Dienstag, 31. Mai 2011

Die Bilder, die wir lieben

'The Lie We Love' erschien im Winter 2008 im Foreign Policy Magazine. Die Journalistin E.J. Graff beschrieb darin den Mythos der Millionen verlassener Kinder (Babies) in Waisenhäusern armer Länder, die von westlichen Familien gerettet werden. Der Mythos war, dass in der Realität die meisten Kinder noch Eltern hatten, krank und älter waren, und tatsächlich ein Teil der Babies, die adoptiert wurden, mit zweifelhaften Methoden ihren Eltern abgeschwatzt oder gestohlen wurden. Die Schuldigen seien nicht die adoptierenden Eltern, die meist naiv und mit gutem Willen einem Kind ein neues Zuhause geben wollen, sondern Mittelsmänner (und -frauen), Heime, Regierungsstellen und Vermittlungsstellen, die an der Transaktion vom Heim zur Adoption hohe Beträge fordern und auch verdienen.

Belege für diese Argumentation gibt es genügend. Babyhandel gab es in Guatemala und neuerdings in China. Kindesentführungen sind aus Indien und Nepal bekannt. Skrupellose Heimleitungen gibt es in den meisten Ländern, die Kinder ins Ausland vermitteln. Diese Art der Berichterstattung ist sinnvoll, um die Beteiligten ein wenig wach zu rütteln und ihnen zu verstehen zu geben, dass die Öffentlichkeit ein Auge auf die Praktiken hat.

Langfristig verdeckt jedoch die skandalisierende Presse mehr, als sie aufklärt. Sie mobilisiert anstatt zu informieren. Sie agitiert, indem sie den Betrug in den Vordergrund stellt und pars pro toto den Betrug zum System erklärt. Z.B. ist der Hinweis dass die Auslandsadoption eine unregulierte Industrie sei, eine beliebte aber falsche Behauptung. Jede Adoptionsanerkennung eines ausländischen Gerichts durch ein deutsches, jede Visaerteilung und Einbürgerung im Ausland adoptierter Kinder sind hochgradig regulierte Verfahren. Deutsche Gerichte lehnen Anerkennungsanträge regelmäßig ab, wenn die Verfahren nicht den deutschen analog sind und Alternativen nicht geprüft wurden. Dies schmerzt die betroffenen Familien, ist aber für Vermittlungsstellen Grund genug, die bestehende Regulierung ernster zu nehmen.

Wenn die Visastellen amerikanischer Botschaften sich bei vielen Visaanträgen "unwohl" (Graff, S. 65) fühlen, dann ist dies der Moment, an dem sie tätig werden müssen. Und im Unterschied zum Mythos der unregulierten Industrie werden amerikanische Botschaften immer wieder tätig und erkennen die Adoptionspapiere in den Visaanträgen nicht an. Im letzten Jahr strandeten 80 Familien in Nepal; zurzeit gibt es Prüfungen in Kambodscha. Notfalls werden Länder komplett geschlossen.  In der Folge gibt es trotz des Mythos einer vernetzten und scheinbar profitablen Industrie mit einer machtvollen Lobby im Rücken stetig fallende Zahlen von Adoptionen und immer mehr für Adoptionen geschlossene Länder.

Auslandsadoptionen sind nicht optimal reguliert. Sie weisen zu viele Unregelmäßigkeiten und korrupte Mittelsmänner in vielen Verfahren auf. Die bestehende Regulierung über Visaerteilung und Anerkennungsverfahren von Gericht ist zu indirekt, bürokratisch und greift zu spät. Das ist unbestritten. Das Bild einer unregulierten Milliardenindustrie trifft jedoch ebensowenig zu. Es ist in einer Welt voller Skandale ein Bild, das als Gegenpart zur Idylle der Adoptivfamilie gerne porträtiert wird. Die Wahrheit ist, wie so oft, in der Mitte angesiedelt; komplex, kompliziert und weniger geeignet für eine gute Story.

Kommentare:

  1. Dieser Blog und diese Seite verdienen Anerkennung für ihre Bemühungen um eine differenzierte Darstellung. Die gehässigen Kommentare hier werden dem nicht gerecht. Sie stellen sich selbst ins Abseits, vor allem da, wo sie diese Seite in eine blinde Befürworter- Ecke stellen wollen.

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  2. Die Warheit kennen die meisten Adoptivfamilien gar nicht, denn sie vertrauen auf die Agenturen und die Heime.
    Bspw. gibt es zahlreiche Fälle in denen sich bei einer ernsthaften Recherche heraustellt, dass die " Tante" in den Papieren die das Kind zur Adoption gegeben hat in Warheit die leibliche Mutter ist.
    Einen solcher Fälle beschreibt PEAR.


    "7. Older child telling adoptive parent that the “aunt” they met in Ethiopia really was the biological mother." ( http://pear-now.org/docs/PEAR-Ethiopia-Survey-Results.pdf )

    Auch das OLG hat in seinem Urteil sehr deutlich gemacht das die Vermittlungspraxis des EVAP und des Heimes Kidane Mehret, sehr fragwürdig ist. Sicherlich ist das kein Einzelfall.

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  3. Erst "die meisten", dann "zahlreich" und schließlich nur noch ein Einzelfall aus tendenziöser Quelle - sehr glaubhaft!

    OLG - ist damit die Entscheidung zu Kebebe Tsehay gemeint?

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  4. Aha - die Adoptiveltern sind also vertrauensselig, die Agenturen und Heime unglaubhaft, PEAR ist glaubwürdig und das OLG auch. Ist das nicht ein etwas schlicht geratenes Weltbild?

    Bitte noch um Ergänzung: Was ist mit äthiopischen Gerichten und Behörden? Und was ist mit deutschen Gerichten, wenn sie eine äthiopische Adoptionsentscheidung anerkennen?

    Grundsätzlich wäre es zu begrüßen, wenn Kommentare sich in irgendeiner Weise erkennbar auf den Blog-Beitrag beziehen - und in diesem Fall einmal zur Kenntnis nehmen, dass es dort heißt: Die Wahrheit ist komplex und kompliziert.

    Netikette bitte auch hier!

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  5. Ja richtig, mit dem OLG Urteil war Kebebe Tsehay gemeint.

    zu ihrer Frage: die äthiopischen Behörden schauen sich einfach Papier an.- mehr nicht. Eine wirkliche Überprüfung findet nicht statt.
    Die deutschen Gerichte schauen sich wieder eben genau die gleichen Papiere an.
    Ja die Agenturen und die Heime, sind nicht vertrauenswürdig.
    Ein Beispiel:
    Wieso hat EfA aufgehört mit Gelgela zu arbeiten?
    Wieso arbeitet dann EVAP jetzt weiter mit Gelgela?

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  6. Kann man ja schon mal verwechseln, fängt doch beides mit 'K' an.

    'Anonym' schaut sich jedenfalls noch nicht mal Papier an, sondern einfach nur Bildschirmseiten - die sind bekanntlich besonders vertrauenswürdig.

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  7. Auch ich finde die Seite "ethischeado.." supergut und diese sollten sich nicht nur Elötern anschauen, die aus Aethiopien adoptieren (wollen).

    Wie sind es eigentlich mit der Praxis von EfA aus ? EfA scheint doch besonders stark darauf zu achten, dass von deren Vermittlungspraxis nichts aber auch gar nichts an die Öffentlichkeit kommt. Und Öffentlichkeit ist doch wohl eine DER Voraussetzungen für Transparenz !?!

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