Samstag, 21. Dezember 2013

Efa berichtet über Schwierigkeiten bei Adoptionen aus Äthiopien

Betyie schreibt aktuell über Adoptionen aus Äthiopien:

Die Vermittlungsstelle “Eltern für Afrika” ihrerseits berichtet von acht Adoptionen im vergangenen Jahr und davon, dass die verwaltungstechnische Seite der Adoptionsfreigaben in Äthiopien immer noch nicht hinreichend geklärt sei, woraus sich ableite, dass die künftigen Entwicklungen bei internationalen Adoptionen nicht prognostizierbar seien. Die Lage in den Kinderheimen sei angespannt, die Versorgung der Kinder nicht jederzeit gut gewährleistet und künftig müsse man bei aus Äthiopien adoptierten Kindern mit einem Alter von wenigstens zwei Jahren rechnen.

Gleichzeitig meldet die Washington Post unter Berufung auf den Innenminister im Kongo, dass Internationale Adoptionen aufgrund von kriminellen Machenschaften temporär suspendiert seien.

Freitag, 20. Dezember 2013

Am Ende der Sackgasse

Was sich seit langem abgezeichnet hat, ist jetzt Gewissheit geworden: Eine der beiden Vermittlungsstellen in Deutschland, die Kinder aus Äthiopien vermitteln, hat die Vermittlungen gestoppt. Betyie schreibt dazu, dass die Vermittlungsstelle “Eltern für Afrika” im letzten Jahr nur acht Adoptionen aus Äthiopin durchgeführt. Zudem sei die verwaltungstechnische Seite der Adoptionsfreigaben in Äthiopien immer noch nicht hinreichend geklärt und die künftigen Entwicklungen bei internationalen Adoptionen nicht prognostizierbar. Die Lage in den Kinderheimen sei angespannt, die Versorgung der Kinder nicht jederzeit gut gewährleistet und künftig müsse man bei aus Äthiopien adoptierten Kindern mit einem Alter von wenigstens zwei Jahren rechnen.

Während einerseits diese Entscheidung in das Gesamtbild von schließenden Vermittlungsstellen in den USA und einem allgemeinen Rückgang an adoptierten Kinder passt, wirft sie andererseits doch die Frage auf, wie eine zukünftige Entwicklung aussehen kann. Ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch die andere Vermittlungsstelle ihre Arbeit in Äthiopien einstellt? Die Stimmung in Äthiopien ist jedenfalls kritisch.

Wir wissen nicht, wie es weiter gehen wird. Es gibt Anzeichen in den USA aber auch in Deutschland, dass sich Internationale Adoptionen auf andere Länder Afrikas verschieben werden wie z.B. nach Uganda, Kenia und Madagaskar. Die Probleme werden damit natürlich nicht gelöst, sondern im Zweifel werden dort unter den Vorzeichen eines schwachen Staates erst neue Möglichkeiten der Korruption eröffnet. Es ist schade, dass dies in der Welt der Adoptionsvermittlung so wenig reflektiert wird sondern immer wieder dem unmittelbaren Reflex der Hilfe für notleidende Kinder und kinderlose Eltern nachgegeben wird.

Donnerstag, 12. Dezember 2013

Erwachsene Adoptierte im Gespräch

Auf youtube gibt es ein bemerkenswertes Video zweier junger Adoptierter, die über ihre Erfahrungen, Ansichten und Wünsche berichten. Aselefech Evans, adoptiert im Alter von 6 Jahren aus Äthiopien, und Jenni Fang Lee, adoptiert im Alter von 6 Jahren aus China, tauschen sich frei über Adoptionen aus.

Beiden ist es anzumerken, dass sie mit sich und ihrer Identität als Adoptierte, Nichtweiße und junge Frauen eigentlich im Reinen sind, aber im deutlichen Abstand zu Vermittlungsstellen und der Adoptionsindustrie stehen. Die Fragen, die sie umtreiben sind:
  • Warum zahlen amerikanische Familien 30.000$ für eine Adoption, wenn mit diesem Geld die Gründe für die Adoption aus der Welt geschafft werden können? 
  • Warum wird in der Adoptionswelt und von den Betreibern von Vermittlungsstellen so viel Geld verdient?
Fang Lee drückt ihr Unbehagen besonders deutlich aus, wenn sie sagt, dass Adoptiveltern mit dem Geld abstimmen und sich nicht bewusst sind, was die indirekte Effekte einer Auslandsadoption für die Betroffenen aber auch für das gesamte System der Auslandsadoption sind. Sie wünscht sich, dass erwachsene Adoptierte eine Plattform finden, auf der sie ihre gemeinsamen Erfahrungen publik machen können, um von dem individuellen Schicksal zu abstrahieren und zum Kern des Problems vorzudringen.

Mittwoch, 27. November 2013

Rassismus in Schulbüchern - Offener Brief an den Beltz Verlag und Antolin

Sehr geehrte Damen und Herren,
meine zehnjährige Tochter liest zurzeit in ihrem Deutschunterricht das Buch Katzensprünge von Heike Brandt. In dem Buch geht es um Kinder mit rassistischem Gedankengut  - wahrscheinlich in aufklärerischer Intention. Die Autorin läßt von Beginn an die Kinder so reden, wie es ihnen in den Sinn kommt. Da sind Türken "Kanaken" und schwarze Kinder "schwarze Ratten". Auf Seite 212 gibt es dann einen Dialog, in dem zwei Kinder sich einen Witz erzählen: "Was ist schwärzer als ein N...? " Antwort: "Ein verkohlter N....."

Mir blieb bei der Lektüre dieser Stelle die Luft weg. Meine Tochter ist schwarz und hat bislang in ihrem Leben glücklicherweise sehr wenig an offenem Rassismus erfahren. Hier begegnet sie ihm in geballter, ungefilterter und zudem brutaler Form. Sie wusste vorher nicht, dass man Kinder türkischer Abstammung "Kanaken" nennen kann, dass man den Begriff "Arschloch", den sie nicht in den Mund nehmen darf, aber im Kinderbuch verwenden kann und schon gar nicht, dass es scheinbar heute in Berlin-Kreuzberg Kinder gibt, die Menschen mit anderer - ihrer - Hautfarbe verbrennen wollen.
Ich bin entsetzt, dass dieses Buch - egal was seine Absicht ist - im Schulunterricht verwendet wird. Mir ist nicht klar, was man mit dieser Sprache bezweckt, außer man will den Kindern bei der Formulierung rassistischer Gedanken und Sprache behilflich sein.
Ich fordere den Beltz Verlag und Antolin auf, das Buch aus ihrem Bestand zu nehmen. Es darf heute rassistisches Gedankengut auch unter der Überschrift der Thematisierung von Rassismus nicht in dieser Form und dieser Brutalität über Grundschulkinder ausgeschüttet werden.

