Montag, 21. Juli 2014

EVAP stellt Adoptionsvermittlung aus Äthiopien ein

Der evangelische Verein für Adoptions- und Pflegekindervermittlung Rheinland hat die von ihm betreuten Adoptionsbewerber und Adoptiveltern unterrichtet, dass er die Vermittlung von Adoptivkindern aus Äthiopien einstellt. Die Nachricht kommt nicht überraschend sondern war seit längerem absehbar. Zum einen folgt sie einem langfristigen Trend der Reduzierung von Adoptionen aus Äthiopien weltweit. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts kamen 2010 noch 97 Kinder aus Äthiopien nach Deutschland. 2012 waren es noch 61. Neuere Zahlen gibt es noch nicht.

Zum anderen gab es immer wieder Berichte über die schwierige Situation in Äthiopien selbst. Waren vor zehn Jahren noch Auslandsadoptionen in Äthiopien ein Symbol für Mitgefühl und Empathie, haben die Praktiken vieler Adoptionsvermittler und der beteiligten Behörden zu einem großen Misstrauen in der Bevölkerung geführt. Zu viele gefälschte Herkunftsberichte, zu viele Lügen und zu viel Geld im System in einem sehr armen Land. Das hat einerseits die Regierung veranlasst Adoptionen stärker zu regulieren und einzuschränken und andererseits den Druck auf die Vermittlungsstellen erhöht, hohe Gebühren für Lizenzen zu bezahlen.

Ist es ein Fortschritt, wenn nun keine Adoptionen mehr von EVAP durchgeführt werden? Das ist - wie immer bei dem Thema - ein zweischneidiges Schwert. Konkreten Schicksalen von Kindern, denen es in Deutschland eindeutig besser geht als in Äthiopien, stehen Fragen von Korruption, Zwangslagen, gefälschten Papieren und anderen Skandalen gegenüber. Und nicht zu vergessen die Kinder, die von ihren Adoptiveltern in den USA zu Tode gequält wurden. Der Film Mercy, Mercy hat (trotz der Fragwürdigkeit einer Dokumentation, die über Jahre Elend dokumentiert ohne Hilfestellungen auch nur anzubieten) das ganze Spektrum von Missverständnissen, falschen Erwartungen und Informationen, sowie fehlgeleiteten Sozialarbeitern aufgedeckt. Kann man dieses Verhalten überhaupt verteidigen? Nur wenn man Einzelschicksale höher bewertet als ein korruptes und im Kern fehlgeleitetes System. Diese Abwägung von Zweck und Mitteln wird uns wohl immer in der Frage der internationalen Adoptionen begleiten.

Eindeutig ist jedoch, dass die beteiligten Akteure nach einer Reihe von Skandalen das System weder reformiert noch wirklich infrage gestellt haben. Die Haager Konvention ist gescheitert und mit ihr der Anspruch, rechtsstaatliche Normen und das Wohl des Kindes auf internationale Adoptionen anwenden zu können. Ob das Blatt sich in Zukunft wenden wird, wissen wir nicht. Wenn ja, wird es nicht hier sondern auf amerikanischem Boden entschieden. Solange amerikanische Behörden nicht bereit sind, das Geschäftsmodell Auslandsadoption grundsätzlich zu reformieren, wird die Grenze zwischen Adoption und Kinderhandel fließend und die Tür zum Missbrauch offen bleiben. Dass jetzt auch gerade die Vermittlungsstelle ihr Programm einstellt, die keine finanziellen Interessen verfolgt, während die privaten und profitorientierten übrig bleiben, wirft auch kein gutes Licht auf die Lage.

Was bleibt, sind die Kinder. Die elternlosen Kinder in Äthiopien, die Mütter in verzweifelten Situationen und die Kinder, die heute in Deutschland leben. Es wäre zu wünschen, sie würden in Zukunft mehr in den Mittelpunkt der Diskussion gestellt. Wenn junge Adoptierte ihre Geschichte und Meinung zum Thema Adoption an dieser Stelle berichten wollen, sind sie herzlich willkommen.

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