Wer vor vier Jahren mit offenen Augen durch Addis Abeba spazierte, sah überall Adoptivfamilien. Insbesondere amerikanische Eltern mit äthiopischen Babies und Kleinkindern bevölkerten das National Museum, das Blue Tops Restaurant und die großen internationalen Hotels. Abends auf dem Flughafen sah man ein Dutzend oder mehr Familien abreisen. Auf der Straße wurden sie begrüßt und Äthiopier bedankten sich bei ihnen, dass sie sich ihrer Kinder annehmen. Heute ist das Straßenbild ganz anders.
Man sieht in den typischen Touristenorten noch vereinzelt Adoptivfamilien. Amerikanische Familien sind jedoch weit und breit nicht zu sehen. Äthiopier geben Europäer den Tipp im Gespräch deutlich zu machen, dass man kein US-Amerikaner sei. Die Stimmung auf der Straße hat sich gedreht: Antiamerikanismus ist stark ausgeprägt wie auch eine Abneigung gegen internationale Adoptionen. Mitarbeiter von Vermittlungsstellen werden mit Vorwürfen konfrontiert am Kinderhandel gut zu verdienen. Die amerikanischen Vermittlungsstellen haben ihre Mitarbeiter sehr gut bezahlt und mit großen Autos ausgestattet. Manche Mitarbeiter von (amerikanischen) Adoptionsagenturen sind in kurzer Zeit sehr wohlhabend geworden. Die Äthiopier nehmen diese Entwicklung wahr und wissen, dass dort nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Zudem sind die Vorfälle in den USA - wie das Gerichtsverfahren gegen die Adoptiveltern von Hana Williams - in Äthiopien bekannt. Ebenso das Schicksal von Masha und der Film Mercy, Mercy.
Die meisten Vermittlungsstellen sind auf dem Rückzug. Zwei große amerikanische Agenturen haben ihre Büros geschlossen und eine Reihe von europäischen haben ihre Vermittlungen reduziert. Die neuen Vorschriften zum Gerichtsverfahren sowie die Schließung von Transitheimen und staatlichen Kinderheimen hat die Zahl der adoptierbaren Kindern deutlich reduziert. Als Folge steigt der Preis, den einige Heime für die Vermittlung von Kindern erwarten. Statt einer Unkostenpauschale für die Heimunterbringung werden hohe Summen für einzelne Kinder verlangt. Die Vermittlungsstellen, die solche Praktiken ablehnen, bekommen in der Tendenz keine Kinder mehr vermittelt oder nur solche, die niemand sonst will. Nach Auskunft einiger Beteiligter hat durch die stärkere Regulierung die Korruption eher zu- als abgenommen. Von einer möglichen Ratifizierung und Umsetzung der Haager Konvention ist nichts zu spüren. Die äthiopische Regierung will das Thema Adoption eher zurückfahren als durch weitere gesetzliche Maßnahmen neu aufwerten. Weder will man den Antiamerikanismus weiter schüren noch will man die Aufmerksamkeit neu auf Adoptionen richten. Politische Konsolidierung und ausländische Investitionen stehen im Mittelpunkt der Politik. Wirtschaftliche Entwicklung soll die Abgabe elternloser Kinder überflüssig machen.
Dass es jedoch weiterhin eine große und zunehmende Zahl elternloser Kinder gibt, ist auch offensichtlich. Die Lage der Landbevölkerung hat sich in den letzten Jahren kaum verbessert. Kinder verlassen ihre Dörfer und Eltern, weil die Familie auseinanderbricht oder das Land schlicht nicht genug zum Überleben der Familie bietet. Sie schlagen sich nach Addis Abeba durch, wo sie auf der Straße landen. Mitarbeiter von Straßenkinderprojekte berichten, dass die Rückführung der Kinder in ihre Familien oft unmöglich ist, da sie dort nicht bleiben können oder wollen. Nur eine finanzielle Unterstützung der Familien kann das in einigen Fällen ändern. Die Not dieser elternloser Kinder ist groß. Eine Organisation, die sich ihrer annimmt, ist Hope for the Hopeless, die wir an dieser Stelle empfehlen möchten.
