Adoptiveltern müssen sich mit diesen Themen kritisch auseinandersetzen.

Samstag, 10. März 2012

Geburtsurkunden adoptierter Kinder

Ein adoptiertes Kind erhält nach seiner Adoption einen neuen Familiennamen und eine neue Geburtsurkunde. Der neue Familiename ist der Name der Adoptiveltern. Nur wenn es es aus schwerwiegenden Gründen zum Wohl des Kindes erforderlich ist, kann auch der bisherige Familienname dem neuen Namen beigefügt werden.

In der neuen Geburtsurkunde sind als Eltern die Adoptiveltern eingetragen. Lediglich in dem Geburtenregister - früher in der Abstammungsurkunde - sind die Namen der leiblichen Eltern bei Inlandsadoptionen aufgeführt. Adoptierte können diese im Alter von 16 Jahren einsehen. Im Ausland geborene haben dieses Recht nicht. Es gibt kein Geburtenregister für sie und keine Abstammungsurkunde. Wenn die Adoptiveltern nicht selbständig die Namen der Eltern des Kindes in Erfahrung bringen und aufbewahren, gehen sie verloren. Sie spielen in rechtlicher Hinsicht keine Rolle mehr.

Dieses Konstrukt soll dafür sorgen, dass das angenommene Kind auch in der Außenwirkung einem leiblichen Kind gleichgestellt wird. Alle behördlichen Urkunden des Adoptivkindes sollen suggerieren, das Kind sei in die Familie geboren worden.

Tatsächlich ist die neue Geburtsurkunde wirklichkeitsfern und befremdlich. Eine Geburtsurkunde soll die Geburt eines Kindes beurkunden. Das adoptierte Kind wird von seinen neuen Eltern angenommen, aber es wurde nicht von ihnen geboren. Die leibliche Abstammung ist ja gerade nicht von den Adoptiveltern. Für im Ausland Adoptierte gibt es höchstens noch in dem Adoptionsurteil einen Bezug auf die leiblichen Eltern. Doch selbst dies ist in äthiopischen Urteilen nicht die Regel. Dabei hat jedes adoptierte Kind leibliche Eltern.

Es gibt darüberhinaus überhaupt keinen Grund die leiblichen Eltern auf der Geburtsurkunde zu verschweigen. Man kann - und sollte - davon ausgehen, dass das Persönlichkeitsrecht des Adoptierten mehr dadurch geschädigt wird, dass die leiblichen Eltern unterschlagen werden, als dass im Umgang mit Behörden die Adoption verheimlicht werden kann. Der Geburtsname des Kindes wie auch die Namen der leiblichen Eltern sind wichtige Bestandteile der Identität eines jeden Menschen und müssen urkundlich wie auch tatsächlich geschützt werden. Zurzeit geht beides verloren, sobald das Kind adoptiert wird.  

Mittwoch, 29. Februar 2012

Das Beste fürs Kind

Wenn wir über Kinder sprechen, dann greifen wir ebenso schnell wie unwillkürlich auf eine Denkfigur zurück, die ganz eigene Probleme aufwirft: das ‚objektive Interesse’. Natürlich, ein Kind ist zivilrechtlich noch nicht geschäftsfähig, und es sind notwendigerweise andere, die über sein Wohl befinden. Aber wir erinnern uns doch an unseren Widerstand gegen Eltern, die nur unser Bestes wollten. Oder an die Forderung nach Befreiung von Arbeiterklassen, die – so schien es – gar nicht befreit werden wollten.

Was hat das mit den Auslandsadoptionen zu tun? Viel – allein schon, weil das (objektive) Kindeswohl im Haager Übereinkommen eine so zentrale Stelle einnimmt. Weil sich manche in der Diskussion darüber leicht tun und sagen, eine gesicherte Kindheit in Europa oder Nordamerika sei das Beste für jedes Kind aus der Armen Welt. Und darum die ethischen und rechtsstaatlichen Forderungen an ein Adoptionsverfahren möglicherweise übertrieben finden. ‚Eine Auslandsadoption ist für diese Kinder doch wie ein Sechser im Lotto.’ Und die sich dann auch noch durch die Migrationsströme bestätigt fühlen.

Was aber ist, wenn die Kinder (vor allem ältere) das Leben hier nicht wertschätzen, vielleicht einfach nicht wertschätzen können? Das muss nichts mit Verfahrensmängeln zu tun haben – viele Kinder sind traumatisiert und können die neuen Lebens- und Entwicklungsmöglichkeiten gar nicht ergreifen und nutzen. Sie lehnen sie ab und drohen sie sogar zu zerstören.

Adoptionen können auch scheitern. Niemand redet gern darüber – und doch sollten Adoptivbewerber sich nicht bis ins Letzte darauf verlassen, dass das, was sie einem Kind zu geben haben, von diesem auch bereitwillig angenommen und wertgeschätzt wird. Die Ablehnung kann ein Ausdruck seelischer Verletzung sein und verlangt sehr viel Geduld sowie die Überzeugung, was man tut, sei auch objektiv richtig. Aber diese Überzeugung wird unter Umständen auf harte Proben gestellt. Ein ethisches Gebot für alle Verfahrensbeteiligten wäre also, auch solchen Realitäten ins Gesicht zu sehen.

