Sonntag, 19. August 2012

Unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Ein Bekannter, Engländer, der lange in Westafrika gelebt und dort als Lehrer gearbeitet hat, erzählt:

In Kamerun hat mir einmal jemand etwas anvertraut. "Wir Afrikaner, vor allem, wenn wir auf dem Land leben, haben praktisch keine Privatsphäre. Wir teilen den Raum mit der Familie, die Wände sind dünn, und wenn wir ins Freie treten, ist da gleich das ganze Dorf.
Glaub mir, jeder von uns hat darum ein fest abgeschlossenes Inneres, in das er keinem Menschen Einblick gewährt, keinem. Du kommst bei uns schnell mit Leuten in Kontakt, du kannst Freunde finden, Beziehungen begründen, aber niemand wird sich dir eröffnen, so wie du es vielleicht aus Europa kennst. Wie es im eignenen Innern aussieht, geht niemanden etwas an. Mehr sage ich Dir dazu nicht."

Wenn das so stimmt und verallgemeinerbar ist, wie sollen dann z.B. unsere (redebasierten) Therapien bei traumatisierten Kindern greifen? Wie kann sich trotzdem Bindung entwicklen, wie Vertrauen einstellen? Oder ist solch eine Weisheit nur eine Dämonisierungsform, um so wirkmächtiger, je mehr Phänomene (z.B. die Prüderie afrikanischer Gesellschaften) sie zu erklären behauptet?

Dienstag, 24. Juli 2012

Sind illegale Adoptionen Kinderhandel? Aufarbeitung und Ermittlungen in Sierra Leone

 Michaela DePrince, vielversprechende Ballettänzerin aus den USA, wurde während des Bürgerkriegs in Sierra Leone aus einem Waisenhaus mit dem Namen HANCI adoptiert. Das Waisenhaus wird seit Jahren beschuldigt, Kinder ohne Einwilligung ihrer Eltern zur Adoption freigegeben zu haben.

Die Voice of America berichtet über die Bemühungen der betroffenen Eltern, ihre Kinder zurückzubekommen. Sie sagen, sie hätten ihre Kinder vorübergehend bei HANCI,  Help A Needy Child International Center, zurückgelassen. HANCI hat daraufhin die Kinder über Maine Adoption Placement Services in die USA vermittelt.

Die Betreiber von HANCI werden jetzt gerichtlich belangt. Ein ähnliches Verfahren wurde bereits 2004 angestrebt aber aufgrund fehlender Beweise eingestellt. Nun werden neue Ermittlungen der Polizei auf Drängen der Eltern durchgeführt. Der Vermittlungsstelle und dem Kinderheim wird Menschenhandel in 32 Fällen vorgeworfen.

Eine Frage ist dabei auch, ob illegale Adoptionen den Tatbestand des Kinderhandels erfüllen. Nach der Ansicht amerikanischer Vermittlungsstellen und der amerikanischer Regierung ist dem nicht so. Danach beinhaltet die Definition von Kinderhandel zwingend eine Form der Ausbeutung. Janet Nickel, Mitarbeiterin eines Anti-Kinderhandelsprojekts von World Hope International sagt dazu: "If there's no exploitation, if it's not for criminal purpose, it doesn't fit the definition of child trafficking."

Das deutsche Strafrecht sieht das anders. Hier ist die Überlassung eines Kindes gegen ein Entgelt wie auch unbefugte Adoptionsvermittlung strafbar.  Eine Ausbeutung des Kindes ist dafür keine Voraussetzung.

Der nächste Verhandlungstermin vor Gericht ist der 10. August 2012. 

Samstag, 21. Juli 2012

Letzte unabhängige Zeitung in Äthiopien suspendiert

Wie das Addis Journal berichtet, haben die äthiopischen Behörden die Auslieferung der neuen Ausgabe der letzte unabhängige Wochenzeitung Fitih gestoppt. Der Herausgeber, Temesgen Desalegn, weigerte sich einen Aufmacherartikel über die Erkrankung von Premierminister Meles Zenawi aus dem Blatt zu nehmen. Daraufhin wurde die Zeitung vom Justizministerium suspendiert und die Ausgabe liegt im Lager der Druckerei. Nachdem mehrere unabhängige Zeitungen in den letzten Monaten geschlossen wurden, war Fitih die letzte regierungskritische Zeitung. Gegen sie sind 30 Verfahren der Staatsanwaltschaft anhängig. Unter der Antiterrorismusgesetzgebung vom letzten Jahr wurden fast 200 regierungskritische Aktivisten, Journalisten und Politiker verhaftet.

In einer früheren Meldung berichtete das Addis Journal von einem Krankenhausaufenthalt von Premierminister Meles Zenawi in Brüssel. Während ein nicht genannter Diplomat von einer schwerwiegenden Erkrankung sprach, wurde dies von dem Regierungssprecher zurückgewiesen. Zenawi, der seit 1991 in Äthiopien an der Macht ist, nahm auch nicht an dem Gipfeltreffen der Afrika Union letzte Woche teil.

