Samstag, 27. August 2011

Die Rückgabe illegal adoptierter Kinder

Ein Gericht in Guatemala hat vor einigen Wochen die Rückgabe eines in die USA adoptierten sechsjährigen Mädchens angeordnet. Karen Abigail  - mit richtigem Namen Anyelí Liseth Hernández Rodríguez -wurde im Alter von 2 Jahren vor dem Haus ihrer Eltern in Guatemala entführt. Ihre Eltern zeigten die Entführung sofort bei der Polizei an. Dennoch suchte die Mutter vier Jahre lang nach ihrer Tochter und musste in einen Hungerstreik treten, damit die Behörden ihr bei der Suche halfen. Sie fand das Foto ihrer Tochter in Akten von Kindern, die in die USA adoptiert wurden. Die Adoption basierte auf gefälschten Dokumenten und Zeugenaussagen sowie einer gefälschten DNA. Mittlerweile wurden acht Personen im Zusammenhang mit dem Kinderhandel in Guatemala vor Gericht gestellt. Den Adoptiveltern droht ein Zwangsgeld von $380 und die Einschaltung von Interpol, wenn sie das Kind nicht aushändigen.

Es gibt keinen Hinweis darauf, dass die Adoptiveltern von der Entführung und den gefälschten Papieren wussten. Bislang äußerten sich die Adoptiveltern vor der Presse über eine Mitteilung, in denen sie aussagten, dass sie "weiterhin für die Sicherheit und Interessen ihres legal adoptierten Kindes eintreten. Sie werden dafür sorgen, dass ihre Tochter vor einer weiteren Traumatisierung geschützt wird und werden die wahre Herkunft durch legale Kanäle feststellen lassen."

Das Gerichtsurteil ist wegweisend im Umgang mit kriminellen Praktiken in internationalen Adoptionen und ein Präzendenzfall. Es ist schwer abzusehen, ob das Urteil in den USA vollstreckt werden kann. Sollte es vollstreckt werden?

Für Adoptiveltern kommt dieser Fall und das Urteil einem Albtraum gleich. Dem Kind und seinen Eltern wurde großes Unrecht angetan. Ein kleines Kind wurde ohne Not von seinen Eltern getrennt und zur Adoption freigegeben. Die Motive der Täter waren eindeutig kriminell. Ein klarer Fall von Kinderhandel. Die Konsequenz der Rückgabe "ihres Kindes", um das sie sich vier Jahre lang als Eltern gekümmert haben, ist herzzerreißend und für alle Beteiligte tragisch. Dennoch gibt es aus ethischer Perspektive kaum einen Grund, sich diesem Anliegen zu verweigern.

In dem hier beschriebenen Fall fehlte der Adoption die rechtliche wie auch die ethische Grundlage. Das Kind hat leibliche Eltern, die für es sorgen können und wollen. Die Rechte der Eltern und des Kindes wurden durch die Entführung massiv verletzt. Das Kind wurde in einem frühen Alter durch die Entführung traumatisiert.

Die Adoptiveltern könnten (und werden wahrscheinlich) argumentieren, dass eine Rückgabe das Kind erneut traumatisiert und nicht seinem Wohl dient. Das ist zwar möglich; die Alternative ist allerdings nicht weniger traumatisierend: Sie würden dem Kind seine leiblichen Eltern vorenthalten, die es aus legitimen Gründen zurückfordern. Ihr eigene Elternrolle würde auf einer Straftat basieren, an der sie zwar keinen Anteil hatten, ohne die sie jedoch das Kind nicht hätten adoptieren können.

Man kann auch nicht als Grund anführen, dass das Kind in einen neuen Kulturkreis versetzt würde, dessen Sprache und Gebräuche es nicht kennt. Das ist in Auslandsadoptionen gang und gäbe.

Wir wissen noch nicht, welchen Weg die Adoptiveltern einschlagen werden. Sie können in Guatemala in Berufung gehen und es ist wahrscheinlich, dass sie sich gegen das Urteil wehren. Man kann nur hoffen, dass sie und die leiblichen Eltern eine gemeinsame Lösung im Interesse von Anyeli suchen und finden.

Samstag, 20. August 2011

Ein Medienpreis?

Die Kindernothilfe vergibt jährlich einen Medienpreis, um herausragende Publikationen und Filme auszuzeichnen, die in besonders eindringlicher Weise die Not von Kindern thematisieren. Wie die Kindernothilfe mitteilte, stehen die Nominierungen für den diesjährigen Medienpreis nun fest. Dazu gehört auch der taz-Artikel "Der verlorene Sohn" von Greta Taubert und Benjamin Reuter, der letztes Jahr im Mai erschien. Der Artikel behandelte die Geschichte eines äthiopischen Jungen, der von seinen Eltern abgegeben und nach Deutschland adoptiert wurde. Sein Vater hatte die Mutter für tot erklärt, um die Adoption zu ermöglichen. Ein typischer Fall für ethische Probleme in der Adoptionsvermittlung - ermöglicht durch die verzweifelten Lage einer Familie und ausgebeutet für politische Zwecke.

Während die Vortäuschung des Tods der Mutter und die dadurch erfolgte Abgabe des Kindes ein schwerwiegender Eingriff in seine Rechte ist, und in jedem Fall ein lohnenswertes Thema für investigativen Journalismus darstellt, muss die Nominierung des Artikels jedoch für alle überraschend sein, die ihn gelesen haben. Der Artikel gehört leider in die Kategorie Kampagnenjournalismus. Er klärt nicht auf und recherchiert auch wenig über die Hintergründe internationaler Adoptionen sondern reproduziert die Argumente einer bestimmten Lobbygruppe, die gegen Auslandsadoptionen vorgeht und die den Autoren entsprechende Informationen zur Verfügung gestellt hat. Diese wurden mit alt bekannten Stereotypen und einem Einzelschicksal versehen und in einer reißerischen Sprache in eine Story verwandelt.

