Americanah - das neue Buch von Chimanda Ngozi Adichie (der Autorin von Half of a Yellow Sun) hat nichts mit Adoptionen zu tun. Dafür aber viel mit Rassismus. Eine junge Frau aus Nigeria flieht vor dem Stillstand in ihrem Land in die USA. Sie kämpft mit Schwierigkeiten verschiedenster Art und sieht sich immer wieder mit der übermächtigen Rolle von Rassendiskriminierung in Amerika konfrontiert. Sie schreibt einen erfolgreichen Blog über Rassismus aus der Sicht einer Nicht-Amerikanischen Schwarzen, für die Diskriminierung erst dann zum Problem wird, als sie ihr Land verlässt. Parallel dazu wird die Geschichte ihres Jugendfreunds erzählt, der in England Schiffbruch erleidet und dort die Situation afrikanischer Einwanderer hautnah erlebt.
Der Roman spielt mit dem Thema Rassendiskriminierung in der westlichen Welt. Die Heldin Ifemelu erfährt erstmals in den USA, dass Hautfarbe wichtig sein kann. Und sie empfindet die damit verbundene Diskriminierung als absolut. Sie ist nicht vergleichbar mit der Diskriminierung von Juden, Frauen oder Hispanics; denn Schwarze in den USA sind die unterste sozio-ökonomische Schicht. Sie können auf niemanden herabschauen oder ihre finanzielle Stärke nutzen, um Diskriminierungen auszugleichen. Sie haben keine ökonomische Macht. Parallelen passen nicht; die Schubladen sind genau definiert. "Versuch es erst gar nicht die Diskriminierung der Schwarzen nachzuempfinden; du kannst es nicht" empfiehlt sie in ihrem Blog. "Und glaube nicht, der Rassismus in den USA sei überwunden." Vielmehr sei es erst zwei Generation her, dass Schwarze nicht im gleichen Bus fahren oder wählen konnten. Im Kontrast dazu wird die Erfahrung in Großbritannien geschildert und auf den Punkt gebracht: in den USA können Schwarze ökonomisch aufsteigen, gehören aber sozial nie dazu; in Großbritannien ist es umgekehrt. Die Klassengesellschaft hält Schwarze aus der Oberschicht, aber man durchaus miteinander befreundet sein.
Und in Deutschland? Der Rassismus in Deutschland ist wie seine Brüder in den USA und Großbritannien tief verwurzelt in der deutschen Geschichte. Der offiziellen liberalen Rechtsstaatlichkeit im Nachkriegsdeutschland steht eine institutionalisierte Fremden(!)feindlichkeit gegenüber, die nicht nur im NSU Skandal die Behörden dazu einlud, die Täter in den Opferfamilien zu suchen, sondern auch offene Feindseligkeiten gegenüber Asylsuchenden in Berlin toleriert. Wirtschaftsminister Rösler wird täglich mit rassistischer Post konfrontiert. Schwarze Deutsche sind dabei anders als in den USA keine sozio-ökonomische Gruppe, da sie zu heterogen und zu wenige sind. Von der deutschen Mehrheitsgesellschaft wird ihnen in erster Linie ein Status als Exoten zugeschrieben. Aber auch Exoten gehören nicht zur Mehrheitsgesellschaft. Adoptivkinder erleben das auch schon mal in gut gemeinter Form, wenn sie mit offenem und zugleich überheblichen Mitleid bedacht werden.
Die nicht-offizielle aber unter der Hand florierende Diskriminierung in Deutschland erschwert aber auch eine Bürgerrechtsbewegung der schwarzen Deutschen. Sie hat kein Gegenüber sondern der Stammtisch hüllt sich sofort in Schweigen, wenn das Thema öffentlich wird. In bizarrer Form - wie beim Streit um das N-Wort in deutschen Kinderbüchern - zeigt sich der unreflektierte Umgang mit Rassismus. Heute können Anwohner in Hellersdorf unwidersprochen den Fernsehkameras mitteilen, dass man ja wisse, dass Asylbewerber gefährlich seien. Viel mehr Mut brauchen Journalisten, Mitbewohner und Politiker, um Diskriminierung aufzuzeigen, kenntlich zu machen und unausgesprochene Ressentiments zu bekämpfen.
Americanah ist ein grossartiger Roman, der viele Denkanstöße gibt; zum Thema Rassismus in Afrika, USA und Grossbritannien - und bei uns.
Wir sind eine Gruppe Eltern, die Kinder aus Äthiopien adoptiert haben. Im Prozess der Adoption wurden wir zunehmend mit ethischen Fragen der Internationalen Adoption konfrontiert, die wir durch Dialog, Aufklärung und Diskussion mit Betroffenen und Interessierten klären wollen. Dieser Blog ist offen für alle, die mit uns über ethische Fragen in Auslandsadoptionen diskutieren wollen. Wir freuen uns über Fragen und Kommentare.
Ethical International Adoptions
Posts mit dem Label Literatur werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Literatur werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Montag, 2. September 2013
Freitag, 21. Juni 2013
Lesetipps zum Thema Trauma
In der gestrigen ZEIT findet sich ein gut informierter Schwerpunkt im Teil "Wissen" über die Probleme und Herausforderungen im Leben von und mit traumatisierten Adoptivkinder. Ein Interview mit Bettina Bonus gibt ihre bereits bekannten Einschätzungen über die Überwindung von destruktiven Überlebensstrategien und Anstrengungsverweigerung wider. Auch auf die mangelnde Unterstützung von Adoptiveltern bei Problemen durch die Jugendämter wird hingewiesen. Leider sind die Artikel nicht online zugänglich.
Zum gleichen Thema hat die American Academy of Pediatrics kürzlich einen Leitfaden ins Netz gestellt: "Helping Foster and Adoptive Families Cope with Trauma". Hier geht es in erster Linie darum, Kinderärzten Hilfesstellungen beim Erkennen und für die Behandlung von Traumata. Er enthält zudem Tipps für Familien im Umgang mit traumatisierten Kindern. Ähnlich wie Bettina Bonus unterstreicht die Amerikanische Vereinigung der Kinderärzte, dass das Verhalten von traumatisierten Kindern sich nicht persönlich gegen ihre Adoptiveltern richtet, auch wenn es im Alltag natürlich so aussieht. Erziehungsstrategien betonen Geduld, Konsistenz, Zuwendung, Routinen.
