Donnerstag, 31. Mai 2012

Africa: The New Frontier for Intercountry Adoption

Das African Child Policy Forum hat einen lesenswerten Bericht über Adoptionen aus Afrika veröffentlicht. Er enthält wesentliche rechtliche Informationen zur internationalen Adoption wie auch eine Analyse der unterschiedlichen Praktiken und Herausforderungen in den afrikanischen Ländern. Fragen der Subsidiarität werden ebenso besprochen wie Alternativen zur Internationalen Adoption. Der Bericht schließt mit einer Reihe von Empfehlungen. Dazu gehört die Aufforderung, die Datenlage über adoptierte und adoptierbare Kinder in Afrika zu verbessern. Eine Empfehlung, der man sich uneingeschränkt anschließen kann.

AcPf (2012).
Africa: The New Frontier for Intercountry Adoption. Addis Ababa: The African child Policy forum.

Mittwoch, 30. Mai 2012

Dramatischer Anstieg von Adoptionen in Afrika

Das African Child Policy Forum in Addis Abeba berichtet nach Angaben der BBC, dass internationale Adoptionen aus Afrika in den letzten acht Jahren um 400% gestiegen sind. Aber viele afrikanische Länder hätten nicht die notwenigen Voraussetzungen, um Kinder vor Kinderhandel zu schützen.

"Adoptionen sind heute kommerzialisiert” sagt David Mugawe vom African Child Policy Forum. Die Mehrheit der sogenannten Waisen aus Afrika habe mindestens einen Elternteil und viele Kinder würden von ihren Eltern verkauft.

Seit 2004 wurden über 41.000 Kinder aus Afrika adoptiert. In den Jahren 2009 und 2010 kamen mehr als zwei Drittel aus Äthiopien. Nach Angaben des ACPF gibt es in Äthiopien heute mehr als 70 Adoptionsvermittlungsstellen.

Nur 13 afrikanische Länder haben die Haager Konvention ratifiziert, die Standards für Internationale Adoptionen vorgibt, um Kinderhandel auszuschliessen. Der Bericht betont: Die Pflicht ist bei den Ländern Afrikas, Maßnahmen zu ergreifen, um Familien und Gemeinschaft zu stärken, um die Kinder im eigenen Land aufwachsen zu lassen.

Montag, 21. Mai 2012

Ein weiteres Schicksal

Ein Leser oder eine Leserin schickte uns den link zu einem Bericht über ein weiteres Schicksal einer fehlgeschlagenen Adoption. Nach Angaben des 12jährigen Jungen Tadesse wurde er von einem Amerikaner adoptiert, der ihn mit nach Washington nahm und über ein Jahr zuhause unterrichten ließ. Danach kehrte er nach Äthiopien zurück, lernte eine Frau kennen, die von dem Kind nichts wissen wollte, und ließ ihn in einem Hotel zurück. Die International Organisation of Migration (IOM) kümmert sich nun um den Jungen. Der angebliche Adoptivvater bestreitet die Geschichte.

Sonntag, 20. Mai 2012

Drei Schicksale

Die Schicksale von drei international adoptierten Kinder beherrschen zurzeit die Diskussion über ethische Adoptionen in den USA. Alle drei Geschichten sind sehr unterschiedlich, aber gleichermaßen traurig. Es geht bei diesen Fällen in erster Linie um menschliches Fehlverhalten, aber auch um die Frage, wie es verhindert werden kann.

Artyom Hansen ist ein aus Russland adoptierter Junge, der von seiner Adoptivmutter im Alter von sieben Jahren unbegleitet und mit einem Brief versehen nach Moskau geschickt wurde. In dem Brief stand, dass sie nicht mehr seine Mutter sein wolle. Der Junge wurde danach zum Spielball einer russisch-amerikanischen Auseinandersetzung, bei der zunächst alle Adoptionen ausgesetzt wurden. Er lebt seitdem in einem SOS Kinderdorf in Russland. In den USA wurde nun das gerichtliche Nachspiel entschieden. Adoptivmutter Torry Hansen wurde zur Zahlung von 150.000$ verurteilt. Darin enthalten sind Unterhaltszahlungen sowie eine Schadensersatzforderung der Vermittlungsstelle. Zwar wurde die Adoption in Russland annulliert; in den USA ist sie jedoch weiterhin Grundlage für Unterhaltszahlungen. Der Vermittlungsstelle wurden tatsächlich 40.000$ Schadensersatz zugestanden.

Anyelí Liseth Hernández Rodríguez wurde im Alter von zwei Jahren in Guatemala entführt und zur Adoption in die USA gebracht. Ihre Mutter suchte jahrelang nach ihrer Tochter und konnte sie ausfindig machen.  Ein Gericht in Guatemala verurteilte nicht nur diejenigen, die an dem Kinderhandel beteiligt waren sondern verfügte auch die Rückkehr der Tochter. Nun hat das amerikanische State Department reagiert und beschlossen, dass das Kind seinen Eltern nicht wieder zurückgegeben werden muss. Nach Angaben des State Departments sei zum Zeitpunkt der Entführung die Haager Konvention noch nicht ratifiziert gewesen. Daher finde sie in diesem Fall keine Anwendung.  Die Mutter versucht nun, die Herausgabe gerichtlich in den USA zu erreichen.

Kairi Abha Shepherd ist von Ausweisung nach Indien bedroht. Sie wurde im Alter von drei Monaten im Jahr 1982 in die USA adoptiert. Ihre Adoptivmutter starb 1991, ohne für ihre Tochter die amerikanische Staatsbürgerschaft beantragt zu haben. Das Kind kam in Pflege und wurde als Erwachsene straffällig. Sie kann nun in ein Land ausgewiesen werden, in das sie keine Verbindungen hat und dessen Sprache sie nicht spricht.

In allen drei Fällen gibt es ein zum Teil dramatisches Fehlverhalten von Adoptiveltern. In den Fällen von Artyom Hansen und Kairi Abha Shepherd waren die Adoptivmütter alleinstehend und mit ihren Kindern überfordert. (Das soll in keiner Weise das Verhalten von Torry Hansen entschuldigen.) Die ablehnende Haltung der Adoptiveltern von Anyelí Liseth Hernández Rodríguez gegenüber der leiblichen Mutter ist zwar verständlich aber falsch.