Mit freundlichem Gruß

Mittwoch, 13. November 2013

Kritische und unkritische Reflektionen in den USA

Auf zwei neue Publikationen in den USA sei hier hingewiesen:

Kathryn Joyce hat in einem Artikel für Slate Magazine die Geschichte von Hana zusammengefasst und die Rolle von fundamental christlichen Großfamilien mit mehr als 10 Kindern, die ihre Kinder zuhause unterrichten und von Disziplin und Gehorsam besessen sind, analysiert.  Die Analyse ist - wie immer - gründlich und überzeugend. Für informierte Leser beinhaltet sie jedoch wenig Neues. Wer jedoch nochmals nachlesen möchte, woran das Adoptionssystem in den USA krankt, kann dies dort tun.

Einen interessanten Kommentar zum Artikel gibt es von Jean Mercer auf ihrem Blog Child Myths. Sie stellt die Frage, ob diese Adoptiveltern, die Kinder sammeln, nicht eine pathologische emotionale Störung haben. Der Blog von Jean Mercer sei an dieser Stelle empfohlen. Sie ist in der Adoptionscommunity von beiden Seiten umstritten, da sie einerseits immer wieder auf die Gefahren der Diagnose "Bindungsstörung" hinweist und sogenannte "Haltetherapien" kritisiert, andererseits die Annahme einer primären Bindung von Mutter und Kind, die unter Adoptionskritikern weit verbreitet ist, bestreitet.

Die zweite Publikation kommt aus dem Donaldson Adoption Institute und ist eine empirische weltweite Befragung von Adoptiveltern und Adoptionsprofis.

Der Bericht ist eine wilde Zusammenstellung von Befunden, die gezielt an der derzeitigen Diskussion über die Probleme bei Adoptionen in den USA (re-homing, child collectors, abuse and death etc.) vorbei argumentieren und im Wesentlichen zum Ergebnis kommen, dass alles im Lot ist, wenn man die Adoptiveltern ein wenig besser vorbereitet. Adoptionen sind weiterhin der optimale Weg, wenn Eltern oder Familie nicht vorhanden sind. Punkt. Wirkliche Reformen werden weder befürwortet noch ernsthaft in dem Bericht angesprochen.

Der interessanteste Punkt in dem Sammelsurium ist der Hinweis, dass viele Adoptiveltern auch bei internationalen Adoptionen den Kontakt zur leiblichen Familie suchen und wertschätzen. 

A CHANGING WORLD:
SHAPING BEST PRACTICES THROUGH UNDERSTANDING
OF THE NEW REALITIES OF INTERCOUNTRY ADOPTION

Authors: Dr. Ellen Pinderhughes, Jessica Matthews, Georgia Deoudes and Adam Pertman
Funded by: American Ireland Fund and the Donaldson Adoption
Published: 2013 October, New York NY: Donaldson Adoption Institute
Document Type: Policy & Practice Perspective (176 pages)

Sonntag, 10. November 2013

Abgegeben - Angenommen. Adoptiert ist man ein Leben lang

Adoptiert ist man ein Leben lang, davon erzählen auch ältere Erwachsene, deren Adoptionsgeschichten sehr unterschiedlich verlaufen sind. Das Leben von allen ist – positiv wie negativ – durch die Adoption geprägt...

Eine hörenswerte Sendung auf HR 2

Dienstag, 8. Oktober 2013

Ethische Risiken einer Adoption aus Äthiopien


Wir werden oft nach Vermittlungsstellen gefragt. Viele Leserinnen und Leser landen auf unserer Seite, weil sie "Eltern für Afrika" oder "evap" googlen. 

Wir wissen daher, dass viele Leser dieses Blogs Adoptionsbewerber sind. Wenn sie auf unsere Seite kommen, sollte sie eines interessieren: Was sind die ethischen Risiken einer Adoption aus Äthiopien? Darauf gibt es im Jahr 2013 nach besten Wissen die folgende Antwort:
  • Das größte Risiko ist eine falsche Angabe im Sozialbericht über die Familie des Kindes. Kinder mit zwei lebenden Eltern können in Äthiopien nicht ins Heim gegeben werden. Wenn Mütter oder Familien sich dennoch dazu entscheiden, erklären sie sich zur Tante oder Nachbarin und behaupten die Eltern seien tot. Oder Grosseltern bringen Enkel ins Heim. Manchmal ohne das Wissen der Eltern. Oder Mütter von Säuglingen behaupten, sie hätten das Kind gerade an einer Kreuzung gefunden. Oder Kinder werden im Merkato aufgegriffen und die Polizei behauptet, die Eltern hätten nicht gefunden werden können. Auch das ist oftmals nicht wahr.   
  • Eltern werden/wurden zuweilen dazu überredet, ihre Kinder aufzugeben. Auch durch Vermittler, die von Heimen und Vermittlungsstellen dafür bezahlt werden. 
  • Heime bezahlen Vermittler für Kinder und verlangen hohe Gebühren von Vermittlungsstellen. Sie haben kein Interesse an der wahren Herkunft des Kindes. 
  • Uns ist kein Fall von Kindesentführung bekannt. Das bedeutet nicht, dass Mütter nicht unter Druck gesetzt wurden oder ihnen die Kinder ohne ihr Wissen oder Einverständnis abgegeben wurden. 
  • Uns sind mehrere Adoptionen bekannt, deren Hintergrund fragwürdig ist. 

Was kann man tun? Nach unserer Erfahrung und Einschätzung prüfen die deutschen Vermittlungsstellen nicht den Wahrheitsgehalt der Angaben durch das Heim. 'This is Africa' ist eine Haltung zum Problem. Und: 'Hauptsache die Kinder bekommen eine neue Familie'.  Im Fall Gelgela, einem Heim, das unter heftiger Kritik stand, hat evap seine Kooperation nach einer langen Übergangszeit eingestellt. 

