Mittwoch, 18. Mai 2011

Was bedeutet das Leben im Heim?

Ethische Fragen in internationaler Adoption betreffen nicht nur die Adoptionsverfahren sondern auch die Heimunterbringung von Kindern. Adoptionen sind begründet, wenn sie dem Kindeswohl mehr dienlich sind als eine Unterbringung im Heim. Es gibt seit mehr als fünfzig Jahren empirische Forschungen zum Thema Auswirkungen von Heimunterbringung und diese sind eindeutig. Als ein Beispiel für eine sogenannte Metastudie (eine Studie die die Ergebnisse anderer Studien zusammenfasst) sei hier auf den Aufsatz von Johnson et al. verwiesen, die aus einer Gesamtzahl von über 2.500 empirischen Studien 27 herausgriffen und deren Ergebnisse zusammenfassend auswerten.

Frühe Heimunterbringung hat folgende Auswirkungen für die betroffenen Kinder:
  • physische Unterentwicklung (Gewicht, Größe, Kopfumfang)
  • Hör- und Sehbehinderungen
  • verzögerte motorische Entwicklung
  • schlechterer Gesundheitszustand allgemein
  • Lernschwierigkeiten
  • soziale Auffälligkeiten
  • Bindungsschwierigkeiten
  • emotionale Probleme
  • niedrigere Intelligenz
  • verminderte kognitive Leistungsfähigkeit

In der Studie wird zudem am Beispiel rumänischer Kinder, die nach Großbritannien adoptiert wurden, gezeigt, dass bei Kinder diese frühen Schäden durchaus wieder reparabel sind, wenn sie in Familien kommen, die sie in ihrer Entwicklung unterstützen.

Die Studie schliesst mit folgenden Worten: "Analytische epidemiologische Studiendesigns (einschliesslich Kontrollgruppen) zeigen, dass junge Kinder in Heimunterbringung ohne Eltern Risiken von Schädigungen bezüglich Bindungsstörungen und Entwicklungsverzögerungen in sozialen, verhaltens- und kognitiven Bereichen ausgesetzt sind. Verzögerung in Wachstum, Nervenentwicklung und abnormale Gehirnentwicklungen wurden zudem festgestellt. Die Vernachlässigung und der Schaden, der durch Heimunterbringung erfolgt, ist einer Gewaltanwendung an kleinen Kindern gleichzusetzen."

Es sei als Reaktion auf einen Kommentar noch darauf hingewiesen, dass keiner der Autoren von Adoptionsagenturen finanziert wurde und zumindest einer der Autoren der Metastudie internationalen Adoptionen ausgesprochen kritisch gegenübersteht, da diese oftmals nicht vom Kindeswohl getrieben seien. 

Kommentare:

  1. Diese Studie bezieht sich auch immer wieder auf das sogennante "Bucharest Early Intervention Project". Eine sehr fragwürdige Untersuchung.
    Kevin Brown ist zwar manchmal kritisch, aber diese Studie hier ist vom "Better Care Network" initiert worden. Zweck der ganzen Sache ist Lobby Arbeit. Das Better Care Network lobbiert für die neuen "UN Guidelines on Alternative Care"- damit sollen Teile der UN Kinderrechtskonvention ausgehebelt werden um damit Adoptionen zu fördern. Also klar ein LOBBY Papier.



    "Save the Children and the Better Care Network
    commissioned Professor Browne to undertake
    this review of the evidence base on the risks of
    harm to young children in institutional care"

    http://www.crin.org/docs/The_Risk_of_Harm.pdf

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  2. Ich denke, es ist ein großer gedanklicher aber auch strategischer Fehler in der Diskussion über ethische Adoptionen, wenn man jahrelange unabhängige Forschungsarbeiten zum Thema Heimunterbringung und ihre Folgen in den Ruf von Lobbyarbeit bringt, ohne sich mit der Evidenz auseinanderzusetzen. Es gibt noch nicht einmal einen ernsthaften Disput in der Forschung über die Befunde der Schäden an Kindern durch Kinderheime und ähnliche Institutionen.
    Man kann Adoptionen aufgrund von Korruption und fehlerhafter Dokumentationen kritisieren. Nicht jedoch in Anbetracht der Alternative Heimunterbringung und der Auswirkungen für Kinder.