Alle drei Fälle sind zwar extrem aber keine Einzelfälle. Es gibt Schätzungen, dass bis zu 200 russische Adoptivkinder wieder nach Russland gebracht wurden. Auch Anschuldigungen von Kindesentführungen in Guatemala sind weiter verbreitet als man denkt. Ebenso sind eine ganze Reihe von amerikanischen Adoptivkindern von Ausweisung bedroht.

Montag, 14. Mai 2012

"Emotionale Familienangehörige " - US Botschaft trifft Vermittlungsagenturen

Das amerikanische Außenministerium hat eine Zusammenfassung einer Besprechung der US-Botschaft in Addis Abeba mit Vermittlungsagenturen auf seine Webseite gestellt. Bei der Besprechung um 18. April 2012 ging es unter anderem um Interviews, die die Botschaft mit Angehörigen zur Adoption freigegebener Kinder durchführt. Bei diesen Interviews stellen die Beamten der Botschaft immer wieder fest, dass die Angehörigen glauben, dass die Kinder im Alter von 18 Jahren wieder nach Äthiopien kommen. Wenn sie dann darüber informiert werden, dass Adoptionen die Familienbande für immer auflöst und sie nicht auf eine Rückkehr hoffen sollen, werden Familienangehörige oftmals sehr emotional:

"Our office conducts birth relative interviews for most relinquishment cases, and conducts interviews with local officials and police for most abandonment cases. The purpose of these interviews is to confirm the child’s orphan status and, in relinquishment cases, to ensure that the relinquishing parent or family member fully understands the relinquishment process. During these interviews, we continue to encounter birth relatives who have been told that a child will return to Ethiopia at the age of 18. When informed that intercountry adoption is a permanent severing of a familial relationship and that there should be no expectation of the child’s return, birth relatives often become very emotional."

Als allgemeine Trends und Diskussionspunkte werden angegeben:
  1. Eine Zunahme von verlassenen anstatt abgegebener Kinder.
  2. Ganze Kindergruppen, die von einem Dorf gleichzeitig abgegeben werden.
  3. Adoptionsverträge, die unterschrieben werden, bevor das Kind überhaupt zur Adoption freigegeben wurde. 
 Leider hört sich die Besprechung nicht danach an, als hätten sich die ethischen Probleme der Vermittlungspraxis der letzten Jahre merklich verbessert.

Mittwoch, 9. Mai 2012

Erfahrungswerte

Im Laufe der Zeit sammeln Adoptiveltern eine Menge Erfahrungen sowohl mit ihren eigenen Kindern als auch durch die Gespräche mit anderen Adoptivfamilien. An dieser Stelle geben wir einige Beispiele dafür, was wir selbst gerne gewusst hätten, bevor wir unsere Kinder in Empfang genommen haben.

1. Adoptiveltern brauchen Training und Aufklärung. Zurzeit funktioniert die Vorbereitung von Adoptiveltern vielfach nach dem Prinzip Hoffnung, dass schon alles gut gehen wird. Während dies in der Mehrheit der Adoptionen auch der Fall sein kann, führt es jedoch in denen Fällen, in denen es schief geht, zu falschen Reaktionen. Adoptiveltern müssen von Beginn an dafür sensibilisiert werden, dass traumatisierte Kinder anders erzogen werden müssen als leibliche Kinder.

2. Für eine solche Vorbereitung gibt es jedoch jenseits der praktischen Tipps und der Erfahrungsliteratur nur wenig Lektüre oder Weiterbildung. Angehende Adoptiveltern, die ja auch hoffen, dass alles gut gehen wird, sind leider auch nicht wirklich daran interessiert. "Survival Tipps für Adoptiveltern", von Christel Rech-Simon und Fritz B. Simon, und die Bücher von Bettina Bonus gehören in die Bücherregale aller Adoptiveltern.

3. Nicht jedes adoptierte Kind ist traumatisiert, aber jedes Adoptivkind braucht besondere Nähe und Möglichkeiten des Kleinkindseins. Selbst Neun- oder Zehnjährige werden hin und wieder zum Baby oder schauen sich Bilderbücher an. Sie brauchen in diesem Moment die Nähe und den Schutz eines Kleinkinds.

4. Adoptionen betreffen die gesamte erweiterte Familie nicht nur die Kernfamilie. Bereits vorhandene Kinder müssen eine neue Stellung in der Familie finden.

5. Das Alter des Kindes zum Zeitpunkt der Adoption sagt nichts über den Grad seiner Traumatisierung aus. Kleine und große Kinder können traumatisiert sein. Kleine Kinder können ihre Gefühle jedoch nicht mit Worten ausdrücken. Bei gleichzeitig adoptierten Geschwisterkindern ist es oftmals das kleinere Kind, das größere Schwierigkeiten hat.

6. Ältere Kinder haben dafür andere Anpassungsschwierigkeiten. Das deutsche Schulsystem hat nur wenig Toleranz gegenüber Kindern, die anders sind als die Norm.

7. In der Adoptionsliteratur gibt es sowohl Fachwissen wie auch Ideologien. Beides ist nicht immer einfach voneinander zu trennen. Ideologien schüren Konflikte zwischen verschiedenen Teilen des Adoptionsdreiecks.

8. Es gibt gescheiterte Adoptionen, aber unseres Wissens nach keine Untersuchungen darüber, warum und unter welchen Bedingungen Adoptionen scheitern. Der hohe Kostenaufwand, die langen Wartezeiten und großen Entfernungen in internationalen Adoptionen machen es sehr schwer, einen Kindervorschlag abzulehnen. Nicht für alle vermittelten Kinder ist unserer Erfahrung nach eine Adoption wirklich die beste Lösung.


Freitag, 4. Mai 2012

Soll man aus Äthiopien adoptieren?

Ein Beitrag von EJ Graff in The American Prospect argumentiert gegen Adoptionen aus Äthiopien. Ihre Gründe basieren auf der unseligen Dynamik, die einsetzt, wenn große Summen Geld von einem reichen Land in ein armes Land fließen: es entsteht ein neues Geschäftsmodell, in dem skrupellose Mittelmänner durch die ländlichen Gebiete Äthiopiens ziehen und arme Familien überreden, ihre Kinder zur Adoption freizugeben. Ein typisches Muster sind Familien, in denen ein Elternteil stirbt und das Kind Stiefeltern bekommt, die sich nicht um das Kind kümmern können oder wollen.