Donnerstag, 19. Juli 2012

Michaela DePrince

Der Guardian berichtete am Montag über Michaela DePrince; eine adoptierte Kriegswaise aus Sierra Leone, die nächste Woche ihr Debut als professionelle Ballettänzerin in LeCorsair in Johannisburg, Südafrika hat. Der Bericht über ihr Leben ist so bewegend wie ihr Tanz, den es auf verschiedenen Filmen auf Youtube zu sehen gibt. Mit drei Jahren kam ihr Vater im Bürgerkrieg in Sierra Leone ums Leben. Die Mutter und Brüder starben ebenfalls. Der Onkel brachte sie in ein Waisenhaus, in dem sie aufgrund einer Pigmentfärbung ihrer Haut als Teufelskind beschimpft und mißhandelt wurde. Sie fand ein Titelbild einer Zeitschrift mit einer Ballettänzerin und war fasziniert.
"It was kind of strange because she looked so beautiful and so happy, and so I ripped the cover off and I tucked it into my underwear. I kept looking at it every single night and just dreaming that if I came to America I want to look exactly like this person."
Ihr Traum wurde wahr, denn sie wurde von amerikanischen Adoptiveltern gemeinsam mit zwei anderen Mädchen aus dem Waisenhaus adoptiert. Ihre Adoption war zunächst nicht vorgesehen sondern geschah nach Angaben der Mutter nur weil sie den gleichen Namen wie eines der anderen Mädchen und aufgrund ihrer Hautkrankheit nur geringe Chancen auf eine Adoption hatte. Man fragte die Mutter, ob sie nicht beide Mädchen haben wolle und sie sagte ja.

In Amerika angekommen verfolgte sie ihr Ziel zu tanzen von klein auf. Heute hat sie eine Ausbildung von der Jacqueline Kennedy Onassis School des American Ballet Theatre in New York und ein Engagement am Dance Theatre in Harlem.

Michaela DePrince 

Aber auch heute hat sie noch mit Diskriminierung und Rassismus zu kämpfen. Es gibt im Ballet große Vorbehalte gegen afroamerikanische Tänzerinnen, deren Körper häufig kräftiger ist. Auch sind die Stereotypen für Rollenbesetzungen für weiße Tänzerinnen noch weit verbreitet.


Michaelas Geschichte ist eine in einer ganzen Reihe erfolgreicher Adoptierter aus Afrika wie z.B dem italienischen Fußballnationalspieler Mario Balotelli aus Ghana und dem Koch und Restaurantbesitzer Markus Samuelsson aus Äthiopien. Es ist der Stoff aus dem Märchen sind.

Dienstag, 17. Juli 2012

Mythos Privatadoption

In der neuesten Ausgabe von VIA Adoption vom Verband Internationaler Adoptivfamilien e.V. ist ein lesenswertes Interview mit Claudia Flynn vom Zentrum Bayern Familie und Soziales - Bayerisches Landesjugendamt zu finden. Es geht insbesondere um Privatadoptionen. Frau Flynn macht in erfreulicher Deutlichkeit folgende Aussagen zum Thema:
  • Alle internationalen Adoptionen von in Deutschland lebenden Personen, die nicht über eine Vermittlungsstelle erfolgen, sind illegal. Das gilt auch für Paare, die ein Kind in den USA adoptieren und mit diesem Kind zurückkommen. Diese Vorgehensweise ist nicht legal, wenn auch derzeit nicht strafrechtlich sanktioniert.
  • Es gibt derzeit Überlegungen, dieser Form der Privatadoption noch stärker den Riegel vorzuschieben.
  • Deutsche Familien, die schon seit Jahren im Ausland leben und dort nach nationalen Gesetzen ein Kind adoptieren, sind davon ausgenommen. Diese Familien müssen jedoch bei einer Rückkehr nach Deutschland einen Antrag beim Berliner Amtsgericht auf Anerkennung der Adoption stellen.
  • Wenn bei einer internationalen Adoption jegliche Prüfung von Kindeswohlinteressen fehlt, wird ein deutsches Gericht sie nicht anerkennen.
  • Wenn ein Gericht die Adoption nicht anerkennt, dann lebt das Kind in der Familie wie ein Pflegekind. Es besteht das Risiko der Rückführung; insbesondere dann wenn es den leiblichen Eltern unrechtmäßig entzogen wurde. Das gilt selbst dann, wenn eine Nachadoption stattgefunden hat.
  • Das Landesjugendamt beteiligt sich nicht an Verfahren, wenn Eltern mit privat adoptierten Kinder an der Visumsvergabe scheitern und dann nachträglich nach deutschem Recht adoptieren wollen.
  • Das Bundesjustizamt geht davon aus, dass immer noch ein Drittel bis die Hälfte aller Adoptionen Privatadoptionen sind.

Das Heft kann über folgende Adresse bezogen werden: info@adoptivfamilien.org

Dienstag, 3. Juli 2012

Aufruf zur Petition gegen "Racial Profiling"

Ein Aufruf zum Unterzeichnen einer Petition gegen Racial Profiling macht derzeit im Netz die Runde. Die Petition läuft noch bis zum 20. Juli und wird bereits von über 11.000 Unterzeichnern unterstützt.