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  3. Wollen wir hier einmal probehalber beipflichten, dann frage mich allerdings, wo diese Angelegenheit unter dem Oberbegriff "Ethik der Auslandsadoption" anzusiedeln ist.

    Wenn von einer Heimunterbringung und deren Folgeschäden, wie ihr schreibt, fünf Millionen Waisen betroffen sind und dieser Schädigung davon unter einem Promill der Kinder entgehen, indem sie adoptiert werden, dann ist das vielleicht für diese speziellen Kinder von Vorteil; der Begriff Ethik beinhaltet jedoch gerade nicht die Konzentration auf einen isolierten Vorteil einzelner, verschwindend geringen Prozentsatz von Angehörigen einer Gruppe. (Und die Kinder, welche zur Adoption kommen, sollen ja Angehörige der Gesamtgruppe elternloser Kinder sein.

    Wenn es dann noch zusätzlich so wäre, dass das System der Auslandsadoption die Lage in der allgemeinen Betreuung von elternlosen Kindern nicht qualitativ verbessert, sondern eher verschlechtert - was nachvollziehbar klingt, wenn man die gegenwärtige Argumentation des MOWA zur Reduktion der Bearbeitungszahlen bei Adoptionsanträgen betrachtet -
    dann ist der Begriff "ethisch" in diesem Zusammenhang vielleicht in der Tat nicht sehr glücklich gewählt.
    "Verfahrenstransparenz" und "Ethik" sind in ihrer Bedeutung eben nicht deckungsgleich.
    Anonym 2

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  4. Ethik beschäftigt sich mit richtigem Handeln. Adoptionen sind aus einer ethischen Perspektive geboten, wenn sie dem Kindeswohl mehr dienen als die denkbaren Alternativen. Die Alternative bedeutet für die Kinder entweder Verbleib in der erweiterten Familie/Pflegefamilie oder Heim. Der Beitrag wollte darauf hinweisen, dass die Heimunterbringung aus einer ethischen Position der Adoption nachrangig sein muss in Anbetracht der massiven Schäden, die mit Heimunterbringungen verbunden sind.
    Ob das System der Auslandsadoption die allgemeine Betreuung elternloser Kinder verschlechtert, wissen wir nicht. Es ist in jedem Fall reformbedürftig.

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  5. Die Frage der "Ethik" kann nur unter Berücksichtigung/ im Kontext der Kinderrechtskonvention betrachted werden. - genauso wie die Frage des Kindeswohles nur unter Beachtung aller Artikel der Konvention beantwortet werden kann. Sie ist bindendes internationales Recht.
    Eine Verletzung von internationalem Recht, kann wohl schlecht als ethisch betrachtet werden.

    Art. 20 liest sich bspw. wie folgt:

    (1) Ein Kind, das vorübergehend
    oder dauernd aus seiner familiären
    Umgebung herausgelöst
    wird oder dem der Verbleib in
    dieser Umgebung im eigenen Interesse
    nicht gestattet werden
    kann, hat Anspruch auf den besonderen
    Schutz und Beistand
    des Staates.
    (2) Die Vertragsstaaten stellen nach
    Maßgabe ihres innerstaatlichen
    Rechts andere Formen der Betreuung
    eines solchen Kindes sicher.
    (3) Als andere Form der Betreuung
    kommt unter anderem die Aufnahme
    in eine Pflegefamilie, die
    Kafala nach islamischem Recht,
    die Adoption oder, falls erforderlich,
    die Unterbringung in einer
    geeigneten Kinderbetreuungseinrichtung
    in Betracht. Bei der
    Wahl zwischen diesen Lösungen
    sind die erwünschte Kontinuität
    in der Erziehung des Kindes sowie
    die ethnische, religiöse, kulturelle
    und sprachliche Herkunft des Kindes
    gebührend zu berücksichtigen

    Folglich müssen Staaten dafür Sorge tragen das es Pflegefamilien und andere Kinderbetreuungsformen gibt.

