Dienstag, 8. Januar 2013

Aus erster Hand: Schulprobleme älterer Adoptivkinder

Aus erster Hand sind Berichte von Adoptiveltern, die uns erreichen und die wir hier in anonymisierter Form weitergeben:
Unsere Tochter war fünf, als wir sie aus Äthiopien abholten. Sie war vom ersten Tag offen, aufgeschlossen und positiv gegenüber allen Veränderungen, die sie erleben würde. Wir hatten und haben keine Bindungsprobleme oder Anzeichen einer größeren Traumatisierung. Sie ist ein freundliches und sehr vernünftiges Kind und für ihr Alter sehr klug und reif. Das macht es ihr in der Schule leichter, weil ihre Lehrer sie in der Klasse sehr schätzen. Ihren Schulleistungen hilft es jedoch nur bedingt. Während sie die Sprache innerhalb weniger Monate akzentfrei lernte und einen großen Wortschatz hat, fällt ihr sowohl Deutsch als auch Mathe schwer.
Nach dreieinhalb Schuljahren ist sie in beiden Fächern eher auf dem Level einer Zweitklässlerin. Sie liest und schreibt langsam mit vielen Fehlern und rechnet unsicher. Unsere - öffentliche - Schule hat uns bis jetzt sehr unterstützt und gibt ihr Zusatzunterricht in beiden Fächern meistens während des Religionsunterrichts oder nach der Schule. Ihre Klassenlehrerin hat uns versprochen, dass sie von ihr in jedem Fall weiter versetzt werden wird. Für sie wäre es eine Katastrophe ein Jahr zu wiederholen, da sie deutlich früher als ihre Klassenkameradinnen in die Pubertät gekommen ist und auch die Größte in ihrer Klasse ist. Mit jüngeren Kindern käme sie überhaupt nicht zurecht.
Allerdings ist es unklar, wie es langfristig weitergehen soll. Ihre Förderlehrerin in Mathematik empfahl sie auf Dyskalkulie testen zu lassen. Wir werden dies auf jeden Fall tun, weil eine solche Diagnose bedeutet, dass ihre Noten nicht für die Versetzung relevant sind und sie auch andere Klassenarbeiten schreiben wird als der Rest der Klasse.
Wir persönlich glauben jedoch nicht an eine Rechenschwäche, weil man auch gleich eine Schreib- und Leseschwäche mit diagnostizieren könnte. Wir halten es für wahrscheinlicher, dass sie aufgrund der Adoption und der kulturellen Umstellung einfach langsamer lernt. Ein Kind kann nicht innerhalb weniger Jahre eine komplett neue Familiensituation und eine neue Sprache verarbeiten, ohne dass das Auswirkungen auf die Lernkapazität hat. Sie bräuchte einfach einen langsameren Unterricht, der jedoch in ihrer Alterskohorte stattfinden müsste. Den gibt es jedoch weder an öffentlichen noch an privaten Schulen. Wir hofffen derzeit, dass unsere Schule weiterhin so tolerant und positiv mit uns umgeht und sie weiter versetzen wird. Ob sie jemals die Differenz zur restlichen Klasse aufholen wird, wissen wir nicht. Für sie ist es jedoch in jedem Fall das Beste, wenn sie in ihrer Klasse bleibt. 
 
Wir veröffentlichen gerne weitere Beispiele aus erster Hand, die dem Erfahrungsaustausch  von Adoptivfamilien dienen. 

Kommentare:

  1. Als interessierte Blog-Leserin und Deutsch-als-Fremdsprache-Studentin kam mir beim Lesen der Gedanke, dass die Lernschwierigkeiten vielleicht doch (zumindest teilweise) ein Sprachproblem sein könnten?
    Denn auch wenn ein Kind im Familien- und Schulalltag muttersprachlich und akzentfrei spricht, kann es gut möglich sein, dass die für ein erfolgreiches Bewältigen der schulischen Aufgaben nötige Bildungs- bzw. Schulsprache noch nicht oder noch nicht ausreichend erworben wurde. Meist wird heute davon ausgegeangen, dass die in der Schule verwendete, schriftbasierte und abstrakte Bildungssprache erst später und "schwieriger" bzw. unter erheblichem Mehraufwand erworben wird, als die Umgangs- und Alltagssprache außerhalb von Schule. Viele (Migranten-)kinder aus nicht-deutschsprachigen Familien beherrschen die Alltagssprache beispielsweise sehr gut, haben aber große Probleme mit den Konzepten der Bildungssprache. Da diese Schwierigkeiten durch die oberflächlich "makellosen" Sprachkenntnisse häufig nicht entdeckt werden, ziehen sich die Schulprobleme durch die gesamte Schullaufbahn.
    Ich kenne mich nun mit international adoptierten Kindern und ihrem Spracherwerb nicht genauer aus und müsste mich erst ein wenig einlesen. Allerdings würde ich über die Rolle der Sprache im dargestellten Fall doch zumindest nochmals nachdenken.
    (Wie könnte man den Erwerb der Bildungssprache nun unterstützen? Gut ist auf jeden Fall die häufige Verwendung schriftbasierter Sprache - etwa durch häufiges Vorlesen. Gleichzeitig kann man auch bestimmte typische Merkmale (etwa Passiv, viele abstrakte Ausdrücke, Substantivierungen, unpersönlcihe Formulierungen) von Bildungssprache gezielt fördern. Viele Förderkonzepte für "typische" Deutsch-als-Zweitsprache-Lerner (also Kinder aus nicht-deutschsprachigen Familien) betonen außerdem die Relevanz der Förderung in der L1/Familiensprache/Herkunftssprache. Dies ist bei adoptierten Kindern aber offensichtlich etwas schwieriger und außerdem gibt es durchaus Uneinigkeiten über die Rolle der L1 beim Erwerb bildungssprachlicher Konzepte der Zweitsprache). Leider bin ich mit konkreteren Beispielen für Fördermaßnahmen gerade überfragt. Bei Bedarf informiere ich mich aber gerne genauer.)

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    1. Herzlichen Dank für den Kommentar. An Fördermaßnahmen und Ideen sind wir sehr interessiert.

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