Gegenstand der Petition ist ein Gerichtsurteil des Verwaltungsgerichts Koblenz vom Februar diesen Jahres, das Ausweiskontrollen der Politzei aufgrund der Hautfarbe von Reisenden legitimiert und rechtfertigt. In dem vorliegenden Fall wurde ein deutscher Zugreisender aufgrund seiner Hautfarbe von der Bundespolizei auf der Strecke Kassel - Frankfurt am Main aufgefordert sich auszuweisen. Basierend auf bisherigen Rassismuserfahrungen bei Bahnreisen, weigerte sich der Kläger seine Papiere vorzuzeigen und wurde deshalb auf das Revier mitgenommen. Die Bundespolizei zeigte den Mann wegen Beamtenbeleidigung an. Im Verfahren gegen ihn gaben die Beamten bereits zu Protokoll, den Mann aufgrund seiner Hautfarbe gezielt kontrolliert zu haben, da sie den Deutschen für einen ohne Papiere nach Deutschland Einreisenden hielten. In Folge wollte der Mann gegen die diskriminierende Praxis klagen, sein Anliegen wurde jedoch vor Gericht abgewiesen.



flyer-box



Die Petition, die von Carla Smith aus München initiiert wurde, richtet sich an den Petitionsausschuß des Deutschen Bundestages und fordert das Folgende:

"Das Urteil des Koblenzer Verwaltungsgerichts vom 28. Februar widerspricht dem Grundgesetz!
Nicht nur wird damit zum ersten Mal eingestanden, dass die Praxis des „Racial-Profiling“ in Deutschland von Polizeibeamten angewandt wird, dieses Vorgehen erhält durch das Urteil auch noch eine Legitimation.
Wir, die Erstunterzeichner_innen, verurteilen die Entscheidung des Gerichts auf das Schärfste und fordern:
• Die Revision des Urteils vom 28. Februar 2012 zu „Racial Profiling“
• Die Einführung eines verpflichtenden Anti-Rassismus Trainings, das sich tatsächlich mit Rassismus und nicht nur mit euphemistischen Begrifflichkeiten wie Fremdenfeindlichkeit und Ausländerfeindlichkeit befasst, für ALLE Polizist_innen und Polizeischüler_innen
• Eine Meldepflicht aller Rassismus Vorwürfe gegenüber der Poizei, die von einer unabhängigen, von geschultem Fachpersonal besetzten Stelle geprüft und archiviert werden
• Die Überarbeitung des AGG anhand der europäischen Antirassismus Richtlinien, da dieses derzeit zu viele Ausnahmereglungen beinhaltet und daher in vielen Diskriminierungsfällen nicht greift."
Aus der Begründung: 

"Das Verwaltungsgericht in Koblenz hat mit seiner Entscheidung, die Klage gegen die Bundesrepublik Deutschland und die Bundespolizei zurückzuweisen, Schwarze Menschen und People of Color in Deutschland, mit und ohne deutsche Staatsbürgerschaft, zu Verdächtigen erklärt. Es entsteht eine diskriminierende Situation für einen Großteil der in Deutschland lebenden Menschen. Mit jeder Kontrolle werden Menschen „ausländischen Aussehens“ (so der Wortlaut der Polizei) daran erinnert, dass sie als nicht-zugehörig zur Gesellschaft bzw. als mögliche Straftäter_innen identifiziert werden. Bundespolizist_innen haben von nun an eine Rechtsgrundlage mit der sie rassistische und diskriminierende Denkmuster und Vorgehensweisen rechtfertigen können. Das Urteil trägt außerdem in großem Maße dazu bei, die veraltete Auffassung zu bekräftigen, dass die Deutschen eine homogene Gruppe seien. Die systematische Kriminalisierung von Menschen aufgrund äußerlicher (unveränderbarer) Merkmale hat in Deutschland eine lange Tradition, derer man sich bewusst sein muss und dies allein sollte schon Warnung genug sein.
 
Des Weiteren haben internationale- und europäische Gremien wie der UN- Menschenrechtsausschuss, der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte und die Europäische Grundrechteagentur eindeutig festgestellt, dass Personenkontrollen und Identitätsfeststellungen, die allein oder wesentlich auf Kriterien wie der zugeschriebenen „ethnischen“ Zugehörigkeit oder “Hautfarbe” einer Person basieren, gegen das Verbot rassistischer Diskriminierung verstoßen."

Freitag, 29. Juni 2012

Australien schließt Adoptionsprogramm mit Äthiopien

Die amerikanische Elternorganisation PEAR berichtet, dass die australische Regierung ihr äthiopisches Adoptionsprogramm am 28.06.2012 geschlossen hat. Sie gibt als Begründung die andauernde Unsicherheit, Komplexität und Unvorhersehbarkeit der Situation in Äthiopien an.

Closure of Ethiopia Program - June 2012
Current as at – 28 June 2012
Key points:

  • Australia has closed its intercountry adoption program with Ethiopia, following several years of issues with the Program, a suspension of all adoptions between 2009 and early 2010, as well as long waits and uncertainty for Australian prospective adoptive parents.
  • The Australian Government has taken this difficult decision, in consultation with State and Territory Central Authorities.
  • The best interests and rights of children are the most important consideration for intercountry adoption programs.
  • The adoption environment in Ethiopia has become increasingly unpredictable, complex and uncertain, leaving many prospective Australian parents in limbo for years.
  • The Government has concluded that this uncertainty, combined with obstacles to operating the Program in a sustainable and ethical way into the future, means the Program needs to be closed.
  • The Australian Government has decided to close the Program at this time because it will not impact on any individual Ethiopian children as there are none currently referred to the Program.
  • The Australian Government will continue to support Ethiopia in ensuring that the rights of Ethiopian children are protected.
  • The Australian Government will also continue to support children adopted from Ethiopia and their families in maintaining their cultural links with Ethiopia.
  • Prospective adoptive parents who have paid fees to the Program will have their fees refunded in full. State and Territory Central Authorities will provide advice in relation to whether fees paid to them can be refunded.

Program update
The Ethiopia Program has consistently been Australia’s most complex and challenging program. Information gathered during the April/May 2012 delegation visit confirmed the significant challenges facing the Program.

