Freitag, 30. Dezember 2011

Zwei Bücher zum Jahresende

In diesem Jahr sind zwei Bücher von herausragenden Autorinnen erschienen, die beide ihre eigenen Erfahrung mit Adoption auf sehr persönliche Art und Weise verarbeiten. Beide gehören in ihren Heimatländern und darüber hinaus zu Bestsellerautorinnen mit intellektuellem Gewicht; ihre Bücher sind von einer außergewöhnlichen Direktheit und unerschrockenen Ehrlichkeit.

Cover art for BLUE NIGHTS

Blue Nights ist das verstörende Buch von Joan Didion, in dessen Zentrum der Tod ihrer Adoptivtochter steht. Er ist eng verwoben mit dem Tod ihres Mannes, der kurz nach der Erkrankung der Tochter an einem Herzinfarkt stirbt. Quintana liegt zu dem Zeitpunkt bereits im Koma. Der Tod ihres Mannes und das Jahr danach ist Thema des Bestsellers und Bühnenerfolgs The Year of Magical Thinking. Blue Nights könnte man als Folgebuch lesen, aber es ist doch eine noch radikalere Abrechnung mit dem Alter, ihrem eigenen Leben und dem Tod. Dass Quintana ihre Adoptivtochter war, spielt dabei eine nicht unwichtige Rolle. Ihre Ängste und Selbstzweifel, die Art, wie sie ihren Eltern gerecht werden will, sind Themen von adoptierten Kindern. Aber auch ihre eigene Rolle als Adoptivmutter reflektiert Joan Didion auf schmerzhafte Weise. Panisch reagiert sie, als sie sich mit ihrer Familie in der Heimatstadt der leiblichen Mutter aufhält. Zu groß ist die Angst, die erste Mutter könnte ihr Quintana streitig machen. Zu groß ist selbst heute noch der Wunsch, dass die Beziehung zur ersten Familie auch irgendwann beendet sein müsste. Sie müsste es besser wissen, kann aber die andere Elternschaft kaum greifen und schon gar nicht verstehen.



Das Verhältnis von zweiter zu erster Mutter spielt auch eine wesentliche Rolle in dem autobiographischen Roman Why Be Happy If You Could Be Normal von Jeannette Winterson. Jeannette Winterson wurde Anfang der sechziger Jahre im Norden Englands von streng religiösen Eltern der Pfingstgemeinde adoptiert und wuchs in einem lieblosen wie neurotischen Elternhaus auf. Mit sechzehn setzte ihre Adoptivmutter sie vor die Tür, als sie sich als Lesbe zu erkennen gab. In der Situation entstand auch das Zitat, das dem Buch den Titel gab. Bereits in ihrem Erstlingswerk und Bestseller Oranges Are Not The Only Fruit aus dem Jahr 1985 setzte sie sich mit ihrer Adoptivmutter und ihrem Elternhaus harsch auseinander. Ein Vierteljahrhundert später analysiert sie diese Beziehung erneut in einem milderen Licht und konfrontiert sie mit ihrer persönlichen Entwicklung in den nachfolgenden Jahrzehnten. Ihre Adoptivmutter hat sie zwar nach dem Rauswurf nur noch ein einziges Mal gesehen. Allerdings führt eine Lebenskrise mehr als zwanzig Jahre später sie zur Suche ihrer leiblichen Mutter, die sie ambivalent erlebt. Während ihre erste Familie mit Tanten, Stiefgeschwistern und Mutter sie freudig in die Familie aufnimmt, wird ihr selbst wiederum deutlich, wie stark sie von den Kämpfen mit ihrer Adoptivmutter auch in ihrer kreativen Entwicklung geprägt wurde.    

Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern unseres blogs und der webseite ein gutes und erfolgreiches Jahr 2012!

Dienstag, 27. Dezember 2011

Mit den Augen eines Adoptivkindes - eine weitere Paradoxie von Adoptionen

Ältere adoptierte Kinder sehen die ethischen Aspekte ihrer Adoption zuweilen erheblich nüchterner als ihre von den mangelnden ethischen Standards der Verfahren geplagten Adoptiveltern. Die Augen fest nach vorne gerichtet vergleichen sie ihr altes mit ihrem neuen Leben und haben ein instiktives Gespür für die Unterschiede der zumeist kindzentrierten Adoptivfamilien mit den Überlebenskämpfen in ihren Herkunftsfamilien.

Nach Angaben von UNICEF müssen 53% der Kinder in Äthiopien im Alter zwischen 5 und 14 Jahre arbeiten. 49% der Mädchen in Äthiopien heiraten vor ihrem 18. Lebensjahr. Unter den ärmsten 20% sind es sogar 61%. 74% aller äthiopischer Frauen sind Opfer von Genitalverstümmelungen geworden.

Das African Child Policy Forum hat 2006 einen Bericht mit dem Titel "Sticks, Stones and Brutal Words: The Violence Against Children in Ethiopia" veröffentlicht, der auf Befragungen von Kindern und Erwachsenen beruht. Danach ist das Ausmaß der Gewalt gegen Kinder in Äthiopien erschreckend:
  • Mehr als 60 Prozent der befragten Erwachsenen gaben an, Kinder mit einem Seil oder Draht festgebunden zu haben und 57 Prozent gaben zu, ein Kind mit der Faust geschlagen zu haben.
  • Mehr als 70 Prozent der Kinder wurden mit einem Stock oder einem anderen Gegenstand geschlagen.
  • 60 Prozent haben selbst Kindesentführungen miterlebt.
  • 62,6 Prozent der Erwachsenen gaben zu, ein Kind gezwungen zu haben, den Rauch einer brennenden Chilischote einzuatmen.
Kinder, die nicht mit ihren Eltern sondern mit ihren Verwandten leben, leiden nach Angaben des Berichts mehr unter der Gewalt von Erwachsenen als andere. Sie müssen mehr arbeiten und werden mehr geschlagen. Dies sind häufig auch die Kinder, die als bereits ältere Kinder von den Verwandten ins Heim gegeben werden oder weglaufen und auf der Straße aufgegriffen werden.

Es wundert daher wenig, wenn Kinder mit solchen Erlebnissen ihre eigene Adoption anders betrachten als solche, die als Baby adoptiert wurden. 63,4 Prozent der für den Bericht interviewten Kinder bestätigten, dass sie Gewalt an Kindern als Menschenrechtsverletzung ansehen, insbesondere im Bereich der sexuellen Gewalt.

