Sonntag, 2. Dezember 2012

David Smolin: Externe Verifizierung notwendig

Im Kontext des Dokumentarfilms Mercy, Mercy hat der dänische Radiosender Radio24syv ein aufschlussreiches Interview mit David Smolin ausgestrahlt.

Darin plädiert er für einen systematischen Ansatz bei der Beurteilung internationaler Adoptionen. In einigen Ländern gibt es weitverbreiteten Missbrauch des Adoptionssystem durch finanzielle Anreize für kriminelle Praktiken. Dazu gehören Kambodscha, Nepal und Äthiopien.

Weiter führt David Smolin aus: Die Haager Konvention ist ein richtiger Schritt zur Regulierung internationaler Adoptionen. Allerdings gehen gerade europäische Regierungen häufig fahrlässig mit der Implementierung um, weil sie die Dokumente der Senderländer fraglos akzeptieren. Europäische Behörden verstecken sich oft hinter der Haager Konvention und überprüfen nicht den Status der Kinder, die zu ihnen kommen. Wenn es in der Öffentlichkeit bekannt ist, dass es systematische Probleme mit Korruption und Dokumentenfälschungen in einigen Ländern gibt, dann dürfen europäische Behörden sich nicht auf diese Dokmente verlassen sondern müssen selbst die Verantwortung für die Adoptionen aus diesen Ländern übernehmen. Europäische Regierungen müssen sicherstellen, dass die adoptierten Kinder tatsächlich adoptierbar sind. Wenn sie dazu selbst nicht in der Lage sind, müssen sie externe Experten damit beauftragen. Nichts erspart den westlichen Behörden die eigene Überprüfung der Rechtmäßigkeit dieser Adoptionen. Wenn er - David Smolin - als unabhängiger Experte in der Lage ist, die Situation in einzelnen Ländern einzuschätzen, dann ist es gerade zu lächerlich zu sehen, wie Regierungen angeblich immer wieder von Korruptionsvorwürfen und Skandalen überrascht werden.

Man muss zur Ehrenrettung deutscher Gerichte sagen, dass diese im Fall von Adoptionen aus Ländern, die die Haager Konvention nicht ratifiziert haben, die Adoptionen nach deutschen Maßstäben überprüfen. Allerdings erfolgt diese Prüfung viel zu spät, nämlich lange nachdem die Adoption vollzogen wurde, und es erfolgt keine Überprüfung der Tatsachen sondern nur der Papierlage. Ob die Papiere mit den Tatsachen übereinstimmen, prüft dabei niemand, obwohl Urkundenfälschung wohl der häufigste Fall von illegalen Praktiken sein dürfte. Für Deutschland bedeutet dies ein klarer Auftrag an das Bundesjustizamt in Äthiopien selbst tätig zu werden und sicher zu stellen, dass die Adoptionen rechtmäßig sind. Das kann man nicht den Vermittlungsstellen alleine überlassen, insbesondere dann nicht, wenn sie ein finanzielles Interesse an dem Zustandekommen der Adoption haben.
 

Samstag, 1. Dezember 2012

Denn sie wissen nicht, was sie tun

Adoptionen sind ein tiefer Eingriff in das Leben eines Kindes und der Familien. Dieser Eingriff bedarf einer besonders guten Vorbereitung, einer Begründung und großer Professionalität der Beteiligten. Wer sich länger mit Internationalen Adoptionen beschäftigt, weiß, dass alle diese Faktoren nicht zutreffen. 

Die Geschichte, die dem Dokumentarfilm Mercy, Mercy zugrunde liegt, illustriert das Dilemma und das Fehlverhalten auf verschiedenen Ebenen. Kein Sozialarbeiter in einem entwickelten Land, auch nicht in Dänemark, käme auf die Idee eine Adoption von Kindern in einer intakten Familie anzuregen oder gar zu erlauben, weil die Eltern HIV infiziert sind. Die Kinder würden in der Familie verbleiben, bis es nicht anders geht oder die Eltern wirklich versterben. Wären die Kinder dann im Heim und keine Angehörigen in der Nähe, könnte man über Adoptionen nachdenken. Warum gilt das, was in Europa selbstverständlich ist, in Afrika nicht? Warum kann eine dänische Adoptionsvermittlungsstelle andere Maßstäbe in internationalen Adoptionen anlegen als in dänischen?

Es ist im Übrigen bei Adoptionen aus Äthiopien gang und gäbe, dass die Kinder nicht Waisen sind sondern noch ein Elternteil, meistens Mütter, haben, die einfach zu arm und manchmal auch zu krank sind, um viele Kinder zu versorgen. Dass zwischen den Müttern und den adoptierten Kindern eine Beziehung besteht, die auch durch Gerichtsbeschluss nicht einfach aufgehoben wird, wird sowohl von Vermittlungsstellen als auch von Adoptiveltern oftmals ignoriert und verursacht viel Leid auf beiden Seiten. Manchmal lehnen die Kinder einen Kontakt zur leiblichen Mutter oder Familie lange Zeit ab. Manchmal hilft es ihnen aber auch, um mit der Situation umzugehen, weil sie sich um die Mutter und zurückbleibende Geschwister sorgen. Manchmal gab es Konflikte in der Familie, die nicht aufgearbeitet sind. Die Vermittlungsstellen wie auch viele Adoptiveltern sind auf dieses Problem viel zu wenig eingestellt. (Es gibt dazu unterschiedliche Praktiken der Vermittlungsstellen, die wir auf Anfrage gerne genauer erläutern.)