Es gibt diesen verstörenden Satz des polnischen Pädagogen Kanus Korczak: 'Jedes Kind hat das Recht auf seinen eigenen Tod.’ Ob und wie weit man sich dem anschließen will, sei einmal dahingestellt. Wie viel Mündigkeit man dem Kind zugestehen mag. Immerhin ist der Satz ein deutlicher Hinweis auf die Dramatik, in der verlassene und verletzte Kinder manchmal um ihr Leben kämpfen, und eine Aufforderung zur Selbstbefragung, wie weit man solch ein Kind zu begleiten bereit ist.

Freitag, 24. Februar 2012

Die Rolle der US Administration in der Reduzierung äthiopischer Adoptionen


Ein interessanter Debattenbeitrag findet sich in einem neuen wissenschaftlichen Buch über Internationale Adoptionen. Er stammt von zwei profilierten amerikanischen Juraprofessoren, die beide zugleich Adoptiveltern sind und sich seit Jahren zum Thema aktiv äußern.  Beide haben jedoch deutlich unterschiedliche Positionen zum Thema.  Elizabeth Bartholet von der Harvard Law School ist aktive Befürworterin internationaler Adoptionen und sieht in dem Recht auf Familie eines verlassenen Kindes ein Menschenrecht, das andere Kriterien wie zum Beispiel das Recht auf die eigene Kultur und die Beziehung zur ersten Familie überwiegt. David Smolin von der Cumberland Law School ist selbst von Kinderhandel beschädigter Adoptivvater und steht Internationalen Adoptionen kritisch gegenüber.

Der Meinungsaustausch arbeitet die kritischen Punkte sehr deutlich heraus:
  •  Zum Thema Kinderhandel und Korruption argumentiert Frau Bartholet, dass es keine Beweise dafür gäbe, wie weit verbreitet das Problem Korruption in Internationalen Adoptionen tatsächlich sei. Nach ihrer Einschätzung sei es ein marginales Problem, auf das man mit der Bestrafung der Täter antworten könne, ohne das System ändern zu müssen. Smolin argumentiert hingegen, dass die hohen Geldbeträge automatisch das gesamte System korrumpieren.
  • Zum Thema Subsidiarität argumentiert Frau Bartholet, dass es keinen Grund gäbe lokale Adoptionen internationalen Adoptionen vorzuziehen, da man wisse, dass Kinder sich gut in einem neuen Umfeld zurecht finden. David Smolin erwidert, dass das Trauma von Trennung und Adoption in dieser Betrachtung nicht berücksichtigt werde.
Die interessanteste Aussage in dem Beitrag betrifft jedoch die Reduzierung der Adoptionen in Äthiopien. Frau Bartholet gibt UNICEF gemeinsam mit der US amerikanischen Regierung die Verantwortung für die Reduzierung der Adoptionen aus Äthiopien. Sie schreibt, dass beide die äthiopische Regierung nicht nur unter Druck gesetzt sondern diesen Druck auch mit einem hohen Geldbetrag verknüpft haben. Eine Hilfeleistung der USA in Höhe von $100 Mio., von denen 10% über UNICEF ausgeschüttet würden, sei der Preis für die Reduzierung äthiopischer Adoptionen gewesen.

"Those I consulted with, who had decades of experience on the ground there and reason to know what was going on, thought the quid pro quo clear -- shut down international adoption and we’ll give you $100 million USD. Why isn’t this kind of apparent deal characterized as corruption? Why isn’t it condemned as harmful to children, shutting off the international adoptive homes that represent for many their best option? Why isn’t Smolin interested in investigating any corruption or other misuse of funds given to organizations like UNICEF for incountry work?"

Da diese Behauptung immerhin von einer Professorin einer führenden rechtswissenschaftlichen Fakultät kommt, kann man sie nicht so einfach zur Seite legen. Angesichts der starken Adoptionslobby in den USA kann man sich zudem durchaus vorstellen, dass das amerikanische Außenministerium einerseits den Adoptionstourismus nach Äthiopien eindämmen und andererseits sich mit dieser Lobby nicht anlegen wollte. Insgesamt zeigt diese Erklärung in erster Linie eines: Dass internationale Adoptionen ein politisch hoch sensibles Feld sind, in dem es kaum um Kinder aber viel um Politik geht.


Elizabeth Bartholet and David Smolin: THE DEBATE. In: INTERCOUNTRY ADOPTION: Policies, Practices, and Outcomes (edited by Judith L. Gibbons and Karen Smith Rotabi, Ashgate LTD forthcoming June 2012)