"The study revealed that adults perceived violence against children as acts that inflicted injury or harm in an unacceptable manner or that transgressed the law. Children shared this perception, but added that violence was also a human rights issue. While the majority of adults considered sexual violence unacceptable under any circumstance, at the same time they were reluctant to consider female genital mutilation (FGM) and early marriage as unacceptable forms of violence. In contrast, children showed no tolerance for such harmful traditional practices. All forms of sexual violence were unacceptable to them, whether they are cultural or traditional. In the study, 48 percent and 38.7 percent of the children indicated that they personally know of cases of early marriage and FGM, respectively."

Aus der Perspektive älterer Adoptivkinder, insbesondere Mädchen, sind daher die in in diesem Blog diskutierten ethischen Fragen von Auslandsadoptionen eher in der Kategorie von Luxusproblemen liberaler Wohlstandsgesellschaften angesiedelt. Auch wenn auch sie an dem Trauma des Verlusts ihrer ersten Familie zu arbeiten haben, wissen sie zugleich, was sie durch die Adoption gewonnen haben. Das ist in der Regel ein Leben ohne Gewalt, ohne Armut und ohne Überlebensängste. Das ist kein Grund, sich nicht mehr mit den ethischen Fragen von Auslandsadoptionen zu beschäftigen, aber ein wichtiges Korrektiv in manchen erhitzten Debatten. 

Donnerstag, 22. Dezember 2011

Der perfekte Sturm

Eine Leserin hat uns auf einen neuen Artikel von Kathryn Joyce hingewiesen, der in der Zeitschrift  The Atlantic erschien und in der Tat lesenswert ist. Er ist überschrieben mit "How Ethiopia's Adoption Industry Dupes Families and Bullies Activists" und beschreibt im Wesentlichen, wie die amerikanische Adoptionsindustrie versucht, durch Einschüchterung von Kritikern und Adoptiveltern die Vermittlungswege weiter offen zu halten.

Für Leserinnen und Leser dieses blogs ist die Geschichte, wie die amerikanischen Vermittlungsstellen Äthiopien eroberten, bereits bekannt. Einige neue Aspekte gibt es jedoch. Der erste ist die eindeutige Aussage, dass für äthiopische Familien die Vorstellung von Adoption eine völlig andere ist als in westlichen Gesellschaften.

"Äthiopier haben nicht die Vorstellung, dass Adoption ein klarer Bruch mit der ersten Familie ist. Manche denken, dass das Kind zwar im Ausland aufwächst, aber sie es danach wieder sehen werden. Eine hoch entwickelte und verrechtlichte Gesellschaft trifft auf eine sehr arme und traditionelle."

Wenn sich in den Dörfern herumspricht, dass die Familien von der Abgabe eines Kindes profitieren, dann wirkt das ansteckend. "Es ist sehr gefährlich; man spielt mit der Armut der Menschen, ihren Gefühlen und Bedürfnissen in einer wirklich profunden Art und Weise."

Der zweite Aspekt betrifft die Umsetzung des Adoptionsstopps. Bis heute wurden 23 Kinderheime geschlossen. Gleichzeitig zeigt eine Analyse von Gerichtsurteilen, die von UNICEF in Äthiopien durchgeführt wurde, dass der Stopp nicht lange angehalten hat, und heute die Adoptionszahlen wieder auf dem vorherigen Niveau sind.

Drittens gibt es nun direkte Hinweise darauf, dass es durchaus gefährlich ist, wenn Adoptivfamilien die Herkunft ihrer Kinder überprüfen wollen. Während es einerseits eine positive Entwicklung ist, dass Adoptiveltern dies tun, stoßen sie gleichzeitig auf Hindernisse, da die Searcher, die sie damit beauftragen, von offiziellen Stellen eingeschüchtert werden, die dazu noch von den Vermittlungsstellen dazu angehalten werden.
 
Ob sich durch den angekündigten Adoptionsstopp in diesem Jahr an den Praktiken tatsächlich etwas geändert hat, ist nicht klar. Einerseits gibt es ein größeres Bewusstsein von ethischen Aspekten in Adoptionsverfahren und die Regierung hat das Thema aufgegriffen. Andererseits ist die Nachfrage weiterhin hoch; und der Druck der Vermittlungsstellen auf die Gerichte und Regierung scheint erfolgreich gewesen zu sein.

Montag, 19. Dezember 2011

Rechtmäßigkeit ohne Rechtsstaat - Adoptionen in Äthiopien

Am 21. November 2011 veröffentlichten Human Rights Watch und Amnesty International einen Aufruf an die äthiopische Regierung, von der Verfolgung von Journalisten und friedlichen politischen Aktivisten durch die Anwendung ihrer übermäßig breiten Antiterrorismusgesetze abzusehen.

Am 23. November 2011 wurde der Prozess gegen 24 des Terrorismus verdächtigten Angeklagten fortgesetzt. Darunter waren sechs Journalisten und zwei Mitglieder der oppositionellen Partei Unity for Democracy and Justice (UDJ). Gegen sechzehn der 24 wird in Abwesenheit verhandelt. Mehrere andere Verfahren gegen Journalisten und Aktivisten finden zeitgleich statt.

Äthiopien ist keine Demokratie und kein Rechtsstaat. Keiner der Angeklagten hatte Zugang zu einem Verteidiger vor dem Verfahren. Drei der Angeklagten haben sich im Gerichtssaal über Misshandlungen beschwert. Menschenrechts-organisationen werden von der Regierung ebenso unterdrückt wie oppositionelle Parteien. Premierminister Meles Zenawi hat sich bereits über die Verfahren geäußert und somit die Unschuldsvermutung gegenüber den Angeklagten unterminiert. Die Äußerungen setzen die Gerichte unter Druck; die äthiopische Gerichtsbarkeit ist nicht unabhängig.

Wie kann in einem autoritär regierten Land eine unabhängige Prüfung des Adoptionsbedürfnisses verlassener Kinder stattfinden? Wie können deutsche Gerichte im Anerkennungsverfahren davon ausgehen, dass die in den äthiopischen Gerichtsurteilen dokumentierten Sachverhalte faktisch richtig sind und den deutschen Rechtsgrundsätzen entsprechen? Im Zweifel gar nicht. Die Anerkennung äthiopischer Adoptionsurteile basieren auf einer Fiktion einer Teilautonomie äthiopischer Familiengerichte, die wiederum jedoch auf fraglichen Annahmen basiert. Aus rechtsstaatlicher Perspektive ist es nicht möglich zu wissen, mit welcher Motivation und welchem Handlungsspielraum ein äthiopischer Richter über einen Adoptionsantrag befindet. In einer für das Kind und die beteiligten Familien lebensentscheidenden Frage ist das zugrunde gelegte Verfahren nicht vertrauenswürdig.