Darüber hinaus ist die gesamte Diskussion über Adoptionen und deren Erfolgsbedingungen mehr von Mythen und Ideologien bestimmt als von wirklichen Erkenntnissen, was gut für Kinder ist. Die Forschungslage ist erschreckend dünn und die Praxis ist in der Regel handgestrickt. Einige Beispiele: das Alter zum Zeitpunkt ist nicht entscheidend für das Gelingen einer Adoptivfamilie. Entscheidend ist die Traumatisierung des Kindes. Ein älteres Kind kann bereits mehr Leid erlebt haben und damit die neue Adoptivfamilie mehr belasten. Aber auch kleinste Kinder können durch Hungererfahrung schwerstens traumatisiert sein. Ein anderes Beispiel: angehenden Adoptiveltern wird nur wenig Vorbereitung für ihre Aufgabe zugemutet. Insbesondere gilt das Motto: Eltern sollen Eltern sein und keine Therapeuten. Das wird ihrer neuen Rolle nicht gerecht. Adoptiveltern müssen eine Vorbildung im Umgang mit Trauma und Bindungsverlust haben, um auf die Signale der Kinder richtig reagieren zu können. Und zwar nicht erst dann wenn die Krise eingetreten ist. Angehende Pflegeeltern müssen mehrere Seminare absolvieren, um sich für ihre neue Rolle zu qualifizieren. Bei Adoptiveltern reicht ein Tagesseminar.

Adoptionskritiker sprechen gerne von der Adoptionsindustrie und der starken Nachfrage nach Babys, um die Missstände zu beschreiben. Um im Bild zu bleiben: viele Probleme mit internationalen Adoptionen haben in der Tat mit dem Geschäftsmodell zu tun. Eine bessere Kontrolle der Praktiken im Land und eine intensivere Vorbereitung von Adoptiveltern kostet Geld und schreckt vielleicht auch Bewerber ab. Der Mythos, dass in Afrika kleine Kinder in Waisenhäusern auf gutwillige Eltern warten, reduziert die Erwartungen bei Eltern wie Behörden, dass auch bei solchen Adoptionen strenge Kriterien angelegt werden müssen. In vieler Hinsicht handeln wir noch heute so wie Mitte der achtziger Jahre, als die Hungersnot in Äthiopien den Startschuss für Adoptionen aus Afrika gegeben hat und Menschen aus reichen Ländern genuin Kinder retten wollten. Seitdem ist jedoch mehr als ein Vierteljahrhundert vergangen. Es wird Zeit, die Praxis zu überprüfen und heutigen Standards anzupassen.

Donnerstag, 29. November 2012

Mercy, Mercy

Im dänischen Fernsehen wurde dieser Tage ein ungewöhnlicher Dokumentarfilm über eine gescheiterte Adoption aus Äthiopien ausgestrahlt, der im Land eine hitzige Diskussion entfachte. Mittlerweile haben die Adoptiveltern Polizeischutz beantragt.

"Mercy Mercy" erzählt eine wahre Geschichte einer Adoption von beiden Seiten, der äthiopischen und der dänischen Familie. Die Filmemacherin folgt den Familien über mehr als drei Jahre und stellt fest, dass für beiden Seiten die Adoption scheitert. Die leiblichen Eltern in Äthiopien sind mit dem HIV Virus infiziert und beschließen ihre Kinder abzugeben. Sie leiden in den folgenden Jahren unter ihrer Entscheidung, teils weil es ihnen gesundheitlich ganz gut geht, teils weil sie keine Nachrichten von ihren Kindern erhalten. Die dänischen Adoptiveltern sind mit dem älteren Mädchen überfordert und geben es in ein Heim. Die Ironie der Geschichte ist, dass das adoptierte Kind viel unnötiges Leid erleben musste und letztlich ein Schicksal erfuhr, vor dem es seine leiblichen Eltern bewahren wollten. Der Filmemacherin geht es darum zu zeigen, dass ein Teil der Adoptionsindustrie kommerzielle Interessen über menschliche Bedürfnisse stellt und unschuldige Kinder Opfer eines absurden Marktmechanismus werden.

Wenn man den bislang spärlichen Berichten über den Film folgt, dann sind die Kinder unmittelbar aus der leiblichen Familie in die Adoption überführt worden. Warum sie zu dem Zeitpunkt adoptionsbedürftig waren, dürfte heftig umstritten sein. Tatsache ist, dass viele äthiopische Adoptivkinder Halbwaisen sind und zumindest ein Elternteil haben, bei dem sie aufwachsen könnten. Den Eltern fehlt es in der Regel an Unterstützung. Eine Aidsinfizierung ist schon lange kein Todesurteil mehr und das Auseinanderreißen einer intakten Familie aufgrund einer Diagnose ist der eigentliche Skandal.

Der Skandal in Dänemark basiert jedoch auf dem Scheitern der Adoptivfamilie. Die Adoptiveltern kommen mit dem älteren Mädchen nicht zurecht. In einem Filmausschnitt sieht man, wie das weinende Mädchen sich an die Adoptivmutter schmiegt, die ihm mit versteinerten Gesicht die Tränen trocknet. Nach einem Zeitungsbericht bereuen die Eltern die Film nicht, weil sie so anderen Familien helfen würden. Sie fühlten sich mit ihren Problemen alleine gelassen.

Die Wut der dänischen Bevölkerung auf die Eltern ist nachvollziehbar. Erst adoptieren sie zwei Kinder aus einem fernen Land, die nicht wirklich eine neue Familie brauchten. Dann stellen sie sich auf die Traumatisierung ihres Kindes nicht ein sondern geben nach ein paar Jahren auf. Mit der zweiten Traumatisierung des älteren Kindes geht ein weiterer Schock für das jüngere Kind einher, das seine Schwester verliert. Und dann breiten sie das Ganze noch vor einer Kamera aus. Auch wenn die Abgabe des Kindes in bestimmten Konstellationen die einzige und damit beste Alternative sein kann, ist es mehr als naiv für die Veröffentlichung ihrer Geschichte Verständnis zu erwarten. Wie kann eine Familie im Überlebenskampf noch Zeit oder Energie für ein Kamerateam aufbringen?

Der Film kann potenziell eine wichtige Rolle in der Diskussion über die Probleme Internationaler Adoption spielen. Er legt den Finger gleich in mehrere Wunden: in die fehlende und mangelhafte Prüfung der Adoptionsbedürftigkeit vieler Kinder, in die Verharmlosung von Traumatisierung verlassener und abgegebener Kinder und die falschen Vorstellungen zukünftiger Adoptiveltern über ihre neue Familie. Ein mutiges Thema und ein potenziell wichtiger Film.*

* Ich habe den Film selbst nicht gesehen und kann daher nicht beurteilen, ob es auch ein guter Film ist. Alle Angaben beruhen auf Zeitungsberichten zum Film. 