Dienstag, 14. Februar 2012

Eltern für Afrika schließt Transitheim

Eltern für Afrika meldet auf seiner Website folgende strukturelle Veränderungen:
"Bei einem Treffen von in Äthiopien tätigen Vermittlungsstellen mit dem Ministry of Women's and Children's Affairs in Addis Abeba, teilte der zuständige Minister mit, dass in Transitkinderheimen in Zukunft grundsätzlich nur Kinder für die Zeitspanne nach Gerichtstermin und Abholung durch die Adoptiveltern aufgenommen werden dürfen. Weil es sich dabei nur um eine Zeitspanne von ca. 2-3 Wochen handelt, haben wir uns entschieden unser Transitkinderheim in Addis Abeba aufzulösen und die bereits vorhandene und gut funktionierende Zusammenarbeit mit anderen Kinderheimen fortzuführen und zu verstärken."
Die Schließung weiterer privater Kinderheime in Äthiopien ist in diesem blog mehrfach thematisiert worden. Daher kommt die Ankündigung keineswegs überraschend. Auch das Für und Wider von Transitheimen wurde besprochen:
"Transitheime ausländischer Adoptionsvermittlungsstellen sind problematische Einrichtungen. Einerseits folgen sie ein wenig dem Modell der Bereitschaftspflege, wie sie in Deutschland praktiziert wird. Anderseits tragen sie zum Aufbau einer Nachfragestruktur bei und die Vermittlungsstellen sind schon aus finanziellen Gründen darauf angewiesen, dass neue Kinder ins Heim kommen."
Da Transitheime besser ausgestattet sind als staatliche Kinderheime, geben sie weitere Anreize für Eltern, ihre Kinder zur Adoption freizugeben anstatt sie vielleicht nur vorübergehend einem Heim anzuvertrauen. Sie blockieren auch weitere Investitionen in staatliche Heime. Die Mittel, die Eltern für Kinder für ihr Transitheim aufgewandt haben, wären bessser in staatliche Heime oder andere Formen der Pflegschaft geflossen. Auch wenn die Beweggründe des Ministeriums andere sein mögen, ist es daher letztlich richtig, Transitheime zu schließen und stattdessen allein auf die Kooperation mit staatlichen Heimen zu setzen. Es ist schade, dass es einer Anweisung des Ministeriums bedurfte, um diese von amerikanischen Vermittlungsstellen vorangetriebene Fehlentwicklung zu korrigieren. Aber es bleibt zu hoffen, dass die äthiopischen Vermittlungsverfahren sich langsam zum Besseren wandeln.


Donnerstag, 9. Februar 2012

Said - Unser Kind von fremden Eltern

Said ist das Kind einer Inderin und eines Afghanen, die als Flüchtlinge nach Deutschland kommen. Seine Mutter geht kurz nach seiner Geburt zurück nach Indien; der Vater wird bei einem Unfall schwer verletzt, als Said drei Jahre alt war, und liegt seitdem im Wachkoma. Der Junge lebt bei der Familie des Onkels, die jedoch nicht bereit ist, ihn auf Dauer aufzunehmen.



Ute Mings und ihr Mann bewerben sich um ein Adoptiv- oder Pflegekind und nach langen Irrungen wird ihnen Said vorgestellt. Er ist sechs Jahre alt und Ute ist seine vierte Mutter. Ute Mings schreibt über die nachfolgenden Jahre intelligent und reflektiert. Vieles wird Adoptiveltern von älteren Adoptivkindern bekannt vorkommen: das Schwanken zwischen Nähe und Distanz; das Zurückfallen ins Kleinkindalter; die Motivationsprobleme in der Schule und die Suche nach Anerkennung.

Aus einem wilden und charmanten Kind wird ein störrischer und ablehnender Teenager. Viele der Auseinandersetzungen können Eltern von Teenagern - besonders von Jungen - generell bestätigen: die Selbstüberschätzung und Selbstzweifel, fehlende Einsicht, der Drang nach Freiheit und die Bedeutung der Bestätigung durch Freunde. Said ist vielerlei Hinsicht ein normaler Teenager; aber ein extremer. Er bringt den Eltern kaum Freude sondern viel Stress ein. Das Familienleben besteht aus Streit und Schulstress. Schulwechsel und Schulabbruch sind die Folge.

Das Buch beschreibt offen die Selbstzweifel der Autorin, die bis an den Punkt kommt, die Familie verlassen zu wollen, es aber nicht tut. Einmal fragt Said seine Mutter, was sie gerne gehabt hätte. Sie antwortet, sie hätte gerne mehr Geld gehabt, um ihn ein Internat zu schicken, wo er hätte lernen müssen. Er sagt darauf "Bloß nicht!"

Am Ende des Buches hat die Familie zu sich gefunden. Said hat zwar noch immer keine Arbeit und die Ausbildung als Schreiner scheitert an seinen Noten. Aber er hat sich gefangen und eine Freundin, die ihn stabilisiert. Die Konflikte haben sich gelegt.

"Said - Unser Kind von fremden Eltern" ist ein ehrlicher und offener Bericht über die Herausforderungen mit Kindern zu leben, die in ihren ersten Lebensjahren vernachlässigt und abgeschoben wurden und ihr Leben lang darunter leiden. Es ist gut geschrieben und lesenswert.    

Mittwoch, 8. Februar 2012

Weitere Kinderheimschließungen in Äthiopien

Ein aufschlussreicher Artikel in Christianity Today beleuchtet die aktuelle Situation von Auslandsadoptionen in Äthiopien. Neue Vorschriften des äthiopischen Frauenministeriums (MOWA) haben nicht nur die Zahl der Anträge reduziert, die die Behörde täglich prüft und damit den Adoptionsprozess verlängert. Zusätzlich hat die Regierung vorgeschrieben, dass alle verlassenen Kinder zunächst in einem staatlichen und nicht privaten Kinderheim untergebracht werden müssen, um das Einsammeln von Kindern (Harvesting) zu verhindern. Mindestens 25 private Kinderheime wurden danach im letzten Jahr und weitere 20 werden voraussichtlich in den nächsten Monaten geschlossen. Viele dieser privaten Kinderheime hatten direkte Verbindungen mit Vermittlungsstellen in westlichen Ländern.