Diese Familien werden zudem mit Versprechen geködert, von denen die Adoptivfamilien nichts wissen. Die leiblichen Verwandten denken, dass ihr Kind später Geld schicken wird oder zumindest durch das Kind eine Verbindung in ein reiches Land aufgebaut wird, dass sich für die Familie vorteilhaft auswirkt. Diese Vorstellung ist auch nicht unrealistisch. Immer mehr arme Länder leben von den Geldsendungen von Arbeitsmigranten. Ungefähr 2 Millionen Äthiopier leben im Ausland. Die Weltbank schätzt, dass 14 Prozent der Äthiopier regelmäßige Geldsendungen aus dem Ausland erhalten mit einem Durchschnitt von 600 Dollar im Jahr. Warum sollten Adoptionen nicht ein weiterer Weg von Geldsendungen and äthiopische Familien sein?

Das Einsammeln von Kindern im Gegenzug mit Versprechen von finanzieller Unterstützung ist eines der Hauptprobleme von Adoptionen aus Äthiopien. Es ist jedoch nicht das einzige. Die Verflechtung von politischen Interessen im Adoptionsprozess, der Mangel an rechtstaatlichen Standards und Verfahren ist ein weiteres. Sollte man von Adoptionen aus Äthiopien derzeit absehen?

In jedem Fall sollte man in einer Adoption aus Äthiopien kein ethisch einfaches Unterfangen zur Familiengründung sehen. Man sollte, wie an dieser Stelle schon mehrfach betont, Fragen stellen und sich auf die entsprechenden Diskussionen einlassen. Man sollte davon ausgehen, dass es eine erweiterte Familie des Kindes gibt, mit dessen Schicksal man sein eigenes Leben unmittelbar verknüpft. Das kann in einer Verantwortung für weitere Geschwister im Land, in finanzielle Unterstützung, aber auch in der Betreuung anderer Familienmitglieder in Deutschland münden. Derzeit fehlen die Verfahren, um ein gutes Verhältnis zur ersten Familie aufzubauen und zu pflegen. Darauf hinzuarbeiten ist die Aufgabe derjenigen, die auch in Zukunft sich für internationale Adoptionen einsetzen wollen.


Montag, 30. April 2012

Der Adoptionsboom in Äthiopien

Das Wall Street Journal veröffentlichte am 28. April einen Bericht über eine Adoption aus Äthiopien, der viele typische Situationen gut beschreibt und daher als symptomatisch angesehen werden kann:

Die heute 7 Jährige Melesech wurde vor drei Jahren aus Äthiopien adoptiert. Ihre Mutter starb an Malaria; der Vater hat weitere sechs Kinder und eine zweite Frau. Er wurde vor vier Jahren von einem Mittelsmann angesprochen, ob er seine Kinder nicht abgeben wolle.

Zunächst war der Vater bereit, zwei seiner Söhne abzugeben, die damals acht und neun Jahre alt waren. Doch das Waisenhaus wollte nur Kinder, die jünger als fünf Jahre  waren. Daher kam er zurück mit Melesech. Er brachte seine Tochter nach Hosanna, ca. 60 Kilometer von seinem Dorf entfernt. "Ich gab sie weg, weil ich arm bin", sagte der Vater. Man versprach ihm, dass sie ihm später Geld schicken würde. Die Adoptiveltern besuchten ihn einige Jahre später und er freute sich über die Bilder von Melesech. Nach den Angaben des Wall Street Journals erwartete der Vater des Mädchens auch Geld von den Adoptiveltern, was diese jedoch bestreiten. Bis heute hat er gemischte Gefühle über die Adoption. Einerseits wartet er auf ihre Rückkehr, andererseits überlegt er, weitere Kinder zur Adoption freizugeben. "Wenn ich Bilder von Melesech sehe und wie glücklich sie ist", sagt er, "wünschte ich, ich könnte meine anderen Kinder auch schicken."

In einem Kommentar zum Artikel schreibt eine Adoptivmutter über ihre Erfahrungen in Äthiopien. Sie berichtet, wie sie von der Familie ihres Kindes um Geld gebeten wurde. Dabei beobachtete sie Sozialarbeiter einer Vermittlungsstellen, die den leiblichen Müttern Geld für ihre Kinder anboten. Die Adoptivmutter ist zurecht von der Art der Kindervermittllung schockiert. Ihren Kommentar schließt sie mit Konsequenzen für Internationale Adoptionen. Zwar sollten Adoptionen weiterhin möglich sein, aber man solle solche Kinder adoptieren, die über 5 Jahre alt und Waisen sind oder gesundheitliche Probleme haben. Die äthiopische Regierung solle endlich die Haager Konvention unterzeichnen. Alle Beteiligten sollten darauf hin arbeiten, dass Familien zusammen  bleiben. Und man solle gegen die vorherrschende Form der Ausbeutung in internationalen Adoptionen protestieren.

Sonntag, 15. April 2012

Die Suche nach der ersten Familie

Immer mehr amerikanische Adoptiveltern äthiopischer Kinder machen sich auf die Suche nach der Herkunftsfamilie ihrer Kinder, weil sie Zweifel an den Angaben der Vermittlungsstellen über Eltern und Verwandte haben. Entweder sind es die Kinder selbst, die darauf bestehen, dass ihre Eltern - anders als in den Unterlagen angegeben - noch leben. Oder die Informationen sind so dürftig, dass die Eltern selbst nach recherchieren wollen. Ein Möglichkeit sich über die Suche zu informieren ist das Yahoo Forum ethiopiabirthfamilysearch@yahoogroups.com. Dort werden Erfahrungen über die Suche nach den Eltern ausgetauscht und vertrauenswürdige Kontaktpersonen weiterempfohlen. Es gibt zudem mittlerweile eine website, auf der die Dienste einer Recherche in Äthiopien angeboten wird. Sie heißt EthioStork. Wir haben persönlich keine Erfahrungen mit dem Suchdienst und können ihn daher nicht empfehlen.

Dass es solche Foren und Anbieter gibt, sollte uns zu denken geben. Die Kommentare auf dem Yahoo Forum zeigen zudem zweierlei: Zum einen sitzt das Misstrauen der Eltern gegebenüber den Vermittlungsstellen tief. Weder werden Hilfestellung geleistet noch sind Vermittlungsstellen an der Wahrheit der Herkunftsgeschichte der Kinder interessiert. Vielmehr gehen Vermittlungsstellen zurecht davon aus, dass eine Suche auf eigene Faust ihre Arbeit infrage stellt und kritisiert. Zweitens berichten Adoptiveltern, die sich auf die Suche begeben haben, von der Verzweiflung vieler Herkunftsfamilien, die sich Sorgen um ihre Kinder machen. Besonders in den Regionen, in denen Heime geschlossen wurden, werden nun keine  Entwicklungsberichte mehr an die Verwandten weitergeleitet. Familien sind daher von Informationen über ihre Kinder komplett abgeschnitten. Es gibt keine Infrastruktur und scheinbar keine verantwortlichen Stellen, die sicherstellen, dass Entwicklungsberichte für Herkunftseltern bereit gestellt werden.