Growing use of alternative forms of care for children in Ethiopia
Ethiopian children in need increasingly have alternative long-term care options made available to them in Ethiopia.
The Australian Government supports the Ethiopian Government’s efforts to pursue the best interests of their children by facilitating domestic adoptions, long-term foster care arrangements and assisting families in crisis.
Unfortunately for prospective adoptive parents outside Ethiopia, this means that it is likely that there will be fewer children referred for intercountry adoption. This makes the adoption environment challenging and unpredictable, resulting in lengthening waiting times and uncertainty in the adoption process.

Changes regarding children in need of adoption and increasing costs
Growing numbers of non-government adoption agencies operating in Ethiopia, and the closure of orphanages due to greater government scrutiny, has led to increased competition for referrals of Ethiopian children to intercountry adoption programs.
This environment makes it difficult for Australia’s Program to continue to operate in a sustainable and ethical manner.
Despite the best endeavours of the Program to manage its community development projects so that they meet both Ethiopian Government requirements and Australian Government standards, the changing environment will make this increasingly problematic in the future, placing additional strain on Program and Government resources.
The Australian Government is confident that, to date, the Program has operated in an ethical manner and it has no concerns in relation to children referred to the Program and adopted by Australian adoptive parents.
Rising costs for adoption program essentials (such as food and accommodation) mean that, if the program was to continue, prospective parents would also face increasing costs.

Arrangements with Service Provider
The Program and its service provider, Wide Horizons for Children, have come to the view that the changing conditions in Ethiopia mean that the volume of intercountry adoptions initially anticipated at the commencement of the arrangement is unlikely to be achieved.
Wide Horizons for Children has also advised that, in light of these changing circumstances, it has decided to partially reallocate its resources and shift more focus from adoptions to its humanitarian activities in Ethiopia.

As a result, the Program and Wide Horizons for Children have agreed to end their arrangement. Given the other issues confronting the Program, Australia will not replace the role of Wide Horizons for Children within the Program.

Donnerstag, 28. Juni 2012

Äthiopische Journalisten und Oppositionelle zu lebenslanger Haft verurteilt

Nach Presseberichten wurden Eskinder Nega, ein prominenter Journalist und Blogger, und Andualem Arage, ein Oppositionspolitiker, mit 22 anderen Äthiopiern zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt. Die Angeklagten wurden des Terrorismus schuldig gesprochen. Unter den Antiterrorgesetzen können Angeklagte auch zum Tode verurteilt werden.

Eskiner und Andualem wurden der Beteiligung an einer terroristischen Vereinigung und der Planung terroristischer Anschläge beschuldigt. Andualem wurde auch als Anführer einer terroristischen Vereinigung verurteilt.

Eskinder wurde letztes Jahr verhaftet, nachdem er in einem Artikel den Einfluss des arabischen Frühlings auf Äthiopien thematisierte und die Verhaftung von Äthiopiern nach den Antiterrorgesetzen infrage stellte.

Im Mai war Eskinder Nega mit dem "Freedom to Write" Preis von Pen America ausgezeichnet worden.

Zwei Seminare

Zwei Seminare für Adoptiveltern und Adoptionsinteressierte finden im Herbst statt:

Ein Seminar über Anstrengungsverweigerung am 16.09.2012 in Hannover von und mit Dr. Bettina Bonus.

"Die Anstrengungsverweigerung ist eine der häufigsten und gleichzeitig gravierendsten Folgeschäden einer Frühtraumatisierung. Sie reicht von kleinen Bequemlichkeiten über zu Leistungsverweigerungen in der Schule bis zur Unfähigkeit sich vernünftig die Haare zu waschen oder den Po abzuwischen. Bis heute wird diese Folge in andere Schubladen gesteckt, mal spricht man von "Faulheit", mal von "Lernbehinderung", mal von "geistiger Behinderung". Damit wird man den frühtraumatisierten Kindern aber nicht gerecht." Bettina Bonus
Das zweite Seminar ist eine Fachtagung von Eltern für Kinder am 07.09.2012 in Frankfurt. Die Vorträge umfassen:


"10 Jahre Hager Adoptionsübereinkommen"

Wolfgang Weitzel,
Leiter der Bundeszentralstelle
für Auslandsadoption Bonn


"Adoptionsvermittlung aus Sicht der Herkunftsländer"
Somporn Poosala
Friends for All Children, Bangkok,
Thailand


"Auslandsadoption im Wandel der Zeiten"
Professor Manfred Köhnlein,
Pädagogische Hochschule
Schwäbisch-Gmünd

"Kein Opfer des Zweifels"
Judith de Forrest Wilson
erwachsene Adoptierte

Montag, 25. Juni 2012

Waisenhaustourismus

In den letzten Jahren häufen sich Berichte über Waisenhaustourismus. Junge Menschen reisen in arme Länder um Gutes zu tun und verbringen häufig einige Wochen in Kinderheimen. Kritiker bemängeln, dass es dabei mehr um die Selbstverwirklichung der Teenager aus wohlhabenden Elternhäusern geht als um die Kinder, die dabei von ungeschulten und unbedarften jungen Menschen betreut werden. Vermittlerorganisationen berechnen hohe Gebühren für die Organisation solcher Reisen und haben ein großes Interesse an der Zugänglichkeit von Kinderheimen.

