Posts mit dem Label Medien werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Medien werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 13. November 2013

Kritische und unkritische Reflektionen in den USA

Auf zwei neue Publikationen in den USA sei hier hingewiesen:

Kathryn Joyce hat in einem Artikel für Slate Magazine die Geschichte von Hana zusammengefasst und die Rolle von fundamental christlichen Großfamilien mit mehr als 10 Kindern, die ihre Kinder zuhause unterrichten und von Disziplin und Gehorsam besessen sind, analysiert.  Die Analyse ist - wie immer - gründlich und überzeugend. Für informierte Leser beinhaltet sie jedoch wenig Neues. Wer jedoch nochmals nachlesen möchte, woran das Adoptionssystem in den USA krankt, kann dies dort tun.

Einen interessanten Kommentar zum Artikel gibt es von Jean Mercer auf ihrem Blog Child Myths. Sie stellt die Frage, ob diese Adoptiveltern, die Kinder sammeln, nicht eine pathologische emotionale Störung haben. Der Blog von Jean Mercer sei an dieser Stelle empfohlen. Sie ist in der Adoptionscommunity von beiden Seiten umstritten, da sie einerseits immer wieder auf die Gefahren der Diagnose "Bindungsstörung" hinweist und sogenannte "Haltetherapien" kritisiert, andererseits die Annahme einer primären Bindung von Mutter und Kind, die unter Adoptionskritikern weit verbreitet ist, bestreitet.

Die zweite Publikation kommt aus dem Donaldson Adoption Institute und ist eine empirische weltweite Befragung von Adoptiveltern und Adoptionsprofis.

Der Bericht ist eine wilde Zusammenstellung von Befunden, die gezielt an der derzeitigen Diskussion über die Probleme bei Adoptionen in den USA (re-homing, child collectors, abuse and death etc.) vorbei argumentieren und im Wesentlichen zum Ergebnis kommen, dass alles im Lot ist, wenn man die Adoptiveltern ein wenig besser vorbereitet. Adoptionen sind weiterhin der optimale Weg, wenn Eltern oder Familie nicht vorhanden sind. Punkt. Wirkliche Reformen werden weder befürwortet noch ernsthaft in dem Bericht angesprochen.

Der interessanteste Punkt in dem Sammelsurium ist der Hinweis, dass viele Adoptiveltern auch bei internationalen Adoptionen den Kontakt zur leiblichen Familie suchen und wertschätzen. 

A CHANGING WORLD:
SHAPING BEST PRACTICES THROUGH UNDERSTANDING
OF THE NEW REALITIES OF INTERCOUNTRY ADOPTION

Authors: Dr. Ellen Pinderhughes, Jessica Matthews, Georgia Deoudes and Adam Pertman
Funded by: American Ireland Fund and the Donaldson Adoption
Published: 2013 October, New York NY: Donaldson Adoption Institute
Document Type: Policy & Practice Perspective (176 pages)

Sonntag, 10. November 2013

Abgegeben - Angenommen. Adoptiert ist man ein Leben lang

Adoptiert ist man ein Leben lang, davon erzählen auch ältere Erwachsene, deren Adoptionsgeschichten sehr unterschiedlich verlaufen sind. Das Leben von allen ist – positiv wie negativ – durch die Adoption geprägt...

Eine hörenswerte Sendung auf HR 2

Freitag, 4. Oktober 2013

Sie werden nie eine normale Familie sein

Ein Nachtrag zur Diskussion, ob Adoptivfamilien 'normal' sind: Irmela Wiemann hat das Interview in Nido auf ihre Webseite gestellt und einen lesenswerten Kommentar verfasst. Wir hatten darüber bereits früher berichtet.

Frau Wiemann kritisiert in ihrer Stellungnahme den Titel, der nicht von ihr gewählt wurde. In der Tat gibt es eine Neigung zur Dramatisierung: entweder sind Adoptivkinder und ihre Familien besonders schwierig (oft in den Medien) oder komplett wie alle anderen (oft bei den Familien selbst und bei ihrer Umwelt).