Eltern, die sich auf die Reise zur Herkunftsfamilie begeben, machen oftmals wichtige aber auch bedrückende Erfahrungen. Einen Reisebericht einer alleinstehenden Mutter eines äthiopischen Mädchens gibt es hier.

Sie schreibt über die Frage, worauf man sich vorbereiten kann:

"What did I feel most unprepared for? Feeling like a kidnapper as we left Ethiopia because my daughter never really needed to be adopted.

I was oh so very naive when I set out on my journey to become a parent. I knew what pregnancy and childbirth entailed. I knew that it wasn't important to me to experience pregnancy or childbirth. I wanted to be a mom. There were, I thought, millions of children that already existed who needed mothers. Why go to the trouble of creating more children...and it would have been trouble involving doctor visits, ordering sperm online, etc, as I was single...when all I cared about was being a mom and not giving birth.

I thought there were all these children who needed mothers.

I still think there are children who need mothers. Unfortunately, they are rarely the ones who are available for adoption, at least in Ethiopia.

I thought I was adopting an orphan. I was unprepared to be told by my child, "my mom's not dead." I shouldn't have been. When I asked questions about her mother during the process, I was told, "she doesn't seem to be aware of her mother's death." Why didn't I ask more questions? Because I was stupid and naive.

Now I'm just angry and bitter. I'm glad Violet is a forgiving child. She knows her mother didn't have a say in her relinquishment but she accepts the path her life has taken...at least so far. I am less forgiving. I'm angry at the biases that led to Violet's relinquishment and I'm even angrier at the adoption system that allowed it to happen. I'm angry at myself that I took part in it."

Dienstag, 3. April 2012

Ethnozentrismus und ethische Verfahren

Kann man an Äthiopien die gleichen Rechtsgrundsätze anwenden wie an entwickelte Demokratien? Oder ist es 'ethnozentrisch', wenn man dies tut? Das war der Vorwurf eines Kommentars auf das 'Einmaleins der ethischen Adoption'.

Man kann nicht nur sondern man muss. Und zwar aus mehreren Gründen:
  • Aus Gründen der Rechtssicherheit im eigenen Verfahren. Eine äthiopische Adoption muss anerkannt und umgewandelt werden. Dabei wird auch die Kompatibilität der Verfahrensgrundsätze geprüft. Wenn das deutsche Gericht zu dem Schluss kommt, dass wesentliche deutsche Rechtsgrundsätze verletzt wurden, können diese Adoptionen nicht anerkannt werden.
  • Aus Gründen der Rechte des Kindes an der Kenntnis der eigenen Herkunft. Es gibt gute Gründe für Geburtsurkunden und Abstammungsurkunden. Deutsche Behörden sollten auf äthiopische Geburtsurkunden drängen, in denen die Eltern tatsächlich genannt werden. Dies erlaubt dem Kind seine Herkunft zu dokumentieren.
  • Menschenhandel lässt sich nur durch Information, Transparenz und Offenheit bekämpfen. Die allseits herrschende Einstellung, dass man bei der Betrachtung äthiopischer Dokumente besser nicht so genau hinschaut, öffnet Korruption und Dokumentenfälschung Tür und Tor. Nur wenn man es von deutscher Seite ablehnt, dubiose Dokumente in Empfang zu nehmen, wird sich daran etwas ändern.
Kann man darüber hinaus noch in das Herkunftsdorf reisen? Oder überfordert man damit nicht die Adoptivfamilie? Das ist ein ernster Punkt. Es spricht vieles dafür, die erste Begegnung mit dem Kind und die Begegnung mit der Herkunftsfamilie voneinander zu trennen. Beides sollte sorgfältig vorbereitet werden. Insbesondere die Vermittlungsstellen sollten eine Begegnung mit der Herkunftsfamilie zu einem Verfahrenstandard machen. Eine ausführliche Dokumentation der Familie und die Wege, wie das Kind ins Heim gekommen ist, gehört mit dazu.

Diese Standards sind nicht ethnozentrisch sondern grundlegende Prinzipien zum Schutz des Kindes. Eine internationale Adoption ist ein tiefer Eingriff in die Rechte des Kindes und der Herkunftsfamilie. Er sollte wohl überlegt und vorbereitet sein. Zumindest sollte sicher gestellt sein, dass das Kind wirklich adoptionsbedürftig ist und nicht Opfer finanzieller Interessen wird.

Adoptiveltern sollten die ersten sein, die ein Interesse an besseren Standards haben. Denn sie tragen alle Risiken einer unethischen Adoption.