Auf Huffington Post erschien nun ein Bericht, der noch einen Schritt weiter geht. Am Beispiel Kambodscha argumentiert die Autorin, dass es Kinderheime gebe, die nur zum Zwecke der Anlockung reicher Touristen betrieben werden und hinter denen ein Geschäftsmodell von Spenden stecke. Süße, arme Waisen seien der Lockvogel für skrupelose Geschäfte. Zwar seien Adoptionen in Kambodscha verboten, aber Sextourismus ein großes Geschäft. Was den Kindern alles zustößt und zustoßen kein, sei völlig unkontrolliert, einschließlich illegale Adoptionen. Touristen können in die Kinderheime reinspazieren und gegen die entsprechende Spende mit Kindern Ausflüge unternehmen. In einem Land, in dem Sextourismus ein einträglicher Wirtschaftszweig ist, ein unerträglicher Gedanke.

Freitag, 22. Juni 2012

Wenn der Anker fehlt

In der Süddeutschen Zeitung vom 30.5.2012 erschien ein Interview mit Dr. Karl Heinz Brisch, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie am Dr.-von-Haunerschen-Kinderspital in München. Er spricht vom tiefen menschlichen Bedürfnis, die eigene Herkunft zu kennen.

Donnerstag, 21. Juni 2012

Motive

Was treibt euch eigentlich an, werden wir manchmal gefragt. Habt ihr so schlechte Erfahrungen gemacht? Und in einigen Kommentaren werden unsere Positionen und der Blog an sich mit Verbitterung erklärt.

Die Fragen sind interessant, denn sie unterstellen, dass nur "Geschädigte" sich jemals für die Verbesserung von nicht optimalen Verfahren einsetzen würden. Weit gefehlt. Als Beteiligte haben wir das derzeitige Adoptionsverfahren aus erster Hand erlebt. Wir haben dabei Beobachtungen und Erfahrungen gemacht, die uns zu Denken gegeben haben. Dazu gehören zum Beispiel:
  • Amerikanische Adoptivfamilien und Vermittlungsstellen in Äthiopien, die wesentliche Grundsätze der Adoptionsvermittlung verletzen und damit das gesamte System infrage stellen;
  • Ein laxer Umgang mit der Herkunftsfamilie und deren Verständnis von der Bedeutung der Adoption;
  • Die Vermittlung von verlassenen Kindern, deren Eltern leicht hätten gefunden werden können;
  • Das "Zurechtrücken" von Erinnerungen von Kindern an deren Familien;
  • Kinder, die von ihren Herkunftsfamilien in die Adoption 'geschickt' wurden, um Geldzahlungen zu erreichen;
  • Die Vermittlung von Kindern, deren Mütter einfach zu arm waren, um sie zu versorgen.
  • Eine fehlende Öffentlichkeit und Bereitschaft, sich mit Fehlentwicklungen auseinanderzusetzen.
Aus diesen Gründen beschäftigen wir uns mit ethischen Fragen in der Internationalen Adoption. Unsere eigenen Erfahrungen sind dabei fast unerheblich und sehr unterschiedlich. Das Adoptionsspektrum umfasst alles von rundherum glücklichen Kindern und harmonischen Familien bis zu nahezu zerbrochenen Familien und Kindern.

Man kann auch von dem "Ethikgehalt" des Vermittlungsverfahrens nicht auf den "Erfolg" der Adoption schliessen. Dubiose Vermittlungen müssen nicht zum Scheitern der Adoptivfamilie führen und ethische Verfahren garantieren noch nicht, dass die Adoptivfamilie glücklich wird. Vielmehr kann man eine Adoptionsgeschichte als eine Schicksalslotterie ansehen. In einigen Fällen ziehen die Familien und die Kinder das große Los. Ihre Bedürfnisse harmonieren miteinander und die Grundcharaktere der beteiligten Individuen sind miteinander kompatibel. In einer jedoch nicht zu unterschätzenden Minderheit gibt es massive Probleme aufgrund von Traumatisierungen aber auch Inkompatibilitäten. Adoptiveltern sind nicht auf das Maß der Probleme vorbereitet und verzweifeln an den Kindern. Manche Kinder wollen keine neue Familie in einem fernen Land sondern suchen an ihrer Heimat. Und die Mehrheit der Familien befindet sich irgendwo dazwischen. Dazu gehören viele Eltern, die zugeben, dass sie die Auswirkungen einer Adoption unterschätzt haben; die sich jedoch wieder so entscheiden würden. Das ganz normale Leben also.

All das soll jedoch nicht davon ablenken, dass die Verfahren heute ethische Mängel aufweisen. Darum soll es an dieser Stelle weiter gehen. Ungeachtet der persönlichen Betroffenheit.

Mittwoch, 20. Juni 2012

Human Rights Watch: Äthiopische Regierung vertreibt Stämme entlang des Omo Flusses

Human Rights Watch hat einen neuen Bericht über Landvertreibungen im Süden Äthiopiens veröffentlicht. Im unteren Omo Tal werden derzeit ganze Dörfer mit Gewalt von ihrem Land vertrieben, ohne dass ihnen alternative Lebensmöglichkeiten oder Schadensersatz angeboten wird. Regierungsbeamte haben Bewohner, die sich gegen die Umsiedlung wehrten, verhaftet und geschlagen.

Der Bericht "‘What Will Happen if Hunger Comes?’: Abuses against the Indigenous Peoples of Ethiopia’s Lower Omo Valley,” beschreibt im Detail, wie Umsiedlungen ohne Konsultationen oder Schadensersatz für die Entwicklung einer staatlichen Zuckerplantage mit über 100.000 Hektar kommerzieller Landwirtschaft vorangetrieben werden.


