Posts mit dem Label Regulierung werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Regulierung werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 7. Februar 2012

Stellungnahme der Kinderkommission

Die Kinderkommission des Deutschen Bundestages hat bereits im November 2011 eine Stellungnahme zum Thema „Kinderrechte“ abgegeben, auf die wir erst jetzt aufmerksam wurden. Darin berichtet die Kinderkommission über ihre Arbeit in der 17. Wahlperiode. Zum Thema Adoptionen führt die Kinderkommission aus:

"Bei allen Adoptionen muss das Kindeswohl im Mittelpunkt stehen. Deshalb sollten diese sorgfältig durch eine staatlich anerkannte Fachstelle begleitet werden. Die Kinderkommission macht sich daher für eine Unterbindung von unbegleiteten Adoptionen stark. Die entsprechenden gesetzlichen Regelungen zu Optimierung von (vor allem) Auslandsadoptionen sollten auch die Zuständigkeiten im gesamten Auslandsadoptionsgeschehen klar regeln. So könnte die Schaffung eines Kompetenzzentrums, die Trennung von Vermittlung, Zulassung und Aufsicht sowie die Etablierung einer aussagekräftigen internationalen Adoptionsstatistik sinnvoll sein."

Die Empfehlungen der Kinderkommission sind aus der Sicht von Adoptiveltern in jedem Fall zu unterstützen. Unbegleitete Adoptionen sind keine Option in einer Welt, in der fast täglich Fälle von Korruption und Kinderhandel in der internationalen Adoption berichtet werden. Klarere Regelungen zur Auslandsadoptionen müssen sich mit dem Verhalten von Vermittlungsstellen in den Sendeländern auseinandersetzen, insbesondere mit der mangelhaften Dokumentierung der Herkunft von Kindern und den geflossenen Geldzahlungen an Mittelspersonen. Ein Kompetenzzentrum könnte und sollte die Forschungslage zum Thema Adoption verbessern und könnte viele der von uns hier thematisierten Probleme bearbeiten. Dazu gehören neben den Fragen zum Vermittlungsprozess auch die Beratung und Vorbereitung von Eltern in Deutschland und die Hilfe für Eltern mit stark traumatisierten Kindern. Es ist illusorisch, dass in Zeiten leerer Kassen die Bundesregierung ein solches Kompetenzzentrum ausstatten würde. Aber es sollte im Interesse aller sein, die mit internationaler Adoption in Berührung sind,  diese Fragen systematischer anzugehen, als es zurzeit der Fall ist.

Dienstag, 31. Mai 2011

Die Bilder, die wir lieben

'The Lie We Love' erschien im Winter 2008 im Foreign Policy Magazine. Die Journalistin E.J. Graff beschrieb darin den Mythos der Millionen verlassener Kinder (Babies) in Waisenhäusern armer Länder, die von westlichen Familien gerettet werden. Der Mythos war, dass in der Realität die meisten Kinder noch Eltern hatten, krank und älter waren, und tatsächlich ein Teil der Babies, die adoptiert wurden, mit zweifelhaften Methoden ihren Eltern abgeschwatzt oder gestohlen wurden. Die Schuldigen seien nicht die adoptierenden Eltern, die meist naiv und mit gutem Willen einem Kind ein neues Zuhause geben wollen, sondern Mittelsmänner (und -frauen), Heime, Regierungsstellen und Vermittlungsstellen, die an der Transaktion vom Heim zur Adoption hohe Beträge fordern und auch verdienen.

Belege für diese Argumentation gibt es genügend. Babyhandel gab es in Guatemala und neuerdings in China. Kindesentführungen sind aus Indien und Nepal bekannt. Skrupellose Heimleitungen gibt es in den meisten Ländern, die Kinder ins Ausland vermitteln. Diese Art der Berichterstattung ist sinnvoll, um die Beteiligten ein wenig wach zu rütteln und ihnen zu verstehen zu geben, dass die Öffentlichkeit ein Auge auf die Praktiken hat.

Langfristig verdeckt jedoch die skandalisierende Presse mehr, als sie aufklärt. Sie mobilisiert anstatt zu informieren. Sie agitiert, indem sie den Betrug in den Vordergrund stellt und pars pro toto den Betrug zum System erklärt. Z.B. ist der Hinweis dass die Auslandsadoption eine unregulierte Industrie sei, eine beliebte aber falsche Behauptung. Jede Adoptionsanerkennung eines ausländischen Gerichts durch ein deutsches, jede Visaerteilung und Einbürgerung im Ausland adoptierter Kinder sind hochgradig regulierte Verfahren. Deutsche Gerichte lehnen Anerkennungsanträge regelmäßig ab, wenn die Verfahren nicht den deutschen analog sind und Alternativen nicht geprüft wurden. Dies schmerzt die betroffenen Familien, ist aber für Vermittlungsstellen Grund genug, die bestehende Regulierung ernster zu nehmen.

Wenn die Visastellen amerikanischer Botschaften sich bei vielen Visaanträgen "unwohl" (Graff, S. 65) fühlen, dann ist dies der Moment, an dem sie tätig werden müssen. Und im Unterschied zum Mythos der unregulierten Industrie werden amerikanische Botschaften immer wieder tätig und erkennen die Adoptionspapiere in den Visaanträgen nicht an. Im letzten Jahr strandeten 80 Familien in Nepal; zurzeit gibt es Prüfungen in Kambodscha. Notfalls werden Länder komplett geschlossen.  In der Folge gibt es trotz des Mythos einer vernetzten und scheinbar profitablen Industrie mit einer machtvollen Lobby im Rücken stetig fallende Zahlen von Adoptionen und immer mehr für Adoptionen geschlossene Länder.

Auslandsadoptionen sind nicht optimal reguliert. Sie weisen zu viele Unregelmäßigkeiten und korrupte Mittelsmänner in vielen Verfahren auf. Die bestehende Regulierung über Visaerteilung und Anerkennungsverfahren von Gericht ist zu indirekt, bürokratisch und greift zu spät. Das ist unbestritten. Das Bild einer unregulierten Milliardenindustrie trifft jedoch ebensowenig zu. Es ist in einer Welt voller Skandale ein Bild, das als Gegenpart zur Idylle der Adoptivfamilie gerne porträtiert wird. Die Wahrheit ist, wie so oft, in der Mitte angesiedelt; komplex, kompliziert und weniger geeignet für eine gute Story.