Sonntag, 29. Januar 2012

Irische Familien in illegale Adoptionen in Mexiko verwickelt

In den letzten Wochen gab es eine Reihe von Meldungen über einen aufgeflogenen Babyhandelskandal in Mexiko, in den 11 irische Familien verwickelt sind. Die Familien waren mit einem mexikanischen Anwalt in Kontakt, der ihnen über eine US amerikanische Vermittlungsstelle empfohlen worden war. Der Anwalt vermittelt bereits seit mehreren Jahren Kinder ins Ausland. Da auch immer wieder deutsche Paare private Adoptionen anstreben, soll an dieser Stelle nochmals vor Privatvermittlungen über spezialisierte Adoptionsanwälte gewarnt werden.

Die Adoptiveltern hatten einen Sozialbericht der irischen Behörden und diese auch über ihr Vorhaben informiert. Sie suchten über das Internet einen Rechtsbeistand. Diese Suche führte sie zu einer US amerikanischen Firma (vermutet wird die Vermittlungsagentur Adoption Alliance in Colorado), die sie an den Anwalt Lopez in Guadalajara in Westmexiko verwies. Der Anwalt gab später an, dass er in den letzten sieben Jahre Kinder an ca. 60 irische Familien vermittelt hat.

Die Adoptionen durchliefen die mexikanischen Gerichte und schienen rechtmäßig zu sein. Die Paare zahlten mindestens €23,000 pro Kind.

Die Kinder wurden vor ihrer Geburt vermittelt. Die Eltern zahlten in manchen Fällen die medizinische Betreuung der Mutter und flogen innerhalb von zwei Wochen nach der Geburt nach Mexiko. Sie glaubten, die Mütter hätten die Kinder abgegeben. Tatsächlich waren die Kinder, die sie in Empfang nahmen, nicht von den Müttern zur Adoption freigegeben worden. Stattdessen wurden junge Mütter angesprochen und ihnen ein Fotoshoot ihres Kindes für eine Anti-Abtreibungskampagne angeboten. Sie bekamen Geld dafür, ihre Kinder für zwei Wochen einer Werbekampagne zu überlassen. In dieser Zeit wurden die Kinder den irischen Familien übergeben.

Der Betrug flog auf, als eine Frau ihre Schwägerin bei der Polizei anzeigte, da sie versuchte, ihre Babies zu verkaufen. Daraufhin wurden sieben Frauen und zwei Männer verhaftet. 10 Babies wurden in Kinderheimen untergebracht.

Sowohl die irischen Familien als auch der vermitteltende Rechtsanwalt stellen sich nun als Opfer von Kriminellen dar. Allerdings weist auch der Vorsitzende der irischen Adoptionsbehörde darauf hin, dass es in den letzten 15 Monaten in Irland ganze sieben Warnungen an Adoptiveltern vor Privatadoptionen in Mexiko gegeben hatte. Selbst wenn die Adoptiveltern wirklich von legalen Adoptionen ausgegangen waren, konnten sie dies nur mit fest geschlossenen Augen und Ohren getan haben. Sie trifft zumindest die Mitschuld, bestehende Konventionen und Erfahrungen ignoriert zu haben.

Sowohl Irland als auch Mexiko haben die Haager Konvention unterzeichnet, nach der internationale Adoptionen nur über staatlich lizenzierte Stellen vermittelt werden dürfen.   

Dienstag, 24. Januar 2012

EurAdopt tagt in Berlin am 26./27. April 2012

Bei der Jahrestagung von EurAdopt in Berlin treten die deutschen und europäischen Fachleute der Auslandsadoption auf. Die Tagung ist offen für alle, kostet jedoch €180 Teilnahmegebühr. Anmeldeschluss ist der 01. März 2012.

Die Einladung findet sich hier; das Programm hier.

Raju für Oscar nominiert

Der bereits vielfach ausgezeichnete deutsch-indische Kurzfilm Raju von Max Zähle wurde für einen Oscar nominiert. Der Film thematisiert den Kinderhandel in Indien als Folge von internationalen Adoptionen in westliche Länder.

Das Ehepaar Jan und Sarah Fischer reist nach Kalkutta, um ein Kind zu adoptieren. Das von den Behörden empfohlene Waisenhaus stellt ihnen den  fünfjährigen Jungen Raju vor. Das Kind verschwindet jedoch am folgenden Tag vor einem geplanten Ausflug plötzlich aus ihrem Hotel. Die Eltern suchen das Kind und realisieren nach und nach, dass Raju kein Waise ist, sondern seinen leiblichen Eltern gestohlen wurde, um ihn an wohlhabende Eltern im Ausland zu verkaufen.

Montag, 23. Januar 2012

Verlassen aus Armut

Es ist mittlerweile bekannt, dass nur ein Bruchteil der verlassenen Kinder in Äthiopien tatsächlich Waisen sind. Die Mehrheit der Kinder, die nach UNICEF Kriterien als Waisen gezählt werden, sind Halbwaisen mit einem lebenden Elternteil. Die hohe Zahl der Halbwaisen heizt die Diskussion über internationale Adoptionen an und suggeriert einen weitaus höheren Bedarf an Adoptionen als tatsächlich besteht.

In Äthiopien kommt hinzu, dass Kinder von ihren Eltern verlassen werden, weil sie zu arm sind, um weiter für sie zu sorgen. Junge, mittellose Frauen werden von ihren Partnern verlassen, weil sie schwanger sind. In manchen Fällen stirbt ein Elternteil und die zurückbleibende Familie kann sich nicht ausreichend ernähren. Oder der verbliebene Elternteil heiratet neu und der neue Partner lehnt die Kinder aus der ersten Ehe ab. Diese Kinder sind besonders der Gefahr ausgesetzt verlassen zu werden; insbesondere wenn Kinderheime sich aktiv um diese Kinder bemühen.

In diesen Fällen besteht ein besonderes ethisches Dilemma der Adoption. Das Verlassenwerden des Kindes hätte mit einer geringen Unterstützung an den überlebenden Elternteil - meistens die Mutter - verhindert werden können. Es fehlt nicht an der Bereitschaft für das Kind zu sorgen sondern an den Mitteln. Sollen diese Kinder wirklich ins Ausland vermittelt werden? Oder sollten sie nicht andere Hilfe erfahren, die es erlaubt mit ihrer ersten Familie in Kontakt zu bleiben? Welche andere Hilfen gibt es für alleinstehende Mütter und Väter?