Da geht es um eine Frau, die sich ein „schönes Baby“ wünscht; Eltern, die „investieren“, dem Leiter einer Adoptionsagentur mit einer Hautfarbe „die von häufigen Afrikaaufenthalten zeugt“ und Adoptiveltern, die sich in Internetforen verschanzen und die Öffentlichkeit scheuen. (Letzteres ist nur zu verständlich, wenn man sich die hier gewählte Form der Öffentlichkeit betrachtet. In der Darstellung wurden die Persönlichkeitsrechte der Adoptivfamilie verletzt, indem der Artikel von einem Bild begleitet wird, auf dem die Familie leicht erkennbar ist, und der im Artikel verwandte Name des Kindes auch Aufschluss auf die Familie gibt.)

Warum die Berichterstattung über ethische Fragen in Auslandsadoptionen grundsätzlich nur zwischen den Extremen 'abzulehnender Kinderhandel' oder 'lobenswerte Kinderrettung' pendelt, bleibt weiterhin eine offene Frage. Es wäre jedenfalls schade, wenn die Jury des Medienpreises diese Schwarzweissmalerei unterstützen würde.

 

Mittwoch, 17. August 2011

Update Schließung von Kinderheimen

Das amerikanische Außenministerium informierte bereits am 3. August auf seiner Webseite über die Schließung der folgenden Kinderheime durch die äthiopische Regierung. Es wurden keine weiteren Gründe angegeben:
  • SOS Infants Ethiopia (Arbaminch, Dilla, and Awassa branches)
  • Gelgella Integrated Orphans (Tercha and Durame branches)
  • Bethzatha Children’s Home Association (Sodo, Hosaena, Dilla, and Awassa branches)
  • Ethio Vision Development and Charities (Dilla branch)
  • Special Mission for Community Based Development (Hosaena branch)
  • Enat Alem Orphanage (Awassa branch)
  • Initiative Ethiopia Child and Family Support (Awassa branch)
  • Resurrection Orphanage (Hosaena branch)

Samstag, 13. August 2011

Die Wahrheit äthiopischer Adoptionen

Ein neuer blog amerikanischer Adoptivmütter von äthiopischen Kindern gibt Adoptiveltern eine Plattform, um ihre persönliche Erfahrungen mit Adoptionen aus Äthiopien zu berichten. Er gibt einen guten Einblick in die unethischen Praktiken von (amerikanischen) Vermittlungsstellen und Kinderheimen. Die Berichte sind leider nicht untypisch.

Freitag, 22. Juli 2011

Berichte über Schließungen äthiopischer Kinderheime

Das amerikanische Außenministerium informiert aktuell  über die Schließung von Kinderheimen in Südäthiopien.

Wie zudem aus amerikanischen Adoptionsforen bekannt wurde, wurde bereits im Mai dem Waisenhaus Mussie in Hossana die Lizenz entzogen. Zwei Mitarbeiter, darunter auch der Direktor, wurden inhaftiert. Nach Angaben amerikanischer Vermittlungsstellen stand die Schließung des Heims im Zusammenhang mit nicht erfolgten Sozialprojekten, zu denen sich Heime in Äthiopien verpflichten müssen, um ihre Lizenz zu erneuern.

Bis 2009 firmierte Mussie unter dem Namen Bethzada (auch Bethzatha, Bethsaid, Bethezata, Betezatha, Bete zieda oder Bethsaida geschrieben). Bethzatha war angeblich an der Fälschung von Dokumenten für die Vermittlungsstelle Better Future Adoption Services beteiligt, der im Dezember 2010 die Lizenz entzogen wurde.

Schließlich gibt es einen neuen Blog, der sich seit einigen Wochen exklusiv mit der Schließung äthiopischer Kinderheime beschäftigt. 

KIDMIA

Es gibt nun in Addis Abeba eine Organisation, die sich für lokale Adoptionen einsetzt. KIDMIA hat zum Ziel vor Ort Lösungen für die verlassenen Kinder in Äthiopien zu finden. Eine Barriere für einheimische Adoptionen sind die Finanzmittel, die über Auslandsadoptionen ins Land kommen:

"There are many international adoption agencies working in Ethiopia but none are actively working in promoting or facilitating domestic adoption. Local orphanages that work with these organizations are reluctant to make children available for domestic families because of the large amount of money that is involved when children are adopted internationally. One particular director let us know in no uncertain terms that it ‘was a survival issue’ as they depended on the money from international adoptions to maintain their institutions." 

Donnerstag, 21. Juli 2011

Spielt das Alter eine Rolle?

Sollte es eine Altersgrenze für adoptierte Kinder geben? Im Prinzip gibt es keinen Grund, Adoptionen auf kleine Kinder oder gar Säuglinge zu begrenzen. Ältere Kinder haben oft eine natürliche Bindung mit ihren leiblichen Eltern erfahren und können daher neue Bindungen besser eingehen als solche, die ihre ersten Lebensmonate im Heim verbrachten.