Letzteres fällt besonders im Schulalltag immer wieder auf. Ob ein bestimmtes Verhalten oder eine Schulschwäche mit der Adoption zusammenhängen könnte, ist ein ganz empfindliches Thema. Besonders gut meinende Eltern oder Lehrer ersticken oft jede Diskussion darüber in dem sie darauf hinweisen, dass andere Kinder dieses Problem/Verhalten auch haben. Das ist ebensowenig hilfreich wie diejenigen Lehrer, die Adoptivkinder gleich in die Schublade der verhaltensauffälligen Kinder stecken.

http://www.irmelawiemann.de/dl/dl.pdfa?download=Nido-normale-Familie-Wiemann-Satz.pdf

Montag, 10. Juni 2013

Interview mit Karen Husemann in VIA Adoption 1/2013

In VIA Adoption 1/2013, dem Informationsmagazin des Verbands Internationaler Adoptionsfamilien, erschien ein Interview mit Karen Husemann über Ethische Adoptionen.

Sonntag, 10. März 2013

Betrug bei Adoptionen aus Äthiopien

Die Journalistin Kathryn Joyce betreibt ein Projekt beim Pulitzer Center on Crisis Reporting über die Opfer des Adoptionsboom in Äthiopien. Auf der Projektseite finden sich einige Artikel, videoclips und Vorträge zum Thema. Ein Videoclip begleitet einen Searcher in den Süden Äthiopiens im Sommer 2011. Mit der steigenden Zahl von Adoptionen mit gefälschten Dokumenten steigt auch die Zahl derjenigen Familien, die mit Hilfe von Searchern die Familien ihre Kinder suchen, um die Wahrheit ans Licht zu bringen. In dem Video wird auch gezeigt, wie gefährlich die Arbeit von Searchern ist, die von Vermittlungsstellen bedroht werden und auch im Gefängnis landen können.


 

Mittwoch, 23. Januar 2013

Aus erster Hand: offener Leserbrief an die ZEIT


Professor Dr. Carola Frege
London School of Economics and
Political Science

Die ZEIT Dossier Redaktion
Herr Greiner und Herr Mangold

Hamburg

18/1/2013

Betr.: Die Zeit, 17.1.2013, Dossier, “Zensierte Kinderbücher”

Sehr geehrter Herr Greiner, Herr Mangold und die Dossier Redaktion,

Ich möchte mein zutiefstes Unbehagen über Ihren Dossier vom 17.01.2013, “Zensierte Kinderbücher”,zum Ausdruck bringen. Das wichtige Thema, Rassismus in der deutschsprachigen (Kinder)Literatur, wurde in Deutschland bislang völlig ignoriert. Ich bin froh, dass nun - dank der bekannten Aussage von Familienministerin Schröder – endlich eine Diskussion entsteht. Ich bin ermutigt von der längst überfälligen Entscheidung des Thienemann Verlages, seine klassischen Kinderbücher zu editieren und hoffe, dass viele andere Verlage folgen werden. Dies ist längst überfällig – in Amerika beispielsweise wurde dieses Thema bereits vor 50 Jahren abgehandelt.

Leider hilft uns das ZEIT Dossier hier nicht weiter: es ist weder ausgewogen noch informativ und spiegelt lediglich die vorherrschende Meinung in den deutschen Medien wieder. Ihr Dossier beginnt mit einem rassistischen Aufmacher auf der Titelseite (sollte das witzig sein? Und warum muss das N-Wort auf der ersten Seite einer renommierten deutschen Zeitung benutzt werden?) und dann melden sich vier Männer zu Wort, von denen sich drei (weiße) Männer gegen die Editierung alter Kinderbücher aussprechen und einzig Herr Mangold - als schwarzer Deutscher - eine gegensätzliche Meinung artikuliert, aber dies leider etwas zu halbherzig und zaghaft. Den drei Artikeln ist gemeinsam, dass sie nirgendwo die eigentlichen Opfer, nämlich die schwarze deutsche Kinder (ja, die gibt es!) betrachten. Die kommen überhaupt nicht vor! Es geht hier nicht nur um den Einfluss dieser Bücher auf deutsche (weiße) Kinder und Ihrem Weltbild, sondern auch und gerade auf Kinder von Minderheiten, in diesem Fall schwarze deutsche Kinder. Warum wird dies völlig ignoriert? Warum wurde nicht ein Interview mit schwarzen Kindern, deren Eltern, oder beispielsweise Mitglieder der ‘Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland’, Experten in Sachen deutscher Rassismus, geführt? Stattdessen entscheiden drei weiße Männer mittleren Alters, wie sich z.B. schwarze 6-jährige Kinder fühlen sollen, wenn in der Schule ‘Jim Knopf’ vorgelesen wird, oder ‘Pippi Langstrumpf’ oder ‘Die Kinder aus der Krachmacherstrasse’ (auch Astrid Lindgren, auch mit rassistischem Inhalt) -- oder wenn sie im Kinderhort “Wer hat Angst vorm schwarzen Mann” mitspielen müssen. Und mit welchem Recht maßen sich diese Autoren an zu behaupten, dass das alles nicht so schlimm sei (Hacke:“Der Aufstand ist lächerlich”), und dass das Belassen des Originaltextes wichtiger sei (Greiner: Kulturgut!) als das (immerhin im Grundgesetz verankerte) Recht, nicht diskriminiert zu werden. Darf das für schwarze Deutsche nicht gelten?