Die Vermittlungsstellen sind auch keine aktiven Kritiker der gegenwärtigen Lage. Sie können nicht offen kritisch sein, ohne ihren Status zu gefährden. Vermittlungsstellen brauchen eine Lizenz der äthiopischen Regierung. Wenn sie zu kritisch auftreten, wird ihnen die Lizenz entzogen. Ihre Lage im Land ist prekär. Was Vermittlungsstellen hinter den Kulissen machen, wissen wir nicht. 

Niemand kann ein Kind adoptieren wollen, dessen Papiere es als Waise ausweisen und dessen Eltern in Wahrheit noch leben. Die Lüge im Leben des Kindes wird man nie wieder los. Sie wird auch nicht dadurch besser, das sie vielleicht nie bekannt wird. Oder dass trotz alledem die Adoption die beste Lösung für das Kind ist. Man möchte auch nicht mit der Unsicherheit leben, dass es Eltern gibt, die getäuscht und betrogen wurden.   

Vermittlungsstellen sind nach unserer Erfahrung nicht proaktiv, wenn es zur nachträglichen Aufklärung von Familienverhältnissen kommt. Sie selbst werden nie aktiv, auch wenn sie als professionelle Beteiligte von Beginn an ihre Zweifel hätten anmelden müssen. Sie beteiligen sich daran, wenn die Eltern darauf drängen. Auch weil sie Herr der Lage sein wollen und in Äthiopien keine unbeaufsichtigten Eltern haben wollen, die Detektiv spielen. Sie stellen zugleich den Eltern die Kosten in Rechnung. Das alleine kann Adoptiveltern von der Wahrheitssuche abhalten.

Unsere Arbeit wird von Vermittlungsstellen nicht gerne gesehen. Kein Adoptionsprofi hat uns bislang auf die Schulter geklopft und eine Diskussion zum Thema begruesst. Man habe den Eindruck, wir seien gegen Adoptionen. Wir ermutigen Adoptionsbewerber unangenehme Fragen zu stellen. Ja, das stimmt.  Wir ermutigen auch andere Adoptivfamilien, das Bundesamt für Justiz und die Vermittlungsstellen selbst kritische Fragen zu stellen. Wir glauben, dass es keine ethischen Adoptionen ohne eine vollständige Offenlegung der Fakten geben kann.

Freitag, 4. Oktober 2013

Sie werden nie eine normale Familie sein

Ein Nachtrag zur Diskussion, ob Adoptivfamilien 'normal' sind: Irmela Wiemann hat das Interview in Nido auf ihre Webseite gestellt und einen lesenswerten Kommentar verfasst. Wir hatten darüber bereits früher berichtet.

Frau Wiemann kritisiert in ihrer Stellungnahme den Titel, der nicht von ihr gewählt wurde. In der Tat gibt es eine Neigung zur Dramatisierung: entweder sind Adoptivkinder und ihre Familien besonders schwierig (oft in den Medien) oder komplett wie alle anderen (oft bei den Familien selbst und bei ihrer Umwelt).

Letzteres fällt besonders im Schulalltag immer wieder auf. Ob ein bestimmtes Verhalten oder eine Schulschwäche mit der Adoption zusammenhängen könnte, ist ein ganz empfindliches Thema. Besonders gut meinende Eltern oder Lehrer ersticken oft jede Diskussion darüber in dem sie darauf hinweisen, dass andere Kinder dieses Problem/Verhalten auch haben. Das ist ebensowenig hilfreich wie diejenigen Lehrer, die Adoptivkinder gleich in die Schublade der verhaltensauffälligen Kinder stecken.

http://www.irmelawiemann.de/dl/dl.pdfa?download=Nido-normale-Familie-Wiemann-Satz.pdf

Montag, 30. September 2013

Adoptionsland Absurdistan

Wer derzeit die Nachrichten aus dem Adoptionsland USA verfolgt, wird ein zunehmend mulmiges Gefühl nicht los. Das eigentlich positive Grundgefühl, das mit der großen Bereitschaft der Amerikaner zur Aufnahme eltern- und familienloser Kinder einher geht, wird zunehmend von einer Haltung überlagert, in der es kaum noch um Kinder aber sehr stark um die Rechte und die Macht von Adoptiveltern über die Kinder anderer Menschen geht. In den letzten Wochen gibt es gleich mehrere Beispiele dafür:

  • Der Fall von Baby Veronica hat eine weitere tragische Wende genommen. Veronica ist das Kind einer außerehelichen Beziehung. Ihre Mutter hat sie bereits vor der Geburt zur Adoption freigegeben, ohne jedoch den Vater zu informieren. Der hat seit ihrer Geburt für sein Sorgerecht gekämpft und zeitweise auch Recht bekommen. Nach der letzten Gerichtsentscheidung musste er jedoch seine Tochter den Adoptiveltern wieder übergeben. Deren Anwälte verklagen ihn nun auf Schadensersatz auf eine halbe Million Dollar. Diesen Betrag wird er zwar nicht bezahlen können, aber das eigentliche Ziel ist die Abschreckung: Versuche als Elternteil erst gar nicht ein bereits adoptiertes Kind zurückzuverlangen. In den USA ist trotz aller Familienrhetorik das Recht am eigenen Kind schwach ausgeprägt. Eltern verlieren ihr Sorgerecht vergleichsweise leicht. So werden bei illegalen Einwanderungen zwar die Eltern deportiert; nicht aber deren in den USA geborenen Kindern. Diese werden kurzerhand ohne das Einverständnis der Eltern zur Adoption freigegeben.
  • CHIFF (Abkürzung für Children in Families First) ist ein Gesetzentwurf, der zurzeit im amerikanischen Kongress debattiert wird. Das Gesetz hat gute Seiten (eine zentrale Dokumentationsstelle aller internationaler Adoptionen zum Beispiel), verfolgt letztlich aber das Ziel die Zahlen Internationaler Adoptionen kräftig zu steigern. Statt die vielen Fehlentwicklungen im amerikanischen Adoptionssystem zu korrigieren, möchten die beteiligten Akteure der Adoptionsindustrie den Markt wieder vergrößern. Die amerikanische Außen- und Entwicklungspolitik soll ihren Einfluß geltend machen, dass die Empfängerländer sich dem 'Kinderschutz' zuwenden, bei dem Adoptionen eine große Rolle spielen. Der Entwicklungshilfeetat soll um $30 Millionen im Jahr angezapft werden, um diese Maßnahmen zu finanzieren. Man sieht die gut bezahlten Präsidenten diverser Adoptionsagenturen schon bei der Verteilung der Gelder an sich und ihre Freunde. Die Kritik an dem Vorhaben ist laut. Eine Zusammenfassung findet sich hier.
  • Recherchen der Nachrichtenagentur Reuters haben den privaten Markt für 'Zweitadoptionen' aufgedeckt: Kinder, deren Adoptionen schief gehen, werden über private Internetforen an Familien vermittelt, die sich aus welchen Gründen auch immer auf die Aufnahme schwieriger Pflegekinder spezialisieren. Pädophilie ist der eine Grund; der Bezug von Sozialhilfe mag ein anderer sein. Im Anbetracht der Tatsache, dass amerikanische Adoptivfamilien zuweilen zu groß sind, ihre Kinder misshandeln und Kinder aufnehmen, die stark traumatisiert sind, ist das nicht überraschend. Gleichwohl kommen die Kinder von einem schlechten Ort in einen noch schlechteren, ohne dass das Jugendamt überhaupt davon erfährt. Viele von ihnen landen irgendwann auch in der staatlichen Fürsorge, oftmals ohne amerikanische Staatsangehörigkeit.