Dabei macht der Bericht eine wichtige Annahme:
Zum gleichen Thema hat die American Academy of Pediatrics kürzlich einen Leitfaden ins Netz gestellt: "Helping Foster and Adoptive Families Cope with Trauma". Hier geht es in erster Linie darum, Kinderärzten Hilfesstellungen beim Erkennen und für die Behandlung von Traumata. Er enthält zudem Tipps für Familien im Umgang mit traumatisierten Kindern. Ähnlich wie Bettina Bonus unterstreicht die Amerikanische Vereinigung der Kinderärzte, dass das Verhalten von traumatisierten Kindern sich nicht persönlich gegen ihre Adoptiveltern richtet, auch wenn es im Alltag natürlich so aussieht. Erziehungsstrategien betonen Geduld, Konsistenz, Zuwendung, Routinen.
Dabei macht der Bericht eine wichtige Annahme:
"Assume that all children that have been fostered or adopted have experienced trauma."
Mittwoch, 8. Mai 2013
Interview mit Kathryn Joyce
Aktuell zum Buch gibt es auch ein Interview mit Kathryn Joyce auf NPR.
How Evangelical Christians Are Preaching The New Gospel Of Adoption.
http://www.npr.org/2013/04/16/177350912/how-evangelical-christians-are-preaching-the-new-gospel-of-adoption
How Evangelical Christians Are Preaching The New Gospel Of Adoption.
http://www.npr.org/2013/04/16/177350912/how-evangelical-christians-are-preaching-the-new-gospel-of-adoption
Sonntag, 5. Mai 2013
Die Kinderfänger
Endlich ist das neue Buch von Kathryn Joyce erschienen, auf deren Arbeiten wir in diesem Blog schon mehrfach verwiesen haben. The Child Catchers - Rescue, Trafficking, and the New Gospel of Adoption ist ein gut geschriebenes und gut recherchiertes Buch, das den Leserinnen und Lesern die Augen öffnet und leider auch die Haare zu Berge stehen lässt.
Amerikanische Evangelisten haben das Feld der Adoption für sich entdeckt und organisieren eine ganze Ideologie/Theologie um das Konstrukt der 'Waisen' und der Verantwortung von Christen für diese Waisen. Aus dem Bibelvers: "Pure religion is this, to help widows and orphans in their need" leiten sie ein Handlungsprogramm ab, das immer wieder auf die gleiche Lösung hinausläuft. Adoption ist die Antwort auf viele Probleme: ungewollte Schwangerschaften, Armut, alleinerziehende Mütter, Abtreibungen. Kirchen predigen, praktizieren und bejubeln den neuen Trend, fremde Kinder in ihre Familien aufzunehmen. Da in diesen Kreisen der Zweck die Mittel immer noch heiligt, folgt aus der Adoptionsideologie ein sehr instrumenteller Umgang mit der Frage, wer eigentlich adoptionsbedürftig ist und was aus der Herkunftsfamilie wird. Egal was die Umstände sind, Hauptsache es werden Kinder gerettet.
Kathryn Joyce verfolgt die Spuren der christlichen Adoptionsmissionare insbesondere nach Äthiopien, das in den letzten zehn Jahren zum Zentrum der internationalen Adoption wurde. Dort arbeitet sie die Skandale und Misstände nochmals von Anfang an auf. Das Kapitel Inside the Boom enthält alles, was in den letzten Jahren über Korruption in Adoptionen aus Äthiopien in die USA berichtet wurde. Leider enthält es jedoch wenig, was nicht bereits vorher schon - zum Teil von Kathryn Joyce selbst - an anderer Stelle geschrieben wurde. Ihre Recherchen in Äthiopien konzentrieren sich auf die bekannten Skandale und nur am Rande auf die Stimmen der Herkunftsfamilien und Betroffenen. Sie begleitet einen Searcher auf einer Reise in ein abgelegenes Dorf, wo ein Film über eine Herkunftsfamilie gedreht wird. Dabei stellt sie fest, wie sich die Gelegenheit ein Kind nach Amerika schicken zu können herumspricht und damit erst das Verlassen von Kindern auslöst.
Sie spricht mit Vertretern von UNICEF, die diesen Mechanismus bestätigen: erst die Gründung eines Waisenhauses produziert Waisen. Die Schließung von Kinderheimen ist daher wahrscheinlich das wirksamste Instrument der äthiopischen Regierung, um die Adoptionsindustrie einzudämmen. Ob jedoch die anderen Maßnahmen der äthiopischen Regierung wirksam sind, weiß nicht einzuschätzen. Nach einem Rückgang der Zahlen geht UNICEF davon aus, dass sie wieder auf ein hohes Niveau gestiegen sind.
Die Botschaft wird in dem Kapitel sehr deutlich: Evangelisten auf dem Adoptionspfad schaffen mehr Probleme als sie lösen. Und in der Tat, wenn man Michelle Gardner in dem Film "Fly away children" dabei zusieht, wie sie in äthiopischen Dörfern die Eltern fragt, wer gerne sein Kind nach Amerika schicken möchte, dann wird klar, dass es hier in keiner Weise um "Waisen" in irgendeinem Sinne des Wortes geht. Die explodierende Adoptionsindustrie in Äthiopien hat demnach auch wenig mit christlichen Werten oder Familien zu tun sondern mit einem Versuch dem eigenen Leben mehr Sinn zu geben, wenn vermeintlich Leben gerettet werden können.
