Dienstag, 9. April 2013

Bericht über "Kindersucher" in äthiopischen Kinderheimen


Ein Artikel in der dänischen Copenhagen Post vom 8. April 2013 berichtet über "Kindersucher" von Enat Alem. Enat Alem ist das Kinderheim, mit dem die dänische Vermittlungsstelle DanAdopt kooperierte. Die Kooperation wurde nach der Ausstrahlung des Films "Mercy, Mercy" aufgekündigt. Mittlerweile hat die dänische Regierung Adoptionen aus Äthiopien gänzlich gestoppt.

"Kindersucher" sind Angestellte von Vermittlungsstellen oder Heimen, die für ein Vermittlungshonorar Kinder für Auslandsadoptionen akquirieren. Dabei wird den leiblichen Eltern oftmals ein falsches Bild von Adoptionen vermittelt; z.B. dass die Kinder nur zu Ausbildungszwecken ins Ausland entsandt werden und später zurück kommen. Ein australischer Fernsehbericht, der eine Kindersucherin einer amerikanischen Vermittlungsstelle im Süden Äthiopiens zeigte, hatte im Jahr 2009 die kritische Berichterstattung über Adoptionen aus Äthiopien ausgelöst. Die amerikanische Vermittlungsstelle ist mittlerweile in Konkurs.
 

The Copenhagen Post

Ethiopian orphanage used ‘child harvesters’ to find children

Ray Weaver
 

DanAdopt’s closed orphanage used an intermediary to convince families to put their children up for adoption
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This woman said she had no idea her children would never return when she allowed them to be adopted in Denmark (Screen Shot: DR/ 21 Søndag)
 
Adoptions from the the Enat Alem orphanage in Ethiopia were recently halted by the social and integration minister, Karen Hækkerup (Socialdemokraterne), based on reports of children being deprived of food, basic care and medical treatment at the facility. Now new reports have surfaced that the home used ‘child harvesters’ to lure local families into putting their children up for adoption at Enat Alem in violation of the Hague Conventions.

A local man, Gimma Kebele, told the DR News programme '21 Søndag' that he worked at Enat Alem and that, along with his duties as a night watchman, he went around local villages visiting families in an attempt to persuade them to put their children up for adoption. Kebele says that he has been involved in 145 adoptions at Enat Alem.

According to local authorities, Kebele received a reward for collecting the children that was quite lucrative by Ethiopian standards. He was allegedly paid between 75 and 110 Danish kroner for each child he brought to the home. By comparison, his monthly salary as a guard at the orphanage was about 150 kroner.

A local official said that many parents who were seeking a chance at a better life for their children never fully understood that they would most likely never see them again after agreeing to an adoption through Enat Alem.

“They did not know what the separation meant because they were pressured and tricked and promised many things,” the official told '21 Søndag'. Other sources have said that biological parents were told that their children would receive excellent educations and then be sent back to Ethiopia to help their biological families.

"I am completely shaken," Steen Andersen, the general secretary of UNICEF Denmark, told '21 Søndag'. "This is unethical and illegal. These children are not orphans, and many of these women belive that their children are going on an extended holiday in Denmark."

Records show that 21 children have come to Denmark from Enat Alem via DanAdopt since 2009. The agency said that it had no knowledge that the the orphanage used child harvesters. This past weekend, DanAdopt sent a letter to the parents on the waiting list for Ethiopian children in Denmark, saying that the moratorium on adoptions from Ethiopia was "temporary". The letter goes on to say that there have been no problems with Danish adoptions from Ethiopia since 2009 and that they had not been allowed to see '21 Søndag' before it was aired in order to verify its claims.
Kebele denied that he was paid to find children for adoption and said that he was simply doing outreach work in order to assist poor families. Soliciting children for adoption for profit is punishable by imprisonment in Ethiopia.

The letter from DanAdopt to parents waiting for a child from Ethiopia is here, in Danish.