Allerdings haben Kinder, die älter sind als sieben Jahre, kaum noch eine Chance vermittelt zu werden. In der Realität führt die Altersgrenze dazu, dass das Alter von älteren Kindern um bis zu drei Jahre nach unten manipuliert wird, um sie dennoch zu vermitteln. Mit schwerwiegenden Folgen.

Die Neun- bis Zehnjährigen, in der Regel Mädchen, die als angeblich erheblich jüngere Kinder adoptiert werden, sind häufig Opfer von Trennungen, Gewalt und Misshandlungen durch Stiefeltern, abgeschoben in die weitere Verwandschaft und zu harter Arbeit herangezogen. Von dort laufen sie weg und enden auf dem Merkato oder auf der Landstraße, wo sie von der Polizei und den örtlichen Behörden aufgegriffen werden. Sie haben schlimme Erlebnisse hinter sich, waren auf sich gestellt und mussten um ihr Überleben kämpfen.

Nun kommen sie in eine deutsche Familie, die zunächst das angegebene Alter glauben und dem Kind die Kindheit zurückgeben möchte, die es schon weitgehend verloren hat. Die Eltern stehen dem Autonomiebedürfnis und Misstrauen ihres Kindes hilflos gegenüber. Das Kind wird angeblich altersentsprechend in das erste Schuljahr eingeschult. Seine Schulkameraden sind behütete jüngere Kinder, deren Sprache es nicht spricht und deren Geschichten und Spiele ihm wenig sagen. Neben Sprach- und Lernschwierigkeiten kommt die nahende Pubertät und die damit verbundenen Machtkämpfe mit den Eltern, ohne dass das Kind jemals als Kind bei seinen Adoptiveltern wirklich ankommen konnte. Die Familie erlebt eine schwere Belastungsprobe, auf die sie in keiner Weise vorbereitet war, als sie sich für ein älteres Kind entschied.

Es ist ein fundamentaler Unterschied, ob ein Kind bei seiner Adoption sechs oder neun Jahre alt ist. Es ist kein Kavaliersdelikt, das Alter von Kindern nach unten zu manipulieren und die Herkunft dieser Kinder im Dunkeln zu lassen. Auch wenn grundsätzlich nichts dagegen spricht, auch Zehnjährige zur Adoption freizugeben und ihnen durch die deutsche Schullaufbahn zu helfen, müssen sich alle Beteiligte freiwillig und bewusst für diese Aufgabe entscheiden. Sie müssen sehr spezifisch darauf vorbereitet werden, um die richtige Einstellung zu ihrem Kind zu entwickeln. Damit sie nicht nicht unter Vorspiegelung eines angeblich jüngeren Kindes eine böse Überraschung erleben. 

Mittwoch, 20. Juli 2011

Eine Reformagenda der Internationalen Adoption

Seit mehreren Jahren findet man Berichte über unethische Praktiken in der Vermittlung von Adoptivkindern aus Äthiopien in den Medien. Es gibt Hinweise von offiziellen Stellen darauf, dass im Land Strukturen entstanden sind, in denen Kinder aktiv und teilweise unter dem Einsatz krimineller Methoden zu Sozialwaisen gemacht werden, um sie ins Ausland zu vermitteln. Dabei ist das primäre Motiv vieler Beteiligter ein finanzielles, kein humanitäres. Es besteht eine wachsende Nachfrage nach Kleinkindern, und auch ältere Kinder werden aus bestehenden Familienverbänden zum Zweck der Adoption herausgegeben. Die Eltern hoffen, dass ihre Kinder durch eine Adoption ins Ausland Entwicklungschancen haben, die sie ihnen nicht bieten können. Um die Abgabe zu vereinfachen, werden Papiere gefälscht und falsche Angaben gemacht. Damit wird den Kindern ihre Herkunft geraubt und die Basis für eine neue Familienanbindung untergraben.

Als Adoptiveltern wissen wir, dass Äthiopien derzeit nicht in der Lage ist, für alle seine elternlosen Kinder vernünftig zu sorgen. Auslandsadoptionen sind Maßnahmen der Einzelfallhilfe, die jedoch das Problem von Armut und fehlender Entwicklung nicht lösen können - und das auch gar nicht wollen. Diese grundsätzlich sinnvolle Praxis der Einzelfallhilfe wird jedoch durch unethische Praktiken zunehmend unterlaufen.

Wir fordern die zuständigen Stellen auf, folgende Maßnahmen zu ergreifen, um kriminelle Praktiken (Kinderhandel, Betrug, Korruption, Urkundenfälschung) in Auslandsadoptionen zu bekämpfen:

  1. Adoptionen dürfen nur noch auf der Grundlage einer möglichst umfassenden und lückenlosen Dokumentation der leiblichen Familie des Kindes und der Umstände der Abgabe ins Heim erfolgen. Zeugenaussagen über die Abgabesituation müssen eingeholt und dokumentiert werden. Vermittlungsstellen sind für den Wahrheitsgehalt der Dokumentation verantwortlich. Gerichte und Jugendämter sind gehalten, diese Informationen von den Vermittlungsstellen einzufordern.
  2. Vermittlungsstellen sind zudem gehalten, im Regelfall Kontakte zwischen Adoptiveltern und Herkunftsfamilie herzustellen und aufrecht zu erhalten. Dies verhindert Falschaussagen über die Familiensituation und hilft dem Kind in seiner weiteren Entwicklung.
  3. Alle Zahlungen im Zusammenhang einer internationalen Adoption müssen belegt und gerechtfertigt sein. Zahlungen an Familien und Mittelsmänner für die Abgabe von Kindern müssen durch Kostentransparenz unterbunden werden. Unkostenerstattungen müssen dem realen Aufwand entsprechen. Ansonsten sind sie eine verdeckte Form des Kinderhandels.