Diese Fragen sind schwer zu entscheiden. Sie lasten auch auf der Adoptivfamilie, die später einmal die Frage beantworten muss, ob es nicht auch andere Wege gegeben hätte, die erste Familie zusammenzuhalten. Insbesondere das leichtfertige "Einsammeln" von Kindern in den Dörfern Südäthiopiens mit dem Versprechen einer besseren Zukunft, wie es in dem Film "Fly away Children" dargestellt wurde, ist ein nicht zu entschuldigender und unnötiger Eingriff in das Leben der Kinder. Wenn Eltern noch leben, stellen sich höhere Anforderungen an das Adoptionsbedürfnis der Kinder als bei Vollwaisen. Als Grundregel muss gelten, dass eine Adoption nicht allein aus dem Grund der Armut der Familie erfolgen darf. Vermittlungsstellen, Kinderschutzorganisationen und UNICEF müssen zusammenarbeiten, damit funktionierende aber arme Familien zusammenbleiben können. Adoption muss das letzte Mittel des Kinderschutzes zur Verhinderung von Heimaufenthalten bleiben und ist kein Instrument der Armutsbekämpfung. 

Samstag, 21. Januar 2012

The big picture - David K. Smolin im Interview

Auf dem Blog "Land of Gazillion Adoptees" findet sich ein kenntnisreiches und informatives Interview mit David K. Smolin. David Smolin ist Jurist und Adoptivvater, dessen beide Adoptivkinder in Indien von ihrer Mutter gestohlen und zur Adoption freigegeben wurden. Die Erfahrung seiner Töchter sowie die Reaktion der amerikanischen Adoptionsindustrie darauf haben ihn zu einem der einflussreichsten Kritiker der internationalen Adoption in den USA gemacht. In dem Interview spricht David Smolin von der Rolle evangelikaler Christen, der Entwicklung internationaler Adoption allgemein sowie dem wichtigsten Thema, wenn es um kriminelle Praktiken geht: der Rolle des Geldes, das Vermittlungsstellen und Kinderheime an Adoptionen verdienen können. Trotz einer breiteren Diskussion über ethische Themen in Auslandsadoptionen sei es noch immer nicht möglich, Forderungen zur Kontrolle und Begrenzung der Geldflüsse der Vermittlungsstellen offen zu stellen. 

David Smolin schreibt zudem juristische Abhandlungen zu Auslandsadoptionen, der Haager Konvention sowie evangelikaler Christen, die hier zu finden sind.

Freitag, 20. Januar 2012

Zwangsumsiedlungen in Äthiopien verschärfen Hungersnot

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hat einen neuen Bericht über das Umsiedlungsprogramm der äthiopischen Regierung veröffentlicht. Danach werden 70.000 Menschen von der Region Gambella in Westäthiopien in neue Dörfer umgesiedelt, in denen es nicht genug Nahrung, Gesundheitsvorsorge und Schulen gibt. Militär und Staatsschutz haben wiederholt Dorfbewohner bedroht, angegriffen und verhaftet, die sich der Umsiedlung widersetzten.

Der Bericht mit dem Titel “‘Waiting Here for Death’: Forced Displacement and ‘Villagization’ in Ethiopia’s Gambella Region,” untersucht das erste Jahr des Umsiedlungsprogramm. Viele Gebiete sind von der Regierung für kommerzielle Landwirtschaft vorgesehen. Die Bewohner von Gambella, hauptsächlich Anuak und Nuer, haben keine formalen Eigentumsrechte an dem Land, auf dem sie lebten. Die Regierung gibt an, dass diese Gebiete unbewohnt oder wenig genutzt sind. Diese Behauptung ermöglicht der Regierung, verfassungsrechtliche Schutzmaßnahmen vor Umsiedlungen zu umgehen.

Auch Entwicklungshilfe aus westlichen Ländern ist zumindest indirekt in die Umsiedlungen involviert. Zwar gibt es keine direkten Hilfeleistungen in die neuen Siedlungen. Allerdings unterstützt das Protection of Basic Services (PBS) Programm, an dem auch ausländische Geber beteiligt sind, den Ausbau der Grundversorgung (Gesundheit, Bildung, Landwirtschaft, Verkehr und Wasser) auch in den Gebieten, in denen neue Dörfer gebaut werden.

Human Rights Watch fordert die westlichen Regierungen auf sicher zu stellen, dass Entwicklungshilfe nicht für Zwangsumsiedlungen missbraucht wird.  

Montag, 16. Januar 2012

Eine Ära der Reform

Karen Smith Rotabi ist Professorin für Sozialarbeit und profilierte Kennerin der Problematik von Auslandsadoptionen. In einem Überblicksartikel hat sie gemeinsam mit Kelley McCreery Bunkers die Literatur in der Sozialarbeit zum Thema zusammengefasst und analysiert. Die Autorinnen machen einige interessante Beobachtungen in ihrem Artikel "In an Era of Reform - A Review of Social Work Literature on Intercountry Adoption".
  • Ein wichtiger Punkt bezieht sich auf den Mißbrauch der Definition von Waisen. Während die UNICEF Definition von Waisen (als Kinder mit einem verstorbenen Elternteil) im Kontext der Erfassung von Aidsfolgen in Entwicklungsländern entstand, wird dieser von Adoptionsprotagonisten benutzt, um die Notwendigkeit von Adoptionen zu propagieren. Sehr wenige Kinder sind tatsächlich Waisen und noch weniger Kinder haben keine Angehörigen, die sie versorgen können. Dennoch gibt es diese Kinder, die dementsprechend von internationalen Adoptionen profitieren können. Allerdings sind sie viel schwerer zu finden als bisher die Vermittlungsstellen zugeben.
  • Es gibt Marktstrukturen in amerikanischen privaten Adoptionen, die landspezifisch sind: In keeping with the market-place ideology, there is an emphasis on choice: prospective adopters and birth parent(s) would be free to choose which agency to use, and even to select one another. This leads to a highly competitive market for healthy babies, exemplified by on-line profiles of prospective adopters (effectively advertisements) hoping that a birth parent will choose them." Dies führe unausweichlich zu Problemen und Marktdynamik im privaten US amerikanischen Adoptionssystem.
Die Autorinnen plädieren für einen ganzheitlichen Ansatz und bemängeln, dass Entscheidungen über das Wohl des Kindes regelmäßig ohne ausreichende Informationen getroffen werden. Sozialarbeit müsse zwischen Empfänger und Senderländern besser koordiniert werden.

Auf der Verlagsseite findet sich auch ein interessanter podcast mit Karen Smith Rotabi.

Identität und Wohlbefinden adoptierter Menschen

Eine Diplomarbeit im Fach Psychologie von Marie Cloos an der Universität Mainz untersucht Fragen der Identität und Wohlbefinden von Adoptierten. Die Untersuchung umfasste sowohl in Deutschland als auch im Ausland geborener Adoptierter.

Eine Zusammenfassung der lesenswerten Ergebnisse findet sich hier. Darin führt die Autorin aus:

Beziehung zu den Adoptiveltern
Auslandsadoptierte Teilnehmer dieser Studie bewerteten die Qualität der Beziehung zu ihren Adoptiveltern im Schnitt besser als inlandsadoptierte Teilnehmer.