Für Adoptionsinteressierte ist dieses Buch eine wichtige Information und zwar auch für solche, die mit der christlichen Adoptionsbewegung nichts am Hut haben. Adoptionsmissionare haben in Äthiopien die Strukturen weitgehend korrumpiert. Daran kommen auch europäische Vermittlungsstellen nicht vorbei. Und zweitens ist jenseits aller Rhetorik die Haltung der Europäer nicht so anders. Bis heute sind Vermittlungsstellen für den Wahrheitsgehalt der Dokumente der vermittelten Kinder nicht verantwortlich. Auch deutsche Vermittlungsstellen weisen eine Verantwortung für das, was im Sozialbericht über die Kinder und deren Familien steht, weit von sich. Vielmehr werden angehende Adoptiveltern mit einem Augenzwinkern zu Komplizen gemacht, da man afrikanischen Dokumenten nicht zu viel Glauben schenken sollte. Erst wenn Vermittlungsstellen diese Verantwortung übernehmen und vielleicht auch rechtlich dazu gezwungen würden, wären sie an der Wahrheit wirklich interessiert. Davon sind wir aber noch weit entfernt.
Amerikanische Evangelisten haben das Feld der Adoption für sich entdeckt und organisieren eine ganze Ideologie/Theologie um das Konstrukt der 'Waisen' und der Verantwortung von Christen für diese Waisen. Aus dem Bibelvers: "Pure religion is this, to help widows and orphans in their need" leiten sie ein Handlungsprogramm ab, das immer wieder auf die gleiche Lösung hinausläuft. Adoption ist die Antwort auf viele Probleme: ungewollte Schwangerschaften, Armut, alleinerziehende Mütter, Abtreibungen. Kirchen predigen, praktizieren und bejubeln den neuen Trend, fremde Kinder in ihre Familien aufzunehmen. Da in diesen Kreisen der Zweck die Mittel immer noch heiligt, folgt aus der Adoptionsideologie ein sehr instrumenteller Umgang mit der Frage, wer eigentlich adoptionsbedürftig ist und was aus der Herkunftsfamilie wird. Egal was die Umstände sind, Hauptsache es werden Kinder gerettet.
Kathryn Joyce verfolgt die Spuren der christlichen Adoptionsmissionare insbesondere nach Äthiopien, das in den letzten zehn Jahren zum Zentrum der internationalen Adoption wurde. Dort arbeitet sie die Skandale und Misstände nochmals von Anfang an auf. Das Kapitel Inside the Boom enthält alles, was in den letzten Jahren über Korruption in Adoptionen aus Äthiopien in die USA berichtet wurde. Leider enthält es jedoch wenig, was nicht bereits vorher schon - zum Teil von Kathryn Joyce selbst - an anderer Stelle geschrieben wurde. Ihre Recherchen in Äthiopien konzentrieren sich auf die bekannten Skandale und nur am Rande auf die Stimmen der Herkunftsfamilien und Betroffenen. Sie begleitet einen Searcher auf einer Reise in ein abgelegenes Dorf, wo ein Film über eine Herkunftsfamilie gedreht wird. Dabei stellt sie fest, wie sich die Gelegenheit ein Kind nach Amerika schicken zu können herumspricht und damit erst das Verlassen von Kindern auslöst.
Sie spricht mit Vertretern von UNICEF, die diesen Mechanismus bestätigen: erst die Gründung eines Waisenhauses produziert Waisen. Die Schließung von Kinderheimen ist daher wahrscheinlich das wirksamste Instrument der äthiopischen Regierung, um die Adoptionsindustrie einzudämmen. Ob jedoch die anderen Maßnahmen der äthiopischen Regierung wirksam sind, weiß nicht einzuschätzen. Nach einem Rückgang der Zahlen geht UNICEF davon aus, dass sie wieder auf ein hohes Niveau gestiegen sind.
Die Botschaft wird in dem Kapitel sehr deutlich: Evangelisten auf dem Adoptionspfad schaffen mehr Probleme als sie lösen. Und in der Tat, wenn man Michelle Gardner in dem Film "Fly away children" dabei zusieht, wie sie in äthiopischen Dörfern die Eltern fragt, wer gerne sein Kind nach Amerika schicken möchte, dann wird klar, dass es hier in keiner Weise um "Waisen" in irgendeinem Sinne des Wortes geht. Die explodierende Adoptionsindustrie in Äthiopien hat demnach auch wenig mit christlichen Werten oder Familien zu tun sondern mit einem Versuch dem eigenen Leben mehr Sinn zu geben, wenn vermeintlich Leben gerettet werden können.
Für Adoptionsinteressierte ist dieses Buch eine wichtige Information und zwar auch für solche, die mit der christlichen Adoptionsbewegung nichts am Hut haben. Adoptionsmissionare haben in Äthiopien die Strukturen weitgehend korrumpiert. Daran kommen auch europäische Vermittlungsstellen nicht vorbei. Und zweitens ist jenseits aller Rhetorik die Haltung der Europäer nicht so anders. Bis heute sind Vermittlungsstellen für den Wahrheitsgehalt der Dokumente der vermittelten Kinder nicht verantwortlich. Auch deutsche Vermittlungsstellen weisen eine Verantwortung für das, was im Sozialbericht über die Kinder und deren Familien steht, weit von sich. Vielmehr werden angehende Adoptiveltern mit einem Augenzwinkern zu Komplizen gemacht, da man afrikanischen Dokumenten nicht zu viel Glauben schenken sollte. Erst wenn Vermittlungsstellen diese Verantwortung übernehmen und vielleicht auch rechtlich dazu gezwungen würden, wären sie an der Wahrheit wirklich interessiert. Davon sind wir aber noch weit entfernt.
Dienstag, 9. Oktober 2012
Adoptierte erzählen
Eric Breitingers Buch 'Vertraute Fremdheit' mit 16 Porträts erwachsener Adoptierter ist vor einem Jahr hier besprochen worden - s.Blog v. 19.Nov. 2011. Der Verfasser ist selbst Adoptierter und erhält in diesem Jahr für seine Arbeit den Medienpreis der Deutschen Arbeitsgemeinschaft der Kinder und Jugendhilfe, den Hermine-Albers-Preis.
Donnerstag, 9. Februar 2012
Said - Unser Kind von fremden Eltern
Said ist das Kind einer Inderin und eines Afghanen, die als Flüchtlinge nach Deutschland kommen. Seine Mutter geht kurz nach seiner Geburt zurück nach Indien; der Vater wird bei einem Unfall schwer verletzt, als Said drei Jahre alt war, und liegt seitdem im Wachkoma. Der Junge lebt bei der Familie des Onkels, die jedoch nicht bereit ist, ihn auf Dauer aufzunehmen.