Es reicht nicht, sich angewidert davon abzuwenden und froh zu sein, dass in Europa der Diskurs ein anderer ist. Die Haltung der USA als größtes Empfängerland International Adoptierter überschattet alle anderen. Im Windschatten eines schlechten Systems zu segeln und selbst die bessere Alternative anzubieten, kann nicht funktionieren. Man wird den Menschen in Äthiopien nicht den Unterschied zwischen den 'bösen' Amerikanern und den 'guten' Europäern erklären können. Das Instrument der Internationalen Adoption an sich hat Schaden genommen. Spürbar ist das auch in Deutschland, wo die Adoptionen aus Äthiopien so stark zurückgegangen ist, dass zumindest eine der beiden Vermittlungsstellen vor existentiellen Problemen steht.

Den vielen Kindern und Familien, die dadurch aus hoffnungslosen Lagen befreit wurden, würde das zumindest nicht gerecht. (Auch nicht den Tausenden Heimkindern aus Rumänien, mit denen Anfang der neunziger Jahren ein neuer Adoptionsboom begann.) Tatsache bleibt jedoch, dass es nur zwei Wege gibt: entweder raffen sich die Adoptionsexperten in Europa auf, ihre Profession zu reformieren und eine Haltung zu den Entwicklungen in den USA einzunehmen. Oder sie geraten in den Sog des Abwärtsstrudels, der die Adoptionsbewegung erfasst hat. Dann wird irgendwann jedoch der Tag kommen, an dem Internationalen Adoptionen einfach keine inviduelle Lösung für ein familienloses Kind mehr sind.

Dienstag, 10. September 2013

Adoptiveltern von Hana Williams schuldig gesprochen

Nach mehreren Wochen Beweisaufnahme wurden die Adoptiveltern von Hana Williams der Kindesmisshandlung und des Totschlags schuldig gesprochen. Beide hatten auf Freispruch plädiert  Während des Gerichtsverfahrens hatten die Eltern sich nicht nur gegenseitig beschuldigt sondern insbesondere die Mutter hat Hana selbst verantwortlich für ihren Tod gemacht. Hana habe sich unbeabsichtigt selbst getötet, da sie in der kalten und nassen Nacht sich geweigert habe ins Haus zu kommen.

Vor Gericht wurde dokumentiert, dass Hana Essen vorenthalten wurde, dass sie und ihr Bruder gefrorenes ungekochtes Essen essen mussten, dass sie in der Scheune und in einem Schrank schlafen mussten, dass die Kinder auf dem Hof zur Strafe mit einem Schlauch abgespritzt wurden und dass die Eltern ihr den Kopf schoren. Hana und ihr tauber Adoptivbruder Immanuel wurden sadistisch gequält.  Die Familie lebte isoliert nach streng religiösen Prinzipien. Die Kinder besuchten keine Schule.

Die Verantwortung der Vermittlungsstelle war nicht Gegenstand des Verfahrens und ist umstritten. Klar ist, dass die Familie aufgrund ihrer Erziehungspraktiken nicht geeignet war, Kinder zu adoptieren. Die Vermittlungsstelle behauptet, sie sei betrogen worden. Die Eltern haben nach der Adoption keine Entwicklungsberichte geschrieben, was von der Vermittlungsstelle nicht weiter verfolgt wurde. Klar ist auch, dass sie zusätzlich zu ihren sieben leiblichen Kindern gleichzeitig zwei nicht verwandte ältere Kinder adoptieren konnten, von denen eines behindert war und die beide nicht die jüngsten Kinder in der Familie waren. An dieser Stelle hätten gleich mehrere Warnlampen aufleuchten müssen. Tatsache ist auch, dass Vermittlungsstellen in den USA so ziemlich alles selbst regeln können und es keine festen Kriterien für die Eignung als Adoptiveltern gibt.

In letzter Zeit gab es mehrere Berichte sowohl über Adoptionen von Kindern an pädophile alleinstehende Männer als auch über eine zunehmende Entwicklung komplett unregulierter Adoptionen von Kindern, die von ihrer ersten Adoptivfamilie aufgegeben werden. Eine Recherche von Reuters hat ein Yahoo Forum entdeckt, in dem diese Kinder zur Weiteradoption (re-home) im Internet angeboten werden. Kindersammler und Pädophile haben ungehinderten Zugriff auf diese Kinder. Manche Kinder wurden innerhalb von kurzer Zeit mehrfach im Internet angeboten. Yahoo hat das Forum nun gelöscht. Man kann davon ausgehen, dass es unter neuem Namen in Kürze wieder in Aktion treten wird.