Wir sind eine Gruppe Eltern, die Kinder aus Äthiopien adoptiert haben. Im Prozess der Adoption wurden wir zunehmend mit ethischen Fragen der Internationalen Adoption konfrontiert, die wir durch Dialog, Aufklärung und Diskussion mit Betroffenen und Interessierten klären wollen. Dieser Blog ist offen für alle, die mit uns über ethische Fragen in Auslandsadoptionen diskutieren wollen. Wir freuen uns über Fragen und Kommentare.
Ethical International Adoptions
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Samstag, 24. August 2013
Freitag, 24. Februar 2012
Die Rolle der US Administration in der Reduzierung äthiopischer Adoptionen
Ein interessanter Debattenbeitrag findet sich in einem neuen wissenschaftlichen Buch über Internationale Adoptionen. Er stammt von zwei profilierten amerikanischen Juraprofessoren, die beide zugleich Adoptiveltern sind und sich seit Jahren zum Thema aktiv äußern. Beide haben jedoch deutlich unterschiedliche Positionen zum Thema. Elizabeth Bartholet von der Harvard Law School ist aktive Befürworterin internationaler Adoptionen und sieht in dem Recht auf Familie eines verlassenen Kindes ein Menschenrecht, das andere Kriterien wie zum Beispiel das Recht auf die eigene Kultur und die Beziehung zur ersten Familie überwiegt. David Smolin von der Cumberland Law School ist selbst von Kinderhandel beschädigter Adoptivvater und steht Internationalen Adoptionen kritisch gegenüber.
Der Meinungsaustausch arbeitet die kritischen Punkte sehr deutlich heraus:
- Zum Thema Kinderhandel und Korruption argumentiert Frau Bartholet, dass es keine Beweise dafür gäbe, wie weit verbreitet das Problem Korruption in Internationalen Adoptionen tatsächlich sei. Nach ihrer Einschätzung sei es ein marginales Problem, auf das man mit der Bestrafung der Täter antworten könne, ohne das System ändern zu müssen. Smolin argumentiert hingegen, dass die hohen Geldbeträge automatisch das gesamte System korrumpieren.
- Zum Thema Subsidiarität argumentiert Frau Bartholet, dass es keinen Grund gäbe lokale Adoptionen internationalen Adoptionen vorzuziehen, da man wisse, dass Kinder sich gut in einem neuen Umfeld zurecht finden. David Smolin erwidert, dass das Trauma von Trennung und Adoption in dieser Betrachtung nicht berücksichtigt werde.
"Those I consulted with, who had decades of experience on the ground there and reason to know what was going on, thought the quid pro quo clear -- shut down international adoption and we’ll give you $100 million USD. Why isn’t this kind of apparent deal characterized as corruption? Why isn’t it condemned as harmful to children, shutting off the international adoptive homes that represent for many their best option? Why isn’t Smolin interested in investigating any corruption or other misuse of funds given to organizations like UNICEF for incountry work?"
Da diese Behauptung immerhin von einer Professorin einer führenden rechtswissenschaftlichen Fakultät kommt, kann man sie nicht so einfach zur Seite legen. Angesichts der starken Adoptionslobby in den USA kann man sich zudem durchaus vorstellen, dass das amerikanische Außenministerium einerseits den Adoptionstourismus nach Äthiopien eindämmen und andererseits sich mit dieser Lobby nicht anlegen wollte. Insgesamt zeigt diese Erklärung in erster Linie eines: Dass internationale Adoptionen ein politisch hoch sensibles Feld sind, in dem es kaum um Kinder aber viel um Politik geht.