Ute Mings und ihr Mann bewerben sich um ein Adoptiv- oder Pflegekind und nach langen Irrungen wird ihnen Said vorgestellt. Er ist sechs Jahre alt und Ute ist seine vierte Mutter. Ute Mings schreibt über die nachfolgenden Jahre intelligent und reflektiert. Vieles wird Adoptiveltern von älteren Adoptivkindern bekannt vorkommen: das Schwanken zwischen Nähe und Distanz; das Zurückfallen ins Kleinkindalter; die Motivationsprobleme in der Schule und die Suche nach Anerkennung.
Aus einem wilden und charmanten Kind wird ein störrischer und ablehnender Teenager. Viele der Auseinandersetzungen können Eltern von Teenagern - besonders von Jungen - generell bestätigen: die Selbstüberschätzung und Selbstzweifel, fehlende Einsicht, der Drang nach Freiheit und die Bedeutung der Bestätigung durch Freunde. Said ist vielerlei Hinsicht ein normaler Teenager; aber ein extremer. Er bringt den Eltern kaum Freude sondern viel Stress ein. Das Familienleben besteht aus Streit und Schulstress. Schulwechsel und Schulabbruch sind die Folge.
Das Buch beschreibt offen die Selbstzweifel der Autorin, die bis an den Punkt kommt, die Familie verlassen zu wollen, es aber nicht tut. Einmal fragt Said seine Mutter, was sie gerne gehabt hätte. Sie antwortet, sie hätte gerne mehr Geld gehabt, um ihn ein Internat zu schicken, wo er hätte lernen müssen. Er sagt darauf "Bloß nicht!"
Am Ende des Buches hat die Familie zu sich gefunden. Said hat zwar noch immer keine Arbeit und die Ausbildung als Schreiner scheitert an seinen Noten. Aber er hat sich gefangen und eine Freundin, die ihn stabilisiert. Die Konflikte haben sich gelegt.
"Said - Unser Kind von fremden Eltern" ist ein ehrlicher und offener Bericht über die Herausforderungen mit Kindern zu leben, die in ihren ersten Lebensjahren vernachlässigt und abgeschoben wurden und ihr Leben lang darunter leiden. Es ist gut geschrieben und lesenswert.

Ute Mings und ihr Mann bewerben sich um ein Adoptiv- oder Pflegekind und nach langen Irrungen wird ihnen Said vorgestellt. Er ist sechs Jahre alt und Ute ist seine vierte Mutter. Ute Mings schreibt über die nachfolgenden Jahre intelligent und reflektiert. Vieles wird Adoptiveltern von älteren Adoptivkindern bekannt vorkommen: das Schwanken zwischen Nähe und Distanz; das Zurückfallen ins Kleinkindalter; die Motivationsprobleme in der Schule und die Suche nach Anerkennung.
Aus einem wilden und charmanten Kind wird ein störrischer und ablehnender Teenager. Viele der Auseinandersetzungen können Eltern von Teenagern - besonders von Jungen - generell bestätigen: die Selbstüberschätzung und Selbstzweifel, fehlende Einsicht, der Drang nach Freiheit und die Bedeutung der Bestätigung durch Freunde. Said ist vielerlei Hinsicht ein normaler Teenager; aber ein extremer. Er bringt den Eltern kaum Freude sondern viel Stress ein. Das Familienleben besteht aus Streit und Schulstress. Schulwechsel und Schulabbruch sind die Folge.
Das Buch beschreibt offen die Selbstzweifel der Autorin, die bis an den Punkt kommt, die Familie verlassen zu wollen, es aber nicht tut. Einmal fragt Said seine Mutter, was sie gerne gehabt hätte. Sie antwortet, sie hätte gerne mehr Geld gehabt, um ihn ein Internat zu schicken, wo er hätte lernen müssen. Er sagt darauf "Bloß nicht!"
Am Ende des Buches hat die Familie zu sich gefunden. Said hat zwar noch immer keine Arbeit und die Ausbildung als Schreiner scheitert an seinen Noten. Aber er hat sich gefangen und eine Freundin, die ihn stabilisiert. Die Konflikte haben sich gelegt.
"Said - Unser Kind von fremden Eltern" ist ein ehrlicher und offener Bericht über die Herausforderungen mit Kindern zu leben, die in ihren ersten Lebensjahren vernachlässigt und abgeschoben wurden und ihr Leben lang darunter leiden. Es ist gut geschrieben und lesenswert.
Freitag, 30. Dezember 2011
Zwei Bücher zum Jahresende
In diesem Jahr sind zwei Bücher von herausragenden Autorinnen erschienen, die beide ihre eigenen Erfahrung mit Adoption auf sehr persönliche Art und Weise verarbeiten. Beide gehören in ihren Heimatländern und darüber hinaus zu Bestsellerautorinnen mit intellektuellem Gewicht; ihre Bücher sind von einer außergewöhnlichen Direktheit und unerschrockenen Ehrlichkeit.

Blue Nights ist das verstörende Buch von Joan Didion, in dessen Zentrum der Tod ihrer Adoptivtochter steht. Er ist eng verwoben mit dem Tod ihres Mannes, der kurz nach der Erkrankung der Tochter an einem Herzinfarkt stirbt. Quintana liegt zu dem Zeitpunkt bereits im Koma. Der Tod ihres Mannes und das Jahr danach ist Thema des Bestsellers und Bühnenerfolgs The Year of Magical Thinking. Blue Nights könnte man als Folgebuch lesen, aber es ist doch eine noch radikalere Abrechnung mit dem Alter, ihrem eigenen Leben und dem Tod. Dass Quintana ihre Adoptivtochter war, spielt dabei eine nicht unwichtige Rolle. Ihre Ängste und Selbstzweifel, die Art, wie sie ihren Eltern gerecht werden will, sind Themen von adoptierten Kindern. Aber auch ihre eigene Rolle als Adoptivmutter reflektiert Joan Didion auf schmerzhafte Weise. Panisch reagiert sie, als sie sich mit ihrer Familie in der Heimatstadt der leiblichen Mutter aufhält. Zu groß ist die Angst, die erste Mutter könnte ihr Quintana streitig machen. Zu groß ist selbst heute noch der Wunsch, dass die Beziehung zur ersten Familie auch irgendwann beendet sein müsste. Sie müsste es besser wissen, kann aber die andere Elternschaft kaum greifen und schon gar nicht verstehen.