Wie schon mehrfach in diesem blog geschrieben wurde: die Vermittlungsstellen graben sich durch die Tolerierung dieser Praktiken, die zu Missbrauch und auch dem Tod von Kindern führen, selbst das Wasser ab und verspielen die Legitimation im Interesse der Kinder zu sprechen und zu handeln. Der Hinweis auf vereinzelte schwarze Schafe reicht nicht, wenn nicht gleichzeitig auch das System reformiert wird.

Der Tod von Hana schockiert und betrifft nicht nur Adoptivfamilien in den USA. Er wirft einen Schatten auf alle, die mit Adoptionen zu tun haben und nicht laut über Missstände sprechen.


Montag, 2. September 2013

Americanah - Ein Buchtipp

Americanah - das neue Buch von Chimanda Ngozi Adichie (der Autorin von Half of a Yellow Sun) hat nichts mit Adoptionen zu tun. Dafür aber viel mit Rassismus. Eine junge Frau aus Nigeria flieht vor dem Stillstand in ihrem Land in die USA. Sie kämpft mit Schwierigkeiten verschiedenster Art und sieht sich immer wieder mit der übermächtigen Rolle von Rassendiskriminierung in Amerika konfrontiert. Sie schreibt einen erfolgreichen Blog über Rassismus aus der Sicht einer Nicht-Amerikanischen Schwarzen, für die Diskriminierung erst dann zum Problem wird, als sie ihr Land verlässt. Parallel dazu wird die Geschichte ihres Jugendfreunds erzählt, der in England Schiffbruch erleidet und dort die Situation afrikanischer Einwanderer hautnah erlebt.

Der Roman spielt mit dem Thema Rassendiskriminierung in der westlichen Welt. Die Heldin Ifemelu erfährt erstmals in den USA, dass Hautfarbe wichtig sein kann. Und sie empfindet die damit verbundene Diskriminierung als absolut. Sie ist nicht vergleichbar mit der Diskriminierung von Juden, Frauen oder Hispanics; denn Schwarze in den USA sind die unterste sozio-ökonomische Schicht. Sie können auf niemanden herabschauen oder ihre finanzielle Stärke nutzen, um Diskriminierungen auszugleichen. Sie haben keine ökonomische Macht. Parallelen passen nicht; die Schubladen sind genau definiert. "Versuch es erst gar nicht die Diskriminierung der Schwarzen nachzuempfinden; du kannst es nicht" empfiehlt sie in ihrem Blog. "Und glaube nicht, der Rassismus in den USA sei überwunden." Vielmehr sei es erst zwei Generation her, dass Schwarze nicht im gleichen Bus fahren oder wählen konnten. Im Kontrast dazu wird die Erfahrung in Großbritannien geschildert und auf den Punkt gebracht: in den USA können Schwarze ökonomisch aufsteigen, gehören aber sozial nie dazu; in Großbritannien ist es umgekehrt. Die Klassengesellschaft hält Schwarze aus der Oberschicht, aber man durchaus miteinander befreundet sein.

Und in Deutschland? Der Rassismus in Deutschland ist wie seine Brüder in den USA und Großbritannien tief verwurzelt in der deutschen Geschichte. Der offiziellen liberalen Rechtsstaatlichkeit im Nachkriegsdeutschland steht eine institutionalisierte Fremden(!)feindlichkeit gegenüber, die nicht nur im NSU Skandal die Behörden dazu einlud, die Täter in den Opferfamilien zu suchen, sondern auch offene Feindseligkeiten gegenüber Asylsuchenden in Berlin toleriert. Wirtschaftsminister Rösler wird täglich mit rassistischer Post konfrontiert. Schwarze Deutsche sind dabei anders als in den USA keine sozio-ökonomische Gruppe, da sie zu heterogen und zu wenige sind. Von der deutschen Mehrheitsgesellschaft wird ihnen in erster Linie ein Status als Exoten zugeschrieben. Aber auch Exoten gehören nicht zur Mehrheitsgesellschaft. Adoptivkinder erleben das auch schon mal in gut gemeinter Form, wenn sie mit offenem und zugleich überheblichen Mitleid bedacht werden.

Die nicht-offizielle aber unter der Hand florierende Diskriminierung in Deutschland erschwert aber auch eine Bürgerrechtsbewegung der schwarzen Deutschen. Sie hat kein Gegenüber sondern der Stammtisch hüllt sich sofort in Schweigen, wenn das Thema öffentlich wird. In bizarrer Form - wie beim Streit um das N-Wort in deutschen Kinderbüchern - zeigt sich der unreflektierte Umgang mit Rassismus. Heute können Anwohner in Hellersdorf unwidersprochen den Fernsehkameras mitteilen, dass man ja wisse, dass Asylbewerber gefährlich seien. Viel mehr Mut brauchen Journalisten, Mitbewohner und Politiker, um Diskriminierung aufzuzeigen, kenntlich zu machen und unausgesprochene Ressentiments zu bekämpfen.

Americanah ist ein grossartiger Roman, der viele Denkanstöße gibt; zum Thema Rassismus in Afrika, USA und Grossbritannien - und bei uns.



Samstag, 24. August 2013

Adoptionen aus Äthiopien im Jahr 2013

Wer vor vier Jahren mit offenen Augen durch Addis Abeba spazierte, sah überall Adoptivfamilien. Insbesondere amerikanische Eltern mit äthiopischen Babies und Kleinkindern bevölkerten das National Museum, das Blue Tops Restaurant und die großen internationalen Hotels. Abends auf dem Flughafen sah man ein Dutzend oder mehr Familien abreisen. Auf der Straße wurden sie begrüßt und Äthiopier bedankten sich bei ihnen, dass sie sich ihrer Kinder annehmen. Heute ist das Straßenbild ganz anders.

Man sieht in den typischen Touristenorten noch vereinzelt Adoptivfamilien. Amerikanische Familien sind jedoch weit und breit nicht zu sehen. Äthiopier geben Europäer den Tipp im Gespräch deutlich zu machen, dass man kein US-Amerikaner sei. Die Stimmung auf der Straße hat sich gedreht: Antiamerikanismus ist stark ausgeprägt wie auch eine Abneigung gegen internationale Adoptionen. Mitarbeiter von Vermittlungsstellen werden mit Vorwürfen konfrontiert am Kinderhandel gut zu verdienen. Die amerikanischen Vermittlungsstellen haben ihre Mitarbeiter sehr gut bezahlt und mit großen Autos ausgestattet. Manche Mitarbeiter von (amerikanischen) Adoptionsagenturen sind in kurzer Zeit sehr wohlhabend geworden. Die Äthiopier nehmen diese Entwicklung wahr und wissen, dass dort nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Zudem sind die Vorfälle in den USA - wie das Gerichtsverfahren gegen die Adoptiveltern von Hana Williams - in Äthiopien bekannt. Ebenso das Schicksal von Masha und der Film Mercy, Mercy.