Die Folgen sind problematisch. Zum einen urteilen deutsche Richter anders als äthiopische Gerichte, wie das Urteil des OLG Düsseldorf vom Januar diesen Jahres zeigt. Zum anderen bleibt ein Nachgeschmack bei der Betrachtung der äthiopischen Urteile, die oftmals der einzige Beleg der Herkunft der Kinder sind. Die dort aufgeführten Sachverhalte mögen zutreffen. Es könnte aber auch ganz anders gewesen sein. Diese Ungewissheit ist für Kinder und Familien schwer zu ertragen.

Dienstag, 13. Dezember 2011

Das Paradox von Adoptionen

Adoption ist ein ungewöhnliches Zusammentreffen eines Kinderwunsches eines Paares mit dem Verlassenwerden eines Kindes. Für zwei sehr unterschiedliche Arten von sehr persönlichen Verletzungen wird durch die Adoption im Handumdrehen eine gemeinsame Lösung gefunden. In der Adoption dient das verlassene Kind als Erfüllung des Kinderwunsches. Ob dabei das Kind auf seine Kosten kommt und nicht vielleicht immer nur Ersatz bleibt, ist der Kern vieler kritischer Diskussionen Adoptierter über Adoptionen. Und ob nicht die Erfüllung eines Kinderwunsches an sich bereits selbstsüchtig und unangemessen ist - noch dazu vor dem Hintergrund eines verlassenen Kindes.

Durch das Dickicht der hitzigen Adoptionsdiskussionen und auf den unzähligen blogs zum Thema zieht sich immer wieder die paradoxe und schmerzhafte Feststellung, dass das Leid des Kindes gleichzeitig die Freude der Eltern ist. Adoptiveltern feiern den Adoptionstag - in Amerika als 'gotcha day' - an dem das Kind in die neue Familie kam. Für das Kind ist es jedoch der Tag des endgültigen Verlusts seiner ersten Familie, seiner Herkunft und seiner 'natürlichen' Identität vor der Adoption.

Wie darauf reagieren? Auf einem lesenswerten blogbeitrag einer Therapeutin und Adoptivmutter liest man: "I have come to believe that every simple, clear statement made about the adoption experience, from any perspective, is at worst wrong and at best incomplete." Das ist einfühlsam und unterstreicht die Komplexität von Adoptionen. Adoptiveltern können zu der Zeit des Kindes vor der Adoption sowie zu seiner Beziehung zu seiner leiblichen Familie wenig sagen. Sie kennen sie nicht aus eigener Erfahrung. Sie wissen nicht, ob und wie bereits ein Säugling über den Verlust seiner Mutter trauern kann. Aber sie können die subjektive Erfahrung des Kindes als solche respektieren. Wie die Beziehung sich auch immer im Laufe der Zeit entwickeln wird und welchen Stellenwert die Herkunftsfamilie für das Kind haben wird; Adoptiveltern können und müssen sie als Teil ihres Kind anerkennen und die Trauer des Kindes verstehen und begleiten. Das ist ihre Aufgabe.   

Donnerstag, 8. Dezember 2011

Das Hamlin Fistula Hospital in Addis Abeba

Die australischen Gynäkologen Reg und Catherine Hamlin kamen 1959 nach Addis Ababa, um eine Hebammenschule zu eröffnen. Heute ist daraus ein vorbildliches Krankenhaus zur Behandlung von Frauen geworden, die bei der Geburt ihrer Kinder schwere innere Verletzungen erlitten. Wenn die Kinder bei der Geburt den Geburtskanal nicht passieren können, leiden die Frauen nicht nur tagelang unter den Wehen, bei denen die Kinder sterben. Sondern es entstehen auch Risse in der Blase, der Vagina und dem Darm. Diese Risse, Fisteln genannt, führen zu schwerster Inkontinenz.

Cover of book, The Hospital by the RiverDie Hamlins haben in Addis Abeba 1974 das erste Krankenhaus aufgebaut, das sich auf diese Verletzungen spezialisiert. Catherine Hamlin hat den Aufbau des Krankenhaus in ihrer Autobiographie The Hospital by the River: A Story of Hope beschrieben. Die Landschaft, die Monarchie von Haile Selassie und das Chaos der kommunistischen Regierung werden mit viel Gefühl und Detail geschildert. Gleichwohl bleibt im Mittelpunkt das Schicksal der zahllosen jungen Frauen, die durch mangelnde medizinische Versorgung schwerste Verletzungen erleiden.

Der Verein Fistula e.V. unterstützt das Hamlin Fistula Hospital in Äthiopien.

Mittwoch, 7. Dezember 2011

Privatadoptionen

Unter Privatadoptionen versteht man solche Auslandsadoptionen, die ohne Einschaltung einer deutschen Vermittlungsstelle erfolgen. Sie sind besonderen rechtlichen wie auch tatsächlichen Risiken ausgesetzt, da die Adoptiveltern keine fachliche Beratung bekommen und sich vollständig auf die Vermittler im Herkunftsland verlassen müssen. Auch werden die Adoptiveltern nicht auf ihre Eignung durch deutsche Stellen geprüft, sondern wenn überhaupt in den Herkunftsländern. Sie sind daher ein wesentliches Einfallstor für Korruption und fingierte Dokumente.

Privatadoptionen erfolgen entweder komplett im Herkunftsland des Kindes oder werden über ausländische Vermittlungsstellen - in der Regel amerikanische - abgewickelt. Adoptiveltern bewerben sich im Herkunftsland direkt für ein Kind, das sie zuvor in einem Kinderheim kennengelernt haben. Das Familiengericht im Herkunftsland beschliesst daraufhin die Adoption. Ob ein Sozialbericht für die Adoptiveltern oder eine Adoptionsbedürftigkeit des Kindes festgestellt wird, bemisst sich nach den Gesetzen des Herkunftslandes.