Mittwoch, 3. April 2013

Prostitution oder Abschiebung? Aufruf von Terre des Femmes

10.000 bis 30.000 Mädchen und Frauen werden jährlich zur sexuellen Ausbeutung nach Deutschland verschleppt.
Derzeit werden Frauen, die sich aus der Zwangsprostitution befreien konnten, rechtlich als illegal eingereiste Ausländerinnen behandelt. Nur, wenn sie gegen die Täter aussagen, dürfen sie unter Umständen während des Strafverfahrens in Deutschland bleiben. Obwohl sie sich durch die Aussage einem hohen persönlichen Risiko aussetzen, werden sie nach Beendigung des Verfahrens abgeschoben.
Bis zum 6. April muss die deutsche Bundesregierung eine EU-Richtlinie, die den Opferschutz von Menschenhandel regelt, umsetzen. Dies bietet der Bundesregierung die Chance, ihre Versäumnisse im Bereich Opferschutz auszuräumen und eine Verbesserung der aufenthaltsrechtlichen Situation für Betroffene von Menschenhandel zu erwirken.
Mein Name ist Christa Stolle und ich leite die Organisation TERRE DES FEMMES in Deutschland. Um die Rechte der Opfer zu stärken, haben wir eine Petition an Innenminister Friedrich auf Change.org gestartet, die die Verbesserung des Aufenthaltsrechts für Opfer von Zwangsprostitution fordert.
In Italien hat sich im Bereich Opferschutz viel getan. Das „italienische Modell“ entkoppelt das Aufenthaltsrecht der Betroffenen von ihrer Aussagebereitschaft in einem Strafverfahren. Für das Opfer besteht eine realistische Chance, einen unbefristeten Aufenthaltstitel zu erhalten.
Unsere Forderungen an den Bundesinnenminister: Frauen, die es geschafft haben, aus ihrer Zwangslage zu fliehen, sind schwer traumatisiert und benötigen dringend Hilfe. Ihnen muss aus humanitären Gründen ein unbefristeter Aufenthaltstitel in Deutschland erteilt werden, ohne den Zwang vor Gericht aussagen zu müssen. Zudem muss Betroffenen geeignete Betreuung und Entschädigung garantiert werden.
Unser Ziel ist es, 30.000 Unterschriften zu sammeln, damit möglichst viele Menschen den Bundesinnenminister auffordern, sich für die Einführung eines unbefristeten Aufenthaltstitels einzusetzen.
Bis zum 6. April muss Deutschland, eine EU-Richtlinie zum Opferschutz für Betroffenen von Menschenhandel umsetzen. Mit dieser Petition setzen wir uns dafür ein, dass unsere Forderungen in der Umsetzung berücksichtigt werden.
Vielen Dank für Ihre Stimme,
Christa Stolle, Vorsitzende TERRE DES FEMMES

Sonntag, 10. März 2013

Betrug bei Adoptionen aus Äthiopien

Die Journalistin Kathryn Joyce betreibt ein Projekt beim Pulitzer Center on Crisis Reporting über die Opfer des Adoptionsboom in Äthiopien. Auf der Projektseite finden sich einige Artikel, videoclips und Vorträge zum Thema. Ein Videoclip begleitet einen Searcher in den Süden Äthiopiens im Sommer 2011. Mit der steigenden Zahl von Adoptionen mit gefälschten Dokumenten steigt auch die Zahl derjenigen Familien, die mit Hilfe von Searchern die Familien ihre Kinder suchen, um die Wahrheit ans Licht zu bringen. In dem Video wird auch gezeigt, wie gefährlich die Arbeit von Searchern ist, die von Vermittlungsstellen bedroht werden und auch im Gefängnis landen können.


 

Freitag, 8. März 2013

Terre des Hommes Schweiz stellt Internationale Adoptionen ein

Terre des Hommes Schweiz hat mitgeteilt, dass sie keine weiteren internationalen Adoptionen durchführen werden. Dabei ist besonders die Begründung interessant:

"Seit einigen Jahren schon beobachten wir einen regelmässigen Rückgang internationaler Adoptionen. Davon betroffen sind alle Aufnahmeländer, sowohl in Nordamerika als auch Europa. Der Verbleib des Kindes in seiner leiblichen Familie, Alternativen zur Institutionalisierung der Kinder und die Zunahme nationaler Adoptionen sind teilweise für diese Abnahme verantwortlich. In den Vereinigten Staaten zum Beispiel wurden 2004 rund 24’000 Kinder aus anderen Ländern adoptiert. 2011 zählte man nur noch 9300 internationale Adoptionen.