Dienstag, 27. November 2012

Aufruf von AVAAZ: Gegen die Todestrafe für Homosexuelle in Uganda

Liebe Freundinnen und Freunde,

Das ugandische Parlament ist dabei ein brutales Gesetz zu 
verabschieden, das Homosexualität mit dem Tod bestrafen könnte. Wenn 

Sie dies tun, könnte Tausenden von Ugandern die Hinrichtung drohen -- 
einfach nur, weil sie homosexuell sind.

Wir haben schon einmal dabei geholfen, dieses Gesetz zu verhindern, 
und wir können es wieder tun. Nach einem massiven globalen Aufschrei 
im vergangenen Jahr hat der ugandische Präsident Museveni den 
Gesetzesfortschritt blockiert. Doch aufgrund der zunehmenden 
politischen Unruhen in Uganda hoffen religiöse Extremisten im 
Parlament, dass das Durcheinander und die Gewalt auf den Straßen die 
internationale Gemeinschaft von einem zweiten Versuch, dieses 
hasserfüllte Gesetz zu verabschieden, ablenken werden. Wir können 
ihnen zeigen, dass die Welt immer noch zuschaut.

Wir haben keine Zeit zu verlieren. Lassen Sie uns in den nächsten 24 
Stunden 1 Million Stimmen gegen das ugandische Gesetz zur Todesstrafe 
für Homosexuelle sammeln -- wir werden sie an die Führung Ugandas und 
wichtige Länder mit Einfluss übergeben. Klicken Sie hier, um 
mitzumachen und leiten Sie diese E-Mail an alle weiter, die Sie kennen:

http://www.avaaz.org/de/uganda_stop_gay_death_law/?bdxVPbb&v=19480

In Uganda homosexuell zu sein ist jetzt schon gefährlich und 
furchterregend. Homosexuelle in Uganda werden regelmäßig belästigt und 
zusammengeschlagen, und vor wenigen Monaten ist der 
Homosexuellenaktivist David Kato (oben abgebildet), in seinem eigenen 
Haus brutal ermordet worden. Nun sind sie noch stärker von diesem 
drakonischen Gesetz bedroht, welches Menschen in 
gleichgeschlechtlichen Beziehungen mit lebenslanger Haft bestrafen 
könnte und ausserdem die Todesstrafe für "Serientäter" vorschreibt. 
Selbst Nichtregierungsorganisationen, die sich gegen die Verbreitung 
von HIV einsetzen, können unter diesem hasserfüllten Gesetz wegen 
"Förderung von Homosexualität" inhaftiert werden.

Im Moment herrschen in Uganda politische Unruhen -- das Parlament ist 
aufgrund fehlender Millionen von Hilfsgeldern in einen Skandal 
verwickelt. Diese Unruhen bieten religiösen Extremisten im Parlament 
eine ideale Gelegenheit, den zurückgestellte 
Anti-Homosexuellen-Gesetzesentwurf wieder hervorzuholen, und es als 
"Weihnachtsgeschenk" für Ugander zu verkaufen.

Präsident Museveni ist zuvor bereits von diesem Gesetzesentwurf 
abgerückt, nachdem internationale Druckausübung die Unterstützung für 
Uganda bedrohte. Lassen Sie uns eine millionenstarke Petition ins 
Leben rufen, um das Gesetz zur Todesstrafe für Homosexuelle noch 
einmal aufzuhalten und Menschenleben zu retten. Wir haben nur wenige 
Stunden -- unterzeichnen Sie jetzt und erzählen Sie Freunden und 
Familie davon:

http://www.avaaz.org/de/uganda_stop_gay_death_law/?bdxVPbb&v=19480

Letztes Mal wurde unsere weltweite Petition gegen die Todesstrafe für 
Homosexuelle dem Parlament überreicht und hat in den Nachrichten genug 

Druck ausgeübt, um das Gesetz monatelang zu blockieren. Als eine 
Boulevardzeitung 100 Namen, Photos und Adressen von verdächtigten 
Homosexuellen veröffentlichte, unterstützte Avaaz daraufhin einen 
Gerichtsprozess gegen die Zeitung und gewann! Gemeinsam sind wir immer 
wieder für die Homosexuellen in Uganda eingetreten -- nun brauchen sie 

uns mehr denn je.

Hoffnungsvoll und entschlossen,

Emma, Iain, Alice, Morgan, Brianna und der Rest des Avaaz Teams


SOURCES:

Afrikas Homosexuelle im Visier
http://www.nachhaltigkeit.org/201105056606/mensch-gesellschaft/hintergrund/afrikas-homosexuelle-im-visier

Homosexueller Aktivist in Uganda ermordet
http://www.sueddeutsche.de/politik/politik-kompakt-homosexueller-aktivist-in-uganda-ermordet-1.1051883

Zeitung in Uganda outet Schwule
http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,726573,00.htmlAvaaz.org ist 
ein 16 Millionen Menschen umfassendes, weltweites Kampagnennetzwerk, 
das sich zum Ziel gesetzt hat, den Einfluss der Ansichten und 
Wertvorstellungen aller Menschen, auf wichtige globale Entscheidungen 
durchzusetzen. ("Avaaz" bedeutet "Stimme" oder "Lied" in vielen 
Sprachen.) Avaaz Mitglieder gibt es in jedem Land der Erde; unser Team 
verteilt sich über 13 Länder und 4 Kontinente und arbeitet in 14 
verschiedenen Sprachen.Die Nachricht wurde an ug@bateau-ivre.de 
versandt. Um Ihre Adresse, Spracheinstellungen oder andere 
Informationen zu ändern, schreiben Sie uns auf info [@]t avaaz.org
Falls Sie diese Nachricht irrtümlicherweise erhalten haben oder es 
vorziehen, keine E-Mails von Avaaz zu erhalten, klicken Sie hier, um 
sich auszutragen:
https://secure.avaaz.org/act/?r=unsub&cl=2205641724&email=ug@bateau-ivre.de&b=2031&v=19480&lang=deUm Avaaz zu kontaktieren, antworten Sie bitte nicht auf diese E-Mail. Benutzen Sie stattdessen das Formular unter http://www.avaaz.org/de/contact. Sie erreichen uns telefonisch unter: +1 1-888-922-8229 
(USA).