Je höher
·         die Ähnlichkeiten zwischen sich selbst und den Adoptiveltern (in Temperament, Interessen, Verhalten),
·         die elterliche Offenheit im Umgang mit dem Thema Adoption,
·         die elterliche Anerkennung von Unterschieden zwischen Adoptivkind und Adoptiveltern,
·         die elterliche Wertschätzung der Herkunftsmutter ,
·         die elterliche Wertschätzung der Herkunftskultur (nur Auslandsadoptierte) bewertet wurden, desto besser bewerteten Teilnehmer auch die Beziehung zu ihren Adoptiveltern.

Je höher
·         die Qualität der Adoptiveltern-Adoptivkind- Beziehung
·         die elterliche Wertschätzung der Herkunftsmutter bei Inlandsadoptierten
·         die elterliche Wertschätzung der Herkunftskultur bei Auslandsadoptierten
bewertet wurden, desto besser war die psychische Gesundheit von Teilnehmern.
 
Kontakt zu leiblichen Verwandten
Sehr viel mehr Inlandsadoptierte (über 60%) als Auslandsadoptierte (ca. 15%) haben Kontakt zu leiblichen Verwandten; gut ein Drittel der Auslandsadoptierten gibt an kein Interesse an einem solchen Kontakt zu haben.
 
Diskriminierung
Inlands- und Auslandsadoptierte Teilnehmer fühlten sich in etwa gleich stark diskriminiert. In der letzten Zeit fühlten beide Gruppen sich sehr viel weniger diskriminiert als in ihrer Kindheit bzw. Jugend.

Inlandsadoptierte fühlten sich stärker als Auslandsadoptierte aufgrund des Adoptiertseins diskriminiert. Mehr als drei Viertel der Auslandsadoptierten fühlt(e) sich aufgrund ihres ausländischen Aussehens bzw. herrschender Vorurteile über bestimmte Volksgruppen diskriminiert.

Besuche im Herkunftsland
Knapp die Hälfte der Auslandsadoptierten ist nach ihrer Adoption nicht mehr in ihrem Herkunftsland gewesen. Jeweils ein Vierteil ist noch genau einmal bzw. häufiger dort gewesen.
·         Teilnehmer, die nach ihrer Adoption mindestens zwei Mal in ihrem Herkunftsland gewesen sind, identifizieren sich stärker mit ihrer Herkunftskultur als die übrigen Teilnehmer.
·         Teilnehmer, die nicht wieder in ihrem Herkunftsland gewesen sind, schätzen ihren allgemeinen Gesundheitszustand schlechter ein und fühlen sich stärker durch körperliche Probleme belästigt als solche, die genau einmal wieder dort waren.

Deutsche Identität und andere Deutsche
·         Auslandsadoptierte sehen sich ebenso sehr als Deutsch wie Inlandsadoptierte. Von fremden Deutschen werden Auslandsadoptierte ihrer Meinung nach im Schnitt schwächer als Deutsch angesehen, als es ihrer eigenen Wahrnehmung entspricht.
·         je eher Teilnehmer ihre Wohngegend als „multikulturell“ einschätzten, desto eher wurden sie von Fremden für Deutsche gehalten.
·         Die Wohngegend wurde als „multikultureller“ bezeichnet von Teilnehmern, die in der Großstadt aufgewachsen waren, verglichen mit Teilnehmern, die in Kleinstadt oder ländlicher Gegend aufgewachsen waren.
·         Auslandsadoptierte, die ihrer Meinung nach von fremden Deutschen stark als Deutsch angesehen werden, fühlten sich allgemein wohler als Auslandsadoptierte, die ihrer Meinung nach nur schwach als Deutsch angesehen werden.
·         83% der Teilnehmer wurden von Fremden bereits für eine(n) AusländerIn bzw. nicht muttersprachlich Deutsch gehalten. In ihrer Kindheit bzw. Jugend haben Teilnehmer in solchen Situationen häufiger als im Erwachsenenalter getan als hätten sie es nicht bemerkt, versucht sich möglichst Deutsch zu verhalten oder sich verbal von ihrem Herkunftsland distanziert.
·         Heute wird hingegen häufiger als früher die Strategie angewandt direkt anzusprechen, dass man Deutsche(r) ist.
·         Teilnehmer, die angaben in solchen Situationen so getan zu haben, als hätten sie es nicht bemerkt, hatten insgesamt schlechtere Werte der psychischen Gesundheit als die übrigen Teilnehmer.

Ethnische Identität der Herkunft
In ihrer Kindheit bzw. Jugend bezeichneten 30% der TN ihren ethnischen Hintergrund als Deutsch(bzw. sich selbst als „andere Deutsche“ oder „schwarze Deutsche“), heute sind es nur noch 11%.
Teilnehmer aus Südamerika identifizierten sich stärker mit ihrer Herkunft als Teilnehmer aus Asien. Je stärker sich Teilnehmer aus Südamerika mit ihrer Herkunft identifizierten, desto höher war auch ihr Selbstwert.

Je weniger ambivalente Gefühle Teilnehmer in Bezug auf ihre ethnische Herkunft hatten, desto höher schätzten sie ihren Selbstwert ein.

Je stärker Teilnehmer angaben, dass ihre Adoptiveltern die Herkunftskultur des Kindes als etwas Wertvolles ansahen, desto weniger ambivalente Gefühle hatten Teilnehmer in Bezug auf ihre Herkunft.

Negative Erfahrungen aufgrund des ausländischen Aussehens
Auslandsadoptierte machten in der letzten Zeit weniger negative Erfahrungen und hatten weniger negative Gefühle aufgrund ihres ausländischen Aussehens als in ihrer Kindheit bzw. Jugend.

Donnerstag, 12. Januar 2012

UNICEF's Position zu Auslandsadoptionen wird missverstanden

In einem Interview mit dem Council on Foreign Relations erklärt Susan Bissell, Direktorin für den Schutz von Kindern von UNICEF, dass das größte Missverständnis gegenüber UNICEF die Position zu Auslandsadoptionen ist. "UNICEF unterstützt eine Bandbreite von Pflege und Fürsorge: alles von der Unterstützung schwacher Familien, damit sie ihre Kinder nicht abgeben müssen bis zur Dauerpflege; von einer dauerhaften Pflege durch Verwandte bis zur transparenten und ethischen internationalen Adoption...Es ist traurig und es ist persönlich. Es wird soviel geschrieben, was ich und meine Kollegen versuchen, um diese Probleme zu lösen und ich glaube, dass wir Fortschritte machen, um diese Fehleinschätzung zu korrigieren."

Gewalt gegen Kinder sei das größte nicht erkannte Problem von UNICEF laut Susan Bissell. "Wir beginnen erst jetzt das Ausmaß und die Auswirkungen von Gewalt zu verstehen. Die Kosten des Nichtstuns in diesem Bereich sind extrem."