Freitag, 30. März 2012

Fallstricke umgehen: Das Einmaleins der ethischen Adoption

In den letzten Wochen wird dieser Blog von vielen Lesern besucht, die sich über Adoptionen aus Äthiopien informieren wollen. Das sehen wir an den Zugriffen, die über eine google Suche "Adoption Äthiopien" zu uns finden. Für alle diejenigen, die noch am Anfang des Prozesses stehen, möchten wir ein paar Hinweise zusammenstellen, um die ethischen Fallstricke einer Adoption aus Äthiopien möglichst zu umgehen:
  • Informationen sind alles. Eine gut informierte Adoptivfamilie ist viel besser in der Lage mit den Herausforderungen umzugehen. Informieren Sie sich über die Lage in Äthiopien, die herrschenden Gesetze, die politische Situation und die Adoptionsskandale der letzten Jahre. Das hilft Ihnen die richtigen Fragen zu stellen und Gefahrensituationen zu erkennen.
  • Informieren Sie sich auch über die Herausforderungen von Adoptionen von älteren und kleineren Kindern. Lesen Sie die Bücher von unserer Leseliste. Gehen Sie vorbereitet in diese Entscheidung, die wie keine andere ihr Leben verändern wird. Sprechen Sie mit Adoptiveltern über Probleme und Herausforderungen. 
  • Wenn Sie einen Kindervorschlag bekommen: Fragen Sie, wie das Kind ins Heim gekommen ist. Rekonstruieren Sie die Geschichte Ihres Kindes im Detail. Kein Kind hat keine Verwandte. Wenn die Eltern verstorben sind, fragen Sie nach Tanten, Onkel und Großeltern. Diese können Ihnen Auskunft über Eltern, Familienkonstellation und Gründe für die Abgabe ins Heim geben. Treffen Sie die leibliche Mutter, auch wenn es Ihnen schwer fällt.
  • Reisen Sie in das Herkunftsdorf des Kindes. "Waisentourismus" in ländliche Gebiete in Äthiopien sind aus guten Gründen umstritten. Sie sollten dort nicht als reiche Weiße auftreten und Begehrlichkeiten wecken. Andererseits müssen sie das Umfeld kennenlernen, in das ihr Kind geboren wurde. Es gibt Ihnen den Schlüssel zur Identität Ihres Kindes.
  • Verlassene Kinder ohne Verwandte haben eine schwere Last zu tragen. Kinder werden ausgesetzt oder laufen von zu Hause weg. Sie sollten nachverfolgen, ob und wie nach den Eltern gesucht wurde. Es gibt viele Fälle, bei denen später die Eltern leicht gefunden werden konnten, obwohl die Ermittlungen der Polizei nichts ergaben. Sprechen Sie mit der Heimleitung über die Suche nach den Eltern. Sprechen Sie mit der Polizei. Besuchen Sie den Ort, wo ihr Kind gefunden wurde. Machen Sie deutlich, dass sie daran interessiert sind, die Eltern zu finden.
  • Sprechen Sie mit ihrer Vermittlungsstelle auch über unangenehme Themen. Sprechen Sie über Kinderhandel, Korruption und die Verbindung der Vermittlungsstelle zum Heim. Fragen Sie, welcher Geldbetrag an das Heim gezahlt wird und wofür. Es ist Ihr Geld.
Und es ist Ihre Familie, um die es geht.   

Mittwoch, 21. März 2012

Tarikuwa Nigist Lemma alias Journee Bradshaw

Als vor knapp zwei Jahren die Berichte über Korruption und Mißbrauch in Adoptionen aus Äthiopien bekannt wurden, stand ein Fall im Mittelpunkt der Berichtertstattung. Journee Bradshaw und ihre Adoptivfamilie waren nicht nur ein Beispiel für eine verfehlte Vermittlungspolitik, in der ein junges Paar drei Geschwisterkinder adoptierte, von denen sich eines als 15 Jährige entpuppte. Sondern zugleich hat sich Journee/Tarikuwa von Beginn an öffentlich gegen die Adoption gewehrt. Ihre Geschichte wurde im Film "Fly away children" ausführlich dokumentiert.

Heute lebt Tarikuwa nicht mehr bei ihrer Adoptivfamilie. Sie hat ihren alten Namen wieder angenommen und möchte ihn auch in ihren Papieren wieder haben. Sie besucht die High School und versucht, Geld für eine Reise nach Äthiopien zu verdienen. Ihre Adoptivfamilie lebt mit ihren zwei Schwestern in Hawaii. In einem Interview schildert sie von ihrer Odyssee in den USA und ihren Plänen für die Zukunft.  

Mittwoch, 14. März 2012

Kinderhandel in China

China galt lange Zeit als das Land mit dem saubersten Verfahren für internationale Adoptionen. Chinesische Kinder, die verlassen oder ausgesetzt aufgefunden wurden, wurden in staatliche Kinderheimen aufgenommen und dann zur Adoption freigegeben. Aufgrund der strengen staatlichen Aufsicht und der Ein-Kind-Politik war der Bedarf für internationale Adoptionen nahezu zwangsläufig vorgegeben. Nach den landläufigen Erklärungen setzten Eltern ihre Kinder aus, um sich einer Bestrafung für die Überschreitung der Kinderzahl zu entziehen. Dadurch wurden tausende gesunde Säuglinge in Adoptionsverfahren überführt, die schnell sehr begehrt waren. Insbesondere chinesische Mädchen wurden ins Ausland vermittelt.

Seit mehreren Jahren häufen sich jedoch die Berichte, dass Adoptionen aus China längst nicht so sauber abliefen wie bislang geglaubt. Die Behörden befassen sich nun ernsthaft mit Menschenhandel in China und stoßen auf schockierende Praktiken.

Das Ministerium für Öffentliche Sicherheit hat nun einen Bericht veröffentlicht, nachdem im letzten Jahr 8,660 Kinder und 15,458 Frauen aus Menschenhandel 'befreit' werden konnten. Über 3200 Menschenhändlergruppen wurden verhaftet einschließlich einer Bande, die Frauen nach Angola in die Prostitution verkaufte.

Im Jahr 2011 wurden mehr als 2000 Kinder für Adoptionen entführt und verkauft. Letzten November wurde in Shandong eine Bande enttarnt, die Säuglinge für US$8,000 anbot. Seit 2008 wurden 11.300 Personen wegen Menschenhandels verurteilt. Das Ministerium hat zudem eine landesweite DNA-Datenbank aufgebaut, um entführte Kinder ihren Eltern zurückzubringen.

Aber auch die Behörden selbst waren an Zwangsadoptionen beteiligt. Familien wurden Kinder von Behörden weggenommen und ohne Einverständnis der Eltern zur Adoption freigegeben. Die Berichte über entführte adoptierte Kinder trifft insbesondere amerikanische Familien. Ungefähr 100.000 Kinder wurden seit 1992 hauptsächlich in die USA, Kanada und Spanien vermittelt. (Nach Deutschland wurden keine Kinder vermittelt, da es hier keine automatische Einbürgerung gibt, die China als Voraussetzung verlangt.) Selbsthilfegruppen versuchen nun die Herkunft ihrer Kinder zu ermitteln und den Kontakt zu den Eltern aufzunehmen. Die Zahl der Adoptionen geht deutlich zurück.

Die Moral von der Geschichte? Es gibt derzeit - vielleicht mit der Ausnahme Russlands - kaum ein Land, in dem es keine ethischen Probleme, sprich kriminelle Praktiken, in internationalen Adoptionen gibt. Zukünftige Adoptiveltern müssen sich mit diesen Themen kritisch auseinandersetzen.

Samstag, 10. März 2012

Geburtsurkunden adoptierter Kinder

Ein adoptiertes Kind erhält nach seiner Adoption einen neuen Familiennamen und eine neue Geburtsurkunde. Der neue Familiename ist der Name der Adoptiveltern. Nur wenn es es aus schwerwiegenden Gründen zum Wohl des Kindes erforderlich ist, kann auch der bisherige Familienname dem neuen Namen beigefügt werden.