Montag, 19. November 2012

Nicht lustig

Der 19.November ist von den Vereinten Nationen zum Welttoilettentag erklärt worden. Dass in vielen Ländern der Zugang zu Trink- und sauberem Brauchwasser ein Problem bedeutet, hat sich inzwischen wohl herumgesprochen. Dass z.B. in Äthiopien die Versorgung mit sanitären Anlagen, die diesen Namen auch verdienen, häufig mangelhaft ist, wissen nur wenige.
Nach Auskunft der Wasserstiftung e.V. gäbe es in Äthiopien eigentlich in den meisten Regionen genug brauchbares Wasser - aber das Grundwasser ist oft durch menschliche Fäkalien verunreinigt. Ein Thema, über das man dort nicht gern spricht. Und hier ist man geneigt, über einen Welttoilettentag Witze zu machen. Besser wäre es einmal mehr, wirklich hinzuschauen - auch dahin, wo es stinkt.

Samstag, 17. November 2012

Adoptierte aus Äthiopien berichten

In einem Bericht zur National Adoption Awareness Week berichten drei aus Äthiopien nach Australien adoptierte Erwachsene über ihre (positiven) Erfahrungen. Australien hat im Sommer beschlossen, das Adoptionsprogramm aufgrund von anhaltenden Unregelmäßigkeiten zu beenden. Die Adoptierten bedauern den Beschluss auch weil sie selbst gehofft hatten, Kinder aus Äthiopien adoptieren zu können.



Die heute 19jährige Kilkada wurde im Alter von 3 Jahren adoptiert. Ihre Mutter war damals erst 16 Jahre und viele ihrer Angehörigen waren schon an Aids gestorben. Kilkada glaubt, dass für sie die Adoption viele Vorteile hatte. Sie fühlt sich privilegiert für ein Leben, von dem sie in Äthiopien nicht hätte träumen können. Sie kann die Gründe der australischen Regierung für die Schließung des Adoptionsprogramms nicht verstehen.



 

Sonntag, 11. November 2012

Tritt Äthiopien der Haager Konvention bei?

Es mehren sich die Anzeichen, dass Äthiopien endlich dem  'Haager Übereinkommen über den Schutz von Kindern und die Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Internationalen Adoption'  beitritt.
Darüber, warum dieser überfällige Schritt so lange gedauert hat, lässt sich nur spekulieren. Mit dem Beitritt zu einem völkerrechtlichen Vertrag geht ein Staat eine Selbstverpflichtung ein und gibt damit etwas von seiner Souveränität auf - vielleicht mag das einer der Gründe gewesen sein.

Die im vorigen Post aufgezählten Maßnahmen lassen vermuten, dass es diesmal ernst ist - und dass auch gleich daran gearbeitet wird, vertragliche Rechtsnorm und Rechtswirklichlickeit in Deckung zu bringen.

Also: hoffentlich nichts mit This is Africa (T.i.A., Blog v. 26.6.2011) - und das wäre wirklich zu begrüßen!

Samstag, 10. November 2012

Verschärfte Maßnahmen des äthiopischen Familienministeriums zur Bekämpfung von Missständen

Seitdem die Missstände in Adoptionsverfahren aus Äthiopien im Sommer 2009 bekannt wurden, gab es eine Reihe von Maßnahmen von Seiten der äthiopischen Regierung, um sie zu bekämpfen. In den letzten Wochen wurden weitere Schritte bekannt. Sie betreffen insbesondere die Sicherstellung des Kindeswohls nach der Vermittlung.

Zum einen verlängerte das äthiopische Familienministerium den Zeitraum, für den Adoptivfamilien jährliche Entwicklungsberichte schreiben müssen. War es bislang bis zum 15. Lebensjahr, wurde der Zeitraum auf das vollenendete 18. Lebensjahr erweitert.

Zeitgleich wurden zwei amerikanischen Vermittlungsstellen, International Adoption Guides und Adoption Advocates International die Lizenz vorläufig entzogen. Beide Vermittlungsstellen hatten Kinder in Familien vermittelt, in denen die Kinder später misshandelt wurden. Es gab im Laufe des letzten und diesen Jahres mehrere Berichte über Kindermisshandlungen in amerikanischen Adoptivfamilien, die in zumindest einem Fall zum Tod des Kindes führten.

Drittens hat das Familienministerium angekündigt, Delegationen in die Empfängerländer zu senden, um die Arbeit der Vermittlungsstellen vor Ort zu überprüfen. In den USA hat dies schon dazu geführt, dass sich 19 Vermittlungsstellen zusammen geschlossen haben, um die Delegation auf ihre Kosten in die USA zu bringen. Sie hatten nach einem Bericht des Wall Street Journals beim Justizministerium angefragt, ob eine Kostenübernahme gegen die amerikanischen Antikorruptionsgesetze verstossen würden, die eine finanzielle Zuwendung an ausländische Behördenmitarbeiter im Kontext von Geschäftsinteressen verbieten. Während die Finanzierung der Reise vom amerikanischen Justizministerium genehmigt wurde, stellt sich die Frage der Korruptionsanfälligkeit dieser Besuche natürlich dennoch. Vermittlungsstellen haben ein großes Interesse daran, es der Delegation während ihrer Dienstreise besonders gut gehen zu lassen, damit sie später bei der Verlängerung ihrer Lizenzen keine Probleme bekommen. Eine Übernahme der Kosten durch die Vermittlungsstellen ist daher keine gute Idee.

In diesem Kontext haben sich auch die Kosten für die Lizenzen von Vermittlungsstellen in diesem Jahr drastisch erhöht. Das äthiopische Familienministerium verlangt im Gegenzug für eine Lizenz eine Finanzierung von Schulprojekten. Die Finanzierung öffentlicher Aufgaben durch Vermittlungsstellen ist natürlich sehr problematisch, da auf beiden Seiten Abhängigkeiten entstehen: der äthiopische Staat macht sich in seiner Sozial- und Schulpolitik von den Zahlungen der Vermittlungsstellen abhängig und die Vermittlungsstellen kommen in die Gefahr für die Vermittlung von Kindern ein "Kopfgeld" bezahlen zu müssen. Auch das ist eine ungute Entwicklung und nicht im Sinne des Kindeswohls.