Das Verhältnis von zweiter zu erster Mutter spielt auch eine wesentliche Rolle in dem autobiographischen Roman Why Be Happy If You Could Be Normal von Jeannette Winterson. Jeannette Winterson wurde Anfang der sechziger Jahre im Norden Englands von streng religiösen Eltern der Pfingstgemeinde adoptiert und wuchs in einem lieblosen wie neurotischen Elternhaus auf. Mit sechzehn setzte ihre Adoptivmutter sie vor die Tür, als sie sich als Lesbe zu erkennen gab. In der Situation entstand auch das Zitat, das dem Buch den Titel gab. Bereits in ihrem Erstlingswerk und Bestseller Oranges Are Not The Only Fruit aus dem Jahr 1985 setzte sie sich mit ihrer Adoptivmutter und ihrem Elternhaus harsch auseinander. Ein Vierteljahrhundert später analysiert sie diese Beziehung erneut in einem milderen Licht und konfrontiert sie mit ihrer persönlichen Entwicklung in den nachfolgenden Jahrzehnten. Ihre Adoptivmutter hat sie zwar nach dem Rauswurf nur noch ein einziges Mal gesehen. Allerdings führt eine Lebenskrise mehr als zwanzig Jahre später sie zur Suche ihrer leiblichen Mutter, die sie ambivalent erlebt. Während ihre erste Familie mit Tanten, Stiefgeschwistern und Mutter sie freudig in die Familie aufnimmt, wird ihr selbst wiederum deutlich, wie stark sie von den Kämpfen mit ihrer Adoptivmutter auch in ihrer kreativen Entwicklung geprägt wurde.
Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern unseres blogs und der webseite ein gutes und erfolgreiches Jahr 2012!

Blue Nights ist das verstörende Buch von Joan Didion, in dessen Zentrum der Tod ihrer Adoptivtochter steht. Er ist eng verwoben mit dem Tod ihres Mannes, der kurz nach der Erkrankung der Tochter an einem Herzinfarkt stirbt. Quintana liegt zu dem Zeitpunkt bereits im Koma. Der Tod ihres Mannes und das Jahr danach ist Thema des Bestsellers und Bühnenerfolgs The Year of Magical Thinking. Blue Nights könnte man als Folgebuch lesen, aber es ist doch eine noch radikalere Abrechnung mit dem Alter, ihrem eigenen Leben und dem Tod. Dass Quintana ihre Adoptivtochter war, spielt dabei eine nicht unwichtige Rolle. Ihre Ängste und Selbstzweifel, die Art, wie sie ihren Eltern gerecht werden will, sind Themen von adoptierten Kindern. Aber auch ihre eigene Rolle als Adoptivmutter reflektiert Joan Didion auf schmerzhafte Weise. Panisch reagiert sie, als sie sich mit ihrer Familie in der Heimatstadt der leiblichen Mutter aufhält. Zu groß ist die Angst, die erste Mutter könnte ihr Quintana streitig machen. Zu groß ist selbst heute noch der Wunsch, dass die Beziehung zur ersten Familie auch irgendwann beendet sein müsste. Sie müsste es besser wissen, kann aber die andere Elternschaft kaum greifen und schon gar nicht verstehen.

Das Verhältnis von zweiter zu erster Mutter spielt auch eine wesentliche Rolle in dem autobiographischen Roman Why Be Happy If You Could Be Normal von Jeannette Winterson. Jeannette Winterson wurde Anfang der sechziger Jahre im Norden Englands von streng religiösen Eltern der Pfingstgemeinde adoptiert und wuchs in einem lieblosen wie neurotischen Elternhaus auf. Mit sechzehn setzte ihre Adoptivmutter sie vor die Tür, als sie sich als Lesbe zu erkennen gab. In der Situation entstand auch das Zitat, das dem Buch den Titel gab. Bereits in ihrem Erstlingswerk und Bestseller Oranges Are Not The Only Fruit aus dem Jahr 1985 setzte sie sich mit ihrer Adoptivmutter und ihrem Elternhaus harsch auseinander. Ein Vierteljahrhundert später analysiert sie diese Beziehung erneut in einem milderen Licht und konfrontiert sie mit ihrer persönlichen Entwicklung in den nachfolgenden Jahrzehnten. Ihre Adoptivmutter hat sie zwar nach dem Rauswurf nur noch ein einziges Mal gesehen. Allerdings führt eine Lebenskrise mehr als zwanzig Jahre später sie zur Suche ihrer leiblichen Mutter, die sie ambivalent erlebt. Während ihre erste Familie mit Tanten, Stiefgeschwistern und Mutter sie freudig in die Familie aufnimmt, wird ihr selbst wiederum deutlich, wie stark sie von den Kämpfen mit ihrer Adoptivmutter auch in ihrer kreativen Entwicklung geprägt wurde.
Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern unseres blogs und der webseite ein gutes und erfolgreiches Jahr 2012!
Donnerstag, 8. Dezember 2011
Das Hamlin Fistula Hospital in Addis Abeba
Die australischen Gynäkologen Reg und Catherine Hamlin kamen 1959 nach Addis Ababa, um eine Hebammenschule zu eröffnen. Heute ist daraus ein vorbildliches Krankenhaus zur Behandlung von Frauen geworden, die bei der Geburt ihrer Kinder schwere innere Verletzungen erlitten. Wenn die Kinder bei der Geburt den Geburtskanal nicht passieren können, leiden die Frauen nicht nur tagelang unter den Wehen, bei denen die Kinder sterben. Sondern es entstehen auch Risse in der Blase, der Vagina und dem Darm. Diese Risse, Fisteln genannt, führen zu schwerster Inkontinenz.