Problematisch werden Privatadoptionen, wenn die Anerkennung durch deutsche Gerichte beantragt wird (z.B. um die deutsche Staatsangehörigkeit zu erhalten). Dann wird geprüft, ob die ausländische Adoption den deutschen Rechtsgrundsätzen - insbesondere der Eignung der Adoptiveltern und die Notwendigkeit einer internationalen Adoption - entspricht. Auch bei Adoptionen aus Ländern, die die Haager Konvention unterzeichnet haben, wird geprüft, ob die Adoptionsentscheidung den Grundsätzen der Haager Konvention folgte. Wenn dem nicht so ist, wird der Adoption die deutsche Anerkennung verweigert.

Man weiß in Deutschland nicht, wieviele Kinder jedes Jahr durch Privatadoptionen adoptiert werden, da diese nicht meldepflichtig sind. Es gibt jedoch Angaben über die Anerkennungsverfahren vor deutschen Gerichten. Nach Auskunft des Bundesamts für Justiz sind das ca. 1000 im Jahr. Davon werden etwa 10% nicht anerkannt. Fast alle dieser Fälle - eine wichtige Ausnahme im Bereich Adoptionen aus Äthiopien haben wir ausführlich dokumentiert - sind Privatadoptionen.

Liest man die Gerichtsentscheidungen der Vormundschaftsgerichte, die das Bundesamt in einer Datenbank ins Netz gestellt hat, dann bekommt man einen Eindruck von der Realität der Privatadoptionen. Eine große Zahl der Entscheidungen betreffen Verwandtenadoptionen von Familien aus der Türkei und dem Kosovo, bei denen Kinder von den Großeltern, Tanten oder befreundete Familien nach Deutschland adoptiert werden sollen. Allerdings gibt es auch Fälle von Leihmutterschaft durch Verwandte in der Türkei oder Vertragsadoptionen aus Indien. In zweiter Instanz zurückgewiesen wurde eine Privatadoption aus den USA, da sich das amerikanische Gericht nicht an die Bestimmungen der Haager Konvention gehalten und inbesondere das Adoptionsbedürfnis des Kindes nicht geprüft hatte. In einem Fall eines Kindes aus Nepal wurde die Anerkennung verweigert, da vor dem Gericht in Nepal angegeben wurde, die Mutter sei unbekannt, während dem deutschen Gericht eine Einverständniserklärung der leiblichen Mutter vorgelegt wurde.

In der Summe kann man vor Privatadoptionen nur warnen.  Auch bei Adoptionen aus Vertragsstaaten der Haager Konvention kann man sich nicht darauf verlassen, dass diese automatisch in Deutschland anerkannt werden. Es ist gut, dass es ein Korrektiv durch deutsche Gerichte gibt. Es wäre jedoch noch besser, wenn die Einschaltung eines deutschen Jugendamtes verpflichtend für jede Form der Visaerteilung ausländischer Kinder zur Einreise nach Deutschland zum Zwecke der Adoption gemacht würde. Damit könnte man Adoptionsbewerbern schon früher die Risiken von Privatadoptionen verdeutlichen.

Montag, 28. November 2011

Amerikanische Verhältnisse?

Nach Angaben des Statistischen Bundesamts wurden im Jahr 2010 382 ausländische Kinder zur Adoption nach Deutschland gebracht, deren Adoptiveltern nicht mit den Kindern verwandt sind. Äthiopien war das größte Senderland mit 97 Kindern gefolgt von Russland, Thailand und Bulgarien. 2009 waren es noch 72 Kinder aus Äthiopien und 2008 waren es 47 und 2007 29. Damit sind in Deutschland die Zahlen adoptierter Kinder aus Äthiopien ähnlich schnell in die Höhe geschossen wie in den USA. Gleichzeitig sind jedoch die Gesamtzahlen aller Auslandsadoptionen nach Deutschland im gleichen Zeitraum deutlich gesunken. 2007 kamen noch 567 Kindern aus dem Ausland nach Deutschland.*

Die Zahlen verdeutlichen zum einen wie groß der Abstand zum Adoptionsland USA ist; zum anderen aber auch dass das in den Medien gerne gezeichnete Bild der Auslandsadoption als Lösung für die zunehmende ungewollte Kinderlosigkeit verwöhnter Mittelschichtsfamilien kaum zutrifft. 660.000 Geburten im Jahr stehen knapp 400 Auslandsadoptionen gegenüber. Die Zahl der vorgemerkten Adoptionsbewerbungen sank in den letzten zwanzig Jahren um über 60%.

Während also die Gesamtzahlen von Inlands- und Auslandsadoptionen in Deutschland seit langem sinken, war Äthiopien in den letzten Jahren ein Ausreißer. Das hängt zum einen mit dem 'Erschließen' von Äthiopien als Senderland durch amerikanischen Vermittllungstellen und zum anderen mit der Gründung einer neuen Vermittlungsstelle zusammen. Die bayerische Vermittlungsstelle Eltern für Afrika hat 2007 seine erste Vermittlung aus Äthiopien durchgeführt und ist seitdem rasant gewachsen. Mit Eltern für Afrika wurde das Vermittlungsverfahren aus Äthiopien nach Deutschland insofern 'amerikanisiert', als dass Eltern für Afrika wie viele amerikanische Vermittlungsagenturen ein eigenes Transitheim in Addis Abeba betreibt, in das Kinder zur Adoption nach Deutschland aufgenommen werden. Transitheime ausländischer Adoptionsvermittlungsstellen sind problematische Einrichtungen. Einerseits folgen sie ein wenig dem Modell der Bereitschaftspflege, wie sie in Deutschland praktiziert wird. Anderseits tragen sie zum Aufbau einer Nachfragestruktur bei und die Vermittlungsstellen sind schon aus finanziellen Gründen darauf angewiesen, dass neue Kinder ins Heim kommen. Gekoppelt mit sozialen Projekten wie z.B. einem Projekt für Straßenmütter kann sehr schnell eine Beziehung entstehen, bei der Straßenmütter ihre Kinder ins Heim abgeben, um selbst wieder Unterkunft und Arbeit zu bekommen. Es geht jedoch bei internationalen Adoptionen darum, keine zusätzlichen Anreize zur Abgabe von Kindern zu schaffen.