Quelle: Human Rights Watch © 2007 Brent Stirton/Reportage by Getty Images

Das untere Omo Tal ist eines der abgelegensten Gebiete auf dieser Erde. Dort leben ungefähr 200.000 Menschen in acht sehr unterschiedlichen Gemeinschaften. Ihre Lebensart und Identität ist direkt mit dem Land und dem Zugang zum Omo Fluss verwurzelt. Ihre Vertreibung zerstört nicht nur ihr Leben sondern auch eine eigene Kultur.

Der Bau der Zuckerplantage hängt mit der Errichtung des größten Damms in Afrika zusammen. Das  Gibe III Wasserkraftprojekt befindet sich auch am Omo. Die Zuckerplantage flussabwärts ist von dem Wasserzufluss abhängig. Bis heute gibt es keine ökologische oder soziale Folgenabschätzung des Gibe Damms.

Die Rechte der indigenen Völker sind von der äthiopischen Verfassung wie auch von UN Konventionen geschützt. Danach haben indigene Völker ein Eigentumsrecht an dem Land, das sie seit Jahrhunderten bebauen. Sie können dieses Land nur freiwillig gegen Schadensersatz aufgeben. In der Praxis hat die äthiopische Regierung diese Eigentumsrechte nicht anerkannt. Sie hat keinen Schritt unternommen, die Betroffenen zu konsultieren oder ihre Zustimmungen zu den Umsiedlungen zu erreichen.

Donnerstag, 31. Mai 2012

Africa: The New Frontier for Intercountry Adoption

Das African Child Policy Forum hat einen lesenswerten Bericht über Adoptionen aus Afrika veröffentlicht. Er enthält wesentliche rechtliche Informationen zur internationalen Adoption wie auch eine Analyse der unterschiedlichen Praktiken und Herausforderungen in den afrikanischen Ländern. Fragen der Subsidiarität werden ebenso besprochen wie Alternativen zur Internationalen Adoption. Der Bericht schließt mit einer Reihe von Empfehlungen. Dazu gehört die Aufforderung, die Datenlage über adoptierte und adoptierbare Kinder in Afrika zu verbessern. Eine Empfehlung, der man sich uneingeschränkt anschließen kann.

AcPf (2012).
Africa: The New Frontier for Intercountry Adoption. Addis Ababa: The African child Policy forum.

Mittwoch, 30. Mai 2012

Dramatischer Anstieg von Adoptionen in Afrika

Das African Child Policy Forum in Addis Abeba berichtet nach Angaben der BBC, dass internationale Adoptionen aus Afrika in den letzten acht Jahren um 400% gestiegen sind. Aber viele afrikanische Länder hätten nicht die notwenigen Voraussetzungen, um Kinder vor Kinderhandel zu schützen.

"Adoptionen sind heute kommerzialisiert” sagt David Mugawe vom African Child Policy Forum. Die Mehrheit der sogenannten Waisen aus Afrika habe mindestens einen Elternteil und viele Kinder würden von ihren Eltern verkauft.

Seit 2004 wurden über 41.000 Kinder aus Afrika adoptiert. In den Jahren 2009 und 2010 kamen mehr als zwei Drittel aus Äthiopien. Nach Angaben des ACPF gibt es in Äthiopien heute mehr als 70 Adoptionsvermittlungsstellen.

Nur 13 afrikanische Länder haben die Haager Konvention ratifiziert, die Standards für Internationale Adoptionen vorgibt, um Kinderhandel auszuschliessen. Der Bericht betont: Die Pflicht ist bei den Ländern Afrikas, Maßnahmen zu ergreifen, um Familien und Gemeinschaft zu stärken, um die Kinder im eigenen Land aufwachsen zu lassen.

Montag, 21. Mai 2012

Ein weiteres Schicksal

Ein Leser oder eine Leserin schickte uns den link zu einem Bericht über ein weiteres Schicksal einer fehlgeschlagenen Adoption. Nach Angaben des 12jährigen Jungen Tadesse wurde er von einem Amerikaner adoptiert, der ihn mit nach Washington nahm und über ein Jahr zuhause unterrichten ließ. Danach kehrte er nach Äthiopien zurück, lernte eine Frau kennen, die von dem Kind nichts wissen wollte, und ließ ihn in einem Hotel zurück. Die International Organisation of Migration (IOM) kümmert sich nun um den Jungen. Der angebliche Adoptivvater bestreitet die Geschichte.

Sonntag, 20. Mai 2012

Drei Schicksale

Die Schicksale von drei international adoptierten Kinder beherrschen zurzeit die Diskussion über ethische Adoptionen in den USA. Alle drei Geschichten sind sehr unterschiedlich, aber gleichermaßen traurig. Es geht bei diesen Fällen in erster Linie um menschliches Fehlverhalten, aber auch um die Frage, wie es verhindert werden kann.

Artyom Hansen ist ein aus Russland adoptierter Junge, der von seiner Adoptivmutter im Alter von sieben Jahren unbegleitet und mit einem Brief versehen nach Moskau geschickt wurde. In dem Brief stand, dass sie nicht mehr seine Mutter sein wolle. Der Junge wurde danach zum Spielball einer russisch-amerikanischen Auseinandersetzung, bei der zunächst alle Adoptionen ausgesetzt wurden. Er lebt seitdem in einem SOS Kinderdorf in Russland. In den USA wurde nun das gerichtliche Nachspiel entschieden. Adoptivmutter Torry Hansen wurde zur Zahlung von 150.000$ verurteilt. Darin enthalten sind Unterhaltszahlungen sowie eine Schadensersatzforderung der Vermittlungsstelle. Zwar wurde die Adoption in Russland annulliert; in den USA ist sie jedoch weiterhin Grundlage für Unterhaltszahlungen. Der Vermittlungsstelle wurden tatsächlich 40.000$ Schadensersatz zugestanden.