Donnerstag, 5. Januar 2012

Neue Broschüre der Bundeszentralstelle für Auslandsadoption

Die Bundeszentralstelle für Auslandsadoption hat die Informationsbroschüre Internationale Adoption überarbeitet und neuere Entwicklungen dokumentiert. In der Einleitung weist die Bundeszentralstelle darauf hin, dass der von der Gemeinsamen Zentralen Adoptionsstelle in Hamburg gegenüber der Auslandsvermittlungsstelle "International Child Care Organisation e.V." am 13. Juni 2006 ausgesprochene Widerruf der Zulassung zur Adoptionsvermittlung mittlerweile rechtskräftig ist.

Die Autoren führen zudem über die Entwicklung von Auslandsadoptionen in Deutschland aus:

"Obwohl in Deutschland noch immer kein aussagekräftiges Statistikwesen zur Auslandadoption geschaffen werden konnte, lässt sich anhand der Anerkennungsverfahren vermuten, dass insgesamt die Anzahl der Auslandsadoptionen rückläufig ist. Dies scheint jedoch kein einheitliches Bild zu sein. Während Adoptionen beispielsweise aus Russland stark eingebrochen sind, erleben andere Länder wie Äthiopien einen erheblichen Zuwachs. Adoptionen aus Haiti, die nach dem verheerenden Erdbeben im Januar 2010 so gut wie zum Erliegen gekommen waren, beginnen sich langsam zu erholen. Adoptionen aus Nepal sind wegen Unregelmäßigkeiten im Land ausgesetzt, derzeit ist eine Verbesserung der Lage dort nicht absehbar.

Die Neuauflage berücksichtigt das Hinzutreten der neuen Vertragsstaaten Kasachstan, Irland (jeweils am 1. November 2010), Senegal (am 1. Dezember 2011) und Vietnam (am 1. Februar 2012) ebenso wie die Zeichnung des Haager Adoptionsübereinkommens durch die Republik Haiti am 2. März 2011, die damit allerdings noch kein Vertragsstaat geworden ist. Für den Vertragsstaat Togo ist eine erste Vermittlungsstelle zugelassen worden."

Zudem finden sich neue Erläuterungen zur Namensänderung bei ausländischen Adoptivkindern.

Montag, 2. Januar 2012

Schwedische Journalisten in Äthiopien zu 11 Jahren Haft verurteilt

Wie die BBC am 27. Dezember berichtete, wurden zwei schwedische Journalisten in Äthiopien zu elf Jahren Haft verurteilt. Ihnen wird vorgeworfen, illegal eingereist zu sein und Terrorgruppen unterstützt zu haben. Die Journalisten Martin Schibbye und Johan Persson wurden im Juli mit Rebellen von der Ogaden National Liberation Front (ONLF) verhaftet. Nach ihren Angaben haben sie lediglich journalistisch gearbeitet.

Sie gaben während der Gerichtsverhandlung zu, dass sie Konkate mit Anführern der ONLF in London und Nairobi hatten, bevor sie nach Äthiopien von Somalia einreisten. Sie trafen 20 Mitglieder der ONLF ungefähr 40 Kilometer von der Grenze entfernt. Ihre Kontakte seien jedoch nur erfolgt, um nach Ogaden einreisen zu können, was die äthiopische Regierung Journalisten nicht erlaubt. Ihr Interesse galt den Aktivitäten einer schwedischen Ölfirma, Lundin Petroleum, in Ogaden.

Rebellen in Ogaden kämpfen seit den siebziger Jahren für die Unabhängigkeit der Region von Äthiopien. Es ist ein Teil Äthiopiens, der von Somaliern bewohnt wird.

Die Urteile gegen die beiden Journalisten wurden von Menschenrechtsgruppen scharf kritisiert.

Freitag, 30. Dezember 2011

Zwei Bücher zum Jahresende

In diesem Jahr sind zwei Bücher von herausragenden Autorinnen erschienen, die beide ihre eigenen Erfahrung mit Adoption auf sehr persönliche Art und Weise verarbeiten. Beide gehören in ihren Heimatländern und darüber hinaus zu Bestsellerautorinnen mit intellektuellem Gewicht; ihre Bücher sind von einer außergewöhnlichen Direktheit und unerschrockenen Ehrlichkeit.

Cover art for BLUE NIGHTS

Blue Nights ist das verstörende Buch von Joan Didion, in dessen Zentrum der Tod ihrer Adoptivtochter steht. Er ist eng verwoben mit dem Tod ihres Mannes, der kurz nach der Erkrankung der Tochter an einem Herzinfarkt stirbt. Quintana liegt zu dem Zeitpunkt bereits im Koma. Der Tod ihres Mannes und das Jahr danach ist Thema des Bestsellers und Bühnenerfolgs The Year of Magical Thinking. Blue Nights könnte man als Folgebuch lesen, aber es ist doch eine noch radikalere Abrechnung mit dem Alter, ihrem eigenen Leben und dem Tod. Dass Quintana ihre Adoptivtochter war, spielt dabei eine nicht unwichtige Rolle. Ihre Ängste und Selbstzweifel, die Art, wie sie ihren Eltern gerecht werden will, sind Themen von adoptierten Kindern. Aber auch ihre eigene Rolle als Adoptivmutter reflektiert Joan Didion auf schmerzhafte Weise. Panisch reagiert sie, als sie sich mit ihrer Familie in der Heimatstadt der leiblichen Mutter aufhält. Zu groß ist die Angst, die erste Mutter könnte ihr Quintana streitig machen. Zu groß ist selbst heute noch der Wunsch, dass die Beziehung zur ersten Familie auch irgendwann beendet sein müsste. Sie müsste es besser wissen, kann aber die andere Elternschaft kaum greifen und schon gar nicht verstehen.



Das Verhältnis von zweiter zu erster Mutter spielt auch eine wesentliche Rolle in dem autobiographischen Roman Why Be Happy If You Could Be Normal von Jeannette Winterson. Jeannette Winterson wurde Anfang der sechziger Jahre im Norden Englands von streng religiösen Eltern der Pfingstgemeinde adoptiert und wuchs in einem lieblosen wie neurotischen Elternhaus auf. Mit sechzehn setzte ihre Adoptivmutter sie vor die Tür, als sie sich als Lesbe zu erkennen gab. In der Situation entstand auch das Zitat, das dem Buch den Titel gab. Bereits in ihrem Erstlingswerk und Bestseller Oranges Are Not The Only Fruit aus dem Jahr 1985 setzte sie sich mit ihrer Adoptivmutter und ihrem Elternhaus harsch auseinander. Ein Vierteljahrhundert später analysiert sie diese Beziehung erneut in einem milderen Licht und konfrontiert sie mit ihrer persönlichen Entwicklung in den nachfolgenden Jahrzehnten. Ihre Adoptivmutter hat sie zwar nach dem Rauswurf nur noch ein einziges Mal gesehen. Allerdings führt eine Lebenskrise mehr als zwanzig Jahre später sie zur Suche ihrer leiblichen Mutter, die sie ambivalent erlebt. Während ihre erste Familie mit Tanten, Stiefgeschwistern und Mutter sie freudig in die Familie aufnimmt, wird ihr selbst wiederum deutlich, wie stark sie von den Kämpfen mit ihrer Adoptivmutter auch in ihrer kreativen Entwicklung geprägt wurde.    

Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern unseres blogs und der webseite ein gutes und erfolgreiches Jahr 2012!

Dienstag, 27. Dezember 2011

Mit den Augen eines Adoptivkindes - eine weitere Paradoxie von Adoptionen

Ältere adoptierte Kinder sehen die ethischen Aspekte ihrer Adoption zuweilen erheblich nüchterner als ihre von den mangelnden ethischen Standards der Verfahren geplagten Adoptiveltern. Die Augen fest nach vorne gerichtet vergleichen sie ihr altes mit ihrem neuen Leben und haben ein instiktives Gespür für die Unterschiede der zumeist kindzentrierten Adoptivfamilien mit den Überlebenskämpfen in ihren Herkunftsfamilien.

Nach Angaben von UNICEF müssen 53% der Kinder in Äthiopien im Alter zwischen 5 und 14 Jahre arbeiten. 49% der Mädchen in Äthiopien heiraten vor ihrem 18. Lebensjahr. Unter den ärmsten 20% sind es sogar 61%. 74% aller äthiopischer Frauen sind Opfer von Genitalverstümmelungen geworden.

Das African Child Policy Forum hat 2006 einen Bericht mit dem Titel "Sticks, Stones and Brutal Words: The Violence Against Children in Ethiopia" veröffentlicht, der auf Befragungen von Kindern und Erwachsenen beruht. Danach ist das Ausmaß der Gewalt gegen Kinder in Äthiopien erschreckend:
  • Mehr als 60 Prozent der befragten Erwachsenen gaben an, Kinder mit einem Seil oder Draht festgebunden zu haben und 57 Prozent gaben zu, ein Kind mit der Faust geschlagen zu haben.
  • Mehr als 70 Prozent der Kinder wurden mit einem Stock oder einem anderen Gegenstand geschlagen.
  • 60 Prozent haben selbst Kindesentführungen miterlebt.
  • 62,6 Prozent der Erwachsenen gaben zu, ein Kind gezwungen zu haben, den Rauch einer brennenden Chilischote einzuatmen.
Kinder, die nicht mit ihren Eltern sondern mit ihren Verwandten leben, leiden nach Angaben des Berichts mehr unter der Gewalt von Erwachsenen als andere. Sie müssen mehr arbeiten und werden mehr geschlagen. Dies sind häufig auch die Kinder, die als bereits ältere Kinder von den Verwandten ins Heim gegeben werden oder weglaufen und auf der Straße aufgegriffen werden.

Es wundert daher wenig, wenn Kinder mit solchen Erlebnissen ihre eigene Adoption anders betrachten als solche, die als Baby adoptiert wurden. 63,4 Prozent der für den Bericht interviewten Kinder bestätigten, dass sie Gewalt an Kindern als Menschenrechtsverletzung ansehen, insbesondere im Bereich der sexuellen Gewalt.

"The study revealed that adults perceived violence against children as acts that inflicted injury or harm in an unacceptable manner or that transgressed the law. Children shared this perception, but added that violence was also a human rights issue. While the majority of adults considered sexual violence unacceptable under any circumstance, at the same time they were reluctant to consider female genital mutilation (FGM) and early marriage as unacceptable forms of violence. In contrast, children showed no tolerance for such harmful traditional practices. All forms of sexual violence were unacceptable to them, whether they are cultural or traditional. In the study, 48 percent and 38.7 percent of the children indicated that they personally know of cases of early marriage and FGM, respectively."

Aus der Perspektive älterer Adoptivkinder, insbesondere Mädchen, sind daher die in in diesem Blog diskutierten ethischen Fragen von Auslandsadoptionen eher in der Kategorie von Luxusproblemen liberaler Wohlstandsgesellschaften angesiedelt. Auch wenn auch sie an dem Trauma des Verlusts ihrer ersten Familie zu arbeiten haben, wissen sie zugleich, was sie durch die Adoption gewonnen haben. Das ist in der Regel ein Leben ohne Gewalt, ohne Armut und ohne Überlebensängste. Das ist kein Grund, sich nicht mehr mit den ethischen Fragen von Auslandsadoptionen zu beschäftigen, aber ein wichtiges Korrektiv in manchen erhitzten Debatten. 

Donnerstag, 22. Dezember 2011

Der perfekte Sturm

Eine Leserin hat uns auf einen neuen Artikel von Kathryn Joyce hingewiesen, der in der Zeitschrift  The Atlantic erschien und in der Tat lesenswert ist. Er ist überschrieben mit "How Ethiopia's Adoption Industry Dupes Families and Bullies Activists" und beschreibt im Wesentlichen, wie die amerikanische Adoptionsindustrie versucht, durch Einschüchterung von Kritikern und Adoptiveltern die Vermittlungswege weiter offen zu halten.

Für Leserinnen und Leser dieses blogs ist die Geschichte, wie die amerikanischen Vermittlungsstellen Äthiopien eroberten, bereits bekannt. Einige neue Aspekte gibt es jedoch. Der erste ist die eindeutige Aussage, dass für äthiopische Familien die Vorstellung von Adoption eine völlig andere ist als in westlichen Gesellschaften.

"Äthiopier haben nicht die Vorstellung, dass Adoption ein klarer Bruch mit der ersten Familie ist. Manche denken, dass das Kind zwar im Ausland aufwächst, aber sie es danach wieder sehen werden. Eine hoch entwickelte und verrechtlichte Gesellschaft trifft auf eine sehr arme und traditionelle."

Wenn sich in den Dörfern herumspricht, dass die Familien von der Abgabe eines Kindes profitieren, dann wirkt das ansteckend. "Es ist sehr gefährlich; man spielt mit der Armut der Menschen, ihren Gefühlen und Bedürfnissen in einer wirklich profunden Art und Weise."

Der zweite Aspekt betrifft die Umsetzung des Adoptionsstopps. Bis heute wurden 23 Kinderheime geschlossen. Gleichzeitig zeigt eine Analyse von Gerichtsurteilen, die von UNICEF in Äthiopien durchgeführt wurde, dass der Stopp nicht lange angehalten hat, und heute die Adoptionszahlen wieder auf dem vorherigen Niveau sind.