Sind wir also auf dem Weg in amerikanische Verhältnisse? Die Erfahrung der letzten Jahrzehnte macht das eher unwahrscheinlich. Zum einen wurden Vermittlungsstellen mit umstrittenen Geschäftspraktiken wie ICCO und Pro Infante die Lizenzen entzogen. Zum anderen tragen die zentralen Behörden wie zum Beispiel die Zentralen Behörde für Auslandsadoptionen der norddeutschen Bundesländer (GZA) und das Bundesamt für Auslandsadoptionen immer wieder kritische Beiträge zur Auslandsadoption in die Diskussion. Das gilt ebenso für Terre des Hommes, die jedoch nach eigenen Angaben ihre Vermittlungen nicht aufgrund ethischer Überlegungen eingestellt haben. Und schließlich ist die Rechtsprechung zur Umwandlung ausländischer Adoptionen zunehmend restriktiv und hat den Vermittlungsstellen weitere Prüfpunkte auferlegt.

Der ausgesprochen kritische Leiter der GZA, Rolf Bach, spricht sogar von Adoptionen als einem aussterbenden Rechtsinstitut und misst auch dem Handel mit Adoptivkinder in Deutschland keine größere Bedeutung zu. Im Unterschied zu den USA greifen jedoch deutsche Medien das Thema Kinderhandel immer wieder gerne und skandalisierend nach dem Motto "Suche Kind, zahle bar" auf, während tatsächlich der "Handel" mit Kindern im Sinne von Geldzahlungen für die Abgabe von Kindern oder gar Kinderdiebstahl nur in den allerseltensten Fällen ein Thema ist. Auch in dem Bericht, den ACT über die Vermittlung 19 äthiopischer Kinder durch die niederländische Vermittlungsstelle Wereldkinderen wurden keine Anzeichen für Geldzahlungen an Angehörige gefunden. Das soll die Probleme mit gefälschten oder fehlerhaften Herkunftspapieren, den fehlenden Alternativen zur Abgabe der Kinder und die oftmals mangelnde Aufklärung äthiopischer Angehöriger über den endgültigen Charakter der Adoption nicht verharmlosen und macht die Diskussion über ethische Auslandsadoptionen nicht weniger relevant.

Letztlich leben die USA und Deutschland in zwei sehr unterschiedlichen Adoptionswelten. In den USA wird öffentlich für Adoptionen missioniert; in Deutschland suggerieren die Medien regelmäßig und oftmals mit behördlicher Unterstützung, dass Auslandsadoptionen an Kinderhandel grenzen.

* Die Zahlen beinhalten nicht Privatadoptionen. Es war uns nicht möglich, eine fundierte Angabe über die tatsächliche Praxis der Privatadoption zu finden. 

Mittwoch, 23. November 2011

Finding Fernanda - Die Bedeutung Guatemalas für Adoptionen aus Äthiopien

Anfang November erschien das Buch Finding Fernanda von Erin Siegel. Es beschreibt das Schicksal einer Mutter aus Guatemala, Mildred Alvarado, deren Kinder von der Mafia entführt und in die USA adoptiert wurden. Gegen allen Erwartungen schaffte es die Mutter ihre Kinder wiederzufinden.

Das Buch öffnet die Augen für die dunkle Seite internationaler Adoptionen, die Verknüpfung von Verbrechen, Korruption, missionarischer Ignoranz, Kollaboration der Behörden und Hilflosigkeit der Adoptiveltern.

Erin Siegel ist Journalistin und hat in Guatemala die Betroffenen, die NGO Fundación Sobrevivientes, Mütter und Pflegemütter und Mitarbeiter von Behörden interviewt. In den USA sprach sie mit den Adoptiveltern von Fernanda, anderen Adoptiveltern sowie Mitarbeitern der Vermittlungsstelle  Celebrate Children International (CCI) einschliesslich des Ehemanns der Direktorin Sue Hedberg. Die Geschichte beschreibt das Schicksal einer einzelnen Mutter und steht dennoch für ein größeres Bild der Verknüpfung von Auslandsadoptionen mit Kinderhandel über fragwürdige Vermittlungsstellen.

Die Vermittlungsstelle CCI ist nicht nach der Haager Konvention akkreditiert operiert jedoch weiterhin in Ländern, die die Haager Konvention nicht unterzeichnet haben unter anderem in Äthiopien. Bis 2006 vermittelten sie im Schnitt 20 Kinder monatlich aus Guatemala. Heute sind sie die fünftgrößte Vermittlungsstelle in Äthiopien mit 250 Adoptionen im Jahr. Frau Siegel schreibt: “Since 2005, nineteen complaints have been made about the adoption agency. The Department of Children and Families has not substantiated any of them.”

In einem Interview beschreibt Erin Siegel das Zusammenspiel von Korruption und schwacher Regulierung. Während alle Verwaltungsstrukturen in Guatemala von Korruption beherrscht sind, sieht die amerikanische Botschaft es nicht als ihre Aufgabe an, den Prozess zu kontrollieren sondern amerikanische Interessen zu vertreten. Daher verhindert sie die Vermittlung gestohlener Kinder nicht sondern spielt eine ermöglichende und vermittelnde Rolle. Ähnliches geschieht gerade in Äthiopien. 

Montag, 21. November 2011

Die USA - the elephant in the room

"The elephant in the room" ist im Englischen ein unausgesprochenes aber gleichsam dominantes Thema einer Diskussion, dessen Thematisierung heikel und unangenehm ist. In der Diskussion über Ethik in Auslandsadoptionen sind die USA ein solches Thema: sie definieren aufgrund ihrer zahlenmäßigen Dominanz das Geschehen und setzen damit Standards, an denen andere kaum vorbei kommen. Gleichzeitig sind diese Standards jedoch gleich mehrfach ethisch fragwürdig und problematisch. Die Folge davon ist ein polarisierter Diskurs über Adoptionen in den USA sowie eine umsatzorientierte Adoptionsindustrie, die von einem Herkunftsland zum nächsten zieht.

Die USA sind ein ausgesprochen adoptionsfreudiges Land. Nicht nur Hollywoodgrößen adoptieren regelmäßig Kinder sondern auch in der Bevölkerung sind Adoptionen weit verbreitet. Jährlich werden ca. 100.000 Kinder in den USA adoptiert, davon weniger als 15% aus dem Ausland. Es werden sowohl Kinder aus dem Ausland adoptiert als auch ins Ausland vermittelt. Schwangere können im Vorfeld die Adoption ihrer Kinder arrangieren und sich die potentiellen Adoptiveltern aussuchen. Private Adoptionen über Rechtsanwälte sind möglich, die ihre eigenen Sozialarbeiter für Sozialberichte beschäftigen und damit eine staatliche Kontrolle komplett umgehen. Die Kosten für Adoptionen reflektieren das Angebot und Nachfrage: die Adoption eines afro-amerikanischen Jungen ist signifikant billiger als die Adoption eines hellhäutigen Mädchens. Der Adoptionsdiskurs wird von evangelikalen Kirchen dominiert, die im Geiste der christlichen Familienideologie die Abgabe von Babies zur Adoption als lobenswerte Entscheidung junger Frauen betrachtet. Gleichzeitig gibt es in einzelnen Bundesstaaten nach wie vor die Inkognitoadoption und für diese Adoptierte kein Recht auf die Kenntnis der eigenen Abstammung, obwohl erwachsene Adoptierte vehement für dieses Recht eintreten.