Elizabeth Bartholet and David Smolin: THE DEBATE. In: INTERCOUNTRY ADOPTION: Policies, Practices, and Outcomes (edited by Judith L. Gibbons and Karen Smith Rotabi, Ashgate LTD forthcoming June 2012)
Mittwoch, 8. Februar 2012
Weitere Kinderheimschließungen in Äthiopien
Ein aufschlussreicher Artikel in Christianity Today beleuchtet die aktuelle Situation von Auslandsadoptionen in Äthiopien. Neue Vorschriften des äthiopischen Frauenministeriums (MOWA) haben nicht nur die Zahl der Anträge reduziert, die die Behörde täglich prüft und damit den Adoptionsprozess verlängert. Zusätzlich hat die Regierung vorgeschrieben, dass alle verlassenen Kinder zunächst in einem staatlichen und nicht privaten Kinderheim untergebracht werden müssen, um das Einsammeln von Kindern (Harvesting) zu verhindern. Mindestens 25 private Kinderheime wurden danach im letzten Jahr und weitere 20 werden voraussichtlich in den nächsten Monaten geschlossen. Viele dieser privaten Kinderheime hatten direkte Verbindungen mit Vermittlungsstellen in westlichen Ländern.
Der Artikel zitiert auch Schwester Lutgarda Camilleri vom Kidane Mehret Children's Home in Addis Abeba. Sie unterstützt die neuen Vorschriften, obwohl sie ihre Arbeit erschweren. Viele Kinder in Kidane Mehret seien aufgrund ihres Alters oder Gesundheitszustands nicht adoptierbar. Mit den neuen Vorschriften kommen weniger Kleinkinder ins Kidane und damit auch weniger Interesse von Adoptiveltern. Weniger Interesse bedeutet zugleich auch weniger finanzielle Unterstützung für die Kinder, die nicht adoptiert werden können.
Der Artikel zitiert auch Schwester Lutgarda Camilleri vom Kidane Mehret Children's Home in Addis Abeba. Sie unterstützt die neuen Vorschriften, obwohl sie ihre Arbeit erschweren. Viele Kinder in Kidane Mehret seien aufgrund ihres Alters oder Gesundheitszustands nicht adoptierbar. Mit den neuen Vorschriften kommen weniger Kleinkinder ins Kidane und damit auch weniger Interesse von Adoptiveltern. Weniger Interesse bedeutet zugleich auch weniger finanzielle Unterstützung für die Kinder, die nicht adoptiert werden können.
"When we had babies, people came here and when they came, they would sponsor these older children," sagte Camilleri. "Right now we have three children who are siblings; they are 8, 13, and 15. They have to be adopted together. But tell me: Who is going to take a 15-year-old with AIDS?"
Diese Form der Subventionierung älterer nicht adoptierbarer Kinder durch internationale Adoptionen ist in äthiopischen Kinderheimen die Regel. Spenden kommen in erster Linie von Adoptiveltern. Ein Rückgang von Adoptionen trifft daher die Kinderheime insgesamt. Allerdings kann dies kein Grund sein, zweifelhafte und teils kriminelle Verfahren zu tolerieren.
Der Artikel schließt mit der Beobachtung, dass weder die Vorschriften noch internationale Adoptionen an sich das Problem lösen.
Montag, 11. Juli 2011
Opfer des Adoptionsbooms
Adoptionen und Korruption in Äthiopien ist das Thema eines neues Projekts des Pulitzer Centers für Krisenberichterstattung. Kathryn Joyce, die vor kurzem einen lesenswerten Artikel in der Zeitschrift The Nation über den missionarischen Einsatz Evangelikaler Christen für Adoptionen veröffentlichte, berichtet nun im Rahmen des Pulitzer Centers spezifisch über Adoptionen aus Äthiopien. In ihrem letzten Posting geht sie darauf ein, wie amerikanische Vermittlungsagenturen mit der Begrenzung der Vermittlungszahlen durch die äthiopische Regierung umgehen.
Samstag, 25. Juni 2011
Die Betreuung der Herkunftsfamilie
Darf die Vermittlungsstelle mit der abgebenden Familie Kontakt aufnehmen? Zurzeit halten sich die Vermittlungsstellen in dieser Frage sehr zurück. Zu groß ist die Befürchtung, dass ihnen unterstellt werden könnte, Familien in Richtung einer Abgabe ihrer Kinder zu beraten. Die Erfahrungen mit den Skandalen über sogenannte Child Finder, die von Vermittlungsstellen in äthiopische Dörfer geschickt wurden, um adoptierbare Kinder zu akquirieren, sitzen zu tief.