In der neuen Geburtsurkunde sind als Eltern die Adoptiveltern eingetragen. Lediglich in dem Geburtenregister - früher in der Abstammungsurkunde - sind die Namen der leiblichen Eltern bei Inlandsadoptionen aufgeführt. Adoptierte können diese im Alter von 16 Jahren einsehen. Im Ausland geborene haben dieses Recht nicht. Es gibt kein Geburtenregister für sie und keine Abstammungsurkunde. Wenn die Adoptiveltern nicht selbständig die Namen der Eltern des Kindes in Erfahrung bringen und aufbewahren, gehen sie verloren. Sie spielen in rechtlicher Hinsicht keine Rolle mehr.

Dieses Konstrukt soll dafür sorgen, dass das angenommene Kind auch in der Außenwirkung einem leiblichen Kind gleichgestellt wird. Alle behördlichen Urkunden des Adoptivkindes sollen suggerieren, das Kind sei in die Familie geboren worden.

Tatsächlich ist die neue Geburtsurkunde wirklichkeitsfern und befremdlich. Eine Geburtsurkunde soll die Geburt eines Kindes beurkunden. Das adoptierte Kind wird von seinen neuen Eltern angenommen, aber es wurde nicht von ihnen geboren. Die leibliche Abstammung ist ja gerade nicht von den Adoptiveltern. Für im Ausland Adoptierte gibt es höchstens noch in dem Adoptionsurteil einen Bezug auf die leiblichen Eltern. Doch selbst dies ist in äthiopischen Urteilen nicht die Regel. Dabei hat jedes adoptierte Kind leibliche Eltern.

Es gibt darüberhinaus überhaupt keinen Grund die leiblichen Eltern auf der Geburtsurkunde zu verschweigen. Man kann - und sollte - davon ausgehen, dass das Persönlichkeitsrecht des Adoptierten mehr dadurch geschädigt wird, dass die leiblichen Eltern unterschlagen werden, als dass im Umgang mit Behörden die Adoption verheimlicht werden kann. Der Geburtsname des Kindes wie auch die Namen der leiblichen Eltern sind wichtige Bestandteile der Identität eines jeden Menschen und müssen urkundlich wie auch tatsächlich geschützt werden. Zurzeit geht beides verloren, sobald das Kind adoptiert wird.  

Mittwoch, 29. Februar 2012

Das Beste fürs Kind

Wenn wir über Kinder sprechen, dann greifen wir ebenso schnell wie unwillkürlich auf eine Denkfigur zurück, die ganz eigene Probleme aufwirft: das ‚objektive Interesse’. Natürlich, ein Kind ist zivilrechtlich noch nicht geschäftsfähig, und es sind notwendigerweise andere, die über sein Wohl befinden. Aber wir erinnern uns doch an unseren Widerstand gegen Eltern, die nur unser Bestes wollten. Oder an die Forderung nach Befreiung von Arbeiterklassen, die – so schien es – gar nicht befreit werden wollten.

Was hat das mit den Auslandsadoptionen zu tun? Viel – allein schon, weil das (objektive) Kindeswohl im Haager Übereinkommen eine so zentrale Stelle einnimmt. Weil sich manche in der Diskussion darüber leicht tun und sagen, eine gesicherte Kindheit in Europa oder Nordamerika sei das Beste für jedes Kind aus der Armen Welt. Und darum die ethischen und rechtsstaatlichen Forderungen an ein Adoptionsverfahren möglicherweise übertrieben finden. ‚Eine Auslandsadoption ist für diese Kinder doch wie ein Sechser im Lotto.’ Und die sich dann auch noch durch die Migrationsströme bestätigt fühlen.

Was aber ist, wenn die Kinder (vor allem ältere) das Leben hier nicht wertschätzen, vielleicht einfach nicht wertschätzen können? Das muss nichts mit Verfahrensmängeln zu tun haben – viele Kinder sind traumatisiert und können die neuen Lebens- und Entwicklungsmöglichkeiten gar nicht ergreifen und nutzen. Sie lehnen sie ab und drohen sie sogar zu zerstören.

Adoptionen können auch scheitern. Niemand redet gern darüber – und doch sollten Adoptivbewerber sich nicht bis ins Letzte darauf verlassen, dass das, was sie einem Kind zu geben haben, von diesem auch bereitwillig angenommen und wertgeschätzt wird. Die Ablehnung kann ein Ausdruck seelischer Verletzung sein und verlangt sehr viel Geduld sowie die Überzeugung, was man tut, sei auch objektiv richtig. Aber diese Überzeugung wird unter Umständen auf harte Proben gestellt. Ein ethisches Gebot für alle Verfahrensbeteiligten wäre also, auch solchen Realitäten ins Gesicht zu sehen.

Es gibt diesen verstörenden Satz des polnischen Pädagogen Kanus Korczak: 'Jedes Kind hat das Recht auf seinen eigenen Tod.’ Ob und wie weit man sich dem anschließen will, sei einmal dahingestellt. Wie viel Mündigkeit man dem Kind zugestehen mag. Immerhin ist der Satz ein deutlicher Hinweis auf die Dramatik, in der verlassene und verletzte Kinder manchmal um ihr Leben kämpfen, und eine Aufforderung zur Selbstbefragung, wie weit man solch ein Kind zu begleiten bereit ist.

Freitag, 24. Februar 2012

Die Rolle der US Administration in der Reduzierung äthiopischer Adoptionen


Ein interessanter Debattenbeitrag findet sich in einem neuen wissenschaftlichen Buch über Internationale Adoptionen. Er stammt von zwei profilierten amerikanischen Juraprofessoren, die beide zugleich Adoptiveltern sind und sich seit Jahren zum Thema aktiv äußern.  Beide haben jedoch deutlich unterschiedliche Positionen zum Thema.  Elizabeth Bartholet von der Harvard Law School ist aktive Befürworterin internationaler Adoptionen und sieht in dem Recht auf Familie eines verlassenen Kindes ein Menschenrecht, das andere Kriterien wie zum Beispiel das Recht auf die eigene Kultur und die Beziehung zur ersten Familie überwiegt. David Smolin von der Cumberland Law School ist selbst von Kinderhandel beschädigter Adoptivvater und steht Internationalen Adoptionen kritisch gegenüber.