Die Mischung aus religiösem Eifer, schwachen individuellen Rechten Adoptierter und einer vorbehaltlosen Freude daran Familien neu zusammenzusetzen, führt auch in den USA zu heftiger Kritik. Zahllose Blogs erwachsener Adoptierter und abgebener Mütter ereifern sich tagtäglich über das Unrecht, das ihnen widerfuhr und ziehen gegen die Adoptionsindustrie und deren Interessen mit recht geringem Erfolg zu Felde.

Warum ist dieser Umgang für die Diskussion über Ethik in Auslandsadoptionen relevant? Auch in den USA übersteigt die Nachfrage nach Kindern das Angebot. Insbesondere ist es für viele Amerikaner attraktiver, afrikanische, lateinamerikanische und chinesische Kinder zu adoptieren als afro-amerikanische. Kombiniert mit dem ideologischen Gerüst, durch Adoptionen Kinder in der Dritten Welt vor dem sicheren Tod oder zumindest einem Leben auf der Straße zu retten, ziehen Adoptionsagenturen in arme Länder und bauen dort ihre Vermittlungsstrukturen auf. Einmal dort angekommen belassen sie es jedoch nicht bei der Vermittlung tatsächlich elternloser Kinder sondern übertragen ihren Ansatz der bereits vorstrukturierten Übergabe von Babies von jungen unverheirateten Müttern an amerikanische Familien in diese Länder, ohne es mit den tatsächlichen Verhältnissen zu genau zu nehmen. Die amerikanischen Botschaften sind zumindest implizit in diese Praktiken verwickelt, da sie bereit sind, selbst grob fehlerhafte Dokumente durch weitere Nachforschungen zu korrigieren.

Eine solche Welle ist in den letzten zehn Jahren auch über Äthiopien hinweg gerollt. Dort sind die Adoptionen in die USA von 42 im Jahr 1999 auf über 2500 im Jahr 2010 explodiert. Ähnliche Prozesse vollzogen sich zuvor schon in Russland, China und Guatemala. Diese drei Länder haben jedoch mittlerweile auf die amerikanische Adoptionsindustrie reagiert. Insgesamt führte dies zu einem Rückgang internationaler Adoptionen um 60% in den letzten fünf Jahren, da zunehmend die Senderländer die Möglichkeit zur Adoption einschränkten. Äthiopien hat in diesem Jahr genau den gleichen Weg beschritten, als es die Zahl der Adoptionen beschnitt. Im Jahr 2011 gibt es daher lediglich 1727 Adoptionen aus Äthiopien in die USA.

Die Reduktion der Adoptionszahlen in Äthiopien war ein richtiger und wichtiger Schritt, um Verwaltungsstrukturen nicht weiter zu überlasten und ein rechtmäßiges Adoptionsverfahren zumindest theoretisch zu ermöglichen. Langfristig wichtiger ist es jedoch, den in den USA herrschenden Adoptionsdiskurs in neue Bahnen zu lenken. Internationale Adoptionen ohne Rücksicht auf die Rechte von Eltern und Kindern sind kein Menschenrecht in einer neuen Weltgesellschaft, auch wenn es hochangesehene Wissenschaftler in Harvard so proklamieren. Nur im Kontext ethischer Verfahren, die auf den Prinzipien der Notwendigkeit, Wahrhaftigkeit und Legalität beruhen, machen internationale Adoptionen überhaupt Sinn. Diese Argumente und Normen müssen allen internationalen Verträgen zur Adoption und Adoptionspraktiken unterliegen.

Aus deutscher Perspektive ist es natürlich fast unmöglich, den Diskurs in Amerika zu beeinflussen. Auch läuft hier nicht alles optimal. Allerdings gibt es weder den religiösen Eifer noch eine offene Beschaffungsmentalität. Dafür geht man in den USA transparenter mit den Problemen um. Letztlich kann Europa/Deutschland nur mit gutem Beispiel vorangehen, seine eigenen Fehler korrigieren und sich von den amerikanischen Praktiken deutlich distanzieren.

Samstag, 19. November 2011

Vertraute Fremdheit - Buchtipp

Die Stimmen von Adoptierten sind im Adoptionsgeschehen meistens unterbelichtet. Die wenigsten Kinder werden gefragt, ob sie adoptiert werden wollen und viele erwachsene Adoptierte glauben, dass der Adoptionsprozess nicht in ihrem Interesse erfolgt. Vielmehr sind es beteiligte Erwachsene, die das Geschehen bestimmen: Familienangehörige, die junge Frauen zur Abgabe ihrer Kinder drängen; Adoptiveltern, die sich gerne zur Verfügung stellen; Jugendämter, die eine Lösung für instabilie Familienkonstellationen suchen.

Eric Breitinger hat als erwachsener Adoptierter die Stimmen von anderen Adoptierten aufgeschrieben und sie mit viel Sachverstand mit Forschungsergebnissen und Informationen zum Thema Adoption kombiniert. Das Buch enthält 16 Porträts schweizer und deutscher erwachsener Adoptierter in fast allen Altersgruppen. Die Lebensgeschichten drehen sich um Wurzelsuche, das Verhältnis zu den Adoptiveltern und den leiblichen Familien, die psychische und mentale Belastung durch die Unwissenheit der Herkunft und des Verlassenwerdens. Dazu gibt es sachkundige Kapitel zu Babyklappen, Samenspenden, Rechtsfragen und Auslandsadoptionen.

Als roter Faden zieht sich durch das Buch das Plädoyer zur offenen Adoption. Breitinger spricht sich sowohl gegen Inkognitoadoptionen, anonyme Samenspenden als auch Babyklappen aus. Das Recht auf Kenntnis der eigenen Herkunft und der offene Umgang mit der ersten Familie sind zentrale Faktoren für eine gelungene Adoption.