Im Einzelnen:

1) Artikel von Herrn Greiner “Die kleine Hexenjagd”

(i) Herr Greiner setzt sich für die ursprüngliche, wenn auch rassistische Sprache ein und widersetzt sich dem ‘Diktat der politischen Korrektheit’ — ohne allerdings dem Leser zu erklären, was an diesen ‘Tugendwächtern’ eigentlich so schlimm ist. Anscheinend genügt es im deutschen Feuilleton das gehasste Wort ‘politische Korrektheit’ nur zu erwähnen. Was hat es aber mit politischer Korrektheit zu tun, wenn man dafür eintritt, dass schwarze Kinder in Deutschland das Recht haben, nicht herabwürdigend und degradierend abgebildet zu werden (ob nun in klassischen oder zeitgenössischen Kinderbüchern– ja, auch dort finden sich rassistische Wörter - oder auf der Bühne, wie z.B. in der derzeitigen Kinderaufführung der Zauberflöte an der Deutschen Oper Berlin – es gibt leider viele Beispiele). Und warum ist politische Korrektheit in Deutschland nur o.k., wenn es um unsere jüdischen Mitbürgern geht, nicht aber um andere Minderheiten? Gerade wir Deutsche sollten doch eine Vorreiterrolle im Umgang mit Rassismus und Diskriminierung aller Couleur spielen. Genau das Gegenteil ist meist der Fall. Wir sind in dieser Beziehung ein Entwicklungsland. Und um welche ‘Zensur’ geht es hier eigentlich? Es geht doch nicht darum die Bücher zu verbieten, sondern lediglich veraltete, rassistische Wörter und Inhalte zu editieren! Nicht nur unsere Sprache wandelt sich mit der Zeit und unsere Moralvorstellungen, wie Herr Greiner zu Recht bestätigt, aber auch die gesellschaftliche Verantwortung unseren Kindern gegenüber. Ich verstehe diese ganze Aufregung nicht. Kinderbücher wurden doch schon immer besonderen Kriterien unterstellt. Sie sind eben keine Erwachsenenbücher und viele Themen wie z.B. Vergewaltigung haben in Kinderbüchern nichts zu suchen (obwohl Vergewaltigungen ja in früheren Zeiten oder anderen Kulturen akzeptiert waren). Warum sollte Rassismus zugelassen werden? Zudem, jede Generation nimmt sich doch das Recht, ihr Kulturgut neu zu interpretieren!! Das sehe ich allabendlich im Theater, wenn klassische Theaterstücke neu inszeniert werden und die Kinderbibel, die ich neulich kaufte, weist auch eine modern, kindergerechte Sprache auf. Das Problem ist doch, dass Herr Greiner die Diskussion ausschließlich von dem Standpunkt weißer deutscher Eltern und Kinder betrachtet. Obwohl Herr Mesghena erwähnt wird, wird ihm entgegen gehalten, dass deutsche (weiße?) Eltern ein Recht darauf haben, wegen Ihrer Erinnerungen (die man ihnen nicht nehmen darf!), ihre alten Kinderbücher (in der alten Fassung!) vorzulesen. Aber worum geht es denn hier genau? Geht es um deren nostalgische Erinnerungen an das N-Wort? Und wer bitte hat das “Gesetz (?) des sprachlichen Altwerdens” erfunden? Das hört sich stark nach radikalem Konservatismus und Zensur an, und erinnert mich an amerikanische Evangelisten oder extreme Muslime, die jede modernisierte Interpretation Ihrer religiösen Texte ablehnen. Und wenn wir schon von Gesetzen reden, darf ich noch einmal an unser Grundgesetz erinnern? (ii) Herr Greiner argumentiert, dass manche Übersetzungen des N-Wortes lächerlich würden, aber das kann doch bitte kein Argument sein? Ich möchte behaupten, dass jeder kluge Verleger in der Lage ist, damit geschickt umzugehen. (iii) Herr Greiner argumentiert, dass dieses sogenannte ‘Problem’ nur in den Köpfen der Erwachsenen stecken und für Kinder kein Problem darstellt – dies wird mit einer Befragung zweier Hamburger Schulklassen unterstrichen. Leider wird uns vorenthalten, wie alt diese Kinder sind und wieviele Kinder schwarz waren. Ich bezweifle, dass sie solch aufgeklärte Antworten z.B. von Vorschulkindern oder Erstklässlern hören. Zudem, die Kinder sagen doch ausdrücklich, dass sie nicht wollen, dass solche Wörter in Geschichten vorkommen – warum nehmen sie das nicht ernst? (iv) Schließlich verneint Herr Greiner, dass Worte Schaden anrichten können (Frau Schröders Zitat). Wirklich? Als Journalist ist er sich sicher der Wichtigkeit von Sprache bewusst? Natürlich können Worte Schaden anrichten. Sie können beleidigen, degradieren, entwürdigen. Vielleicht hat er das nie persönlich als weißer, heterosexueller, deutscher Mann erfahren? Frauen, Menschen mit Behinderung, oder ethnische Minderheiten können ihm da anderes erzählen. Und würde Herr Greiner es auch befürworten, wenn in einem Kinderbuch von einer ‘Judensau’geredet würde? Oder vielleicht einfacher: wenn Ihr Sohn homosexuell wäre und in der Schule anti-homosexuelle Bücher und Bilder im Umlauf wären, dann fänden Sie immer noch nicht, dass Worte verletzen können?