Anyelí Liseth Hernández Rodríguez wurde im Alter von zwei Jahren in Guatemala entführt und zur Adoption in die USA gebracht. Ihre Mutter suchte jahrelang nach ihrer Tochter und konnte sie ausfindig machen.  Ein Gericht in Guatemala verurteilte nicht nur diejenigen, die an dem Kinderhandel beteiligt waren sondern verfügte auch die Rückkehr der Tochter. Nun hat das amerikanische State Department reagiert und beschlossen, dass das Kind seinen Eltern nicht wieder zurückgegeben werden muss. Nach Angaben des State Departments sei zum Zeitpunkt der Entführung die Haager Konvention noch nicht ratifiziert gewesen. Daher finde sie in diesem Fall keine Anwendung.  Die Mutter versucht nun, die Herausgabe gerichtlich in den USA zu erreichen.

Kairi Abha Shepherd ist von Ausweisung nach Indien bedroht. Sie wurde im Alter von drei Monaten im Jahr 1982 in die USA adoptiert. Ihre Adoptivmutter starb 1991, ohne für ihre Tochter die amerikanische Staatsbürgerschaft beantragt zu haben. Das Kind kam in Pflege und wurde als Erwachsene straffällig. Sie kann nun in ein Land ausgewiesen werden, in das sie keine Verbindungen hat und dessen Sprache sie nicht spricht.

In allen drei Fällen gibt es ein zum Teil dramatisches Fehlverhalten von Adoptiveltern. In den Fällen von Artyom Hansen und Kairi Abha Shepherd waren die Adoptivmütter alleinstehend und mit ihren Kindern überfordert. (Das soll in keiner Weise das Verhalten von Torry Hansen entschuldigen.) Die ablehnende Haltung der Adoptiveltern von Anyelí Liseth Hernández Rodríguez gegenüber der leiblichen Mutter ist zwar verständlich aber falsch.

Alle drei Fälle sind zwar extrem aber keine Einzelfälle. Es gibt Schätzungen, dass bis zu 200 russische Adoptivkinder wieder nach Russland gebracht wurden. Auch Anschuldigungen von Kindesentführungen in Guatemala sind weiter verbreitet als man denkt. Ebenso sind eine ganze Reihe von amerikanischen Adoptivkindern von Ausweisung bedroht.

Montag, 14. Mai 2012

"Emotionale Familienangehörige " - US Botschaft trifft Vermittlungsagenturen

Das amerikanische Außenministerium hat eine Zusammenfassung einer Besprechung der US-Botschaft in Addis Abeba mit Vermittlungsagenturen auf seine Webseite gestellt. Bei der Besprechung um 18. April 2012 ging es unter anderem um Interviews, die die Botschaft mit Angehörigen zur Adoption freigegebener Kinder durchführt. Bei diesen Interviews stellen die Beamten der Botschaft immer wieder fest, dass die Angehörigen glauben, dass die Kinder im Alter von 18 Jahren wieder nach Äthiopien kommen. Wenn sie dann darüber informiert werden, dass Adoptionen die Familienbande für immer auflöst und sie nicht auf eine Rückkehr hoffen sollen, werden Familienangehörige oftmals sehr emotional:

"Our office conducts birth relative interviews for most relinquishment cases, and conducts interviews with local officials and police for most abandonment cases. The purpose of these interviews is to confirm the child’s orphan status and, in relinquishment cases, to ensure that the relinquishing parent or family member fully understands the relinquishment process. During these interviews, we continue to encounter birth relatives who have been told that a child will return to Ethiopia at the age of 18. When informed that intercountry adoption is a permanent severing of a familial relationship and that there should be no expectation of the child’s return, birth relatives often become very emotional."

Als allgemeine Trends und Diskussionspunkte werden angegeben:
  1. Eine Zunahme von verlassenen anstatt abgegebener Kinder.
  2. Ganze Kindergruppen, die von einem Dorf gleichzeitig abgegeben werden.
  3. Adoptionsverträge, die unterschrieben werden, bevor das Kind überhaupt zur Adoption freigegeben wurde. 
 Leider hört sich die Besprechung nicht danach an, als hätten sich die ethischen Probleme der Vermittlungspraxis der letzten Jahre merklich verbessert.

Mittwoch, 9. Mai 2012

Erfahrungswerte

Im Laufe der Zeit sammeln Adoptiveltern eine Menge Erfahrungen sowohl mit ihren eigenen Kindern als auch durch die Gespräche mit anderen Adoptivfamilien. An dieser Stelle geben wir einige Beispiele dafür, was wir selbst gerne gewusst hätten, bevor wir unsere Kinder in Empfang genommen haben.

1. Adoptiveltern brauchen Training und Aufklärung. Zurzeit funktioniert die Vorbereitung von Adoptiveltern vielfach nach dem Prinzip Hoffnung, dass schon alles gut gehen wird. Während dies in der Mehrheit der Adoptionen auch der Fall sein kann, führt es jedoch in denen Fällen, in denen es schief geht, zu falschen Reaktionen. Adoptiveltern müssen von Beginn an dafür sensibilisiert werden, dass traumatisierte Kinder anders erzogen werden müssen als leibliche Kinder.