Dieser Rückgang wirkt sich auch auf das Profil der zur Adoption freigegebenen Kinder aus: Es handelt sich um ältere Kinder manchmal mit einer schweren Vergangenheit, Geschwistergruppen oder Kinder mit besonderen Bedürfnissen, Behinderungen oder Krankheiten. Die Kluft zwischen dem Wunsch der Eltern, ein gesundes Kleinkind zu adoptieren und den reell für eine Adoption verfügbaren Kindern wird immer grösser. Angesichts dieser Realität der internationalen Adoption geben zahlreiche Paare ihr Vorhaben auf. Andere wenden sich in schlecht organisierten und ungenügend kontrollierten Ländern zweifelhaften oder gar betrügerischen Kanälen zu. Dank dem starken Lobbying von internationalen Organisationen wie Terre des hommes und einem Erkenntnisprozess in den Herkunftsländern der Kinder sind solche Praktiken, die deren Interesse nicht wahren, heute ebenfalls rückläufig. Es werden nun aber auch andere Wege beschritten wie die Leihmutterschaft, wo die Gefahr einer neuen Form der «Vermarktung» von Kindern droht."

In Deutschland hat Terre des Hommes schon vor Jahren die Vermittlung von Adoptionen eingestellt und sich sehr kritisch über internationale Adoptionen geäußert.

Sonntag, 3. März 2013

Adoptionsboom in Uganda

CNN hat einen kritischen Bericht über Adoptionen aus Uganda veröffentlicht. Rapide ansteigende Adoptionszahlen gehen Hand in Hand mit neu gegründeten Kinderheimen, Missverständnissen von Seiten der abgebenden Eltern und fehlender Regulierung und Kontrolle. Nach Aussage einer Kinderrechtsaktivistin werden Kinder aktiv zur Adoption rekrutiert:
 
"Orphan creation does happen a lot in Uganda, and this is done by adoption facilitators who will go and scout the slums, find vulnerable families and talk them into giving up their children."

Samstag, 2. März 2013

Dänemark stoppt Adoptionen aus äthiopischem Kinderheim

Ein Artikel der Copenhagen Post vom 01. März 2013 berichtet von einer Inspektionsreise der dänischen Sozialbehörde nach Äthiopien. Dort besuchten die Inspektoren das Kinderheim Enat Alem und fanden katastrophale Bedingungen vor. Als eine Konsequenz stoppte die dänische Sozialministerin Karen Hækkerup alle weiteren Adoptionen von dem Heim nach Dänemark.

Nach Angaben der Inspektoren fehlte es in dem Heim sowohl an Nahrungsmitteln, essentieller Pflege sowie medizinischer Versorgung. In einem Brief an die dänische Vermittlungsstelle DanAdopt führte die Sozialministerin aus, dass die Ausstattung des Heims gegen "fundamentale ethische Prinzipien" verstoße.

Der Brief stellt fest, dass die Bedingungen in dem Heim gegen äthiopische Gesetze verstießen. Das Heim Enat Alem war auch Gegenstand des Films 'Mercy, Mercy - der Preis von Adoptionen'. Der Direktor des Heims wurde in dem Film mit den Worten zitiert, dass die Kinder in Dänemark eine Ausbildung erhielten und dann nach Äthiopien zurückkämen. Die dänische Vermittlungsstelle DanAdopt erklärte diese Lüge des Direktors mit "kulturellen Differenzen". Die Ermittlungen der dänischen Sozialbehörde sind noch nicht abgeschlossen.

Mittwoch, 27. Februar 2013

Interesse an einer Adoption aus Äthiopien?