Die Hamlins haben in Addis Abeba 1974 das erste Krankenhaus aufgebaut, das sich auf diese Verletzungen spezialisiert. Catherine Hamlin hat den Aufbau des Krankenhaus in ihrer Autobiographie The Hospital by the River: A Story of Hope beschrieben. Die Landschaft, die Monarchie von Haile Selassie und das Chaos der kommunistischen Regierung werden mit viel Gefühl und Detail geschildert. Gleichwohl bleibt im Mittelpunkt das Schicksal der zahllosen jungen Frauen, die durch mangelnde medizinische Versorgung schwerste Verletzungen erleiden.
Der Verein Fistula e.V. unterstützt das Hamlin Fistula Hospital in Äthiopien.
Die Hamlins haben in Addis Abeba 1974 das erste Krankenhaus aufgebaut, das sich auf diese Verletzungen spezialisiert. Catherine Hamlin hat den Aufbau des Krankenhaus in ihrer Autobiographie The Hospital by the River: A Story of Hope beschrieben. Die Landschaft, die Monarchie von Haile Selassie und das Chaos der kommunistischen Regierung werden mit viel Gefühl und Detail geschildert. Gleichwohl bleibt im Mittelpunkt das Schicksal der zahllosen jungen Frauen, die durch mangelnde medizinische Versorgung schwerste Verletzungen erleiden. Der Verein Fistula e.V. unterstützt das Hamlin Fistula Hospital in Äthiopien.
Samstag, 19. November 2011
Vertraute Fremdheit - Buchtipp
Die Stimmen von Adoptierten sind im Adoptionsgeschehen meistens unterbelichtet. Die wenigsten Kinder werden gefragt, ob sie adoptiert werden wollen und viele erwachsene Adoptierte glauben, dass der Adoptionsprozess nicht in ihrem Interesse erfolgt. Vielmehr sind es beteiligte Erwachsene, die das Geschehen bestimmen: Familienangehörige, die junge Frauen zur Abgabe ihrer Kinder drängen; Adoptiveltern, die sich gerne zur Verfügung stellen; Jugendämter, die eine Lösung für instabilie Familienkonstellationen suchen.
Eric Breitinger hat als erwachsener Adoptierter die Stimmen von anderen Adoptierten aufgeschrieben und sie mit viel Sachverstand mit Forschungsergebnissen und Informationen zum Thema Adoption kombiniert. Das Buch enthält 16 Porträts schweizer und deutscher erwachsener Adoptierter in fast allen Altersgruppen. Die Lebensgeschichten drehen sich um Wurzelsuche, das Verhältnis zu den Adoptiveltern und den leiblichen Familien, die psychische und mentale Belastung durch die Unwissenheit der Herkunft und des Verlassenwerdens. Dazu gibt es sachkundige Kapitel zu Babyklappen, Samenspenden, Rechtsfragen und Auslandsadoptionen.
Als roter Faden zieht sich durch das Buch das Plädoyer zur offenen Adoption. Breitinger spricht sich sowohl gegen Inkognitoadoptionen, anonyme Samenspenden als auch Babyklappen aus. Das Recht auf Kenntnis der eigenen Herkunft und der offene Umgang mit der ersten Familie sind zentrale Faktoren für eine gelungene Adoption.

Damit halten Adoptiveltern den Schlüssel für Erfolg in der Hand: Sind sie stabil, offen und entspannt gegenüber der Bedeutung der leiblichen Familie, sind sie von Beginn an ehrlich und konstruktiv im Umgang mit der ersten Familie und sehen sie in ihrem adoptierten Kind nicht den Ersatz für ein leibliches Kind, sind wesentliche Weichen schon gestellt.
Deutlich wird dies auch durch die unterschiedlichen Generationen, die im Buch porträtiert werden. Die Adoptiveltern der 84jährigen Nelly Bünzli haben sie mit strikten Regeln und harter Arbeit traktiert, da sie dachten, dass Mädchen würde ansonsten auf der Straße landen. Der 25jährige Jonas Fuchs peruanischer Herkunft ist Adoptivsohn einer wiederum aus Hongkong nach Deutschland adoptierten Frau, die in einem offenen und liberalen Haushalt einer Pfarrersfamilie groß wurde. Er hat regen Kontakt mit seiner leiblichen Familie. Die deutlichen Unterschiede zwischen den Generationen zeigen, dass Fortschritte im Umgang mit Adoptionen erzielt wurden und die jüngere Generationen der Adoptierten deutlich bessere Chancen zur Wurzelsuche und positiven Kontaktaufnahme haben.
Allerding werden diese Fortschritte gleichzeitig wieder durch neue Formen der Anonymität (Samenspende, Leihmutterschaft und Babyklappen) gefährdet. Sie sind zudem noch nicht überall gleichermaßen verbreitet und finden leider auch noch keine Entsprechung in den rechtlichen Regelungen.
Eric Breitinger hat als erwachsener Adoptierter die Stimmen von anderen Adoptierten aufgeschrieben und sie mit viel Sachverstand mit Forschungsergebnissen und Informationen zum Thema Adoption kombiniert. Das Buch enthält 16 Porträts schweizer und deutscher erwachsener Adoptierter in fast allen Altersgruppen. Die Lebensgeschichten drehen sich um Wurzelsuche, das Verhältnis zu den Adoptiveltern und den leiblichen Familien, die psychische und mentale Belastung durch die Unwissenheit der Herkunft und des Verlassenwerdens. Dazu gibt es sachkundige Kapitel zu Babyklappen, Samenspenden, Rechtsfragen und Auslandsadoptionen.
Als roter Faden zieht sich durch das Buch das Plädoyer zur offenen Adoption. Breitinger spricht sich sowohl gegen Inkognitoadoptionen, anonyme Samenspenden als auch Babyklappen aus. Das Recht auf Kenntnis der eigenen Herkunft und der offene Umgang mit der ersten Familie sind zentrale Faktoren für eine gelungene Adoption.