Der Artikel zitiert auch Schwester Lutgarda Camilleri vom Kidane Mehret Children's Home in Addis Abeba. Sie unterstützt die neuen Vorschriften, obwohl sie ihre Arbeit erschweren. Viele Kinder in Kidane Mehret seien aufgrund ihres Alters oder Gesundheitszustands nicht adoptierbar. Mit den neuen Vorschriften kommen weniger Kleinkinder ins Kidane und damit auch weniger Interesse von Adoptiveltern. Weniger Interesse bedeutet zugleich auch weniger finanzielle Unterstützung für die Kinder, die nicht adoptiert werden können.

"When we had babies, people came here and when they came, they would sponsor these older children," sagte Camilleri. "Right now we have three children who are siblings; they are 8, 13, and 15. They have to be adopted together. But tell me: Who is going to take a 15-year-old with AIDS?"

Diese Form der Subventionierung älterer nicht adoptierbarer Kinder durch internationale Adoptionen ist in äthiopischen Kinderheimen die Regel. Spenden kommen in erster Linie von Adoptiveltern. Ein Rückgang von Adoptionen trifft daher die Kinderheime insgesamt. Allerdings kann dies kein Grund sein, zweifelhafte und teils kriminelle Verfahren zu tolerieren.

Der Artikel schließt mit der Beobachtung, dass weder die Vorschriften noch internationale Adoptionen an sich das Problem lösen.  

Dienstag, 7. Februar 2012

Stellungnahme der Kinderkommission

Die Kinderkommission des Deutschen Bundestages hat bereits im November 2011 eine Stellungnahme zum Thema „Kinderrechte“ abgegeben, auf die wir erst jetzt aufmerksam wurden. Darin berichtet die Kinderkommission über ihre Arbeit in der 17. Wahlperiode. Zum Thema Adoptionen führt die Kinderkommission aus:

"Bei allen Adoptionen muss das Kindeswohl im Mittelpunkt stehen. Deshalb sollten diese sorgfältig durch eine staatlich anerkannte Fachstelle begleitet werden. Die Kinderkommission macht sich daher für eine Unterbindung von unbegleiteten Adoptionen stark. Die entsprechenden gesetzlichen Regelungen zu Optimierung von (vor allem) Auslandsadoptionen sollten auch die Zuständigkeiten im gesamten Auslandsadoptionsgeschehen klar regeln. So könnte die Schaffung eines Kompetenzzentrums, die Trennung von Vermittlung, Zulassung und Aufsicht sowie die Etablierung einer aussagekräftigen internationalen Adoptionsstatistik sinnvoll sein."

Die Empfehlungen der Kinderkommission sind aus der Sicht von Adoptiveltern in jedem Fall zu unterstützen. Unbegleitete Adoptionen sind keine Option in einer Welt, in der fast täglich Fälle von Korruption und Kinderhandel in der internationalen Adoption berichtet werden. Klarere Regelungen zur Auslandsadoptionen müssen sich mit dem Verhalten von Vermittlungsstellen in den Sendeländern auseinandersetzen, insbesondere mit der mangelhaften Dokumentierung der Herkunft von Kindern und den geflossenen Geldzahlungen an Mittelspersonen. Ein Kompetenzzentrum könnte und sollte die Forschungslage zum Thema Adoption verbessern und könnte viele der von uns hier thematisierten Probleme bearbeiten. Dazu gehören neben den Fragen zum Vermittlungsprozess auch die Beratung und Vorbereitung von Eltern in Deutschland und die Hilfe für Eltern mit stark traumatisierten Kindern. Es ist illusorisch, dass in Zeiten leerer Kassen die Bundesregierung ein solches Kompetenzzentrum ausstatten würde. Aber es sollte im Interesse aller sein, die mit internationaler Adoption in Berührung sind,  diese Fragen systematischer anzugehen, als es zurzeit der Fall ist.

Sonntag, 29. Januar 2012

Irische Familien in illegale Adoptionen in Mexiko verwickelt

In den letzten Wochen gab es eine Reihe von Meldungen über einen aufgeflogenen Babyhandelskandal in Mexiko, in den 11 irische Familien verwickelt sind. Die Familien waren mit einem mexikanischen Anwalt in Kontakt, der ihnen über eine US amerikanische Vermittlungsstelle empfohlen worden war. Der Anwalt vermittelt bereits seit mehreren Jahren Kinder ins Ausland. Da auch immer wieder deutsche Paare private Adoptionen anstreben, soll an dieser Stelle nochmals vor Privatvermittlungen über spezialisierte Adoptionsanwälte gewarnt werden.

Die Adoptiveltern hatten einen Sozialbericht der irischen Behörden und diese auch über ihr Vorhaben informiert. Sie suchten über das Internet einen Rechtsbeistand. Diese Suche führte sie zu einer US amerikanischen Firma (vermutet wird die Vermittlungsagentur Adoption Alliance in Colorado), die sie an den Anwalt Lopez in Guadalajara in Westmexiko verwies. Der Anwalt gab später an, dass er in den letzten sieben Jahre Kinder an ca. 60 irische Familien vermittelt hat.

Die Adoptionen durchliefen die mexikanischen Gerichte und schienen rechtmäßig zu sein. Die Paare zahlten mindestens €23,000 pro Kind.

