Freitag, 4. Mai 2012

Soll man aus Äthiopien adoptieren?

Ein Beitrag von EJ Graff in The American Prospect argumentiert gegen Adoptionen aus Äthiopien. Ihre Gründe basieren auf der unseligen Dynamik, die einsetzt, wenn große Summen Geld von einem reichen Land in ein armes Land fließen: es entsteht ein neues Geschäftsmodell, in dem skrupellose Mittelmänner durch die ländlichen Gebiete Äthiopiens ziehen und arme Familien überreden, ihre Kinder zur Adoption freizugeben. Ein typisches Muster sind Familien, in denen ein Elternteil stirbt und das Kind Stiefeltern bekommt, die sich nicht um das Kind kümmern können oder wollen.

Diese Familien werden zudem mit Versprechen geködert, von denen die Adoptivfamilien nichts wissen. Die leiblichen Verwandten denken, dass ihr Kind später Geld schicken wird oder zumindest durch das Kind eine Verbindung in ein reiches Land aufgebaut wird, dass sich für die Familie vorteilhaft auswirkt. Diese Vorstellung ist auch nicht unrealistisch. Immer mehr arme Länder leben von den Geldsendungen von Arbeitsmigranten. Ungefähr 2 Millionen Äthiopier leben im Ausland. Die Weltbank schätzt, dass 14 Prozent der Äthiopier regelmäßige Geldsendungen aus dem Ausland erhalten mit einem Durchschnitt von 600 Dollar im Jahr. Warum sollten Adoptionen nicht ein weiterer Weg von Geldsendungen and äthiopische Familien sein?

Das Einsammeln von Kindern im Gegenzug mit Versprechen von finanzieller Unterstützung ist eines der Hauptprobleme von Adoptionen aus Äthiopien. Es ist jedoch nicht das einzige. Die Verflechtung von politischen Interessen im Adoptionsprozess, der Mangel an rechtstaatlichen Standards und Verfahren ist ein weiteres. Sollte man von Adoptionen aus Äthiopien derzeit absehen?

In jedem Fall sollte man in einer Adoption aus Äthiopien kein ethisch einfaches Unterfangen zur Familiengründung sehen. Man sollte, wie an dieser Stelle schon mehrfach betont, Fragen stellen und sich auf die entsprechenden Diskussionen einlassen. Man sollte davon ausgehen, dass es eine erweiterte Familie des Kindes gibt, mit dessen Schicksal man sein eigenes Leben unmittelbar verknüpft. Das kann in einer Verantwortung für weitere Geschwister im Land, in finanzielle Unterstützung, aber auch in der Betreuung anderer Familienmitglieder in Deutschland münden. Derzeit fehlen die Verfahren, um ein gutes Verhältnis zur ersten Familie aufzubauen und zu pflegen. Darauf hinzuarbeiten ist die Aufgabe derjenigen, die auch in Zukunft sich für internationale Adoptionen einsetzen wollen.


Kommentare:

  1. ... ja, aber wenn man genau nachfragt, bekommt man uneindeutige Antworten während des Seminars, es wird versucht, die Diskussion des Themas (mit Hilfe der anderen Bewerber) zu unterdrücken und die Anfrage nach einem Vertrag wird mit den Worten "zu hohe Ansprüche seitens der Bewerber an ein Adoptionsverfahren in Afrika" abgelehnt. Der Verein hat immer noch die Zulassung vom LJA Bayern - wie kann das sein ???

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    1. Zentral ist immer: Sie müssen mit ihrem Adoptivkind leben; nicht die Vermittlungsstelle. Sie müssen Ihrem Kind später einmal seine Herkunftsgeschichte erklären und die Frage, warum Sie keinen Kontakt zur Herkunftsfamilie gehalten haben. Sie nehmen auch das Risiko der Gerichtsentscheidung zur Umwandlung auf sich. Die Vermittlungsstellen leben häufig noch in einer Welt, die die neuen Bedingungen durch globale und soziale Medien noch nicht verarbeitet hat. Eine entfernte Verwandte unseres Adoptivkinds ist z.B. auf Facebook! Das kommt im Süden Äthiopiens zwar seltener vor, aber auch hier ist es eine Illusion zu glauben, dass eine Adoption ohne eine Auseinandersetzung mit der ersten Familie erfolgen kann. Je früher man sich darauf einstellt, je mehr Fragen man stellt und je offener man mit der ersten Familie umgeht, desto besser ist man gewappnet. Und desto weniger wird man hinterher von falschen Dokumenten überrascht. Für die Vermittlungsstelle erhöht sich dadurch natürlich der Arbeitsaufwand und die anderen Eltern befürchten, sie warten noch länger auf ihr Kind. Das ist das Dilemma.

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