Donnerstag, 14. Juli 2011

Ethische Werte in Adoptionen - Vortrag von Ron Nydam

Ist Adoption überhaupt ethisch? In den USA gibt es mittlerweile eine breite Bewegung von Adoptierten und leiblichen Müttern, die Adoptionen aus ethischen Gründen grundsätzlich ablehnen. Zu viele Lügen, Druck und Scham im Adoptionsprozess überschatten das Leben vieler von Adoption Betroffener.

Auf der Jahresversammlung des American Adoption Congress im April 2011 in Orlando hielt Ron Nydam einen bemerkenswerten Vortrag über Ethik in Adoptionen. Das Problem sei nicht die Institution der Adoption. Das Problem sei, dass Adoptionen in den USA heute unethisch durchgeführt werden.

Er betonte vier ethische Grundsätze:
  1. Bedürftige Kinder brauchen Schutz und Fürsorge. Adoption an sich ist ein ethisch positiver Wert.
  2. Leibliche Eltern sind für ihre Kinder verantwortlich. Eltern können ihre Kinder zur Adoption freigeben, aber sie dürfen dies nicht anonym tun. Das gilt auch für Eizell- und Samenspenden. Anonyme Abgaben von Kindern sind vielleicht legal, sie sind aber nicht ethisch vertretbar.
  3. Menschen, insbesondere junge Menschen, müssen vor Unrecht geschützt werden. Unrecht ist, wenn Adoptierte keinen Zugang zu ihrer Herkunft haben, wenn sie nicht trauern dürfen, wenn sie bewusst in Unwissenheit gehalten werden. Die Aufgabe von Adoptiveltern ist es, ihren Kindern dabei zu helfen, Trauer zu zeigen.
  4. Alle Beteiligte an Adoptionen müssen ihren Standpunkt zeigen könen. Es geht um Lernen, Verstehen und Dialog. Gegenseitiger Respekt ist das Gegenteil von Scham.
Viele seiner Ausführungen gelten auch für Auslandsadoptionen. In den USA ist die Debatte aufgrund der Praxis der geschlossenen Adoption und der hohen Zahlen von Adoptionen polarisierter und emotionaler als bei uns. Aber die von Ron Nydam ausgeführten Werte und Grundsätze ethischer Adoptionen sind auch für uns eine gute Grundlage für weitere Diskussionen und Dialoge.   

Montag, 11. Juli 2011

Opfer des Adoptionsbooms

Adoptionen und Korruption in Äthiopien ist das Thema eines neues Projekts des Pulitzer Centers für Krisenberichterstattung. Kathryn Joyce, die vor kurzem einen lesenswerten Artikel in der Zeitschrift The Nation über den missionarischen Einsatz Evangelikaler Christen für Adoptionen veröffentlichte, berichtet nun im Rahmen des Pulitzer Centers spezifisch über Adoptionen aus Äthiopien. In ihrem letzten Posting geht sie darauf ein, wie amerikanische Vermittlungsagenturen mit der Begrenzung der Vermittlungszahlen durch die äthiopische Regierung umgehen.

Freitag, 8. Juli 2011

Von Profit und Kosten

Welche Kosten einer Adoption sind angemessen? Auslandsadoptionen kosten je nach Land zwischen 10.000 und 20.000€. Darin inbegriffen sind die Verwaltungskosten in Deutschland und im Herkunftsland sowie Zahlungen für Projekte der Vermittlungsstellen und Unkostenerstattungen an das Heim.

Sowohl die Projektspenden als auch die Unkostenerstattungen an die Heime stellen bereits ein ethisches Dilemma dar. Die äthiopische Regierung koppelt die Zulassung der Vermittlungsstelle mit dem Unterhalt sozialer Projekte, die entweder von der Vermittlungsstelle selbst oder von der Regierung betrieben werden können. Zudem erstatten Adoptiveltern den Heimen die Unterhaltskosten für die Zeit, die das Kind im Heim ist. Diese Zahlungen geben dem Heim eine klare finanzielle Präferenz für Adoptionen im Unterschied zur Rückkehr in die Familie, die diesen Beitrag nicht aufbringen kann. Potenziell besteht hier ein Einfallstor für Korruption und lukrative Einnahmequellen für die Betreiber von Heimen. In dem kürzlich aufgedeckten Korruptionsskandal in Adoptionen aus China spielten (allerdings sehr viel höhere als die derzeitigen Kostenübernahme der Heimunterkunft in Äthiopien) 'freiwillige' Spenden von Adoptiveltern an Heime eine wichtige Rolle für die Herausbildung krimineller Strukturen. Andererseits hat das Heim auch einen legitimen Anspruch darauf, dass seine Kosten gedeckt werden und die Adoptiveltern sind diejenigen, die diesen Anspruch am ehesten erfüllen können. Das Gleiche gilt für die Unterstützung sozialer Projekte in einem Land, das keinen eigenen Kinderschutz finanzieren kann.