Die Kinder wurden vor ihrer Geburt vermittelt. Die Eltern zahlten in manchen Fällen die medizinische Betreuung der Mutter und flogen innerhalb von zwei Wochen nach der Geburt nach Mexiko. Sie glaubten, die Mütter hätten die Kinder abgegeben. Tatsächlich waren die Kinder, die sie in Empfang nahmen, nicht von den Müttern zur Adoption freigegeben worden. Stattdessen wurden junge Mütter angesprochen und ihnen ein Fotoshoot ihres Kindes für eine Anti-Abtreibungskampagne angeboten. Sie bekamen Geld dafür, ihre Kinder für zwei Wochen einer Werbekampagne zu überlassen. In dieser Zeit wurden die Kinder den irischen Familien übergeben.

Der Betrug flog auf, als eine Frau ihre Schwägerin bei der Polizei anzeigte, da sie versuchte, ihre Babies zu verkaufen. Daraufhin wurden sieben Frauen und zwei Männer verhaftet. 10 Babies wurden in Kinderheimen untergebracht.

Sowohl die irischen Familien als auch der vermitteltende Rechtsanwalt stellen sich nun als Opfer von Kriminellen dar. Allerdings weist auch der Vorsitzende der irischen Adoptionsbehörde darauf hin, dass es in den letzten 15 Monaten in Irland ganze sieben Warnungen an Adoptiveltern vor Privatadoptionen in Mexiko gegeben hatte. Selbst wenn die Adoptiveltern wirklich von legalen Adoptionen ausgegangen waren, konnten sie dies nur mit fest geschlossenen Augen und Ohren getan haben. Sie trifft zumindest die Mitschuld, bestehende Konventionen und Erfahrungen ignoriert zu haben.

Sowohl Irland als auch Mexiko haben die Haager Konvention unterzeichnet, nach der internationale Adoptionen nur über staatlich lizenzierte Stellen vermittelt werden dürfen.   

Dienstag, 24. Januar 2012

EurAdopt tagt in Berlin am 26./27. April 2012

Bei der Jahrestagung von EurAdopt in Berlin treten die deutschen und europäischen Fachleute der Auslandsadoption auf. Die Tagung ist offen für alle, kostet jedoch €180 Teilnahmegebühr. Anmeldeschluss ist der 01. März 2012.

Die Einladung findet sich hier; das Programm hier.

Raju für Oscar nominiert

Der bereits vielfach ausgezeichnete deutsch-indische Kurzfilm Raju von Max Zähle wurde für einen Oscar nominiert. Der Film thematisiert den Kinderhandel in Indien als Folge von internationalen Adoptionen in westliche Länder.

Das Ehepaar Jan und Sarah Fischer reist nach Kalkutta, um ein Kind zu adoptieren. Das von den Behörden empfohlene Waisenhaus stellt ihnen den  fünfjährigen Jungen Raju vor. Das Kind verschwindet jedoch am folgenden Tag vor einem geplanten Ausflug plötzlich aus ihrem Hotel. Die Eltern suchen das Kind und realisieren nach und nach, dass Raju kein Waise ist, sondern seinen leiblichen Eltern gestohlen wurde, um ihn an wohlhabende Eltern im Ausland zu verkaufen.

Montag, 23. Januar 2012

Verlassen aus Armut

Es ist mittlerweile bekannt, dass nur ein Bruchteil der verlassenen Kinder in Äthiopien tatsächlich Waisen sind. Die Mehrheit der Kinder, die nach UNICEF Kriterien als Waisen gezählt werden, sind Halbwaisen mit einem lebenden Elternteil. Die hohe Zahl der Halbwaisen heizt die Diskussion über internationale Adoptionen an und suggeriert einen weitaus höheren Bedarf an Adoptionen als tatsächlich besteht.

In Äthiopien kommt hinzu, dass Kinder von ihren Eltern verlassen werden, weil sie zu arm sind, um weiter für sie zu sorgen. Junge, mittellose Frauen werden von ihren Partnern verlassen, weil sie schwanger sind. In manchen Fällen stirbt ein Elternteil und die zurückbleibende Familie kann sich nicht ausreichend ernähren. Oder der verbliebene Elternteil heiratet neu und der neue Partner lehnt die Kinder aus der ersten Ehe ab. Diese Kinder sind besonders der Gefahr ausgesetzt verlassen zu werden; insbesondere wenn Kinderheime sich aktiv um diese Kinder bemühen.

In diesen Fällen besteht ein besonderes ethisches Dilemma der Adoption. Das Verlassenwerden des Kindes hätte mit einer geringen Unterstützung an den überlebenden Elternteil - meistens die Mutter - verhindert werden können. Es fehlt nicht an der Bereitschaft für das Kind zu sorgen sondern an den Mitteln. Sollen diese Kinder wirklich ins Ausland vermittelt werden? Oder sollten sie nicht andere Hilfe erfahren, die es erlaubt mit ihrer ersten Familie in Kontakt zu bleiben? Welche andere Hilfen gibt es für alleinstehende Mütter und Väter?