Damit halten Adoptiveltern den Schlüssel für Erfolg in der Hand: Sind sie stabil, offen und entspannt gegenüber der Bedeutung der leiblichen Familie, sind sie von Beginn an ehrlich und konstruktiv im Umgang mit der ersten Familie und sehen sie in ihrem adoptierten Kind nicht den Ersatz für ein leibliches Kind, sind wesentliche Weichen schon gestellt.
Deutlich wird dies auch durch die unterschiedlichen Generationen, die im Buch porträtiert werden. Die Adoptiveltern der 84jährigen Nelly Bünzli haben sie mit strikten Regeln und harter Arbeit traktiert, da sie dachten, dass Mädchen würde ansonsten auf der Straße landen. Der 25jährige Jonas Fuchs peruanischer Herkunft ist Adoptivsohn einer wiederum aus Hongkong nach Deutschland adoptierten Frau, die in einem offenen und liberalen Haushalt einer Pfarrersfamilie groß wurde. Er hat regen Kontakt mit seiner leiblichen Familie. Die deutlichen Unterschiede zwischen den Generationen zeigen, dass Fortschritte im Umgang mit Adoptionen erzielt wurden und die jüngere Generationen der Adoptierten deutlich bessere Chancen zur Wurzelsuche und positiven Kontaktaufnahme haben.
Allerding werden diese Fortschritte gleichzeitig wieder durch neue Formen der Anonymität (Samenspende, Leihmutterschaft und Babyklappen) gefährdet. Sie sind zudem noch nicht überall gleichermaßen verbreitet und finden leider auch noch keine Entsprechung in den rechtlichen Regelungen.
Samstag, 2. Juli 2011
(K)eine normale Familie
Die meisten Adoptiveltern wünschen sich eine normale Familie. Eltern adoptieren, weil sie entweder keine eigenen Kinder bekommen können oder weil sie zusätzlich zu ihren leiblichen Kindern weiteren Kindern eine Familie bieten wollen. Sie hoffen, mit ihren adoptierten Kinder eine normale Familie werden zu können und tun oftmals alles, um den Anschein der Normalität aufrecht zu erhalten. Dazu gehört zum Beispiel, dass die Dokumente der Kinder (Geburtsurkunde) keinen Hinweis auf ihre leiblichen Eltern oder die Adoption enthalten sollen. In der Familie nimmt das Kind den Platz eines leiblichen Kindes ein.
Und obwohl die Kinder sich auch nichts anderes wünschen als eine normale Familie, ist die Adoptivfamilie anders. Das wird insbesondere den Eltern schmerzlich bewusst, die bereits leibliche Kinder haben und sich stark genug fühlen, weitere Kinder zu adoptieren. Sie erfahren, wie durch die Adoption ihre Familie verändert und auch das Verhältnis zu ihren leiblichen Kindern neu definiert wird. Ihre 'alte' Familie geht unwiederbringlich verloren.
Während das Anderssein zunächst nichts Negatives sein muss, entsteht aus der Inkongruenz zwischen Erwartung und Realität ein ethisches und tatsächliches Problem. Wenn Adoptiveltern eine normale Familie erwarten und ihre adoptierten Kinder wie leibliche Kinder behandeln, laufen sie Gefahr, viele Bedürfnisse ihrer Kinder nicht zu erkennen und auf ihre Kinder falsch zu reagieren. Adoptivkinder haben die Trennung von ihrer Familie erlebt und in vielen Fällen Misshandlungen, Vernachlässigung, Hunger und Lieblosigkeit. Die Liebe ihrer neuen Eltern ist häufig nicht genug, um diese Erfahrungen zu kompensieren. Der 'Normalität' obwohl von allen Seiten gewünscht fehlt die Grundlage von Vertrauen und Zuversicht.
Das Buch "Survival Tipps für Adoptiveltern" von Christel Rech-Simon und Fritz B. Simon macht eindrucksvoll auf diese Falle aufmerksam und ist daher Pflichtlektüre für alle zukünftige Adoptiveltern. Sie erklären, wie 'normale' Erziehungsmethoden bei Adoptivkindern das Gegenteil bewirken können. Die Bücher von Bettina Bonus sind sehr aufschlussreich auch für Eltern von Kindern, die nicht traumatisiert sind.
Für derzeitige und zukünftige Adoptiveltern ist es von zentraler Bedeutung, sich einzugestehen, dass über den Weg der Adoption keine normale Familie gegründet werden kann. Die neue Familie, die durch Adoption entsteht, ist anders. Sie ist gegründet auf dem fundamentalen Verlust des Kindes seiner eigenen Eltern und seiner leiblichen Familie. Dieser Verlust wird die Adoptivfamilie begleiten, prägen und auf immer verändern. Dieses zu akzeptieren und zu verstehen ist ein großer Schritt für die neue Familie. Ihn zu negieren, verharmlosen und verschweigen, führt zu Scham, Frustration und Konflikten.
Zurzeit wird in der Vorbereitung zukünftiger Adoptiveltern die Situation des verlassenen Kindes sehr wenig thematisiert. Zu sehr konzentrieren sich Vorbereitungsseminare auf die Aufnahmesituation in die neue Familie und die Bindung an die neue Familie mit der Hoffnung, dass diese dann zu einer 'normalen' Familie mutiert. Das ist eine Illusion. Ohne den Verlust des Kindes zu verstehen und als integralen Bestandteil der neuen Familie zu akzeptieren und ohne die Einsicht, dass die Adoptivfamilie keine 'normale' Familie sondern anders ist, kann die neue nicht 'normale' Familie kaum gelingen.
Und obwohl die Kinder sich auch nichts anderes wünschen als eine normale Familie, ist die Adoptivfamilie anders. Das wird insbesondere den Eltern schmerzlich bewusst, die bereits leibliche Kinder haben und sich stark genug fühlen, weitere Kinder zu adoptieren. Sie erfahren, wie durch die Adoption ihre Familie verändert und auch das Verhältnis zu ihren leiblichen Kindern neu definiert wird. Ihre 'alte' Familie geht unwiederbringlich verloren.