Die Zurückhaltung der Vermittlungsstellen führt dazu, dass sie die Adoptiveltern noch nicht einmal in Richtung einer Zusammenkunft mit den abgebenden Eltern beraten, weil sie hierdurch einen Interessenkonflikt befürchten. Das hat zur Folge, dass die Adoptiveltern selber entscheiden müssen, ob sie eine Begegnung mit den abgebenden Eltern wollen, bzw. ob sie vorbereitet in dieses Gespräch gehen wollen. Eine Beratung findet nur auf Initiative der Adoptiveltern hin statt. Die abgebenden Mütter dürfen aus den gleichen Gründen nicht von der Vermittlungsstelle betreut werden. Das hat zur Konsequenz hat, dass sie an diesem für sie sicher sehr emotionalen Tag vollkommen alleine dastehen, da der äthiopische Staat ihnen keine Sozialarbeiter oder ähnliches zur Seite stellt.
Die Zurückhaltung der Vermittlungsstellen führt dazu, dass sie die Adoptiveltern noch nicht einmal in Richtung einer Zusammenkunft mit den abgebenden Eltern beraten, weil sie hierdurch einen Interessenkonflikt befürchten. Das hat zur Folge, dass die Adoptiveltern selber entscheiden müssen, ob sie eine Begegnung mit den abgebenden Eltern wollen, bzw. ob sie vorbereitet in dieses Gespräch gehen wollen. Eine Beratung findet nur auf Initiative der Adoptiveltern hin statt. Die abgebenden Mütter dürfen aus den gleichen Gründen nicht von der Vermittlungsstelle betreut werden. Das hat zur Konsequenz hat, dass sie an diesem für sie sicher sehr emotionalen Tag vollkommen alleine dastehen, da der äthiopische Staat ihnen keine Sozialarbeiter oder ähnliches zur Seite stellt.
Wenn - wie an dieser Stelle mehrfach betont - ein Kontakt zwischen der abgebenden und aufnehmenden Familie zentraler Bestandteil für die Identität des Kindes ist, dann muss die Kontaktaufnahme auf beiden Seiten betreut und moderiert werden. Idealerweise sollten die äthiopischen Behörden die abgebenden Familien durch Sozialarbeiter betreuen. Wenn auf Seiten der äthiopischen Behörden keine Hilfestellung erfolgt, dann sollte die Vermittlungsstelle diese Aufgabe übernehmen. Die Reduzierung der Vermittlungszahlen gibt den Vermittlungsstellen die Chance, die Qualität der Vermittlungsverfahren für alle Beteiligten zu verbesseren und mögliche Traumata zu verhindern. Die Vermittlungsstellen sollten diesen Schritt in ihre Vermittlungsverfahren integrieren und offen gegen Kritik verteidigen.
Mittwoch, 22. Juni 2011
Begrenzung der Adoptionsverfahren
Es gibt neuerdings eine (noch unbestätigte) Information, dass die durch die äthiopische Regierung beschlossenen Reduktionen im Adoptionsverfahren (auf 10%) so umgesetzt werden sollen, dass pro Vermittlungsstelle 2 Adoptionen im Monat durchgeführt werden. Für die deutschen Vermittlungsstellen würde das keine allzu große Veränderung bedeuten, da hier die Gesamtzahl der Adoptionen ohnehin nicht so groß ist. Die sehr viel größeren US-amerikanischen Vermittlungsstellen wären davon sehr viel stärker betroffen.
Hintergrund dieser Maßnahme sind angeblich nicht nur die aufgedeckten Manipulationen im Vorfeld der Adoptionsverfahren. Auch das manchmal als herablassend oder gar entwürdigend empfundene Auftreten von Adoptiveltern in Äthiopien soll dazu beigetragen haben.
Zur Reduktion der Adoptionsverfahren: Was steckt hinter der MOWA-Entscheidung? (Post v. 8.Mai 2011)
Zum Verhalten von Adoptiveltern in Äthiopien: Schlagen, Schreien - und Schweigen (Post v. 12. April 2011)
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