In jedem Fall werden Delegationen äthiopischer Behörden im nächsten Jahr auch nach Deutschland kommen. Sie werden ganz konkret auch Adoptivfamilien und adoptierte Kinder treffen wollen. Die Vermittlungsstellen müssen diese Treffen organisieren, um den Delegationen entgegen zu kommen. Man kann nur hoffen, dass bei diesen Treffen ein Dialog darüber entsteht, wie sich die Standards verbessern und Korruption eliminieren lässt, und nicht stattdessen die Delegationsreise als solche schon Bestandteil korrupter Praktiken sein wird.    

Freitag, 9. November 2012

Heinrich-Böll-Stiftung schließt Büro in Äthiopien

Der Kölner Stadtanzeiger berichtet, dass die Heinrich-Böll-Stifung sich zum Jahresende aus Äthiopien zurückzieht. Grund dafür sind die politischen Rahmenbedingungen und die sich verschärfende Gesetzeslage. Vorstandsmitglied Barbara Unmüßig erklärt: "Unser Auftrag, gemeinsam mit lokalen Partnern für Demokratie, Geschlechtergerechtigkeit und nachhaltige Entwicklung einzutreten, ist nicht mehr erfüllbar.“
"Die Stiftung verwies auf die Einschränkung der Presse-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit seit den umstrittenen Wahlen von 2005. Seit 2009 gilt in Äthiopien ein Gesetz, wonach nichtstaatliche Organisationen, die mehr als zehn Prozent ihrer Mittel aus dem Ausland erhalten, nicht in politisch heiklen Bereichen wie Menschenrechte, Frauenförderung oder Konflikte arbeiten dürfen.
Damit sei „ein neuer Höhepunkt der Einschränkung der Handlungsfreiheit der Zivilgesellschaft erreicht“worden, erklärte die Stiftung. Als weitere problematische Entwicklung nannte sie die massive Verfolgung von Journalisten und Oppositionspolitikern unter Berufung auf ein Anti-Terror-Gesetz.
„Die Auflösung der Präsenz der Stiftung in Äthiopien soll auch ein Zeichen des Protests gegen die fortschreitende Einschränkung von Bürgerrechten und demokratischer Entwicklung bedeuten“,erklärte Unmüßig. Seit dem Tod von Premierminister Meles Zenawi im August sei keine Neuausrichtung zu erkennen, die neue Regierung unter Hailemariam Desalegn habe sich zur Fortführung der von Meles geprägten Politik in allen Bereichen bekannt.
Niebel erklärte zu dem Rückzug aus Äthiopien, er bedauere die Entscheidung, respektiere sie aber auch. Die äthiopische Regierung habe trotz Meles' Zusage nicht die notwendigen Freiräume für die Zivilgesellschaft geschaffen. Er äußerte jedoch die Hoffnung, dass die Regierung unter dem neuen Premier darüber nachdenke und Taten folgen lasse. Bei seiner Äthiopien-Reise im Januar 2011 hatte Niebel von Meles nachdrücklich ungehinderte Arbeitsmöglichkeiten für die politischen Stiftungen gefordert. Unmüßig war damals Teil der Delegation.
Die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung erwägt nach eigenen Angaben keinen Abzug aus Äthiopien. Die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung und die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung sind in Äthiopien nicht mit eigenen Büros vertreten. Das Büro der Böll-Stiftung in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba war im Januar 2006 eröffnet worden.

Mittwoch, 7. November 2012

Rassismus in Deutschland

Institutionalisierter Rassismus durch die Polizei und andere Behörden findet immer wieder statt und ist tiefer verankert, als wir glauben möchten.

Im Juli berichteten wir über die Kampagne gegen Racial Profiling durch die Polizei. In dem Fall hatte sich ein Reisender gegen gezielte Ausweiskontrollen der Polizei aufgrund seiner Hautfarbe gewehrt. Die Beamten hatten dabei zugegeben, insbesondere nichtweiße Reisende zu kontrollieren. Der Student hat mittlerweile die Anzeige wegen Beamtenbeleidigung in zweiter Instanz erfolgreich abwenden können.

Nun berichtet die Frankfurter Rundschau über einen Fall von fortgesetzter polizeilicher Gewalt gegenüber einen erwachsenen Adoptierten äthiopischer Herkunft. Die Geschichte ist atemberaubend und schockierend. Sie beginnt mit einer Fahrscheinkontrolle in der U-Bahn und endet mit einem Aufenthalt im Krankenhaus. Es ist Derege Wevelsiep hoch anzurechnen, dass er den Fall öffentlich macht und rechtlich gegen das Verhalten der Polizei wehrt.   

Montag, 5. November 2012

Offener Brief an diejenigen, die mit Adoptionen aus Äthiopien zu tun haben

Dina McQueen hat auf Huffington Post einen offenen Brief an die äthiopische Adoptionscommunity veröffentlicht. Er endet mit den harschen Worten, dass viele Adoptiveltern das führende Personal einiger Vermittlungsstellen gerne im Gefängnis sehen würden...

"I am an adoptive mother of one Ethiopian-born girl. I also am a writer with a passionate belief that in order for our planet to survive, all children, everywhere, need to be provided with the opportunity to go to school. In a utopian world, all children would remain with their families of origin and receive an education through college, if this was their desire. But the current state of the planet being what it is -- with commerce and acquisition taking priority over education and environmental protection -- often, especially in Africa and Asia, this means governments providing assistance for their country's children through international adoption.

I love my daughter. I love her birth country and the people of Ethiopia. I love my daughter's birth mother for possessing the courage and faith to trust that the baby she gave life to would have opportunities she could not provide, opportunities that would impart a level of health, safety, and education her child would need to thrive in this often very challenging world. Our daughter's first mother handed her infant to somebody who most likely promised her that the American couple who would become the baby's parents would be able to give her a better life.