Drittens gibt es nun direkte Hinweise darauf, dass es durchaus gefährlich ist, wenn Adoptivfamilien die Herkunft ihrer Kinder überprüfen wollen. Während es einerseits eine positive Entwicklung ist, dass Adoptiveltern dies tun, stoßen sie gleichzeitig auf Hindernisse, da die Searcher, die sie damit beauftragen, von offiziellen Stellen eingeschüchtert werden, die dazu noch von den Vermittlungsstellen dazu angehalten werden.
 
Ob sich durch den angekündigten Adoptionsstopp in diesem Jahr an den Praktiken tatsächlich etwas geändert hat, ist nicht klar. Einerseits gibt es ein größeres Bewusstsein von ethischen Aspekten in Adoptionsverfahren und die Regierung hat das Thema aufgegriffen. Andererseits ist die Nachfrage weiterhin hoch; und der Druck der Vermittlungsstellen auf die Gerichte und Regierung scheint erfolgreich gewesen zu sein.

Montag, 19. Dezember 2011

Rechtmäßigkeit ohne Rechtsstaat - Adoptionen in Äthiopien

Am 21. November 2011 veröffentlichten Human Rights Watch und Amnesty International einen Aufruf an die äthiopische Regierung, von der Verfolgung von Journalisten und friedlichen politischen Aktivisten durch die Anwendung ihrer übermäßig breiten Antiterrorismusgesetze abzusehen.

Am 23. November 2011 wurde der Prozess gegen 24 des Terrorismus verdächtigten Angeklagten fortgesetzt. Darunter waren sechs Journalisten und zwei Mitglieder der oppositionellen Partei Unity for Democracy and Justice (UDJ). Gegen sechzehn der 24 wird in Abwesenheit verhandelt. Mehrere andere Verfahren gegen Journalisten und Aktivisten finden zeitgleich statt.

Äthiopien ist keine Demokratie und kein Rechtsstaat. Keiner der Angeklagten hatte Zugang zu einem Verteidiger vor dem Verfahren. Drei der Angeklagten haben sich im Gerichtssaal über Misshandlungen beschwert. Menschenrechts-organisationen werden von der Regierung ebenso unterdrückt wie oppositionelle Parteien. Premierminister Meles Zenawi hat sich bereits über die Verfahren geäußert und somit die Unschuldsvermutung gegenüber den Angeklagten unterminiert. Die Äußerungen setzen die Gerichte unter Druck; die äthiopische Gerichtsbarkeit ist nicht unabhängig.

Wie kann in einem autoritär regierten Land eine unabhängige Prüfung des Adoptionsbedürfnisses verlassener Kinder stattfinden? Wie können deutsche Gerichte im Anerkennungsverfahren davon ausgehen, dass die in den äthiopischen Gerichtsurteilen dokumentierten Sachverhalte faktisch richtig sind und den deutschen Rechtsgrundsätzen entsprechen? Im Zweifel gar nicht. Die Anerkennung äthiopischer Adoptionsurteile basieren auf einer Fiktion einer Teilautonomie äthiopischer Familiengerichte, die wiederum jedoch auf fraglichen Annahmen basiert. Aus rechtsstaatlicher Perspektive ist es nicht möglich zu wissen, mit welcher Motivation und welchem Handlungsspielraum ein äthiopischer Richter über einen Adoptionsantrag befindet. In einer für das Kind und die beteiligten Familien lebensentscheidenden Frage ist das zugrunde gelegte Verfahren nicht vertrauenswürdig.

Die Folgen sind problematisch. Zum einen urteilen deutsche Richter anders als äthiopische Gerichte, wie das Urteil des OLG Düsseldorf vom Januar diesen Jahres zeigt. Zum anderen bleibt ein Nachgeschmack bei der Betrachtung der äthiopischen Urteile, die oftmals der einzige Beleg der Herkunft der Kinder sind. Die dort aufgeführten Sachverhalte mögen zutreffen. Es könnte aber auch ganz anders gewesen sein. Diese Ungewissheit ist für Kinder und Familien schwer zu ertragen.

Dienstag, 13. Dezember 2011

Das Paradox von Adoptionen

Adoption ist ein ungewöhnliches Zusammentreffen eines Kinderwunsches eines Paares mit dem Verlassenwerden eines Kindes. Für zwei sehr unterschiedliche Arten von sehr persönlichen Verletzungen wird durch die Adoption im Handumdrehen eine gemeinsame Lösung gefunden. In der Adoption dient das verlassene Kind als Erfüllung des Kinderwunsches. Ob dabei das Kind auf seine Kosten kommt und nicht vielleicht immer nur Ersatz bleibt, ist der Kern vieler kritischer Diskussionen Adoptierter über Adoptionen. Und ob nicht die Erfüllung eines Kinderwunsches an sich bereits selbstsüchtig und unangemessen ist - noch dazu vor dem Hintergrund eines verlassenen Kindes.

Durch das Dickicht der hitzigen Adoptionsdiskussionen und auf den unzähligen blogs zum Thema zieht sich immer wieder die paradoxe und schmerzhafte Feststellung, dass das Leid des Kindes gleichzeitig die Freude der Eltern ist. Adoptiveltern feiern den Adoptionstag - in Amerika als 'gotcha day' - an dem das Kind in die neue Familie kam. Für das Kind ist es jedoch der Tag des endgültigen Verlusts seiner ersten Familie, seiner Herkunft und seiner 'natürlichen' Identität vor der Adoption.

Wie darauf reagieren? Auf einem lesenswerten blogbeitrag einer Therapeutin und Adoptivmutter liest man: "I have come to believe that every simple, clear statement made about the adoption experience, from any perspective, is at worst wrong and at best incomplete." Das ist einfühlsam und unterstreicht die Komplexität von Adoptionen. Adoptiveltern können zu der Zeit des Kindes vor der Adoption sowie zu seiner Beziehung zu seiner leiblichen Familie wenig sagen. Sie kennen sie nicht aus eigener Erfahrung. Sie wissen nicht, ob und wie bereits ein Säugling über den Verlust seiner Mutter trauern kann. Aber sie können die subjektive Erfahrung des Kindes als solche respektieren. Wie die Beziehung sich auch immer im Laufe der Zeit entwickeln wird und welchen Stellenwert die Herkunftsfamilie für das Kind haben wird; Adoptiveltern können und müssen sie als Teil ihres Kind anerkennen und die Trauer des Kindes verstehen und begleiten. Das ist ihre Aufgabe.   

Donnerstag, 8. Dezember 2011

Das Hamlin Fistula Hospital in Addis Abeba

Die australischen Gynäkologen Reg und Catherine Hamlin kamen 1959 nach Addis Ababa, um eine Hebammenschule zu eröffnen. Heute ist daraus ein vorbildliches Krankenhaus zur Behandlung von Frauen geworden, die bei der Geburt ihrer Kinder schwere innere Verletzungen erlitten. Wenn die Kinder bei der Geburt den Geburtskanal nicht passieren können, leiden die Frauen nicht nur tagelang unter den Wehen, bei denen die Kinder sterben. Sondern es entstehen auch Risse in der Blase, der Vagina und dem Darm. Diese Risse, Fisteln genannt, führen zu schwerster Inkontinenz.