Vertraute Fremdheit: Adoptierte erzählen

Damit halten Adoptiveltern den Schlüssel für Erfolg in der Hand: Sind sie stabil, offen und entspannt gegenüber der Bedeutung der leiblichen Familie, sind sie von Beginn an ehrlich und konstruktiv im Umgang mit der ersten Familie und sehen sie in ihrem adoptierten Kind nicht den Ersatz für ein leibliches Kind, sind wesentliche Weichen schon gestellt.

Deutlich wird dies auch durch die unterschiedlichen Generationen, die im Buch porträtiert werden. Die Adoptiveltern der 84jährigen Nelly Bünzli haben sie mit strikten Regeln und harter Arbeit traktiert, da sie dachten, dass Mädchen würde ansonsten auf der Straße landen. Der 25jährige Jonas Fuchs peruanischer Herkunft ist Adoptivsohn einer wiederum aus Hongkong nach Deutschland adoptierten Frau, die in einem offenen und liberalen Haushalt einer Pfarrersfamilie groß wurde. Er hat regen Kontakt mit seiner leiblichen Familie. Die deutlichen Unterschiede zwischen den Generationen zeigen, dass Fortschritte im Umgang mit Adoptionen erzielt wurden und die jüngere Generationen der Adoptierten deutlich bessere Chancen zur Wurzelsuche und positiven Kontaktaufnahme haben.

Allerding werden diese Fortschritte gleichzeitig wieder durch neue Formen der Anonymität (Samenspende, Leihmutterschaft und Babyklappen) gefährdet. Sie sind zudem noch nicht überall gleichermaßen verbreitet und finden leider auch noch keine Entsprechung in den rechtlichen Regelungen. 
  

Dienstag, 15. November 2011

Stimmen aus Äthiopien

Addis Journal is one of the leading blogs coming from the city of Addis Ababa, Ethiopia.It focuses on arts, books, films, politics, and music from Ethiopia and beyond. It chronicles the emergence and growth of Ethiopian painting, drawing, sculpture and decorative arts.

Quelle: Addis Journal.


Habesha Hub is a community website determined to bring you all the fun stuff from the East Africa. We bring you all the fun stuff. Videos, Audio and Photos. We have already accumulated over 7,000 Amharic, Tigrigna and Oromo songs. We have close to a 1,000 music videos on the website.


Quelle: Habesha.

Dienstag, 8. November 2011

Fallende Bäume

""Ein Baum, der fällt, macht mehr Krach, als ein Wald der wächst!"
So lautet eine alte tibetanische Weisheit. Unsere Wahrnehmung wird von "fallenden Bäumen" dominiert- von dem, was gewaltig ist, was schnell passiert, was uns bedroht.
Unsere Geschichte ist voller "fallender Bäume": Krieg und Zerstörung....

Doch dann wundern wir uns, dass es trotz all dieser Zerstörung immer noch Leben und Vielfalt auf dieser Erde gibt. Wir erkennen daraus, dass es der "wachsende Wald" ist, auf den es letztlich ankommt. Er ist es, der das Leben fortführt- langsam und vielfältig, ganz unauffällig und doch beständig.

Lasst uns nicht im Getöse der Zerstörung das langsame Entfalten des Neuen übersehen!"

Aus: Hans-Peter Dürr, "Warum es ums Ganze geht"
Hans-Peter Dürr, geb. 1929, ist Träger des Alternativen Nobelpreises und war Mitglied des Club of Rome

Warum ich Hans-Peter Dürr zitiere?

Weil ich mich frage, wo die Stimmen der Beteiligten: Vermittlungsorganisationen, Herkunftsfamilien und der Adoptivfamilien sind, die diesen blog lesen.

Montag, 7. November 2011

Leider gewonnen

Wie wir der Berliner Morgenpost entnehmen konnten, hat der taz-Artikel von Greta Taubert und Benjamin Reuter (taz)  "Der verlorene Sohn" tatsächlich den Medienpreis der Kindernothilfe in der Kategorie Print gewonnen. Die Morgenpost nannte den Artikel "einfühlsam". Wenigstens haben sich die Gäste bei der Preisverleihung gut amüsiert.

Sonntag, 6. November 2011

Das Leid gestohlener Kinder

Die Zeitung Die Welt berichtet über die Geschichte von Anisha Mörtl, die im Alter von elf Monaten nach Deutschland adoptiert wurde, obwohl ihre Mutter sie nie zur Adoption freigegeben hatte

Anisha hatte eine problematische Beziehung zu ihrer Adoptivmutter, die sie in ihrer Wurzelsuche nicht unterstützte. Sie reiste dennoch mit 13 Jahren nach Indien, um nach ihrer Mutter zu suchen. Zwei Jahre später wurde sie von einer indischen Bürgerrechtlerin gefunden. Die Geschichte einer unrechtmäßigen Adoption hat sie jetzt in dem Buch "Lotostochter" aufgeschrieben.
 
 
Anisha lehnt heute Auslandsadoptionen grundsätzlich ab. "Ich habe so viele Adoptierte kennengelernt und in jedem Fall war es für die Kinder sehr schwierig. Die einen haben jahrelang versucht ihre leiblichen Eltern zu finden und waren verzweifelt, wenn es nicht geklappt hat. Die anderen wollten nichts mit ihrer Vergangenheit zu tun haben. Das ist auch unnatürlich. Viele haben ihr Leben lang starke Schuldgefühle ihrer leiblichen Familie gegenüber, fechten einen nicht enden wollenden inneren Kampf aus und haben Schwierigkeiten, sich auf eine Beziehung einzulassen aus Angst, fallen gelassen zu werden."

Mingi-Kinder - Rituelle Kindstötungen in Südäthiopien

CNN berichtet über Kindstötungen in Südäthiopien als Teil abergläubischer Rituale. Ein Mingi-Kind leidet unter einem Fluch, der Unglück über das ganze Dorf bringen kann. Man erkennt Mingi-Kinder daran, dass sie Behinderungen haben, unehelich geboren werden oder nichtige ungewöhnliche Merkmale aufweisen. Zum Beispiel weil ihre Zähne erst im Oberkiefer wachsen und danach erst im Unterkiefer.

Um das Unglück der Mingi-Kinder abzuwehren, entscheiden sich die Dorfältesten zur Tötung der Kinder. Sie werden am Omo-Fluss ausgesetzt oder im Fluss ertränkt. Heute werden rituelle Kindstötungen zwar von der Regionalregierung verurteilt, aber sie finden noch immer statt. Die Stämme Kara, Banna und Hamar am Ufer des Omo Fluss in Südäthiopien sind für die Ächtung und Tötung von Mingi-Kindern bekannt.