Die meisten Vermittlungsstellen sind auf dem Rückzug. Zwei große amerikanische Agenturen haben ihre Büros geschlossen und eine Reihe von europäischen haben ihre Vermittlungen reduziert. Die neuen Vorschriften zum Gerichtsverfahren sowie die Schließung von Transitheimen und staatlichen Kinderheimen hat die Zahl der adoptierbaren Kindern deutlich reduziert. Als Folge steigt der Preis, den einige Heime für die Vermittlung von Kindern erwarten. Statt einer Unkostenpauschale für die Heimunterbringung werden hohe Summen für einzelne Kinder verlangt. Die Vermittlungsstellen, die solche Praktiken ablehnen, bekommen in der Tendenz keine Kinder mehr vermittelt oder nur solche, die niemand sonst will. Nach Auskunft einiger Beteiligter hat durch die stärkere Regulierung die Korruption eher zu- als abgenommen. Von einer möglichen Ratifizierung und Umsetzung der Haager Konvention ist nichts zu spüren. Die äthiopische Regierung will das Thema Adoption eher zurückfahren als durch weitere gesetzliche Maßnahmen neu aufwerten. Weder will man den Antiamerikanismus weiter schüren noch will man die Aufmerksamkeit neu auf Adoptionen richten. Politische Konsolidierung und ausländische Investitionen stehen im Mittelpunkt der Politik. Wirtschaftliche Entwicklung soll die Abgabe elternloser Kinder überflüssig machen.

Dass es jedoch weiterhin eine große und zunehmende Zahl elternloser Kinder gibt, ist auch offensichtlich. Die Lage der Landbevölkerung hat sich in den letzten Jahren kaum verbessert. Kinder verlassen ihre Dörfer und Eltern, weil die Familie auseinanderbricht oder das Land schlicht nicht genug zum Überleben der Familie bietet. Sie schlagen sich nach Addis Abeba durch, wo sie auf der Straße landen. Mitarbeiter von Straßenkinderprojekte berichten, dass die Rückführung der Kinder in ihre Familien oft unmöglich ist, da sie dort nicht bleiben können oder wollen. Nur eine finanzielle Unterstützung der Familien kann das in einigen Fällen ändern. Die Not dieser elternloser Kinder ist groß. Eine Organisation, die sich ihrer annimmt, ist Hope for the Hopeless, die wir an dieser Stelle empfehlen möchten.

Dienstag, 30. Juli 2013

Babykauf in Polen

Der Economist berichtet auf seiner webseite über illegale Adoptionen in Polen. Experten schätzen, dass jährlich ungefähr 2000 Säuglinge privat und gegen eine Geldzahlung an neue Eltern vermittelt werden. Schwangere inserieren im Internet, dass sie ihr Kind nach der Geburt abgeben möchten.  Nach der Kontaktaufnahme verhandeln die zukünftigen Eltern mit der schwangeren Frau über Unkostenbeiträge und andere Geldzahlungen. An diesen Verhandlungen sind oft spezialisierte Anwälte beteiligt. Nach der Geburt des Kindes präsentiert sich der Adoptivvater als leiblicher Vater und die Mutter gibt ihr Sorgerecht an dem Kind auf. Seit Ende letzten Jahres wurden ca. 600 solcher Anzeigen gezählt.

Der Kinderbeauftragte der polnischen Regierung, Marek Michalak, äußert sich besorgt über diese Form der illegalen Adoption und schlägt vor, die Anzeigen im Internet zu verbieten. Bislang hat sich die polnische Regierung zu dem Thema noch nicht offiziell geäußert.

Sonntag, 28. Juli 2013

Adoptiveltern von Hana Williams vor Gericht

Vor zwei Jahren starb die äthiopische Adoptierte Hana Williams im Alter von 15 Jahren an den Misshandlungen durch ihre Adoptiveltern. Sie war drei Jahre zuvor gemeinsam mit ihrem Bruder adoptiert worden. Jetzt stehen die Adoptiveltern in den USA vor Gericht. Wer die Verhandlungen verfolgen möchte, kann sie in folgendem Blog nachlesen: Light of Day Stories.  Eine Warnung jedoch: die Details des kurzen Lebens von Hana sind nicht leicht zu ertragen.

Samstag, 13. Juli 2013

Auslandsadoption - und dann?

Bei einem Expertentreffen im Bundesamt für Justiz  über rechtliche und faktische Fragen zur Auslandsdaoption nahm die Frage der Nachbetreuung einschließlich der Finanzierung und der Ausbildung von Fachkräften hierfür eine herausragende Rolle ein. Mehr dazu.

Donnerstag, 11. Juli 2013

ZEIT-Geist

Was für ein Gefühl hinterlassen die ZEIT-Artikel über Adoption 3 Wochen nach ihrem Erscheinen? Vielleicht bleiben Sätze wie ‚Ein gesundes, glückliches Kind ist der Glücksfall, das große Los’ oder ‚Ein angenommenes Kind ist eine Blackbox’ in Erinnerung. Oder die Darstellung von Erbgut-Veränderungen durch frühkindliche Traumatisierung. Oder die Erwähnung einer Ehe, die mit der Adoption in die Brüche ging. Der starke Rückgang von Adoptionen muss einen dann jedenfalls nicht mehr wundern.
Die Zahl der verstörten Kinder dürfte sich mit diesem Rückgang aber nicht verringert haben. Nur dass dafür dann eben ‚Einrichtungen’ zuständig sind,  hier zumindest, und in den Ländern der Armen Welt häufig die Straße, sprich: niemand. Kindeswohl sieht anders aus.
Das Bild einer Black-Box mobilisiert Ängste, die Angst vor dem Fremden etwa, vor dem Anderen, und der Blick auf Erbgut oder neuronale Störungen lässt die Schädigungen als schicksalhaft und unabänderlich erscheinen.
Aber ist das ein Grund, diese Kinder abzuschreiben? In vielen Fällen ist doch Besserung, wenn nicht gar Heilung möglich. Gerade in der neurobiologischen Forschung gibt es ermutigende Ergebnisse. Unbestritten, dass meist ein steiniger Weg dorthin führt, entscheidend, dass man sich rechtzeitig (und das heißt: frühzeitig!) von dem Anspruch verabschiedet, diese Strecke allein bewältigen zu können. Aber es gibt Hilfsmöglichkeiten, gerade in unserem hochentwickelten Land,  und die Verbindlichkeit einer Familie tut vielen bindungsgestörten Kindern gut, auch wenn sie es nicht zeigen (wollen/können …). Fraglos ist es wichtig, auf Schwierigkeiten vorbereitet zu sein, aber Angst ist selten ein guter Ratgeber. Und der Forderung nach einer kompetenten Nachbetreuung, wie sie in den ZEIT-Artikeln ebenfalls laut wird, kann hier nur zugestimmt werden.