2) Interview mit Herrn Kasten

Ein‘Experte’ wird geladen, Herr Harmut Kasten, der aber leider – soweit aus seinem CV ersichtlich -, keine Veröffentlichung zu dem Thema Rassismus und Kinderpsychologie aufweisen kann. Herr Kasten argumentiert, dass rassistische Kinderbücher Kinder nicht zu Rassisten machen (“Von Kinderbüchern allein wird sowieso kein Menschenbild geprägt.”) Aber wo steckt seine Beweisgrundlage? Sicherlich, werden Kinder nicht nur von Kinderbüchern geprägt, das ist wohl selbstverständlich. Aber, sie werden auch durch sie geprägt! Bücher beeinflussen Kinder – warum würden wir sie Ihnen sonst vorsetzen?? Jeder würde wohl zustimmen, dass sie ein wichtiger Teil von Erziehung sind (und auch für das Vermitteln von Moralvorstellungen). Und Bücher deren Sprache, Bilder und Inhalt, bestimmte Menschen— Schwarze (oder Frauen, Juden, Muslime, Menschen mit Behinderung oder anderer sexueller Orientierung…) — entwürdigend darstellen, beeinflussen die Kinder der gesellschaftlichen Mehrheit negativ. Sie lernen nicht nur Schimpfwörter, sondern insbesondere die stereotypische Darstellung dieser Menschen kennen (z.B. bei Jim Knopf ist der Schwarze natürlich arm und ein Waise). Und viel wichtiger: diese rassistischen Texte (und Bilder) beleidigen die Kinder, die diesen Minderheiten angehören, und beeinflussen ihr Selbstwertgefühl negativ. Im Gegensatz zu Herrn Kastens Meinung ist seit langem in der amerikanischen Literatur bekannt, dass Rassismus auch durch Text und Bild entsteht und Kinder negativ beeinflussen können. Es gibt seit den 60er Jahren Studien, die sich mit sexistischen und rassistischen Stereotypen in den Medien/ Büchern befassen, und deren Einfluss auf die Entwicklung von Kindern bestätigen (z.B. Paterson, S., Lach, MA. (1990) “Gender Stereotypes in children’s books: their prevalence and influence on cognitive and affective development”, Gender & Education, vol 2:2). Ich zitiere (ibid.: p. 1): “It seemed obvious that repeated exposure to these kinds of images was likely to have detrimental effects on the development of children’s self-esteem, particularly that of girls, and on the perceptions children have of their own, and of others’ abilities and possibilities”. Der (amerikanische) ‘Council for Interracial Books for Children’ (1976:1) zeigt zudem ähnliche Wirkungen bei rassistischer Kinderliteratur auf: “Racial stereotypes reflected in children books play an active part in maintaining that existing social structures by molding future adults who will accept it”.