Cover of book, The Hospital by the RiverDie Hamlins haben in Addis Abeba 1974 das erste Krankenhaus aufgebaut, das sich auf diese Verletzungen spezialisiert. Catherine Hamlin hat den Aufbau des Krankenhaus in ihrer Autobiographie The Hospital by the River: A Story of Hope beschrieben. Die Landschaft, die Monarchie von Haile Selassie und das Chaos der kommunistischen Regierung werden mit viel Gefühl und Detail geschildert. Gleichwohl bleibt im Mittelpunkt das Schicksal der zahllosen jungen Frauen, die durch mangelnde medizinische Versorgung schwerste Verletzungen erleiden.

Der Verein Fistula e.V. unterstützt das Hamlin Fistula Hospital in Äthiopien.

Mittwoch, 7. Dezember 2011

Privatadoptionen

Unter Privatadoptionen versteht man solche Auslandsadoptionen, die ohne Einschaltung einer deutschen Vermittlungsstelle erfolgen. Sie sind besonderen rechtlichen wie auch tatsächlichen Risiken ausgesetzt, da die Adoptiveltern keine fachliche Beratung bekommen und sich vollständig auf die Vermittler im Herkunftsland verlassen müssen. Auch werden die Adoptiveltern nicht auf ihre Eignung durch deutsche Stellen geprüft, sondern wenn überhaupt in den Herkunftsländern. Sie sind daher ein wesentliches Einfallstor für Korruption und fingierte Dokumente.

Privatadoptionen erfolgen entweder komplett im Herkunftsland des Kindes oder werden über ausländische Vermittlungsstellen - in der Regel amerikanische - abgewickelt. Adoptiveltern bewerben sich im Herkunftsland direkt für ein Kind, das sie zuvor in einem Kinderheim kennengelernt haben. Das Familiengericht im Herkunftsland beschliesst daraufhin die Adoption. Ob ein Sozialbericht für die Adoptiveltern oder eine Adoptionsbedürftigkeit des Kindes festgestellt wird, bemisst sich nach den Gesetzen des Herkunftslandes.

Problematisch werden Privatadoptionen, wenn die Anerkennung durch deutsche Gerichte beantragt wird (z.B. um die deutsche Staatsangehörigkeit zu erhalten). Dann wird geprüft, ob die ausländische Adoption den deutschen Rechtsgrundsätzen - insbesondere der Eignung der Adoptiveltern und die Notwendigkeit einer internationalen Adoption - entspricht. Auch bei Adoptionen aus Ländern, die die Haager Konvention unterzeichnet haben, wird geprüft, ob die Adoptionsentscheidung den Grundsätzen der Haager Konvention folgte. Wenn dem nicht so ist, wird der Adoption die deutsche Anerkennung verweigert.

Man weiß in Deutschland nicht, wieviele Kinder jedes Jahr durch Privatadoptionen adoptiert werden, da diese nicht meldepflichtig sind. Es gibt jedoch Angaben über die Anerkennungsverfahren vor deutschen Gerichten. Nach Auskunft des Bundesamts für Justiz sind das ca. 1000 im Jahr. Davon werden etwa 10% nicht anerkannt. Fast alle dieser Fälle - eine wichtige Ausnahme im Bereich Adoptionen aus Äthiopien haben wir ausführlich dokumentiert - sind Privatadoptionen.

Liest man die Gerichtsentscheidungen der Vormundschaftsgerichte, die das Bundesamt in einer Datenbank ins Netz gestellt hat, dann bekommt man einen Eindruck von der Realität der Privatadoptionen. Eine große Zahl der Entscheidungen betreffen Verwandtenadoptionen von Familien aus der Türkei und dem Kosovo, bei denen Kinder von den Großeltern, Tanten oder befreundete Familien nach Deutschland adoptiert werden sollen. Allerdings gibt es auch Fälle von Leihmutterschaft durch Verwandte in der Türkei oder Vertragsadoptionen aus Indien. In zweiter Instanz zurückgewiesen wurde eine Privatadoption aus den USA, da sich das amerikanische Gericht nicht an die Bestimmungen der Haager Konvention gehalten und inbesondere das Adoptionsbedürfnis des Kindes nicht geprüft hatte. In einem Fall eines Kindes aus Nepal wurde die Anerkennung verweigert, da vor dem Gericht in Nepal angegeben wurde, die Mutter sei unbekannt, während dem deutschen Gericht eine Einverständniserklärung der leiblichen Mutter vorgelegt wurde.

In der Summe kann man vor Privatadoptionen nur warnen.  Auch bei Adoptionen aus Vertragsstaaten der Haager Konvention kann man sich nicht darauf verlassen, dass diese automatisch in Deutschland anerkannt werden. Es ist gut, dass es ein Korrektiv durch deutsche Gerichte gibt. Es wäre jedoch noch besser, wenn die Einschaltung eines deutschen Jugendamtes verpflichtend für jede Form der Visaerteilung ausländischer Kinder zur Einreise nach Deutschland zum Zwecke der Adoption gemacht würde. Damit könnte man Adoptionsbewerbern schon früher die Risiken von Privatadoptionen verdeutlichen.

Montag, 28. November 2011

Amerikanische Verhältnisse?

Nach Angaben des Statistischen Bundesamts wurden im Jahr 2010 382 ausländische Kinder zur Adoption nach Deutschland gebracht, deren Adoptiveltern nicht mit den Kindern verwandt sind. Äthiopien war das größte Senderland mit 97 Kindern gefolgt von Russland, Thailand und Bulgarien. 2009 waren es noch 72 Kinder aus Äthiopien und 2008 waren es 47 und 2007 29. Damit sind in Deutschland die Zahlen adoptierter Kinder aus Äthiopien ähnlich schnell in die Höhe geschossen wie in den USA. Gleichzeitig sind jedoch die Gesamtzahlen aller Auslandsadoptionen nach Deutschland im gleichen Zeitraum deutlich gesunken. 2007 kamen noch 567 Kindern aus dem Ausland nach Deutschland.*

Die Zahlen verdeutlichen zum einen wie groß der Abstand zum Adoptionsland USA ist; zum anderen aber auch dass das in den Medien gerne gezeichnete Bild der Auslandsadoption als Lösung für die zunehmende ungewollte Kinderlosigkeit verwöhnter Mittelschichtsfamilien kaum zutrifft. 660.000 Geburten im Jahr stehen knapp 400 Auslandsadoptionen gegenüber. Die Zahl der vorgemerkten Adoptionsbewerbungen sank in den letzten zwanzig Jahren um über 60%.