The things that I discovered after the fact, so to speak, about our daughter's background are enough to make even the strongest woman crumble. Though other Ethiopian adoption "stories" I have heard are surely more heart breaking than ours, whenever a child is presented to potential future parents with assurance that they are being given all of the available "facts," only to find out weeks, months, or years after the adoption is final, that little of the truth was actually disclosed, well...

We used a small agency to assist us in the delivery of our daughter. I described our adoption process "ordeal" in my book, Finding Aster -- Our Ethiopian Adoption Story. (Names throughout the book were changed.) In the Epilogue, written August 2010, I predicted a little bit of what eventually happened with Ethiopian adoption procedures the following March, 2011. A mother's intuition, a journalist's inner eye, or whatever; I knew there was not a chance in this crazy world that we were the only ones to suffer from American adoption agencies not telling adoptive parents all that they knew, or could know with a little bit of leg work. Something in the system would surely have to change.

For a while, adoptions slowed to nearly a halt. Policies were given an overhaul. Unfortunately, this turned out to be for the better. Why unfortunately? One: because now children would remain institutionalized far longer than necessary; or, far longer than necessary if transparency, honesty, and the children's best interests were top priority. Two: because now adoption agencies would work even harder to hide what they knew, or could know, in order to quicken the process and promise potential adoptive parents unrealistic wait times. Money being a motivating factor in the business of international adoption, the children, it seems, often end up becoming a mere commodity, with no regard to the fallout of lying to one human being, about another human being's background, existence, and/or circumstances.

Though my words here may seem vague, in the end I write to share the truth. I write with the intention to bring light into dark places and hope where there may be despair. Many adoptive parents, birth parents, and adopted children, too many, really, have suffered as a result of various agencies lying about the adoptive children's social history. Everybody ends up losing this game of deceit that only one party agreed to play.

Many adoptive mothers of Ethiopian-born children "chat" in private online venues and express strong desires to see heads of adoption agencies imprisoned. We mothers continue to feel angry and saddened every time a new story further illustrates what sometimes transpires to get a child out of Africa."

Dienstag, 16. Oktober 2012

Spracherwerb von Adoptivkindern

Der Spracherwerb älterer Adoptivkinder ist eine wichtige Voraussetzung für eine gute Integration des Kindes in seine neue Umgebung und vor allem für den Schulerfolg. Nach unserer Erfahrung lernen Kinder die neue Sprache rasend schnell. Erstaunlich ist dabei, dass auch Kinder, die erst im Schulalter adoptiert werden, die neue Sprache im Handumdrehen lernen und ihre Muttersprache in dem gleichen Tempo verlieren. Sie sprechen zwar nach einigen Monaten nahezu perfekt deutsch, können aber kaum noch ein Wort in Amharisch.

Mittlerweile gibt es auch Studien zum Spracherwerb von internationalen Adoptierten, die sich mit der Frage nachgehen, ob der komplette Bruch mit der Muttersprache Voraussetzung für die erfolgreiche Aneignung einer neuen Sprache ist.

Manche Wissenschaftler gehen davon aus, dass adoptierte Kinder ihre Muttersprache komplett verlieren und dieser Verlust ihnen eine neue Muttersprache ermöglicht. Das neuronale Netzwerk, das der ersten Sprache unterliegt, wird sozusagen neu gestartet. Die Forscher haben festgestellt, dass auch Kinder, die schon eine erste Muttersprache vor der Adoption hatten, später keinerlei Erinnerung daran hatten. Es fällt ihnen auch nicht leichter, sie als Jugendliche wieder zu lernen. Nur die Aussprache gelingt ihnen oftmals besser.
 
Andere Wissenschaftler hingegen finden Spuren der Muttersprache bei älteren Adoptivkindern. In einem Artikel von schwedischen Linguisten wird argumentiert, dass der Verlust der Muttersprache nicht vollständig ist, und der Erwerb der neuen Sprache auch nicht durch den kompletten Verlust der Muttersprache gefördert wird. Beides - der Verlust der ersten Sprache und der Erwerb der neuen - hänge wesentlich vom Alter des Kindes bei der Adoption ab.

Einig scheint man sich in der Frage zu sein, dass die Pubertät ein wesentlicher Einschnitt im Prozess des Spracherwerbs ist. Nach der Pubertät ist sowohl die erste Sprache endgültig verankert wie auch jeder neue Spracherwerb schwieriger.  


Sonntag, 14. Oktober 2012

Sind Adoptivfamilien 'normal'?

Ein Interview der Pädagogin Irmela Wiemann in der Septemberausgabe des Familienmagazins Nido im Kontext eines Artikels, der recht kritisch über Auslandsadoptionen berichtete, hat eine heftige Reaktion von Adoptiveltern hervorgerufen. Insbesondere die Aussage von Frau Wiemann  
„Adoptivfamilien werden nie so sein wie normale Familien.“
wurde von den Betreibern der Seite adoptionsinfo.de stark kritisiert.
 
Sieht man von der Frage ab, was den "normale" Familien in der heutigen Zeit mit Patchworkfamilien, Stieffamilien, Alleinerziehende etc. noch ausmacht, trifft Frau Wiemann einen wichtigen Punkt, der in der Adoptionsdiskussion häufig vernachlässigt wird. Wir haben ihn in einem früheren Post bereits ausführlich dargestellt und empfehlen daher als Beitrag zur Debatte:
 
(K)eine normale Familie vom 02. Juli 2011.
 

Samstag, 13. Oktober 2012

So nah, so fern

Cath Turner, Korrespondentin von Aljazeera in New York, berichtet in einer sehr persönlichen Dokumentation über ihre eigene Geschichte. Sie war als Baby durch die Operation Babylift aus dem damaligen Saigon nach Australien gebracht worden und in eine liebevolle Familie adoptiert worden. Durch die Operation Babylift wurden über 3.000 vietnamesischen Kindern in westliche Länder gebracht.

Als Asiatin im weißen Australien fühlte sie sich als Außenseiterin und suchte an einem Ort, der für sie Heimat sein kann. Sie fand ihn in New York, wo sie nun als Journalistin lebt. Mit Mitte zwanzig machte sie sich auf die Suche nach ihrer Mutter in Vietnam. Es soll hier nicht verraten werden, ob die Suche gelingt. Der Film ist sehenswert und hat sehr berührende Momente.