Wichtig ist, dass Vermittler und Heime aus der Vermittlung von Kindern keinen finanziellen Vorteil ziehen können. Das gilt insbesondere in Situation, in denen Heime für die Abgabe von Kindern zu zahlen bereit sind. Unangemessene und unkontrollierte Zahlungen führen immer wieder dazu, dass Kinder adoptiert werden, die nicht adoptiert werden müssten. Bessere Regulierung, Kostentransparenz und eine klare Überprüfung der Bedürftigkeit der Kinder sind die einzige Antwort für dieses Problem. Hier sind die Vermittlungsstellen gefordert. Was können Eltern tun? Sie können darauf bestehen, dass ihnen mitgeteilt wird, warum und von wem die Kinder im Heim abgegeben wurden, welche Beträge an die Heime gezahlt werden und ob das Heim selbst für die Abgabe des Kindes gezahlt hat. Diese Fragen müssen gestellt und beantwortet werden, damit das wichtigste Bindeglied in der Adoptionskette - die Abgabe ins Heim - transparent gestaltet wird. 

Montag, 4. Juli 2011

Dürre und Hunger in Äthiopien

In den letzten Tagen häuften sich die Meldungen über eine drohende Hungersnot in Äthiopien. Der Spiegel berichtete, dass über zehn Millionen Menschen am Horn von Afrika durch die schwerste Dürre seit 60 Jahren vom Hunger bedroht sind.

Nach Angaben der UNO sei in Äthiopien der Verbraucherpreisindex für Lebensmittel seit Mai im Vergleich zum Vorjahr um fast 41 Prozent gestiegen. Über drei Millionen Menschen in Äthiopien sind vom Hunger bedroht.

Unicef weist darauf hin, dass die anhaltende Dürre am Horn von Afrika vor allem Kleinkinder schwer trifft. In der Region seien 1,8 Millionen Kleinkinder unter fünf Jahren auf zusätzliche Versorgung angewiesen.

Spenden nehmen Oxfam oder Unicef entgegen.

Samstag, 2. Juli 2011

(K)eine normale Familie

Die meisten Adoptiveltern wünschen sich eine normale Familie. Eltern adoptieren, weil sie entweder keine eigenen Kinder bekommen können oder weil sie zusätzlich zu ihren leiblichen Kindern weiteren Kindern eine Familie bieten wollen. Sie hoffen, mit ihren adoptierten Kinder eine normale Familie werden zu können und tun oftmals alles, um den Anschein der Normalität aufrecht zu erhalten. Dazu gehört zum Beispiel, dass die Dokumente der Kinder (Geburtsurkunde) keinen Hinweis auf ihre leiblichen Eltern oder die Adoption enthalten sollen. In der Familie nimmt das Kind den Platz eines leiblichen Kindes ein.

Und obwohl die Kinder sich auch nichts anderes wünschen als eine normale Familie, ist die Adoptivfamilie anders. Das wird insbesondere den Eltern schmerzlich bewusst, die bereits leibliche Kinder haben und sich stark genug fühlen, weitere Kinder zu adoptieren. Sie erfahren, wie durch die Adoption ihre Familie verändert und auch das Verhältnis zu ihren leiblichen Kindern neu definiert wird. Ihre 'alte' Familie geht unwiederbringlich verloren.

Während das Anderssein zunächst nichts Negatives sein muss, entsteht aus der Inkongruenz zwischen Erwartung und Realität ein ethisches und tatsächliches Problem. Wenn Adoptiveltern eine normale Familie erwarten und ihre adoptierten Kinder wie leibliche Kinder behandeln, laufen sie Gefahr, viele Bedürfnisse ihrer Kinder nicht zu erkennen und auf ihre Kinder falsch zu reagieren. Adoptivkinder haben die Trennung von ihrer Familie erlebt und in vielen Fällen Misshandlungen, Vernachlässigung, Hunger und Lieblosigkeit. Die Liebe ihrer neuen Eltern ist häufig nicht genug, um diese Erfahrungen zu kompensieren. Der 'Normalität' obwohl von allen Seiten gewünscht fehlt die Grundlage von Vertrauen und Zuversicht.

Das Buch "Survival Tipps für Adoptiveltern" von Christel Rech-Simon und Fritz B. Simon macht eindrucksvoll auf diese Falle aufmerksam und ist daher Pflichtlektüre für alle zukünftige Adoptiveltern. Sie erklären, wie 'normale' Erziehungsmethoden bei Adoptivkindern das Gegenteil bewirken können. Die Bücher von Bettina Bonus sind sehr aufschlussreich auch für Eltern von Kindern, die nicht traumatisiert sind.

Für derzeitige und zukünftige Adoptiveltern ist es von zentraler Bedeutung, sich einzugestehen, dass über den Weg der Adoption keine normale Familie gegründet werden kann. Die neue Familie, die durch Adoption entsteht, ist anders. Sie ist gegründet auf dem fundamentalen Verlust des Kindes seiner eigenen Eltern und seiner leiblichen Familie. Dieser Verlust wird die Adoptivfamilie begleiten, prägen und auf immer verändern. Dieses zu akzeptieren und zu verstehen ist ein großer Schritt für die neue Familie. Ihn zu negieren, verharmlosen und verschweigen, führt zu Scham, Frustration und Konflikten.

Zurzeit wird in der Vorbereitung zukünftiger Adoptiveltern die Situation des verlassenen Kindes sehr wenig thematisiert. Zu sehr konzentrieren sich Vorbereitungsseminare auf die Aufnahmesituation in die neue Familie und die Bindung an die neue Familie mit der Hoffnung, dass diese dann zu einer 'normalen' Familie mutiert. Das ist eine Illusion. Ohne den Verlust des Kindes zu verstehen und als integralen Bestandteil der neuen Familie zu akzeptieren und ohne die Einsicht, dass die Adoptivfamilie keine 'normale' Familie sondern anders ist, kann die neue nicht 'normale' Familie kaum gelingen.