    Sollte ein Staat tatsächlich nicht in der Lage sein, ein Kinderschutzsystem aufzubauen, dann sollten andere Staaten ihm dabei helfen.
    Eine direkte Abhängigkeit des Kinderschutzes von Auslandsadoptionsgebühren führt unweigerlich zur Katastrophe und viele viele Kinder leiden darunter.
    Für die Sendestaaten ist Auslandsadoption natürlich eine bequeme Art sich Ihrer Verantwortung zu entledigen.
    In Vietnam, Nepal, Cambodia, Andhra Pradesh, Guatemala, Indien und Rumänien, ist dies passiert und man kann belegen, dass das System der Auslandsadoption mehr Schaden angerichtet hat als Kindern geholfen.

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  6. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  7. Heißt das jetzt, das die oben aufgezählten schädlichen Folgen einer Heimunterbringung unbestritten sind?

    Für eine Antwort auf die Frage (s.o. Kommentare zu 'Child Grabbing')nach familienähnlichen Heimen in Äthiopien und Institutionen, die solche Heime fördern wären wir weiterhin dankbar.

    'Andere Staaten sollten helfen' - das ist sicher richtig. Kann aber dauern.

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  8. Eine Unterbringung in einem Heim mit 100 Kindern und zwei Betreuern kann nicht gut sein. Das ist unbestritten. Daraus gleich die Schlussfolgerung zu ziehen, dass für alle Kinder die institutionell untergebracht sind, Auslandsadoption die beste Lösung ist, ist aber falsch.
    Es gibt ja durchaus Kinderbetreuungseinrichtungen die sehr gut für Kinder sind. Also ist die Qualität der Kinderunterbringung unzureichend, ist die naheliegenste Lösung einfach die Verbesserung.

    In Ethiopien gibts es viele Organisationen die das System von Community Based Care propagieren.
    Waisenkinder werden einfach in der erweiterten Familie / Gemeinschaft untergebracht und finanziell unterstützt. Ein Sozialarbeiter schaut regelmässig ob das Kind gut betreut wird.

    - Ja das kann dauern, weil Auslandsadoptionen für die reichen Empfängerländer viel bequemer sind und weil es eine starke Lobby von Adoptiveltern gibt, die darauf pressieren das Kinder über Grenzen hinweg veradoptiert werden sollen.

    - in Rumänien hat das mit der Hilfe funktioniert.- allerdings erst alsdem die Adoptionsagenturen das Geschäft mit Kindern unmöglich gemacht worden ist.
    In Rumänien hat man schlicht und ergreifend die Kinderrechtskonvention umgesetzt.

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  9. Nein, es gibt leider keine Kinderbetreuungseinrichtungen, die sehr gut für Kinder sind. Es gibt nur mehr oder weniger schädliche Einrichtungen. Die Qualität der Kinderunterbringung muss natürlich verbessert werden, aber für die Kinder stellen nur familienähnliche Unterbringungen eine unschädliche Lösung dar. Wo es nicht genügend Pflegefamilien gibt, sind Adoptionen (auch über Grenzen hinweg unter Einhaltung ethischer Kriterien) die bessere Lösung.

    Selbst die Erfahrung in Rumänien ist gemischt, da die schnelle Schließung von Heimen und der Stopp von Auslandsadoptionen zu problematischen Situationen in Pflegefamilien geführt hat (siehe dazu Marian Negoita: A Model in the Desert: Modernization, Advanced Liberalism, and Child Protection Reform in Postcommunist Romania, in: Politics & Society 2010 38 1: 95-117). Die Umsetzung der rumänischen Kinderschutzpolitik setzte im Übrigen weit vor dem Adoptionsstopp ein und ist von diesem unabhängig zu sehen.

    Auf lange Sicht gesehen ist die Verhinderung von Heimunterbringung das zentrale Ziel.

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