2. Für eine solche Vorbereitung gibt es jedoch jenseits der praktischen Tipps und der Erfahrungsliteratur nur wenig Lektüre oder Weiterbildung. Angehende Adoptiveltern, die ja auch hoffen, dass alles gut gehen wird, sind leider auch nicht wirklich daran interessiert. "Survival Tipps für Adoptiveltern", von Christel Rech-Simon und Fritz B. Simon, und die Bücher von Bettina Bonus gehören in die Bücherregale aller Adoptiveltern.

3. Nicht jedes adoptierte Kind ist traumatisiert, aber jedes Adoptivkind braucht besondere Nähe und Möglichkeiten des Kleinkindseins. Selbst Neun- oder Zehnjährige werden hin und wieder zum Baby oder schauen sich Bilderbücher an. Sie brauchen in diesem Moment die Nähe und den Schutz eines Kleinkinds.

4. Adoptionen betreffen die gesamte erweiterte Familie nicht nur die Kernfamilie. Bereits vorhandene Kinder müssen eine neue Stellung in der Familie finden.

5. Das Alter des Kindes zum Zeitpunkt der Adoption sagt nichts über den Grad seiner Traumatisierung aus. Kleine und große Kinder können traumatisiert sein. Kleine Kinder können ihre Gefühle jedoch nicht mit Worten ausdrücken. Bei gleichzeitig adoptierten Geschwisterkindern ist es oftmals das kleinere Kind, das größere Schwierigkeiten hat.

6. Ältere Kinder haben dafür andere Anpassungsschwierigkeiten. Das deutsche Schulsystem hat nur wenig Toleranz gegenüber Kindern, die anders sind als die Norm.

7. In der Adoptionsliteratur gibt es sowohl Fachwissen wie auch Ideologien. Beides ist nicht immer einfach voneinander zu trennen. Ideologien schüren Konflikte zwischen verschiedenen Teilen des Adoptionsdreiecks.

8. Es gibt gescheiterte Adoptionen, aber unseres Wissens nach keine Untersuchungen darüber, warum und unter welchen Bedingungen Adoptionen scheitern. Der hohe Kostenaufwand, die langen Wartezeiten und großen Entfernungen in internationalen Adoptionen machen es sehr schwer, einen Kindervorschlag abzulehnen. Nicht für alle vermittelten Kinder ist unserer Erfahrung nach eine Adoption wirklich die beste Lösung.


Freitag, 4. Mai 2012

Soll man aus Äthiopien adoptieren?

Ein Beitrag von EJ Graff in The American Prospect argumentiert gegen Adoptionen aus Äthiopien. Ihre Gründe basieren auf der unseligen Dynamik, die einsetzt, wenn große Summen Geld von einem reichen Land in ein armes Land fließen: es entsteht ein neues Geschäftsmodell, in dem skrupellose Mittelmänner durch die ländlichen Gebiete Äthiopiens ziehen und arme Familien überreden, ihre Kinder zur Adoption freizugeben. Ein typisches Muster sind Familien, in denen ein Elternteil stirbt und das Kind Stiefeltern bekommt, die sich nicht um das Kind kümmern können oder wollen.

Diese Familien werden zudem mit Versprechen geködert, von denen die Adoptivfamilien nichts wissen. Die leiblichen Verwandten denken, dass ihr Kind später Geld schicken wird oder zumindest durch das Kind eine Verbindung in ein reiches Land aufgebaut wird, dass sich für die Familie vorteilhaft auswirkt. Diese Vorstellung ist auch nicht unrealistisch. Immer mehr arme Länder leben von den Geldsendungen von Arbeitsmigranten. Ungefähr 2 Millionen Äthiopier leben im Ausland. Die Weltbank schätzt, dass 14 Prozent der Äthiopier regelmäßige Geldsendungen aus dem Ausland erhalten mit einem Durchschnitt von 600 Dollar im Jahr. Warum sollten Adoptionen nicht ein weiterer Weg von Geldsendungen and äthiopische Familien sein?

Das Einsammeln von Kindern im Gegenzug mit Versprechen von finanzieller Unterstützung ist eines der Hauptprobleme von Adoptionen aus Äthiopien. Es ist jedoch nicht das einzige. Die Verflechtung von politischen Interessen im Adoptionsprozess, der Mangel an rechtstaatlichen Standards und Verfahren ist ein weiteres. Sollte man von Adoptionen aus Äthiopien derzeit absehen?

In jedem Fall sollte man in einer Adoption aus Äthiopien kein ethisch einfaches Unterfangen zur Familiengründung sehen. Man sollte, wie an dieser Stelle schon mehrfach betont, Fragen stellen und sich auf die entsprechenden Diskussionen einlassen. Man sollte davon ausgehen, dass es eine erweiterte Familie des Kindes gibt, mit dessen Schicksal man sein eigenes Leben unmittelbar verknüpft. Das kann in einer Verantwortung für weitere Geschwister im Land, in finanzielle Unterstützung, aber auch in der Betreuung anderer Familienmitglieder in Deutschland münden. Derzeit fehlen die Verfahren, um ein gutes Verhältnis zur ersten Familie aufzubauen und zu pflegen. Darauf hinzuarbeiten ist die Aufgabe derjenigen, die auch in Zukunft sich für internationale Adoptionen einsetzen wollen.