Samstag, 25. Juni 2011

Die Betreuung der Herkunftsfamilie

Darf die Vermittlungsstelle mit der abgebenden Familie Kontakt aufnehmen? Zurzeit halten sich die Vermittlungsstellen in dieser Frage sehr zurück. Zu groß ist die Befürchtung, dass ihnen unterstellt werden könnte, Familien in Richtung einer Abgabe ihrer Kinder zu beraten. Die Erfahrungen mit den Skandalen über sogenannte Child Finder, die von Vermittlungsstellen in äthiopische Dörfer geschickt wurden, um adoptierbare Kinder zu akquirieren, sitzen zu tief.

Die Zurückhaltung der Vermittlungsstellen führt dazu, dass sie die Adoptiveltern noch nicht einmal in Richtung einer Zusammenkunft mit den abgebenden Eltern beraten, weil sie hierdurch einen Interessenkonflikt befürchten. Das hat zur Folge, dass die Adoptiveltern selber entscheiden müssen, ob sie eine Begegnung mit den abgebenden Eltern wollen, bzw. ob sie vorbereitet in dieses Gespräch gehen wollen. Eine Beratung findet nur auf Initiative der Adoptiveltern hin statt. Die abgebenden Mütter dürfen aus den gleichen Gründen nicht von der Vermittlungsstelle betreut werden. Das hat zur Konsequenz hat, dass sie an diesem für sie sicher sehr emotionalen Tag vollkommen alleine dastehen, da der äthiopische Staat ihnen keine Sozialarbeiter oder ähnliches zur Seite stellt.
 
Wenn - wie an dieser Stelle mehrfach betont - ein Kontakt zwischen der abgebenden und aufnehmenden Familie zentraler Bestandteil für die Identität des Kindes ist, dann muss die Kontaktaufnahme auf beiden Seiten betreut und moderiert werden. Idealerweise sollten die äthiopischen Behörden die abgebenden Familien durch Sozialarbeiter betreuen. Wenn auf Seiten der äthiopischen Behörden keine Hilfestellung erfolgt, dann sollte die Vermittlungsstelle diese Aufgabe übernehmen. Die Reduzierung der Vermittlungszahlen gibt den Vermittlungsstellen die Chance, die Qualität der Vermittlungsverfahren für alle Beteiligten zu verbesseren und mögliche Traumata zu verhindern. Die Vermittlungsstellen sollten diesen Schritt in ihre Vermittlungsverfahren integrieren und offen gegen Kritik verteidigen. 

Mittwoch, 22. Juni 2011

Begrenzung der Adoptionsverfahren

Es gibt neuerdings eine (noch unbestätigte) Information, dass die durch die äthiopische Regierung beschlossenen Reduktionen im Adoptionsverfahren (auf 10%) so umgesetzt werden sollen, dass pro Vermittlungsstelle 2 Adoptionen im Monat durchgeführt werden. Für die deutschen Vermittlungsstellen würde das keine allzu große Veränderung bedeuten, da hier die Gesamtzahl der Adoptionen ohnehin nicht so groß ist. Die sehr viel größeren US-amerikanischen Vermittlungsstellen wären davon sehr viel stärker betroffen.
Hintergrund dieser Maßnahme sind angeblich nicht nur die aufgedeckten Manipulationen im Vorfeld der Adoptionsverfahren. Auch das manchmal als herablassend oder gar entwürdigend empfundene Auftreten von Adoptiveltern in Äthiopien soll dazu beigetragen haben.
Zur Reduktion der Adoptionsverfahren: Was steckt hinter der MOWA-Entscheidung? (Post v. 8.Mai 2011)
Zum Verhalten von Adoptiveltern in Äthiopien: Schlagen, Schreien - und Schweigen (Post v. 12. April 2011)

Sonntag, 12. Juni 2011

Verstörende Berichte

In der letzten Woche gab es eine Reihe erschütternder und zum Nachdenken anregender Berichte über internationale Adoptionen. Sie begann mit einem Artikel in der englischen Zeitschrift The Independent, der die hässliche Seite der internationalen Adoption beleuchtete. Der Artikel fordert eine strengere Umsetzung des Haager Übereinkommens, heißt die IA dabei grundsätzlich gut: "Many of these adoptions are legitimate, beneficial, and bring nothing but joy to the new parents and hope to the child. But there is another side ..." Bemerkenswert auch die Diskussion, die sich hier anschließt.

Ein weiterer schmerzhafter Bericht über die Vermischung von Pädophilie, Kinderheimen und internationalen Adoptionen in Nepal von einem Mitarbeiter von Terre des Hommes findet sich hier. Zugleich mehren sich die Berichte über die kommerzielle Vermittlung von Kleinkindern aus China und die Rolle finanzieller Zuwendungen von Adoptiveltern an Kinderheime.

Schliesslich fand sich auf Huffington Post ein lesenswerter Beitrag von Mark Canavera der den Begriff 'Aids-Waisen' als Phrase kritisiert und dazu auffordert, hier sehr genau nach Einzelfällen zu differenzieren.

Donnerstag, 9. Juni 2011

Offene Internationale Adoption


Während in Deutschland die offene Adoption mittlerweile informell zum Standard geworden ist, ist dies in der Auslandsadoption noch längst nicht angekommen. Warum eigentlich? Stellt man das Kindeswohl in den Mittelpunkt, dann ist auch für international adoptierte Kinder der Umgang mit der ersten Familie ein wertvoller, wenn nicht notwendiger Bestandteil ihrer Identität als Deutsche mit nichtdeutschen Wurzeln. 