Das gilt insbesondere
  • für den einfühlsamen Adoptivvater, der sich nicht sicher ist, ob die Adoption richtig oder falsch war.
  • für den zynischen CIA Beamten, der offen zugibt, dass die Operation Babylift kein humanitäres Unterfangen war, sondern dass die Vietnamesen - Kinder wie Erwachsene - Bauernopfer in der internationalen Politik der damaligen Zeit waren.
  • für die adoptierte Vietnamesin, die keine glückliche Kindheit in Australien hatte und heute in Vietnam ein Kinderheim leitet, das wiederum Kinder zur internationalen Adoption freigibt.
Der Film wirft viele Fragen auf und hebt sich positiv von dem Schwarz-weiß-Schema anderer Berichte ab.

 

Dienstag, 9. Oktober 2012

Adoptierte erzählen

Eric Breitingers Buch 'Vertraute Fremdheit' mit 16 Porträts erwachsener Adoptierter ist vor einem Jahr hier besprochen worden - s.Blog v. 19.Nov. 2011. Der Verfasser ist selbst Adoptierter und erhält in diesem Jahr für seine Arbeit den Medienpreis der Deutschen Arbeitsgemeinschaft der Kinder und Jugendhilfe, den Hermine-Albers-Preis.

Donnerstag, 27. September 2012

Die Situation von Jungen und Mädchen in Äthiopien

Unicef hat einen neuen Bericht über die Situation von Kindern in Äthiopien herausgegeben. Der Bericht ist eine bunte Mischung aus Statistiken und Einzelschicksalen und deckt eine Vielzahl von Themen wie Bildung, Kinderarbeit, Gesundheit und regionale Entwicklungen ab. Auf Seite 31 befindet sich ein Kapitel über Kinder in Pflege und internationale Adoptionen wie auch eine beunruhigende Analyse von Kinderhandel in Äthiopien.





Investing in Boys and Girls in Ethiopia: Past, Present and Future 2012

Ministry of Finance and Economic Development and the United Nations in Ethiopia

 

Children in Alternative Care

HIV and AIDS, natural disasters, severe poverty, war, internal migration and other factors, as well as the breakdown of family structures, have caused a rise in the number of children in need of alternative care. In the absence of a formal system of family-based alternatives, many such children find themselves in child care institutions. Nationally this figure is likely to be in excess of 10,000. In 2010, two assessments of institutional child care were conducted by the Ministry of Justice, together with the Ministry of Women, Children and Youth Affairs, the Charities and Societies Agency and the six regional bureaus of justice, BoLSA, BoWA, BoFED and Regional Police Commissions. The study assessed 149 child care institutions in Amhara, Oromia, SNNPR, Dire Dawa City Administration and Harar. Almost two thirds of these assessed child care institutions lack a database on children in need of alternative care. The study found that 45 per cent of the child care centres had no operating licence or their license had expired. The effect of lack of financial resources and supervision, and minimal awareness of child protection strategies, mean that institutions providing alternative care to children do not always act in the best interests of the child. There is little knowledge of, and compliance with, official guidelines and standards, and minimal supervision. Children in institutional care can be exposed to physical violence and often have psychological problems. Over 4,500 children were placed in inter-country adoption in 2009, which represents a doubling since 2006. This rapid increase in the number of inter-country adoptions has raised concerns about the best interests of the child in these cases, where Ethiopia has not ratified the Hague Convention on Inter country Adoption (1993) and there is a lack of safeguards in an unregulated system.

Child Victims of Trafficking

The International Office of Migration estimates that at least 1.2 million children are victims of trafficking in Ethiopia every year. Children and women between the ages of 8 and 24 years are the most vulnerable to such abuse and exploitation and the violence associated with them. Research also indicates that over a quarter of nearly 50,000 women and children involved in prostitution are victims of trafficking. The Criminal Code includes provisions criminalizing trafficking in women and children for the purposes of sexual or labour exploitation. Juridical persons (institutions) can also be liable for participation in the trafficking of children under article 645 of the Criminal Code. The Federal Police Department has formed an anti-trafficking task force, but most trafficking is clandestine and difficult to trace.  

Montag, 17. September 2012

Investigating the Grey Zones

The US branch of ISS - International Social Service - has published a detailed report about illegal practices in intercountry adoption. The report titled "Investigating the Grey Zones of Intercountry Adoption" covers a wide spectrum of problems ranging from Baby Farms, Child Laundering to Abduction and Forced Abandonment. It is a comprehensive overview of reported scandals and links those intelligently with international law particularly with the The Hague Convention of 1993 (THC 93). It's starting point is in fact that despite the increasing ratification of the Hague Convention about 60% of all intercountry adoptions take place in countries which are not covered by the Convention. Those countries who are covered tend not to get involved, while those countries, particular sending countries, who are involved are not covered by the convention.

While the report is certainly very useful as a documentation of widespread abuse of the system, it's overall message and approach is not as effective as it could be. A few comments can point to the problem:
  • The report aims to cover "grey zones". In fact the examples given and the themes discussed are not at all grey but clearly illegal. Document falsification, baby farming and stealing, forced abandonment are all criminal acts - even in countries with weak administrative systems where they usually take place. This is not a grey zone but rather a zone in which illegal acts are not prosecuted. Even in countries such as Ethiopia baby stealing, laundering and forced abandonment is not legal. This is a big difference because it points to potential solutions of the problem.
  • The debate about definitions of illegal adoption as child trafficking might hinder international cooperation but the act in itself - the illegal adoption - can be prosecuted even if it is not defined as child trafficking.
  • Problems of enforcement and prosecution of illegal adoption procedures point to the fact that in many sending (and sometimes receiving) countries, public authorities such as the police, courts and immigration authorities are implicated in illegal adoptions. Courts for instance processes cases which do not have sufficient paperwork; police officers report children as abandoned without searching for their families; immigration authorities give entry visa even though the adoption papers are dubious. If these public agencies were more careful in playing their roles and held accountable, much less of illegal adoption would take place.
  • The responsibility of the receiving country is downplayed in this perspective. The receiving country usually has the resources and the administrative capacity to apply the rule of law to intercountry adoptions. They should be hold accountable for the legality of the adoptions they process. Rather than pointing to weak administrations in poor countries, agencies and public authorities of receiving countries need to take on their responsibilities which their governments agreed to under THC93.
  • The money flow in ICA can be regulated by receiving countries. Fees could be monitored and agency behaviour could be controlled. It is a lack of will in receiving countries that allows easily corruptable actors and procedures to flourish.
  • Therefore there is little need to wait for THC93 to be strengthened or even applied in all sending countries. The lever for stopping abuse in the system lies squarely with the regulators in receiving countries. This is where the emphasis and spotlight should be.
Again, a great report but also a missed opportunity to identify the weaknesses of existing regulation in ICA.  