Während das Anderssein zunächst nichts Negatives sein muss, entsteht aus der Inkongruenz zwischen Erwartung und Realität ein ethisches und tatsächliches Problem. Wenn Adoptiveltern eine normale Familie erwarten und ihre adoptierten Kinder wie leibliche Kinder behandeln, laufen sie Gefahr, viele Bedürfnisse ihrer Kinder nicht zu erkennen und auf ihre Kinder falsch zu reagieren. Adoptivkinder haben die Trennung von ihrer Familie erlebt und in vielen Fällen Misshandlungen, Vernachlässigung, Hunger und Lieblosigkeit. Die Liebe ihrer neuen Eltern ist häufig nicht genug, um diese Erfahrungen zu kompensieren. Der 'Normalität' obwohl von allen Seiten gewünscht fehlt die Grundlage von Vertrauen und Zuversicht.
Das Buch "Survival Tipps für Adoptiveltern" von Christel Rech-Simon und Fritz B. Simon macht eindrucksvoll auf diese Falle aufmerksam und ist daher Pflichtlektüre für alle zukünftige Adoptiveltern. Sie erklären, wie 'normale' Erziehungsmethoden bei Adoptivkindern das Gegenteil bewirken können. Die Bücher von Bettina Bonus sind sehr aufschlussreich auch für Eltern von Kindern, die nicht traumatisiert sind.
Für derzeitige und zukünftige Adoptiveltern ist es von zentraler Bedeutung, sich einzugestehen, dass über den Weg der Adoption keine normale Familie gegründet werden kann. Die neue Familie, die durch Adoption entsteht, ist anders. Sie ist gegründet auf dem fundamentalen Verlust des Kindes seiner eigenen Eltern und seiner leiblichen Familie. Dieser Verlust wird die Adoptivfamilie begleiten, prägen und auf immer verändern. Dieses zu akzeptieren und zu verstehen ist ein großer Schritt für die neue Familie. Ihn zu negieren, verharmlosen und verschweigen, führt zu Scham, Frustration und Konflikten.
Zurzeit wird in der Vorbereitung zukünftiger Adoptiveltern die Situation des verlassenen Kindes sehr wenig thematisiert. Zu sehr konzentrieren sich Vorbereitungsseminare auf die Aufnahmesituation in die neue Familie und die Bindung an die neue Familie mit der Hoffnung, dass diese dann zu einer 'normalen' Familie mutiert. Das ist eine Illusion. Ohne den Verlust des Kindes zu verstehen und als integralen Bestandteil der neuen Familie zu akzeptieren und ohne die Einsicht, dass die Adoptivfamilie keine 'normale' Familie sondern anders ist, kann die neue nicht 'normale' Familie kaum gelingen.
Donnerstag, 26. Mai 2011
T.i.A.
Alle ethischen Debatten um Auslandsadoption rühren an eine Frage, die erstaunlich selten explizit aufgeworfen wird: Können wir von anderen Ländern die Einhaltung von Normen und Standards verlangen, die für uns selbst ethisch unabdingbar sind? Ist das – gerade gegenüber afrikanischen Staaten – nicht anmaßend, gar Ausdruck postkolonialistischer Überheblichkeit und geradezu imperialistisch? Müssen wir nicht akzeptieren, dass anderswo vieles einfach anders ist? Doch was ist umgekehrt von Sätzen zu halten wie ‚Von denen kann man das sowieso nicht erwarten’ oder einfach „This is Africa!” (T.i.A.)? Ist das nicht ebenso herablassend?
Es gibt in der Tat auch unter Adoptiveltern manchmal eine Haltung von ‚Augen zu und durch!’ – damit sei den Kindern mehr geholfen als mit einem womöglich langwierigen (und mit ‚deutscher Akribie’ durchgeführten) Verfahren, das dann wirklich ’auch den letzten rechtstaatlichen Anforderungen’ entspricht. Kindeswohl wird hier vom Ergebnis her gedacht: Entscheidend ist, dass das Kind raus aus dem Heim oder runter von der Straße ist. Aber welche Mittel heiligt dieser Zweck?
Diese Fragen rühren an einen Konflikt, der heute häufig im Zusammenhang mit multikulturellen Gesellschaften diskutiert wird. Zwei Positionen lassen sich hier benennen: Der Kulturrelativismus, der andere Kulturen in ihrer Eigenart und Entwicklungsgeschichte zu sehen bereit ist und grundsätzlich zu Toleranz aufruft, tritt dem Universalismus gegenüber, der bestimmte für alle Kulturen verbindliche Normen wie etwa die Menschenrechte einfordert.
Es fragt sich also: “Muss es universelle, für die gesamte Menschheit geltende Normen geben oder sind jeweils spezifische Kulturen die einzige Legitimationsquelle für rechtliche und moralische Prinzipien?“ (So Wolf-Dieter Vogel in der TAZ.)
Das klassische Rechts-Links-Spektrum bietet hier keine Orientierung, noch weniger ein ‚positiver Rassismus’, der geneigt ist, andere Kulturen über die eigene zu stellen und deren Eigenheiten blind zu begrüßen.
Vor einiger Zeit ist hierzu ein bemerkenswertes Buch erschienen: Imke Leicht – Multikulturalismus auf dem Prüfstand (Berlin 2009). Hier wird gerade im Hinblick auf die Menschenrechte eine dezidiert universalistische Position vertreten. Dass Justizgrundrechte zu den Menschenrechten zählen, dürfte bekannt sein. Aber auch die Verfahrensanforderungen, wie sie z.B. an anderer Stelle auf dieser Seite aufgeführt sind, müssen als Ausformungen der Menschenrechte gesehen und dürfen nicht leichtfertig zur Disposition gestellt werden.
Und um auf Äthiopien zurückzukommen: Man kann den Eindruck haben, als gebe es dort den politischen Willen, bei den Auslandsadoptionen die Menschenrechte auch verfahrensmäßig umzusetzen. Jedenfalls scheint die äthiopische Regierung bemüht, Missstände in Adoptionsverfahren zu unterbinden. Auch das ist Afrika.
Abonnieren
Kommentare (Atom)