Die derzeitige Praxis verhindert bislang weitgehend einen Kontakt zur leiblichen Familie. Lediglich eine Verabschiedung der Familie vom Kind wird bisweilen ermöglicht. Aber selbst das ist nicht Teil des Pflichtprogramms, wenn Kinder abgeholt werden, deren Familie bekannt ist. Adoptiveltern werden vielmehr verunsichert mit dem Hinweis, die Familie könne Geld erwarten oder sogar verlangen, oder den Kindern würde der Auftrag mitgegeben, im reichen Deutschland für sie zu sorgen. Dem gehe man besser aus dem Weg, wenn man der Familie erst gar nicht gegenübertrete. Der Schnitt mit der Herkunftsfamilie wird dann später zu kompensieren versucht, indem man mit den älteren Kindern nochmals ins Land reist und z.B. das Waisenhaus besucht. Dann ist es jedoch meist zu spät, mit der Herkunftsfamilie Kontakt aufzunehmen: Viele Kontakte sind verschüttet, in der Familie hat sich viel ereignet, Großeltern versterben, ohne dass die Kinder sie kennengelernt haben, und Kinder werden geboren. Dörfer werden verlassen und Familien auseinandergerissen. 

Es spricht viel dafür die Praxis zu ändern. Die Arbeit mit der abgebenden Familie sollte, soweit sie bekannt ist, einen erheblich größeren Stellenwert in der Adoptionsvermittlung bekommen. Die sorgfältige Dokumentation der Herkunft trägt nämlich dazu bei, Korruption und Kinderhandel zu unterbinden, wie hier schon mehrfach ausgeführt wurde. Darüber hinaus vereinfacht ein dauerhafter Kontakt den Umgang mit Identitätsfragen des Kindes. Dieser Kontakt kann im regelmäßigen Austausch von Berichten und Fotos bestehen – und sei es nur eine Karte zu Weihnachten und an Geburtstagen. Eine Wurzel“suche“ wird weitgehend überflüssig, wenn die Wurzeln schon immer bekannt sind. Bohrende Fragen über die Gründe der Adoption können einfacher gestellt und auch beantwortet werden, wenn die Adressaten greifbar sind.

Bis jetzt gibt es kaum Strukturen dafür. Darum müssen Adoptiveltern selbst tätig werden. Der erste Schritt in Richtung offene Adoption wird bei der Abholung des Kindes getan. Wenn die Vermittlungsstelle unwillig ist, ein Treffen zu organisieren, sollte man ein wenig hartnäckig werden und nur gute Gründe (z.B. Gewalt und Missbrauch in der Familie) akzeptieren.

Das Treffen mit der Herkunftsfamilie sollte gut vorbereitet sein. Wenn es möglich ist, sollte es in zwei separaten Teilen stattfinden. Zum einen geht es um das Kennenlernen und die  Verabschiedung des Kindes. Es ist dabei durchaus angemessen, kleine (keine teuren, aber dafür aufmerksame) Geschenke zu überreichen. Die Familie kann dem Kind seinen Segen mit auf dem Weg geben und damit den Start in die neue Familie erleichtern. Die Adoptiveltern bekommen einen Eindruck über den Umgang in der Familie und lernen dabei viel über ihr Kind. Das Kind erfährt, dass ihre leibliche Familie ihren neuen Eltern Vertrauen schenkt.

In einem separaten Teil sollte man in einer ruhigen Atmosphäre und in Abwesenheit des Kindes  dessen Familiengeschichte mit Namen, Alter und Wohnort, sowie die Verwandtschaftsbeziehungen und Krankheiten in der Familie ausführlich dokumentieren. So können z.B. Ungereimtheiten im Sozialbericht ausgeräumt werden. Umgekehrt sollte man auch die eigene Familiengeschichte einschließlich Adresse und Telefonnummer an die abgebende Familie weitergeben.

Was tun, wenn das Kind verlassen aufgefunden oder ausgesetzt wurde? Hier steht die Suche nach der Herkunftsfamilie im Vordergrund. Sie ist erheblich schwieriger jedoch nicht unmöglich. Ein Besuch des Fundorts ist wichtig - zur Dokumentation für das Kind, aber auch, um dort selbst Fragen zu stellen. Man kann Visitenkarten hinterlassen und zur Not noch jemanden beauftragen, nach Hinweisen zur Herkunft des Kindes zu suchen. Dies ist in Ländern wie Äthiopien nicht immer ganz einfach. Tipps für eine solche Suche am Beispiel Chinas gibt es hier. 

Langfristig ist auch in der internationalen Adoption die offene Adoption der einzig ethisch korrekte Weg. Wenn Kinder die Familie wechseln, haben sie einfach zwei Familien. Das gilt es zu akzeptieren und den Umgang damit zu lernen.

Dienstag, 7. Juni 2011

Waisen 2.Klasse?

Sind nur Vollwaisen vollwertige Waisen? Ist darum die Adoption von Halbwaisen und Sozialwaisen’ gleich per se verdächtig? Manche Kommentare hier gehen in diese Richtung – und damit an einer schmerzlichen Realität vorbei.

Neugeborene Kinder, die – oft unter lebensgefährlichen Umständen – auf der Straße ausgesetzt gefunden werden, haben wahrscheinlich noch Mutter und vielleicht auch Vater, sind also begrifflich keine Vollwaisen, sondern verlassene Kinder. Diese Aussetzungen kommen häufiger vor, als manche wohl wahrhaben wollen. Und weil die Aussetzungen das Kind anonymisieren, kann ihnen auch das Umfeld von Verwandten und Nachbarn nicht mehr helfen – es ist ausgelöscht.