Der Meinungsaustausch arbeitet die kritischen Punkte sehr deutlich heraus:
  •  Zum Thema Kinderhandel und Korruption argumentiert Frau Bartholet, dass es keine Beweise dafür gäbe, wie weit verbreitet das Problem Korruption in Internationalen Adoptionen tatsächlich sei. Nach ihrer Einschätzung sei es ein marginales Problem, auf das man mit der Bestrafung der Täter antworten könne, ohne das System ändern zu müssen. Smolin argumentiert hingegen, dass die hohen Geldbeträge automatisch das gesamte System korrumpieren.
  • Zum Thema Subsidiarität argumentiert Frau Bartholet, dass es keinen Grund gäbe lokale Adoptionen internationalen Adoptionen vorzuziehen, da man wisse, dass Kinder sich gut in einem neuen Umfeld zurecht finden. David Smolin erwidert, dass das Trauma von Trennung und Adoption in dieser Betrachtung nicht berücksichtigt werde.
Die interessanteste Aussage in dem Beitrag betrifft jedoch die Reduzierung der Adoptionen in Äthiopien. Frau Bartholet gibt UNICEF gemeinsam mit der US amerikanischen Regierung die Verantwortung für die Reduzierung der Adoptionen aus Äthiopien. Sie schreibt, dass beide die äthiopische Regierung nicht nur unter Druck gesetzt sondern diesen Druck auch mit einem hohen Geldbetrag verknüpft haben. Eine Hilfeleistung der USA in Höhe von $100 Mio., von denen 10% über UNICEF ausgeschüttet würden, sei der Preis für die Reduzierung äthiopischer Adoptionen gewesen.

"Those I consulted with, who had decades of experience on the ground there and reason to know what was going on, thought the quid pro quo clear -- shut down international adoption and we’ll give you $100 million USD. Why isn’t this kind of apparent deal characterized as corruption? Why isn’t it condemned as harmful to children, shutting off the international adoptive homes that represent for many their best option? Why isn’t Smolin interested in investigating any corruption or other misuse of funds given to organizations like UNICEF for incountry work?"

Da diese Behauptung immerhin von einer Professorin einer führenden rechtswissenschaftlichen Fakultät kommt, kann man sie nicht so einfach zur Seite legen. Angesichts der starken Adoptionslobby in den USA kann man sich zudem durchaus vorstellen, dass das amerikanische Außenministerium einerseits den Adoptionstourismus nach Äthiopien eindämmen und andererseits sich mit dieser Lobby nicht anlegen wollte. Insgesamt zeigt diese Erklärung in erster Linie eines: Dass internationale Adoptionen ein politisch hoch sensibles Feld sind, in dem es kaum um Kinder aber viel um Politik geht.


Elizabeth Bartholet and David Smolin: THE DEBATE. In: INTERCOUNTRY ADOPTION: Policies, Practices, and Outcomes (edited by Judith L. Gibbons and Karen Smith Rotabi, Ashgate LTD forthcoming June 2012)

Dienstag, 14. Februar 2012

Eltern für Afrika schließt Transitheim

Eltern für Afrika meldet auf seiner Website folgende strukturelle Veränderungen:
"Bei einem Treffen von in Äthiopien tätigen Vermittlungsstellen mit dem Ministry of Women's and Children's Affairs in Addis Abeba, teilte der zuständige Minister mit, dass in Transitkinderheimen in Zukunft grundsätzlich nur Kinder für die Zeitspanne nach Gerichtstermin und Abholung durch die Adoptiveltern aufgenommen werden dürfen. Weil es sich dabei nur um eine Zeitspanne von ca. 2-3 Wochen handelt, haben wir uns entschieden unser Transitkinderheim in Addis Abeba aufzulösen und die bereits vorhandene und gut funktionierende Zusammenarbeit mit anderen Kinderheimen fortzuführen und zu verstärken."
Die Schließung weiterer privater Kinderheime in Äthiopien ist in diesem blog mehrfach thematisiert worden. Daher kommt die Ankündigung keineswegs überraschend. Auch das Für und Wider von Transitheimen wurde besprochen:
"Transitheime ausländischer Adoptionsvermittlungsstellen sind problematische Einrichtungen. Einerseits folgen sie ein wenig dem Modell der Bereitschaftspflege, wie sie in Deutschland praktiziert wird. Anderseits tragen sie zum Aufbau einer Nachfragestruktur bei und die Vermittlungsstellen sind schon aus finanziellen Gründen darauf angewiesen, dass neue Kinder ins Heim kommen."
Da Transitheime besser ausgestattet sind als staatliche Kinderheime, geben sie weitere Anreize für Eltern, ihre Kinder zur Adoption freizugeben anstatt sie vielleicht nur vorübergehend einem Heim anzuvertrauen. Sie blockieren auch weitere Investitionen in staatliche Heime. Die Mittel, die Eltern für Kinder für ihr Transitheim aufgewandt haben, wären bessser in staatliche Heime oder andere Formen der Pflegschaft geflossen. Auch wenn die Beweggründe des Ministeriums andere sein mögen, ist es daher letztlich richtig, Transitheime zu schließen und stattdessen allein auf die Kooperation mit staatlichen Heimen zu setzen. Es ist schade, dass es einer Anweisung des Ministeriums bedurfte, um diese von amerikanischen Vermittlungsstellen vorangetriebene Fehlentwicklung zu korrigieren. Aber es bleibt zu hoffen, dass die äthiopischen Vermittlungsverfahren sich langsam zum Besseren wandeln.


Donnerstag, 9. Februar 2012

Said - Unser Kind von fremden Eltern

Said ist das Kind einer Inderin und eines Afghanen, die als Flüchtlinge nach Deutschland kommen. Seine Mutter geht kurz nach seiner Geburt zurück nach Indien; der Vater wird bei einem Unfall schwer verletzt, als Said drei Jahre alt war, und liegt seitdem im Wachkoma. Der Junge lebt bei der Familie des Onkels, die jedoch nicht bereit ist, ihn auf Dauer aufzunehmen.



Ute Mings und ihr Mann bewerben sich um ein Adoptiv- oder Pflegekind und nach langen Irrungen wird ihnen Said vorgestellt. Er ist sechs Jahre alt und Ute ist seine vierte Mutter. Ute Mings schreibt über die nachfolgenden Jahre intelligent und reflektiert. Vieles wird Adoptiveltern von älteren Adoptivkindern bekannt vorkommen: das Schwanken zwischen Nähe und Distanz; das Zurückfallen ins Kleinkindalter; die Motivationsprobleme in der Schule und die Suche nach Anerkennung.