Ich höre immer wieder, dass man solche rassistische Textstellen und Bilder zum Anlass nehmen kann über Rassismus zu sprechen – eine Lerngelegenheit (siehe Herr Kastens Argument). Aber, bitte welche (weiße) Eltern tun denn dies? Und warum, muss ich, als Mutter eines schwarzen Kindes, von einem Kinderbuch aufgefordert werden, über die deutsche Kolonialzeit und über Rassismus im Allgemeinen und besonderen zu reden?? Mir so etwas als Lernchance vorzuschlagen ist, ehrlich gesagt, eine Unverschämtheit. Und würden Sie auch eine jüdische Mutter auffordern, Ihren kleinen Kindern den Holocaust zu erklären, nur weil Juden in einem Kinderbuch diskriminierend dargestellt werden?

3) Artikel von Herrn Hacke: “Wumbabas Vermächtnis”

Herrn Hackes Artikel scheint nicht viel mit dem eigentlichen Thema zu tun zu haben, sondern ist ein emotionaler Verriss der Kritiker seiner Bücher und spiegelt leider seine zutiefst ignorante und arrogante Sichtweise wieder. Herr Hacke hält den Kampf gegen Rassismus für wichtig, aber man nimmt es ihm nicht ab. Im Gegenteil. Er bespottet seine Kritiker und macht sich lustig. Die Kritik an seinen Büchern (oder an anderen Büchern mit rassistischen Titeln) sei eine reine ‘Zeitverschwendung’. Schade, anscheinend hat Herr Hacke als Schriftsteller nicht begriffen, dass es sich bei Rassismus nicht nur um Gewalt einer Zwickauer Zelle handelt, sondern auch um entwürdigende Sprache, Inhalt und Bilder handeln kann. Da gibt es durchaus in der deutschen Geschichte genügend Ansichtsmaterial. Wie kann er behaupten, dass die Abbildung von Wumbaba eine Karikatur sei und deshalb nicht rassistisch? Können nur Bilder aber keine Karikaturen rassistisch sein? Können nur Texte aber keine Witze rassistisch sein? Sind Judenwitze nicht antisemitisch?

Zu guter Letzt: Um was es wirklich gehen sollte, ist die Frage, ob wir es uns als moderne Kulturnation und Einwanderungsland im 21. Jahrhundert weiterhin erlauben können, die alltägliche Diskriminierung von Minderheiten in unseren Medien und Öffentlichkeit als Lappalie herab zutun und zu ignorieren. Wir sollten endlich begreifen, das Rassismus nicht nur rechtsextreme Gewalt und Antisemitismus bedeutet, sondern ganz alltäglich in der Mitte unserer Gesellschaft, unserer Medien und im öffentlichen Diskurs angesiedelt ist. Dass es Deutschland schwerer fällt - als beispielsweise Amerika oder Großbritannien - hochgebildete ausländische Fachkräfte anzuwerben, hat auch damit etwas zu tun. Das ZEIT Dossier zeigt, wieweit Deutschland leider noch entfernt ist, ein wirklich tolerantes und offenes Land für Migranten und Minderheiten zu sein.

Schade.

Hochachtungsvoll,

Carola Frege

Sonntag, 14. Oktober 2012

Sind Adoptivfamilien 'normal'?

Ein Interview der Pädagogin Irmela Wiemann in der Septemberausgabe des Familienmagazins Nido im Kontext eines Artikels, der recht kritisch über Auslandsadoptionen berichtete, hat eine heftige Reaktion von Adoptiveltern hervorgerufen. Insbesondere die Aussage von Frau Wiemann  
„Adoptivfamilien werden nie so sein wie normale Familien.“
wurde von den Betreibern der Seite adoptionsinfo.de stark kritisiert.
 
Sieht man von der Frage ab, was den "normale" Familien in der heutigen Zeit mit Patchworkfamilien, Stieffamilien, Alleinerziehende etc. noch ausmacht, trifft Frau Wiemann einen wichtigen Punkt, der in der Adoptionsdiskussion häufig vernachlässigt wird. Wir haben ihn in einem früheren Post bereits ausführlich dargestellt und empfehlen daher als Beitrag zur Debatte:
 
(K)eine normale Familie vom 02. Juli 2011.
 