Äthiopien hat erst vor relativ kurzer Zeit die Adoptionsfreigabe zugelassen – auch um die Zahl der Säuglinsaussetzungen zu verringern. Man kann getrost davon ausgehen, dass die Verbreitung dieser Fälle dort wohlbekannt ist.

Ähnliches gilt für die Sozialwaisen’ – oder wie auch immer man sie bezeichnen möchte. Bei Sozialwaisen – das sagt schon der Begriff – ist das soziale Umfeld zerstört und nicht mehr in der Lage, dem Kind Halt zu geben. Diese Kinder sind häufig schwerer traumatisiert als jene, die den (erwiesenen) Tod ihrer Eltern zu verkraften haben; sie empfinden das Verlassenwerden oft lebenslang als persönliche Demütigung und sind in besonderem Maß auf stabile und verlässliche Lebensverhältnisse und Bezugspersonen angewiesen.

Gibt es im Heimatland keine geeigneten Personen und Strukturen, dann kann die Adoption in ein anderes Land diesen Kindern Halt und Familie geben – so das Haager Übereinkommen. Dass es in den Adoptionsverfahren Missbrauchsmöglichkeiten und Missbrauchsfälle gibt, war Grund dafür, diese Seite ins Netz zu stellen - und ist fast schon ein Gemeinplatz.

Es wäre fatal, wenn die Not der Kinder darüber in Vergessenheit gerät.

Montag, 6. Juni 2011

Mythos und Wirklichkeit - Regeln II

Als wir begannen, uns mit ethischen Fragen in Internationalen Adoptionen zu beschäftigen, wurden wir gewarnt. Kritiker der IA würden von der Adoptionslobby bedroht, erhielten Hassmails und würden beschimpft. Wir beschlossen mit naiver Zuversicht, in diesem Blog dennoch eine offene Diskussion auch über schwierige Fragen zu führen.

Die Reaktionen haben uns überrascht. Statt von der Adoptionslobby werden wir seit Tagen von Adoptionskritikern persönlich und mit unterschwelliger Drohung angegriffen. Jeder, der sich nur ansatzweise von der Schwarzweissmalerei zwischen 'Kinderrettung' und 'Kinderhandel' entfernen möchte, ist scheinbar ein erklärtes Ziel selbsternannter Kinderrechtsaktivisten, denen weniger das Wohl der Kinder am Herzen liegt als ihr eindimensionales Weltbild. Der Kampf um Adoption findet leider auch auf unserem Blog statt, der eigentlich ein Forum für Offenheit und Toleranz sein will.

Wir bedauern dies sehr, können aber unsere persönliche Integrität nicht schutzlos weiteren Angriffen aussetzen. Wir werden daher in Zukunft die Kommentare moderieren müssen. Sachliche Beiträge sind weiterhin herzlich willkommen.

Samstag, 4. Juni 2011

Gelgela

In mehreren Kommentaren wurde hier das Kinderheim Gelgela genannt und mit unethischen Praktiken in Verbindung gebracht. Dazu wurde der Vorwurf erhoben, EVAP arbeite trotz dieser Vorwürfe weiter mit Gelgela zusammen.

Zum Hintergrund: Im März 2010 hat das amerikanische Außenministerium Vermittlungsstellen darauf aufmerksam gemacht, dass aufgrund von Unregelmäßigkeiten Visaanträge für Kinder aus Gelgala gesondert geprüft würden und daher bis zu acht Wochen dauern können. Die amerikanische Elternorganisation PEAR hat daraufhin eine Liste von Vermittlungsstellen ins Netz gestellt, auf der auch die deutsche Vermittlungsstelle "Eltern für Afrika" als Kooperationspartner von Gelgela genannt wurde.

Uns liegt eine halböffentliche Stellungnahme des EVAP dazu vor, datiert vom August 2010. Darin heißt es u.a,, dass EVAP in seiner Zusammenarbeit keine Anhaltspunkte dafür habe, dass das Heim wissentlich falsche Angaben, über die zur Adoptionsvermittlung vorgeschlagenen Kinder gemacht, oder die äthiopischen Bestimmungen für die Aufnahme von Kindern in Heime nicht eingehalten habe. Die leiblichen Verwandten der Kinder hätten EVAP gegenüber immer die Richtigkeit der Angaben bestätigt. Dennoch habe EVAP aufgrund der aufgetauchten Vorwürfe auf Verbesserungen im Heim gedrungen und die weitere Zusammenarbeit nurmehr auf ein Jahr befristet.

Zweierlei wäre demnach festzuhalten:
  • Dass EVAP reagiert hat und auf die Einhaltung bestimmter Standards drängt.
  • Dass im Sommer diesen Jahres die Zusammenarbeit erneuert werden muss und die erneute Zusammenarbeit von der Einhaltung der Standards abhängig ist. 

Grundsätzlich ist es richtig, Vorwürfen zunächst nachzugehen und den Beteiligten die Möglichkeit zu geben, Missstände auszuräumen und die Praxis zu verbessern. Gleichwohl reicht es nicht aus, wenn das Heim sich hinter Nichtwissen versteckt. Es hängt nun davon ab, ob seit Sommer letzten Jahres Unregelmäßigkeiten in Gelgela stattfanden und wenn ja, wie EVAP darauf reagieren wird.