Aus einem wilden und charmanten Kind wird ein störrischer und ablehnender Teenager. Viele der Auseinandersetzungen können Eltern von Teenagern - besonders von Jungen - generell bestätigen: die Selbstüberschätzung und Selbstzweifel, fehlende Einsicht, der Drang nach Freiheit und die Bedeutung der Bestätigung durch Freunde. Said ist vielerlei Hinsicht ein normaler Teenager; aber ein extremer. Er bringt den Eltern kaum Freude sondern viel Stress ein. Das Familienleben besteht aus Streit und Schulstress. Schulwechsel und Schulabbruch sind die Folge.

Das Buch beschreibt offen die Selbstzweifel der Autorin, die bis an den Punkt kommt, die Familie verlassen zu wollen, es aber nicht tut. Einmal fragt Said seine Mutter, was sie gerne gehabt hätte. Sie antwortet, sie hätte gerne mehr Geld gehabt, um ihn ein Internat zu schicken, wo er hätte lernen müssen. Er sagt darauf "Bloß nicht!"

Am Ende des Buches hat die Familie zu sich gefunden. Said hat zwar noch immer keine Arbeit und die Ausbildung als Schreiner scheitert an seinen Noten. Aber er hat sich gefangen und eine Freundin, die ihn stabilisiert. Die Konflikte haben sich gelegt.

"Said - Unser Kind von fremden Eltern" ist ein ehrlicher und offener Bericht über die Herausforderungen mit Kindern zu leben, die in ihren ersten Lebensjahren vernachlässigt und abgeschoben wurden und ihr Leben lang darunter leiden. Es ist gut geschrieben und lesenswert.    

Mittwoch, 8. Februar 2012

Weitere Kinderheimschließungen in Äthiopien

Ein aufschlussreicher Artikel in Christianity Today beleuchtet die aktuelle Situation von Auslandsadoptionen in Äthiopien. Neue Vorschriften des äthiopischen Frauenministeriums (MOWA) haben nicht nur die Zahl der Anträge reduziert, die die Behörde täglich prüft und damit den Adoptionsprozess verlängert. Zusätzlich hat die Regierung vorgeschrieben, dass alle verlassenen Kinder zunächst in einem staatlichen und nicht privaten Kinderheim untergebracht werden müssen, um das Einsammeln von Kindern (Harvesting) zu verhindern. Mindestens 25 private Kinderheime wurden danach im letzten Jahr und weitere 20 werden voraussichtlich in den nächsten Monaten geschlossen. Viele dieser privaten Kinderheime hatten direkte Verbindungen mit Vermittlungsstellen in westlichen Ländern.

Der Artikel zitiert auch Schwester Lutgarda Camilleri vom Kidane Mehret Children's Home in Addis Abeba. Sie unterstützt die neuen Vorschriften, obwohl sie ihre Arbeit erschweren. Viele Kinder in Kidane Mehret seien aufgrund ihres Alters oder Gesundheitszustands nicht adoptierbar. Mit den neuen Vorschriften kommen weniger Kleinkinder ins Kidane und damit auch weniger Interesse von Adoptiveltern. Weniger Interesse bedeutet zugleich auch weniger finanzielle Unterstützung für die Kinder, die nicht adoptiert werden können.

"When we had babies, people came here and when they came, they would sponsor these older children," sagte Camilleri. "Right now we have three children who are siblings; they are 8, 13, and 15. They have to be adopted together. But tell me: Who is going to take a 15-year-old with AIDS?"

Diese Form der Subventionierung älterer nicht adoptierbarer Kinder durch internationale Adoptionen ist in äthiopischen Kinderheimen die Regel. Spenden kommen in erster Linie von Adoptiveltern. Ein Rückgang von Adoptionen trifft daher die Kinderheime insgesamt. Allerdings kann dies kein Grund sein, zweifelhafte und teils kriminelle Verfahren zu tolerieren.

Der Artikel schließt mit der Beobachtung, dass weder die Vorschriften noch internationale Adoptionen an sich das Problem lösen.  

Dienstag, 7. Februar 2012

Stellungnahme der Kinderkommission

Die Kinderkommission des Deutschen Bundestages hat bereits im November 2011 eine Stellungnahme zum Thema „Kinderrechte“ abgegeben, auf die wir erst jetzt aufmerksam wurden. Darin berichtet die Kinderkommission über ihre Arbeit in der 17. Wahlperiode. Zum Thema Adoptionen führt die Kinderkommission aus:

"Bei allen Adoptionen muss das Kindeswohl im Mittelpunkt stehen. Deshalb sollten diese sorgfältig durch eine staatlich anerkannte Fachstelle begleitet werden. Die Kinderkommission macht sich daher für eine Unterbindung von unbegleiteten Adoptionen stark. Die entsprechenden gesetzlichen Regelungen zu Optimierung von (vor allem) Auslandsadoptionen sollten auch die Zuständigkeiten im gesamten Auslandsadoptionsgeschehen klar regeln. So könnte die Schaffung eines Kompetenzzentrums, die Trennung von Vermittlung, Zulassung und Aufsicht sowie die Etablierung einer aussagekräftigen internationalen Adoptionsstatistik sinnvoll sein."

Die Empfehlungen der Kinderkommission sind aus der Sicht von Adoptiveltern in jedem Fall zu unterstützen. Unbegleitete Adoptionen sind keine Option in einer Welt, in der fast täglich Fälle von Korruption und Kinderhandel in der internationalen Adoption berichtet werden. Klarere Regelungen zur Auslandsadoptionen müssen sich mit dem Verhalten von Vermittlungsstellen in den Sendeländern auseinandersetzen, insbesondere mit der mangelhaften Dokumentierung der Herkunft von Kindern und den geflossenen Geldzahlungen an Mittelspersonen. Ein Kompetenzzentrum könnte und sollte die Forschungslage zum Thema Adoption verbessern und könnte viele der von uns hier thematisierten Probleme bearbeiten. Dazu gehören neben den Fragen zum Vermittlungsprozess auch die Beratung und Vorbereitung von Eltern in Deutschland und die Hilfe für Eltern mit stark traumatisierten Kindern. Es ist illusorisch, dass in Zeiten leerer Kassen die Bundesregierung ein solches Kompetenzzentrum ausstatten würde. Aber es sollte im Interesse aller sein, die mit internationaler Adoption in Berührung sind,  diese Fragen systematischer anzugehen, als es zurzeit der Fall ist.