Mittwoch, 22. August 2012

Gescheiterte Adoptionen

Informationen über gescheiterte Adoptionen sind rar. Nur selten sind Betroffene bereit über das Erlebte zu sprechen und Studien zum Thema werden kaum nachgefragt. In den USA machte die Autorin Joyce Maynard im April diesen Jahres ihren Entschluss öffentlich, ihre zwei aus Äthiopien adoptierten Töchter in eine andere Familie abzugeben. Über die Gründe wurde nichts bekannt. Maynard hatte im Alter von 55 Jahren als geschiedene Mutter erwachsener Kinder zwei Mädchen, 6 und 11 Jahre alt, adoptiert. Nach etwas über einem Jahr gab sie sie in eine neue Familie ab. Es sei die schwerste Entscheidung ihres Lebens gewesen, aber manchmal gebe es einfach keine andere Lösung als die Trennung, schrieb sie auf ihrer website. Maynard wurde dafür heftig kritisiert und als Egoistin dargestellt, der es nie um die Kinder sondern immer nur um sich ging.

Ein Artikel in Today Moms  greift die Geschichte von Maynard auf, um über Erfahrungen mit gescheiterten Adoptionen zu berichten. Eine Studie in den USA geht von Abbruchquoten von 6 bis 11 Prozent aus. Je älter das Kind bei der Adoption desto höher ist die Gefahr des Scheitern. Für Kinder älter als 3 Jahre beträgt die Quote zwischen 10 und 10% und für Teenager bis zu 24%.

Ein bestimmter Typ Eltern ist eher bereit eine Adoption abzubrechen. Jüngere und unerfahrenere Eltern sowie Eltern, bei denen beide Partner berufstätig sind, geben schneller auf. Wohlhabende Eltern und besonders gut gebildete Mütter führen auch zu einer größeren Wahrscheinlichkeit, dass die Adoption scheitert. Man vermutet, dass beruflich erfolgreiche Eltern eine geringere Toleranzschwelle für ihre Kinder haben.

Was passiert bei einer gescheiterten Adoption? Wenn das Kind bereits rechtskräftig adoptiert ist, ist es mit einer Abgabe eines leiblichen Kindes gleichzusetzen. Eine Rückkehr in das Heimatland des Kindes ist bei internationalen Adoptionen nicht vorgesehen, obwohl es mehrere Fälle davon gibt - sowohl in Äthiopien als auch in anderen Ländern.

Eine gescheiterte Adoption ist für Eltern und Kind sehr schmerzhaft. Ihr gehen oft Therapien und andere Lösungsversuche voraus. Manche Kinder sind zu traumatisiert, um sich in eine Familie einzugliedern. Manche Eltern sind zu unerfahren, um mit schwierigen Kindern umzugehen. Dennoch trägt das Kind die größere Last. Für das Kind es die zweite große Ablehnung, die es in seinem Leben erfährt. Wir wünschen den Töchtern von Joyce Maynard alles Gute in ihrer neuen Familie.

 

Dienstag, 21. August 2012

Meles Zenawi verstorben

Nach Berichten der BBC ist Meles Zenawi, Premierminister von Äthiopien, in Brüssel im Alter von 57 Jahren verstorben. Über seine Krankheit war seit Wochen spekuliert worden, nachdem er im Juli bereits nicht mehr öffentlich aufgetreten war.

Meles Zenawi kam 1991 durch einen Putsch gegen den kommunistischen Machthaber Mengistu Haile Mariam an die Macht. Nachdem er in den neunziger Jahren Äthiopien gegenüber dem Westen geöffnet hatte, waren die letzten Jahre von zunehmender politischer Repression in Äthiopien geprägt. Er war ein enger Verbündeter der USA und verhandelte hunderte Millionen Dollar Hilfeleistung im Gegenzug für die Errichtung amerikanischer Militärstützpunkte im Horn von Afrika.

Ein Nachruf der BBC findet man hier.

Sonntag, 19. August 2012

Unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Ein Bekannter, Engländer, der lange in Westafrika gelebt und dort als Lehrer gearbeitet hat, erzählt:

In Kamerun hat mir einmal jemand etwas anvertraut. "Wir Afrikaner, vor allem, wenn wir auf dem Land leben, haben praktisch keine Privatsphäre. Wir teilen den Raum mit der Familie, die Wände sind dünn, und wenn wir ins Freie treten, ist da gleich das ganze Dorf.
Glaub mir, jeder von uns hat darum ein fest abgeschlossenes Inneres, in das er keinem Menschen Einblick gewährt, keinem. Du kommst bei uns schnell mit Leuten in Kontakt, du kannst Freunde finden, Beziehungen begründen, aber niemand wird sich dir eröffnen, so wie du es vielleicht aus Europa kennst. Wie es im eignenen Innern aussieht, geht niemanden etwas an. Mehr sage ich Dir dazu nicht."

Wenn das so stimmt und verallgemeinerbar ist, wie sollen dann z.B. unsere (redebasierten) Therapien bei traumatisierten Kindern greifen? Wie kann sich trotzdem Bindung entwicklen, wie Vertrauen einstellen? Oder ist solch eine Weisheit nur eine Dämonisierungsform, um so wirkmächtiger, je mehr Phänomene (z.B. die Prüderie afrikanischer Gesellschaften) sie zu erklären behauptet?