Ein Gruppe äthiopischer Christen hat für Mingi-Kinder ein Kinderheim aufgebaut. Mit Hilfe amerikanischer Spender sollen dort die Kinder überleben können. Zwischen dem Heimleiter und den amerikanischen Helfern kam es jedoch zum Streit, da der Heimleiter Adoptionen von Mingi-Kindern ablehnt. Die Kinder sollen die Möglichkeit haben, zu ihren Eltern zurückzukehren, führt er aus. Die Amerikaner beschuldigen ihn, Gelder unterschlagen zu haben.

Am Ende des Artikels kommt eine Pflegemutter zu Wort, die zwei Mingi-Kinder bei sich aufgenommen hat. Sie betet, dass die Banna erkennen, dass ihre Pflegekinder kein Unglück bringen und beklagt: "there is a long way to go to change the beliefs we have had for so long."

Sonntag, 30. Oktober 2011

Liberales Abtreibungsrecht in Äthiopien

Die Financial Times Deutschland berichtet über die Liberalisierung des Abtreibungsrechts in Äthiopien. Damit werden Geburtenraten gedrosselt und das Leben der Mütter geschützt. Während sich die Bevölkerung in den letzten 50 Jahren vervierfachte, ist die durchschnittliche Kinderzahl Äthiopiens in Afrika nach Südafrika, Gabun und Dschibuti mittlerweile die niedrigste. Von 5,5 im Jahr 2000 fiel sie auf 4,8 in diesem Jahr - in den Städten sogar von 3,2 auf nur 2,6. Der Anteil der äthiopischen Frauen, die Verhütungsmittel nutzen, hat sich seit 2005 verdoppelt.

Zumindest theoretisch sollte sich durch eine zurückgehende Geburtenrate und bessere Geburtenkontrolle auch der Anteil der verlassenen und verwaisten Kinder reduzieren.

Mittwoch, 26. Oktober 2011

Enabling Violation - Das Dilemma Internationaler Adoptionen

In der New York Times erschien ein nachdenklicher Beitrag über das Dilemma Internationaler Adoption zwischen Kindeswohl und Verlust. Die Autorin benutzt den im Deutschen sperrigen Begriff der "ermöglichenden Verletzung" (enabling violation), um die zwei Seiten der Adoption zu charakterisieren. Die Ermöglichung in ihrem Fall war die Adoption eines schwer kranken Mädchens aus Paraguay. Die dem voran gegangene Verletzung bezieht sich nicht nur auf den Verlust der ersten Familie, seiner kulturellen und ethnischen Wurzeln sondern auch auf die politischen Rahmenbedingungen in Paraguay, das zu dem Zeitpunkt autoritär und korrupt regiert wurde.

”I enabled my daughter’s life by adopting her, but in another sense it was a violation for my daughter, who was uprooted from her home, her language and her country of birth. I may have violated the people of Paraguay by participating in an adoption process that the vast majority of Paraguayans deeply disapproved of and ultimately sought to end. I have of course tried to make sure that my daughter always knew the story, not only of her adoption, but of what I could gather of her birth mother’s decision. But I will never feel at ease until my daughter and I visit her birth mother and hear it directly from her.

There is no easy way in which the adopted child’s imaginary domain can be facilitated, although dual citizenship seems to be a minimum guarantee to adopted children, so that they can return to their country of birth if they so desire. Ultimately, international adoption is profoundly implicated in relations of inequality that cannot be addressed on the basis of one family alone. Perhaps, then, if we at least recognize international adoption as an enabling violation, we can avoid the worst kinds of self-righteous humanitarianism, and find ourselves pointed towards a struggle for a more just world."   

Dienstag, 18. Oktober 2011

Weitere Berichte über Schließungen von äthiopischen Kinderheimen

Das amerikanische Außenministerium bestätigt und aktualisiert Berichte über Schließungen von Kinderheimen in Südäthiopien. Diese beruhen auf dem Entzug von Lizenzen durch äthiopische Behörden. Die Kinder in den Heimen wurden bereits in andere Institutionen transferiert. Die betroffenen Kinderheime sind:

  • SOS Infants Ethiopia (Arbaminch, Dila and Awassa branches)
  • Gelgella Integrated Orphans (Tercha and Durame branches)
  • Bethzatha Children's Home Association (Sodo, Hosaena, Dila, Haidya, Durame, and Hawassa branches)
  • Ethio Vision Development and Charities (Dila and Hawassa branches)
  • Special Mission for Community Based Development (Hosaina branch)
  • Enat Alem Orphanage (Awassa branch)
  • Initiative Ethiopia Child and Family Support (Hawassa branch)
  • Resurrection Orphanage (Hosaina branch)
  • Musie Children's Home Association (Hadiya, Hosaina, Dila, and Kenbata branches)
  • Organization for Gold Age (Kucha, Dila, Hawassa branches)
  • Hidota Children's Home Association (Soto branch)
  • Biruh Alem Lehisanat, Lenatochina Aregawiyan (Hosaina branch)

Dienstag, 11. Oktober 2011

Ich bin kein verlorenes Kind - Dokumentation des WDR vom 6.10.2011

Der WDR hat am 6.10. eine sehenswerte Dokumentation ausgestrahlt, die auch als podcast auf der Webseite zu finden ist.

Louisa ist als Kleinkind aus Kiew adoptiert worden und wächst mit drei Brüdern in einer Berliner Familie auf. Louisas leibliche Eltern kommen aus Madagaskar. Die Eltern haben in der Ukraine und Usbekistan in den frühen 1990er Jahren studiert und sich dort kennengelernt. Die Beziehung ging aufgrund der räumlichen Trennung schnell in die Brüche. Die Mutter hat dem Vater nichts von dem Kind gesagt und Louisa unmittelbar nach der Geburt zur Adoption freigegeben. Bei der Freigabe hat sie angegeben, dass der Vater verstorben sei.

Auf Louisas Initiative konnten beide Eltern in Madagaskar gefunden werden. Der Vater ist Professor und ihre Mutter arbeitet an einem Gymnasium als Lehrerin. Das Fernsehen begleitet Louisa mit ihrer Berliner Adoptivfamilie in das Land ihrer afrikanischen Eltern und Großeltern. Es gibt ein ergreifendes Willkommen durch die Großmutter väterlicherseits, während die Eltern nur schwer den Kontakt zu ihrem Kind finden.