Für alle, die eine Adoption aus Äthiopien erwägen, gehört der Film Mercy, Mercy zum Pflichtprogramm. Kein Adoptionsbewerber sollte sich auf die Reise nach Äthiopien machen, ohne ihn bewusst gesehen und die Implikationen verstanden zu haben. Niemand sollte glauben, dass die dort gezeigten Denk- und Handlungsweisen Ausnahmen sind. Sie sind es nicht; weder auf der äthiopischen noch auf der westlichen Seite.

Es gibt in jetzt auf You Tube mit englischen Untertiteln zu sehen.

    

Mittwoch, 6. Februar 2013

Du nervst!

In der soeben neu erschienenen Autobiographie von Mark Twain findet sich die Erinnerung des amerikanischen Schriftstellers an den Sklavenjungen Sandy, der ständig vor sich hin gesungen hat und dadurch dem kleinen Samuel Clemens (so Mark Twains wirklicher Name) auf die Nerven ging. Der beschwert sich schließlich bei seiner Mutter über den ewigen Gesang:

„Da traten ihr Tränen in die Augen, ihre Lippe zitterte, und sie sagte etwa Folgendes: ,Der arme Kerl, wenn er singt, heißt das, dass er sich nicht erinnert, und das tröstet mich; aber wenn er schweigt, fürchte ich, dass er nachdenkt, und das kann ich nicht ertragen. Er wird seine Mutter niemals wiedersehen; wenn er singt, darf ich ihn nicht daran hindern, sondern muss dankbar dafür sein. Wenn du älter wärst, würdest du mich verstehen; dann würde dich der Lärm eines Kindes ohne Freunde froh stimmen.' Es war eine schlichte Rede, und sie bestand nur aus kleinen Worten, aber sie traf den Kern, und Sandys Lärm beunruhigte mich nicht mehr."

Donnerstag, 24. Januar 2013

Kompetenzzentrum Internationale Adoption

Auf dem Blog "Betyie" findet sich ein begrüßenswerter offener Brief an Frau Rupprecht, der Vorsitzenden der Kinderkommission im Deutschen Bundestag, der sich für ein Kompetenzzentrum Internationale Adoption einsetzt. Dieses Kompetzenzentrum wäre eine leicht umzusetzende Kombination aus einer "Dokumentations- und Beratungsstelle für die Vermittlung von medizinischen, psychologischen und sonderpädagogischen Beratungsangeboten speziell für international adoptierte Kinder und kooperierenden Forschungsstellen, z. B. für den (Zweit)spracherwerb für Kinder aus internationaler Adoption. Diese könnte an jedem sonderpädagogischen, pädagogischen oder psychologischen Institut angegliedert sein und sollte sich besonders um die Umsetzung von Forschungsergebnissen in didaktische Materialien und Empfehlungen für die Sprachförderung in und außerhalb eines differenzierenden Regelunterrichts bemühen."

Als Beispiel wird in dem Brief genannt:
    "Es wäre hilfreich, wenn allen Eltern international adoptierter Kinder eine zentral verwaltete, kommentierte Datenbank zur wohnortnahen (tropen)medizinischen Versorgung zur Verfügung stünde, die solche Ärzte auflistet, die nicht nur im Bereich der medizinischen Versorgung von Kindern aus der so genannten “Dritten Welt” Erfahrungen mitbringen, sondern auch in der Lage sind, mit den Kindern in einer ihnen entsprechenden Form diagnostisch gut umzugehen."
Und:
"Gleiches gilt bei der Diagnostik und Therapieangebote für Kinder mit psychischen oder so genannten “Verhaltensauffälligkeiten”. Auch hier sind mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit Angebote je notwendiger, desto älter die Kinder zum Zeitpunkt ihrer Adoption waren. Und auch hier bestehen erfahrungsgemäß relativ eng umrissene Kriterien, nach denen es sich leicht ermitteln lässt, ob eine Praxis geeignet ist. Dazu würde gehören, ob die Ausbildung der Mitarbeiter darauf ausgerichtet ist, zwischen Traumatisierung und Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen zu unterscheiden, dass die Diagnostik und Therapie vorwiegend nicht-sprachlich verfährt und dass ein gewisser Erfahrungshintergrund in der Arbeit mit international adoptierten Kindern vorliegt."
Diese Initiative kann man nur vorbehaltslos unterstützen. Ärzte, Jugendämter und Schulen gehen in der Regel fraglos davon aus, dass die Vermittlungsstellen diese Nachsorgearbeit willig und kompetent übernehmen. Das ist nicht der Fall. Den Vermittlungsstellen fehlt in der Regel das Geld und Personal, um eine solche Beratung und Dokumentation zu übernehmen. Bestenfalls gibt es aktive Adoptiveltern, die über persönliche oder Vereinsnetzwerke ihr eigenes Wissen weitergeben. Ein Kompetenzzentrum Internationale Adoption wäre ein wichtiger Baustein zur Unterstützung adoptierter Kinder und ihrer Eltern.