Freitag, 22. Juni 2012

Wenn der Anker fehlt

In der Süddeutschen Zeitung vom 30.5.2012 erschien ein Interview mit Dr. Karl Heinz Brisch, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie am Dr.-von-Haunerschen-Kinderspital in München. Er spricht vom tiefen menschlichen Bedürfnis, die eigene Herkunft zu kennen.

Samstag, 21. Januar 2012

The big picture - David K. Smolin im Interview

Auf dem Blog "Land of Gazillion Adoptees" findet sich ein kenntnisreiches und informatives Interview mit David K. Smolin. David Smolin ist Jurist und Adoptivvater, dessen beide Adoptivkinder in Indien von ihrer Mutter gestohlen und zur Adoption freigegeben wurden. Die Erfahrung seiner Töchter sowie die Reaktion der amerikanischen Adoptionsindustrie darauf haben ihn zu einem der einflussreichsten Kritiker der internationalen Adoption in den USA gemacht. In dem Interview spricht David Smolin von der Rolle evangelikaler Christen, der Entwicklung internationaler Adoption allgemein sowie dem wichtigsten Thema, wenn es um kriminelle Praktiken geht: der Rolle des Geldes, das Vermittlungsstellen und Kinderheime an Adoptionen verdienen können. Trotz einer breiteren Diskussion über ethische Themen in Auslandsadoptionen sei es noch immer nicht möglich, Forderungen zur Kontrolle und Begrenzung der Geldflüsse der Vermittlungsstellen offen zu stellen. 

David Smolin schreibt zudem juristische Abhandlungen zu Auslandsadoptionen, der Haager Konvention sowie evangelikaler Christen, die hier zu finden sind.

Montag, 2. Januar 2012

Schwedische Journalisten in Äthiopien zu 11 Jahren Haft verurteilt

Wie die BBC am 27. Dezember berichtete, wurden zwei schwedische Journalisten in Äthiopien zu elf Jahren Haft verurteilt. Ihnen wird vorgeworfen, illegal eingereist zu sein und Terrorgruppen unterstützt zu haben. Die Journalisten Martin Schibbye und Johan Persson wurden im Juli mit Rebellen von der Ogaden National Liberation Front (ONLF) verhaftet. Nach ihren Angaben haben sie lediglich journalistisch gearbeitet.

Sie gaben während der Gerichtsverhandlung zu, dass sie Konkate mit Anführern der ONLF in London und Nairobi hatten, bevor sie nach Äthiopien von Somalia einreisten. Sie trafen 20 Mitglieder der ONLF ungefähr 40 Kilometer von der Grenze entfernt. Ihre Kontakte seien jedoch nur erfolgt, um nach Ogaden einreisen zu können, was die äthiopische Regierung Journalisten nicht erlaubt. Ihr Interesse galt den Aktivitäten einer schwedischen Ölfirma, Lundin Petroleum, in Ogaden.

Rebellen in Ogaden kämpfen seit den siebziger Jahren für die Unabhängigkeit der Region von Äthiopien. Es ist ein Teil Äthiopiens, der von Somaliern bewohnt wird.

Die Urteile gegen die beiden Journalisten wurden von Menschenrechtsgruppen scharf kritisiert.

Montag, 7. November 2011

Leider gewonnen

Wie wir der Berliner Morgenpost entnehmen konnten, hat der taz-Artikel von Greta Taubert und Benjamin Reuter (taz)  "Der verlorene Sohn" tatsächlich den Medienpreis der Kindernothilfe in der Kategorie Print gewonnen. Die Morgenpost nannte den Artikel "einfühlsam". Wenigstens haben sich die Gäste bei der Preisverleihung gut amüsiert.

Samstag, 20. August 2011

Ein Medienpreis?

Die Kindernothilfe vergibt jährlich einen Medienpreis, um herausragende Publikationen und Filme auszuzeichnen, die in besonders eindringlicher Weise die Not von Kindern thematisieren. Wie die Kindernothilfe mitteilte, stehen die Nominierungen für den diesjährigen Medienpreis nun fest. Dazu gehört auch der taz-Artikel "Der verlorene Sohn" von Greta Taubert und Benjamin Reuter, der letztes Jahr im Mai erschien. Der Artikel behandelte die Geschichte eines äthiopischen Jungen, der von seinen Eltern abgegeben und nach Deutschland adoptiert wurde. Sein Vater hatte die Mutter für tot erklärt, um die Adoption zu ermöglichen. Ein typischer Fall für ethische Probleme in der Adoptionsvermittlung - ermöglicht durch die verzweifelten Lage einer Familie und ausgebeutet für politische Zwecke.