Diese Fragen sind schwer zu entscheiden. Sie lasten auch auf der Adoptivfamilie, die später einmal die Frage beantworten muss, ob es nicht auch andere Wege gegeben hätte, die erste Familie zusammenzuhalten. Insbesondere das leichtfertige "Einsammeln" von Kindern in den Dörfern Südäthiopiens mit dem Versprechen einer besseren Zukunft, wie es in dem Film "Fly away Children" dargestellt wurde, ist ein nicht zu entschuldigender und unnötiger Eingriff in das Leben der Kinder. Wenn Eltern noch leben, stellen sich höhere Anforderungen an das Adoptionsbedürfnis der Kinder als bei Vollwaisen. Als Grundregel muss gelten, dass eine Adoption nicht allein aus dem Grund der Armut der Familie erfolgen darf. Vermittlungsstellen, Kinderschutzorganisationen und UNICEF müssen zusammenarbeiten, damit funktionierende aber arme Familien zusammenbleiben können. Adoption muss das letzte Mittel des Kinderschutzes zur Verhinderung von Heimaufenthalten bleiben und ist kein Instrument der Armutsbekämpfung. 

Samstag, 21. Januar 2012

The big picture - David K. Smolin im Interview

Auf dem Blog "Land of Gazillion Adoptees" findet sich ein kenntnisreiches und informatives Interview mit David K. Smolin. David Smolin ist Jurist und Adoptivvater, dessen beide Adoptivkinder in Indien von ihrer Mutter gestohlen und zur Adoption freigegeben wurden. Die Erfahrung seiner Töchter sowie die Reaktion der amerikanischen Adoptionsindustrie darauf haben ihn zu einem der einflussreichsten Kritiker der internationalen Adoption in den USA gemacht. In dem Interview spricht David Smolin von der Rolle evangelikaler Christen, der Entwicklung internationaler Adoption allgemein sowie dem wichtigsten Thema, wenn es um kriminelle Praktiken geht: der Rolle des Geldes, das Vermittlungsstellen und Kinderheime an Adoptionen verdienen können. Trotz einer breiteren Diskussion über ethische Themen in Auslandsadoptionen sei es noch immer nicht möglich, Forderungen zur Kontrolle und Begrenzung der Geldflüsse der Vermittlungsstellen offen zu stellen. 

David Smolin schreibt zudem juristische Abhandlungen zu Auslandsadoptionen, der Haager Konvention sowie evangelikaler Christen, die hier zu finden sind.

Freitag, 20. Januar 2012

Zwangsumsiedlungen in Äthiopien verschärfen Hungersnot

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hat einen neuen Bericht über das Umsiedlungsprogramm der äthiopischen Regierung veröffentlicht. Danach werden 70.000 Menschen von der Region Gambella in Westäthiopien in neue Dörfer umgesiedelt, in denen es nicht genug Nahrung, Gesundheitsvorsorge und Schulen gibt. Militär und Staatsschutz haben wiederholt Dorfbewohner bedroht, angegriffen und verhaftet, die sich der Umsiedlung widersetzten.

Der Bericht mit dem Titel “‘Waiting Here for Death’: Forced Displacement and ‘Villagization’ in Ethiopia’s Gambella Region,” untersucht das erste Jahr des Umsiedlungsprogramm. Viele Gebiete sind von der Regierung für kommerzielle Landwirtschaft vorgesehen. Die Bewohner von Gambella, hauptsächlich Anuak und Nuer, haben keine formalen Eigentumsrechte an dem Land, auf dem sie lebten. Die Regierung gibt an, dass diese Gebiete unbewohnt oder wenig genutzt sind. Diese Behauptung ermöglicht der Regierung, verfassungsrechtliche Schutzmaßnahmen vor Umsiedlungen zu umgehen.

Auch Entwicklungshilfe aus westlichen Ländern ist zumindest indirekt in die Umsiedlungen involviert. Zwar gibt es keine direkten Hilfeleistungen in die neuen Siedlungen. Allerdings unterstützt das Protection of Basic Services (PBS) Programm, an dem auch ausländische Geber beteiligt sind, den Ausbau der Grundversorgung (Gesundheit, Bildung, Landwirtschaft, Verkehr und Wasser) auch in den Gebieten, in denen neue Dörfer gebaut werden.

Human Rights Watch fordert die westlichen Regierungen auf sicher zu stellen, dass Entwicklungshilfe nicht für Zwangsumsiedlungen missbraucht wird.  

Montag, 16. Januar 2012

Eine Ära der Reform

Karen Smith Rotabi ist Professorin für Sozialarbeit und profilierte Kennerin der Problematik von Auslandsadoptionen. In einem Überblicksartikel hat sie gemeinsam mit Kelley McCreery Bunkers die Literatur in der Sozialarbeit zum Thema zusammengefasst und analysiert. Die Autorinnen machen einige interessante Beobachtungen in ihrem Artikel "In an Era of Reform - A Review of Social Work Literature on Intercountry Adoption".
  • Ein wichtiger Punkt bezieht sich auf den Mißbrauch der Definition von Waisen. Während die UNICEF Definition von Waisen (als Kinder mit einem verstorbenen Elternteil) im Kontext der Erfassung von Aidsfolgen in Entwicklungsländern entstand, wird dieser von Adoptionsprotagonisten benutzt, um die Notwendigkeit von Adoptionen zu propagieren. Sehr wenige Kinder sind tatsächlich Waisen und noch weniger Kinder haben keine Angehörigen, die sie versorgen können. Dennoch gibt es diese Kinder, die dementsprechend von internationalen Adoptionen profitieren können. Allerdings sind sie viel schwerer zu finden als bisher die Vermittlungsstellen zugeben.
  • Es gibt Marktstrukturen in amerikanischen privaten Adoptionen, die landspezifisch sind: In keeping with the market-place ideology, there is an emphasis on choice: prospective adopters and birth parent(s) would be free to choose which agency to use, and even to select one another. This leads to a highly competitive market for healthy babies, exemplified by on-line profiles of prospective adopters (effectively advertisements) hoping that a birth parent will choose them." Dies führe unausweichlich zu Problemen und Marktdynamik im privaten US amerikanischen Adoptionssystem.
Die Autorinnen plädieren für einen ganzheitlichen Ansatz und bemängeln, dass Entscheidungen über das Wohl des Kindes regelmäßig ohne ausreichende Informationen getroffen werden. Sozialarbeit müsse zwischen Empfänger und Senderländern besser koordiniert werden.