Freitag, 21. Juni 2013

Lesetipps zum Thema Trauma

In der gestrigen ZEIT findet sich ein gut informierter Schwerpunkt im Teil "Wissen" über die Probleme und Herausforderungen im Leben von und mit traumatisierten Adoptivkinder. Ein Interview mit Bettina Bonus gibt ihre bereits bekannten Einschätzungen über die Überwindung von destruktiven Überlebensstrategien und Anstrengungsverweigerung wider. Auch auf die mangelnde Unterstützung von Adoptiveltern bei Problemen durch die Jugendämter wird hingewiesen. Leider sind die Artikel nicht online zugänglich.

Zum gleichen Thema  hat die American Academy of Pediatrics kürzlich einen Leitfaden ins Netz gestellt: "Helping Foster and Adoptive Families Cope with Trauma". Hier geht es in erster Linie darum, Kinderärzten Hilfesstellungen beim Erkennen und für die Behandlung von Traumata. Er enthält zudem Tipps für Familien im Umgang mit traumatisierten Kindern. Ähnlich wie Bettina Bonus unterstreicht die Amerikanische Vereinigung der Kinderärzte, dass das Verhalten von traumatisierten Kindern sich nicht persönlich gegen ihre Adoptiveltern richtet, auch wenn es im Alltag natürlich so aussieht. Erziehungsstrategien betonen Geduld, Konsistenz, Zuwendung, Routinen. 

Dabei macht der Bericht eine wichtige Annahme:
"Assume that all children that have been fostered or adopted have experienced trauma."

Donnerstag, 13. Juni 2013

Zehn Millionen Kinder arbeiten in fremden Haushalten

Zum diesjährigen Welttag gegen Kinderarbeit richtet die ILO die Aufmerksamkeit auf die Ausbeutung von Kindern als Hausangestellte. Viele arbeiten unter gefährlichen, manchmal auch sklavenähnlichen Bedingungen.
 
ILO Pressemitteilung | 12. Juni 2013
 
Auf 10,5 Millionen schätzt die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) die Zahl der Kinder weltweit, die als Hausanstellte arbeiten müssen – oftmals unter gefährlichen oder gar sklavenähnlichen Bedingungen. In ihrem neuen Bericht, der anlässlich des Welttags zur Abschaffung der Kinderarbeit am 12. Juni vorgestellt wurde, geht die ILO davon aus, dass 6,5 Millionen dieser Kinderarbeiter unter 15 Jahre alt sind. Mehr als 71 Prozent von ihnen sind Mädchen.

Laut dem Bericht verrichten Kinder in fremden Haushalten Arbeiten wie Putzen, Bügeln, Kochen, Gärtnern und Wasserholen, und sie kümmern sich um andere Kinder oder Pflegebedürftige. Sie sind dabei meist isoliert von ihren eigenen Familien und der Öffentlichkeit und befinden sich daher in starker Abhängigkeit von ihrem Arbeitgeber. Dies macht sie äußerst verwundbar für ausbeuterische Arbeitsbedingungen, für psychische, physische und sexuelle Gewalt. Letztlich droht so aus einer Arbeitsausbeutung häufig auch eine sexuelle Ausbeutung zu werden.

„Die Situation vieler Kinder, die als Hausangestellte arbeiten, ist nicht nur eine massive Menschenrechtsverletzung der Kinder. Sie trägt auch dazu bei, dass Staaten viele nationale und internationale Entwicklungsziele verfehlen“, erklärt Constance Thomas, Direktorin des ILO-Programms zur Abschaffung der Kinderarbeit, IPEC. „Wir brauchen einen tragfähigen Gesetzesrahmen zur Identifikation, Prävention und Abschaffung der Kinderarbeit in Privathaushalten“, so Thomas weiter.

In vielen Ländern wird es gar nicht als Kinderarbeit wahrgenommen, wenn Kinder als Hausangestellte arbeiten. Die Kinder arbeiten, aber werden weder als Arbeitnehmer betrachtet noch sind sie ein Familienmitglied. Diese Lücke in der Wahrnehmung wie auch in der Gesetzgebung verschleiert die ausbeuterische Arbeitsbeziehung, die durch lange Arbeitszeiten, Fehlen von persönlichen Freiheiten und häufig auch gefährlichen Arbeitsbedingungen gekennzeichnet ist. Der Schutz der Privatsphäre der Arbeitgeber macht den Schutz der Kinder umso schwerer.

Die ILO schlägt bessere statistische Erhebungen vor, um das wahre Ausmaß des Problems zu erkennen. Darüber hinaus fordert sie die Mitgliedstaaten auf, die relevanten ILO-Konventionen gegen Kinderarbeit zu ratifizieren und umzusetzen.

Der Bericht weist zugleich darauf hin, daß der Hausarbeitssektor zahlreiche Beschäftigungsmöglichkeiten bietet, insbesondere für Millionen von Frauen. In diesem Zusammenhang verweist die ILO auf ihre Konvention über menschenwürdige Arbeit für Hausangestellte, die im Übrigen in Deutschland kurz vor der Ratifizierung steht. Die Umsetzung dieses internationalen Übereinkommens ist der ILO zufolge auch ein wichtiger Beitrag zur Abschaffung der Kinderarbeit in diesem Bereich.