Während die Vortäuschung des Tods der Mutter und die dadurch erfolgte Abgabe des Kindes ein schwerwiegender Eingriff in seine Rechte ist, und in jedem Fall ein lohnenswertes Thema für investigativen Journalismus darstellt, muss die Nominierung des Artikels jedoch für alle überraschend sein, die ihn gelesen haben. Der Artikel gehört leider in die Kategorie Kampagnenjournalismus. Er klärt nicht auf und recherchiert auch wenig über die Hintergründe internationaler Adoptionen sondern reproduziert die Argumente einer bestimmten Lobbygruppe, die gegen Auslandsadoptionen vorgeht und die den Autoren entsprechende Informationen zur Verfügung gestellt hat. Diese wurden mit alt bekannten Stereotypen und einem Einzelschicksal versehen und in einer reißerischen Sprache in eine Story verwandelt.

Da geht es um eine Frau, die sich ein „schönes Baby“ wünscht; Eltern, die „investieren“, dem Leiter einer Adoptionsagentur mit einer Hautfarbe „die von häufigen Afrikaaufenthalten zeugt“ und Adoptiveltern, die sich in Internetforen verschanzen und die Öffentlichkeit scheuen. (Letzteres ist nur zu verständlich, wenn man sich die hier gewählte Form der Öffentlichkeit betrachtet. In der Darstellung wurden die Persönlichkeitsrechte der Adoptivfamilie verletzt, indem der Artikel von einem Bild begleitet wird, auf dem die Familie leicht erkennbar ist, und der im Artikel verwandte Name des Kindes auch Aufschluss auf die Familie gibt.)

Warum die Berichterstattung über ethische Fragen in Auslandsadoptionen grundsätzlich nur zwischen den Extremen 'abzulehnender Kinderhandel' oder 'lobenswerte Kinderrettung' pendelt, bleibt weiterhin eine offene Frage. Es wäre jedenfalls schade, wenn die Jury des Medienpreises diese Schwarzweissmalerei unterstützen würde.

 

Montag, 11. Juli 2011

Opfer des Adoptionsbooms

Adoptionen und Korruption in Äthiopien ist das Thema eines neues Projekts des Pulitzer Centers für Krisenberichterstattung. Kathryn Joyce, die vor kurzem einen lesenswerten Artikel in der Zeitschrift The Nation über den missionarischen Einsatz Evangelikaler Christen für Adoptionen veröffentlichte, berichtet nun im Rahmen des Pulitzer Centers spezifisch über Adoptionen aus Äthiopien. In ihrem letzten Posting geht sie darauf ein, wie amerikanische Vermittlungsagenturen mit der Begrenzung der Vermittlungszahlen durch die äthiopische Regierung umgehen.

Sonntag, 12. Juni 2011

Verstörende Berichte

In der letzten Woche gab es eine Reihe erschütternder und zum Nachdenken anregender Berichte über internationale Adoptionen. Sie begann mit einem Artikel in der englischen Zeitschrift The Independent, der die hässliche Seite der internationalen Adoption beleuchtete. Der Artikel fordert eine strengere Umsetzung des Haager Übereinkommens, heißt die IA dabei grundsätzlich gut: "Many of these adoptions are legitimate, beneficial, and bring nothing but joy to the new parents and hope to the child. But there is another side ..." Bemerkenswert auch die Diskussion, die sich hier anschließt.

Ein weiterer schmerzhafter Bericht über die Vermischung von Pädophilie, Kinderheimen und internationalen Adoptionen in Nepal von einem Mitarbeiter von Terre des Hommes findet sich hier. Zugleich mehren sich die Berichte über die kommerzielle Vermittlung von Kleinkindern aus China und die Rolle finanzieller Zuwendungen von Adoptiveltern an Kinderheime.

Schliesslich fand sich auf Huffington Post ein lesenswerter Beitrag von Mark Canavera der den Begriff 'Aids-Waisen' als Phrase kritisiert und dazu auffordert, hier sehr genau nach Einzelfällen zu differenzieren.