Auf der Verlagsseite findet sich auch ein interessanter podcast mit Karen Smith Rotabi.

Identität und Wohlbefinden adoptierter Menschen

Eine Diplomarbeit im Fach Psychologie von Marie Cloos an der Universität Mainz untersucht Fragen der Identität und Wohlbefinden von Adoptierten. Die Untersuchung umfasste sowohl in Deutschland als auch im Ausland geborener Adoptierter.

Eine Zusammenfassung der lesenswerten Ergebnisse findet sich hier. Darin führt die Autorin aus:

Beziehung zu den Adoptiveltern
Auslandsadoptierte Teilnehmer dieser Studie bewerteten die Qualität der Beziehung zu ihren Adoptiveltern im Schnitt besser als inlandsadoptierte Teilnehmer.

Je höher
·         die Ähnlichkeiten zwischen sich selbst und den Adoptiveltern (in Temperament, Interessen, Verhalten),
·         die elterliche Offenheit im Umgang mit dem Thema Adoption,
·         die elterliche Anerkennung von Unterschieden zwischen Adoptivkind und Adoptiveltern,
·         die elterliche Wertschätzung der Herkunftsmutter ,
·         die elterliche Wertschätzung der Herkunftskultur (nur Auslandsadoptierte) bewertet wurden, desto besser bewerteten Teilnehmer auch die Beziehung zu ihren Adoptiveltern.

Je höher
·         die Qualität der Adoptiveltern-Adoptivkind- Beziehung
·         die elterliche Wertschätzung der Herkunftsmutter bei Inlandsadoptierten
·         die elterliche Wertschätzung der Herkunftskultur bei Auslandsadoptierten
bewertet wurden, desto besser war die psychische Gesundheit von Teilnehmern.
 
Kontakt zu leiblichen Verwandten
Sehr viel mehr Inlandsadoptierte (über 60%) als Auslandsadoptierte (ca. 15%) haben Kontakt zu leiblichen Verwandten; gut ein Drittel der Auslandsadoptierten gibt an kein Interesse an einem solchen Kontakt zu haben.
 
Diskriminierung
Inlands- und Auslandsadoptierte Teilnehmer fühlten sich in etwa gleich stark diskriminiert. In der letzten Zeit fühlten beide Gruppen sich sehr viel weniger diskriminiert als in ihrer Kindheit bzw. Jugend.

Inlandsadoptierte fühlten sich stärker als Auslandsadoptierte aufgrund des Adoptiertseins diskriminiert. Mehr als drei Viertel der Auslandsadoptierten fühlt(e) sich aufgrund ihres ausländischen Aussehens bzw. herrschender Vorurteile über bestimmte Volksgruppen diskriminiert.

Besuche im Herkunftsland
Knapp die Hälfte der Auslandsadoptierten ist nach ihrer Adoption nicht mehr in ihrem Herkunftsland gewesen. Jeweils ein Vierteil ist noch genau einmal bzw. häufiger dort gewesen.
·         Teilnehmer, die nach ihrer Adoption mindestens zwei Mal in ihrem Herkunftsland gewesen sind, identifizieren sich stärker mit ihrer Herkunftskultur als die übrigen Teilnehmer.
·         Teilnehmer, die nicht wieder in ihrem Herkunftsland gewesen sind, schätzen ihren allgemeinen Gesundheitszustand schlechter ein und fühlen sich stärker durch körperliche Probleme belästigt als solche, die genau einmal wieder dort waren.

Deutsche Identität und andere Deutsche
·         Auslandsadoptierte sehen sich ebenso sehr als Deutsch wie Inlandsadoptierte. Von fremden Deutschen werden Auslandsadoptierte ihrer Meinung nach im Schnitt schwächer als Deutsch angesehen, als es ihrer eigenen Wahrnehmung entspricht.
·         je eher Teilnehmer ihre Wohngegend als „multikulturell“ einschätzten, desto eher wurden sie von Fremden für Deutsche gehalten.
·         Die Wohngegend wurde als „multikultureller“ bezeichnet von Teilnehmern, die in der Großstadt aufgewachsen waren, verglichen mit Teilnehmern, die in Kleinstadt oder ländlicher Gegend aufgewachsen waren.
·         Auslandsadoptierte, die ihrer Meinung nach von fremden Deutschen stark als Deutsch angesehen werden, fühlten sich allgemein wohler als Auslandsadoptierte, die ihrer Meinung nach nur schwach als Deutsch angesehen werden.
·         83% der Teilnehmer wurden von Fremden bereits für eine(n) AusländerIn bzw. nicht muttersprachlich Deutsch gehalten. In ihrer Kindheit bzw. Jugend haben Teilnehmer in solchen Situationen häufiger als im Erwachsenenalter getan als hätten sie es nicht bemerkt, versucht sich möglichst Deutsch zu verhalten oder sich verbal von ihrem Herkunftsland distanziert.
·         Heute wird hingegen häufiger als früher die Strategie angewandt direkt anzusprechen, dass man Deutsche(r) ist.
·         Teilnehmer, die angaben in solchen Situationen so getan zu haben, als hätten sie es nicht bemerkt, hatten insgesamt schlechtere Werte der psychischen Gesundheit als die übrigen Teilnehmer.