Während also die Gesamtzahlen von Inlands- und Auslandsadoptionen in Deutschland seit langem sinken, war Äthiopien in den letzten Jahren ein Ausreißer. Das hängt zum einen mit dem 'Erschließen' von Äthiopien als Senderland durch amerikanischen Vermittllungstellen und zum anderen mit der Gründung einer neuen Vermittlungsstelle zusammen. Die bayerische Vermittlungsstelle Eltern für Afrika hat 2007 seine erste Vermittlung aus Äthiopien durchgeführt und ist seitdem rasant gewachsen. Mit Eltern für Afrika wurde das Vermittlungsverfahren aus Äthiopien nach Deutschland insofern 'amerikanisiert', als dass Eltern für Afrika wie viele amerikanische Vermittlungsagenturen ein eigenes Transitheim in Addis Abeba betreibt, in das Kinder zur Adoption nach Deutschland aufgenommen werden. Transitheime ausländischer Adoptionsvermittlungsstellen sind problematische Einrichtungen. Einerseits folgen sie ein wenig dem Modell der Bereitschaftspflege, wie sie in Deutschland praktiziert wird. Anderseits tragen sie zum Aufbau einer Nachfragestruktur bei und die Vermittlungsstellen sind schon aus finanziellen Gründen darauf angewiesen, dass neue Kinder ins Heim kommen. Gekoppelt mit sozialen Projekten wie z.B. einem Projekt für Straßenmütter kann sehr schnell eine Beziehung entstehen, bei der Straßenmütter ihre Kinder ins Heim abgeben, um selbst wieder Unterkunft und Arbeit zu bekommen. Es geht jedoch bei internationalen Adoptionen darum, keine zusätzlichen Anreize zur Abgabe von Kindern zu schaffen.

Sind wir also auf dem Weg in amerikanische Verhältnisse? Die Erfahrung der letzten Jahrzehnte macht das eher unwahrscheinlich. Zum einen wurden Vermittlungsstellen mit umstrittenen Geschäftspraktiken wie ICCO und Pro Infante die Lizenzen entzogen. Zum anderen tragen die zentralen Behörden wie zum Beispiel die Zentralen Behörde für Auslandsadoptionen der norddeutschen Bundesländer (GZA) und das Bundesamt für Auslandsadoptionen immer wieder kritische Beiträge zur Auslandsadoption in die Diskussion. Das gilt ebenso für Terre des Hommes, die jedoch nach eigenen Angaben ihre Vermittlungen nicht aufgrund ethischer Überlegungen eingestellt haben. Und schließlich ist die Rechtsprechung zur Umwandlung ausländischer Adoptionen zunehmend restriktiv und hat den Vermittlungsstellen weitere Prüfpunkte auferlegt.

Der ausgesprochen kritische Leiter der GZA, Rolf Bach, spricht sogar von Adoptionen als einem aussterbenden Rechtsinstitut und misst auch dem Handel mit Adoptivkinder in Deutschland keine größere Bedeutung zu. Im Unterschied zu den USA greifen jedoch deutsche Medien das Thema Kinderhandel immer wieder gerne und skandalisierend nach dem Motto "Suche Kind, zahle bar" auf, während tatsächlich der "Handel" mit Kindern im Sinne von Geldzahlungen für die Abgabe von Kindern oder gar Kinderdiebstahl nur in den allerseltensten Fällen ein Thema ist. Auch in dem Bericht, den ACT über die Vermittlung 19 äthiopischer Kinder durch die niederländische Vermittlungsstelle Wereldkinderen wurden keine Anzeichen für Geldzahlungen an Angehörige gefunden. Das soll die Probleme mit gefälschten oder fehlerhaften Herkunftspapieren, den fehlenden Alternativen zur Abgabe der Kinder und die oftmals mangelnde Aufklärung äthiopischer Angehöriger über den endgültigen Charakter der Adoption nicht verharmlosen und macht die Diskussion über ethische Auslandsadoptionen nicht weniger relevant.

Letztlich leben die USA und Deutschland in zwei sehr unterschiedlichen Adoptionswelten. In den USA wird öffentlich für Adoptionen missioniert; in Deutschland suggerieren die Medien regelmäßig und oftmals mit behördlicher Unterstützung, dass Auslandsadoptionen an Kinderhandel grenzen.

* Die Zahlen beinhalten nicht Privatadoptionen. Es war uns nicht möglich, eine fundierte Angabe über die tatsächliche Praxis der Privatadoption zu finden. 

Mittwoch, 23. November 2011

Finding Fernanda - Die Bedeutung Guatemalas für Adoptionen aus Äthiopien

Anfang November erschien das Buch Finding Fernanda von Erin Siegel. Es beschreibt das Schicksal einer Mutter aus Guatemala, Mildred Alvarado, deren Kinder von der Mafia entführt und in die USA adoptiert wurden. Gegen allen Erwartungen schaffte es die Mutter ihre Kinder wiederzufinden.

Das Buch öffnet die Augen für die dunkle Seite internationaler Adoptionen, die Verknüpfung von Verbrechen, Korruption, missionarischer Ignoranz, Kollaboration der Behörden und Hilflosigkeit der Adoptiveltern.

Erin Siegel ist Journalistin und hat in Guatemala die Betroffenen, die NGO Fundación Sobrevivientes, Mütter und Pflegemütter und Mitarbeiter von Behörden interviewt. In den USA sprach sie mit den Adoptiveltern von Fernanda, anderen Adoptiveltern sowie Mitarbeitern der Vermittlungsstelle  Celebrate Children International (CCI) einschliesslich des Ehemanns der Direktorin Sue Hedberg. Die Geschichte beschreibt das Schicksal einer einzelnen Mutter und steht dennoch für ein größeres Bild der Verknüpfung von Auslandsadoptionen mit Kinderhandel über fragwürdige Vermittlungsstellen.

Die Vermittlungsstelle CCI ist nicht nach der Haager Konvention akkreditiert operiert jedoch weiterhin in Ländern, die die Haager Konvention nicht unterzeichnet haben unter anderem in Äthiopien. Bis 2006 vermittelten sie im Schnitt 20 Kinder monatlich aus Guatemala. Heute sind sie die fünftgrößte Vermittlungsstelle in Äthiopien mit 250 Adoptionen im Jahr. Frau Siegel schreibt: “Since 2005, nineteen complaints have been made about the adoption agency. The Department of Children and Families has not substantiated any of them.”

In einem Interview beschreibt Erin Siegel das Zusammenspiel von Korruption und schwacher Regulierung. Während alle Verwaltungsstrukturen in Guatemala von Korruption beherrscht sind, sieht die amerikanische Botschaft es nicht als ihre Aufgabe an, den Prozess zu kontrollieren sondern amerikanische Interessen zu vertreten. Daher verhindert sie die Vermittlung gestohlener Kinder nicht sondern spielt eine ermöglichende und vermittelnde Rolle. Ähnliches geschieht gerade in Äthiopien.