Montag, 10. Juni 2013

Interview mit Karen Husemann in VIA Adoption 1/2013

In VIA Adoption 1/2013, dem Informationsmagazin des Verbands Internationaler Adoptionsfamilien, erschien ein Interview mit Karen Husemann über Ethische Adoptionen.

Sonntag, 2. Juni 2013

Der schlechte Ruf Internationaler Adoptionen

Wenn man heute die Berichterstattung über internationale Adoptionen verfolgt, dann muss man zu dem Schluss kommen, dass die Welt nur aus Skandalen besteht. Die Fälle von Masho, Journee und Betty Lub berichten ausführlich von dem Unrecht, das sie erfahren haben. Ist das die Spitze des Eisbergs oder sind es die Ausnahmen, die zwar bedauerlich sind aber nicht Grund genug von der Praxis der IA Abstand zu nehmen? Was bedeuten drei oder auch zehn persönliche Schicksale in Anbetracht von mehr als jährlich mehreren Tausend Adoptionen aus Äthiopien? Leider kann man die Frage weder in die eine noch in die andere Richtung abschließend beantworten. Das Bild ist komplizierter.

Die eine Seite ist die des Adoptionsunrechts: Dokumente werden gefälscht, die falschen Eltern adoptieren, Kinder werden misshandelt und leibliche Eltern betrogen und belogen. Intakte Familien werden auseinandergerissen und kriminelle Organisationen und Menschen bereichern sich an dem Leid anderer. Wer in diese Welt hineingerät, wird Opfer von Menschenhandel, Missbrauch und mafiösen Strukturen. Viele Adoptierte aber auch Adoptiveltern, die sich im Bereich ethische Adoptionen engagieren, sind entweder Opfer geworden oder zumindest mit der Unterwelt in Berührung gekommen.

Die andere Seite ist die der Adoption im Sinne des Kindeswohls. Dort werden Kinder adoptiert, die in der Tat niemand haben möchte und deren Schicksal ansonsten ein langjähriger Aufenthalt in Kinderheimen oder ein früher Tod wäre. Kinderheime, in denen sie geschlagen und missbraucht werden, nur rudimentäre Schulbildung erhalten und im Anschluss mittellos und ohne Familie in die Gesellschaft entlassen werden. Sie haben keine Eltern, die betrogen worden sind, sondern wurden von ihren Müttern – aus welchen Gründen auch immer - dauerhaft verlassen. Sie sind Vollwaisen ohne Verwandte, die sich um sie kümmern könnten oder wollen. Sie sind krank oder einfach im Weg, wenn Ehen auseinandergehen oder ein Elternteil stirbt. Nach ihnen fragt niemand im Kinderheim. Niemand. Liest man die Antiadoptionsberichterstattung haben alle adoptierten Kinder irgendwo eine Mutter, die ihre Entscheidung lieber heute als morgen revidieren möchte. Das stimmt oft nicht. Es gibt elternlose Kinder in Not. Manche Mütter sind tot; manche Mütter sind krank und manche Mütter sind sehr froh, weil sie ihre Kinder in guten Händen wissen. Diese Mütter kommen in der Welt von ACT oder von poundpublegacy einfach nicht vor, weil sie nicht ins Konzept passen.

Ein weiterer Vorwurf der skandalisierenden Berichterstatter sind die kinderwunschgetriebenen Adoptiveltern, die sich mit offenen Augen an einem korrupten System beteiligen. Ihnen wird Rassismus unterstellt, wenn sie aus Russland adoptieren und farbenblinde Attitüden, wenn sie afrikanische Kinder aufnehmen. Auch das ist weit übertrieben. Ohne Kinderwunsch kann man und sollte man nicht adoptieren. Ein Kinderwunsch bedeutet jedoch nicht, dass alles andere unerheblich wird. Viele Adoptiveltern unternehmen alles menschenmögliche, um mit den Familien in Äthiopien Kontakt aufzunehmen.
Erwachsene Adoptierte kommen dabei viel zu selten zu Wort. Sie melden sich dann, wenn sie gegen ein korruptes System wettern und ihr Leid öffentlich machen wollen. Sie melden sich weniger, wenn es ihnen gut geht. Studien über die Lebenssituation von Adoptierten kommen oft zu positiven Ergebnissen, die auch nicht ins Bild der Skandalberichterstattung passen.

Die Wirklichkeit der internationalen Adoption ist kompliziert. Manchen Kindern geht es besser, wenn sie adoptiert werden, manche werden Opfer von korrupten Machenschaften. Jedes Kind, das zu Unrecht adoptiert wird, ist eins zu viel. Jedes Kind, das eltern- und familienlos ist und es nicht sein müsste, ist ein ebenso tragischer Fall. Man kann die Position haben, dass die Korruption in IA so schädlich ist, dass kein Kind mehr adoptiert werden sollte. Für manche Länder, wie z.B. in Guatemala, ist dies auch der Fall. Man kann auch der Auffassung sein, dass IA auf keinen Fall von amerikanischen Vermittlungsstellen dominiert werden darf, für die dies unter dem Deckmantel christlicher Nächstenliebe ein einträgliches Geschäftsmodell ist. Auch dem kann man sich anschließen. IA sollte von Menschen betrieben werden, deren Einkommen nicht davon abhängt, bzw. deren Einkommen so transparent sind, dass man ein Gewinnstreben ausschließen kann. Das ist derzeit das Problem in Äthiopien, das wir an dieser Stelle schon oft beschrieben haben.

Folgt daraus, dass man IA unter keinen Umständen gut heißen kann? Wir meinen nein und haben dabei die Kinder und adoptierten Erwachsenen im Sinn, die in Deutschland und anderswo ein zuhause gefunden haben und denen es damit gut geht. Vielmehr geht es um einen Reformprozess, um Korruption und Intransparenz zu verhindern. Kontakte zur leiblichen Familie und die strikte Regulierung des Vermittlungsprozesses sind wichtige Bestandteile. Es geht jedoch nicht um eine Kampagne, um IA endgültig abzuschaffen. Es ist oftmals einfacher, etwas komplett zu verbieten als es zu verbessern. Das wäre jedoch die falsche Alternative. Gerade ältere verlassene Kinder können von Adoptionen profitieren, wenn die Verfahren belastbar und die Beteiligten ausreichend vorbereitet sind.