Ethnische Identität der Herkunft
In ihrer Kindheit bzw. Jugend bezeichneten 30% der TN ihren ethnischen Hintergrund als Deutsch(bzw. sich selbst als „andere Deutsche“ oder „schwarze Deutsche“), heute sind es nur noch 11%.
Teilnehmer aus Südamerika identifizierten sich stärker mit ihrer Herkunft als Teilnehmer aus Asien. Je stärker sich Teilnehmer aus Südamerika mit ihrer Herkunft identifizierten, desto höher war auch ihr Selbstwert.

Je weniger ambivalente Gefühle Teilnehmer in Bezug auf ihre ethnische Herkunft hatten, desto höher schätzten sie ihren Selbstwert ein.

Je stärker Teilnehmer angaben, dass ihre Adoptiveltern die Herkunftskultur des Kindes als etwas Wertvolles ansahen, desto weniger ambivalente Gefühle hatten Teilnehmer in Bezug auf ihre Herkunft.

Negative Erfahrungen aufgrund des ausländischen Aussehens
Auslandsadoptierte machten in der letzten Zeit weniger negative Erfahrungen und hatten weniger negative Gefühle aufgrund ihres ausländischen Aussehens als in ihrer Kindheit bzw. Jugend.

Donnerstag, 12. Januar 2012

UNICEF's Position zu Auslandsadoptionen wird missverstanden

In einem Interview mit dem Council on Foreign Relations erklärt Susan Bissell, Direktorin für den Schutz von Kindern von UNICEF, dass das größte Missverständnis gegenüber UNICEF die Position zu Auslandsadoptionen ist. "UNICEF unterstützt eine Bandbreite von Pflege und Fürsorge: alles von der Unterstützung schwacher Familien, damit sie ihre Kinder nicht abgeben müssen bis zur Dauerpflege; von einer dauerhaften Pflege durch Verwandte bis zur transparenten und ethischen internationalen Adoption...Es ist traurig und es ist persönlich. Es wird soviel geschrieben, was ich und meine Kollegen versuchen, um diese Probleme zu lösen und ich glaube, dass wir Fortschritte machen, um diese Fehleinschätzung zu korrigieren."

Gewalt gegen Kinder sei das größte nicht erkannte Problem von UNICEF laut Susan Bissell. "Wir beginnen erst jetzt das Ausmaß und die Auswirkungen von Gewalt zu verstehen. Die Kosten des Nichtstuns in diesem Bereich sind extrem."

Donnerstag, 5. Januar 2012

Neue Broschüre der Bundeszentralstelle für Auslandsadoption

Die Bundeszentralstelle für Auslandsadoption hat die Informationsbroschüre Internationale Adoption überarbeitet und neuere Entwicklungen dokumentiert. In der Einleitung weist die Bundeszentralstelle darauf hin, dass der von der Gemeinsamen Zentralen Adoptionsstelle in Hamburg gegenüber der Auslandsvermittlungsstelle "International Child Care Organisation e.V." am 13. Juni 2006 ausgesprochene Widerruf der Zulassung zur Adoptionsvermittlung mittlerweile rechtskräftig ist.

Die Autoren führen zudem über die Entwicklung von Auslandsadoptionen in Deutschland aus:

"Obwohl in Deutschland noch immer kein aussagekräftiges Statistikwesen zur Auslandadoption geschaffen werden konnte, lässt sich anhand der Anerkennungsverfahren vermuten, dass insgesamt die Anzahl der Auslandsadoptionen rückläufig ist. Dies scheint jedoch kein einheitliches Bild zu sein. Während Adoptionen beispielsweise aus Russland stark eingebrochen sind, erleben andere Länder wie Äthiopien einen erheblichen Zuwachs. Adoptionen aus Haiti, die nach dem verheerenden Erdbeben im Januar 2010 so gut wie zum Erliegen gekommen waren, beginnen sich langsam zu erholen. Adoptionen aus Nepal sind wegen Unregelmäßigkeiten im Land ausgesetzt, derzeit ist eine Verbesserung der Lage dort nicht absehbar.

Die Neuauflage berücksichtigt das Hinzutreten der neuen Vertragsstaaten Kasachstan, Irland (jeweils am 1. November 2010), Senegal (am 1. Dezember 2011) und Vietnam (am 1. Februar 2012) ebenso wie die Zeichnung des Haager Adoptionsübereinkommens durch die Republik Haiti am 2. März 2011, die damit allerdings noch kein Vertragsstaat geworden ist. Für den Vertragsstaat Togo ist eine erste Vermittlungsstelle zugelassen worden."

Zudem finden sich neue Erläuterungen zur Namensänderung bei ausländischen Adoptivkindern.