Dienstag, 31. Mai 2011

Die Bilder, die wir lieben

'The Lie We Love' erschien im Winter 2008 im Foreign Policy Magazine. Die Journalistin E.J. Graff beschrieb darin den Mythos der Millionen verlassener Kinder (Babies) in Waisenhäusern armer Länder, die von westlichen Familien gerettet werden. Der Mythos war, dass in der Realität die meisten Kinder noch Eltern hatten, krank und älter waren, und tatsächlich ein Teil der Babies, die adoptiert wurden, mit zweifelhaften Methoden ihren Eltern abgeschwatzt oder gestohlen wurden. Die Schuldigen seien nicht die adoptierenden Eltern, die meist naiv und mit gutem Willen einem Kind ein neues Zuhause geben wollen, sondern Mittelsmänner (und -frauen), Heime, Regierungsstellen und Vermittlungsstellen, die an der Transaktion vom Heim zur Adoption hohe Beträge fordern und auch verdienen.

Belege für diese Argumentation gibt es genügend. Babyhandel gab es in Guatemala und neuerdings in China. Kindesentführungen sind aus Indien und Nepal bekannt. Skrupellose Heimleitungen gibt es in den meisten Ländern, die Kinder ins Ausland vermitteln. Diese Art der Berichterstattung ist sinnvoll, um die Beteiligten ein wenig wach zu rütteln und ihnen zu verstehen zu geben, dass die Öffentlichkeit ein Auge auf die Praktiken hat.

Langfristig verdeckt jedoch die skandalisierende Presse mehr, als sie aufklärt. Sie mobilisiert anstatt zu informieren. Sie agitiert, indem sie den Betrug in den Vordergrund stellt und pars pro toto den Betrug zum System erklärt. Z.B. ist der Hinweis dass die Auslandsadoption eine unregulierte Industrie sei, eine beliebte aber falsche Behauptung. Jede Adoptionsanerkennung eines ausländischen Gerichts durch ein deutsches, jede Visaerteilung und Einbürgerung im Ausland adoptierter Kinder sind hochgradig regulierte Verfahren. Deutsche Gerichte lehnen Anerkennungsanträge regelmäßig ab, wenn die Verfahren nicht den deutschen analog sind und Alternativen nicht geprüft wurden. Dies schmerzt die betroffenen Familien, ist aber für Vermittlungsstellen Grund genug, die bestehende Regulierung ernster zu nehmen.

Wenn die Visastellen amerikanischer Botschaften sich bei vielen Visaanträgen "unwohl" (Graff, S. 65) fühlen, dann ist dies der Moment, an dem sie tätig werden müssen. Und im Unterschied zum Mythos der unregulierten Industrie werden amerikanische Botschaften immer wieder tätig und erkennen die Adoptionspapiere in den Visaanträgen nicht an. Im letzten Jahr strandeten 80 Familien in Nepal; zurzeit gibt es Prüfungen in Kambodscha. Notfalls werden Länder komplett geschlossen.  In der Folge gibt es trotz des Mythos einer vernetzten und scheinbar profitablen Industrie mit einer machtvollen Lobby im Rücken stetig fallende Zahlen von Adoptionen und immer mehr für Adoptionen geschlossene Länder.

Auslandsadoptionen sind nicht optimal reguliert. Sie weisen zu viele Unregelmäßigkeiten und korrupte Mittelsmänner in vielen Verfahren auf. Die bestehende Regulierung über Visaerteilung und Anerkennungsverfahren von Gericht ist zu indirekt, bürokratisch und greift zu spät. Das ist unbestritten. Das Bild einer unregulierten Milliardenindustrie trifft jedoch ebensowenig zu. Es ist in einer Welt voller Skandale ein Bild, das als Gegenpart zur Idylle der Adoptivfamilie gerne porträtiert wird. Die Wahrheit ist, wie so oft, in der Mitte angesiedelt; komplex, kompliziert und weniger geeignet für eine gute Story.

Dienstag, 17. Mai 2011

IDENTITÄTEN

Adoptiveltern sind manchmal verstört, wenn ihre Kinder die Adoption nicht als die Wohltat betrachten, die sie selbst darin sehen. Die SonnTAZ vom 14./15.Mai 2011 enthält ein Interview mit der Malerin Lita Castellut, die mit 13 Jahren als Straßenkind von einer Adoptivmutter aufgenommen wurde. Lesenswert ihr heutiger Rückblick auf die Konflikte, die damit aufbrachen.

Die TAZ ist im übrigen dankbar für Spenden bei Nutzung ihres Online-Archivs.