Mittwoch, 23. Januar 2013

Aus erster Hand: offener Leserbrief an die ZEIT


Professor Dr. Carola Frege
London School of Economics and
Political Science

Die ZEIT Dossier Redaktion
Herr Greiner und Herr Mangold

Hamburg

18/1/2013

Betr.: Die Zeit, 17.1.2013, Dossier, “Zensierte Kinderbücher”

Sehr geehrter Herr Greiner, Herr Mangold und die Dossier Redaktion,

Ich möchte mein zutiefstes Unbehagen über Ihren Dossier vom 17.01.2013, “Zensierte Kinderbücher”,zum Ausdruck bringen. Das wichtige Thema, Rassismus in der deutschsprachigen (Kinder)Literatur, wurde in Deutschland bislang völlig ignoriert. Ich bin froh, dass nun - dank der bekannten Aussage von Familienministerin Schröder – endlich eine Diskussion entsteht. Ich bin ermutigt von der längst überfälligen Entscheidung des Thienemann Verlages, seine klassischen Kinderbücher zu editieren und hoffe, dass viele andere Verlage folgen werden. Dies ist längst überfällig – in Amerika beispielsweise wurde dieses Thema bereits vor 50 Jahren abgehandelt.

Leider hilft uns das ZEIT Dossier hier nicht weiter: es ist weder ausgewogen noch informativ und spiegelt lediglich die vorherrschende Meinung in den deutschen Medien wieder. Ihr Dossier beginnt mit einem rassistischen Aufmacher auf der Titelseite (sollte das witzig sein? Und warum muss das N-Wort auf der ersten Seite einer renommierten deutschen Zeitung benutzt werden?) und dann melden sich vier Männer zu Wort, von denen sich drei (weiße) Männer gegen die Editierung alter Kinderbücher aussprechen und einzig Herr Mangold - als schwarzer Deutscher - eine gegensätzliche Meinung artikuliert, aber dies leider etwas zu halbherzig und zaghaft. Den drei Artikeln ist gemeinsam, dass sie nirgendwo die eigentlichen Opfer, nämlich die schwarze deutsche Kinder (ja, die gibt es!) betrachten. Die kommen überhaupt nicht vor! Es geht hier nicht nur um den Einfluss dieser Bücher auf deutsche (weiße) Kinder und Ihrem Weltbild, sondern auch und gerade auf Kinder von Minderheiten, in diesem Fall schwarze deutsche Kinder. Warum wird dies völlig ignoriert? Warum wurde nicht ein Interview mit schwarzen Kindern, deren Eltern, oder beispielsweise Mitglieder der ‘Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland’, Experten in Sachen deutscher Rassismus, geführt? Stattdessen entscheiden drei weiße Männer mittleren Alters, wie sich z.B. schwarze 6-jährige Kinder fühlen sollen, wenn in der Schule ‘Jim Knopf’ vorgelesen wird, oder ‘Pippi Langstrumpf’ oder ‘Die Kinder aus der Krachmacherstrasse’ (auch Astrid Lindgren, auch mit rassistischem Inhalt) -- oder wenn sie im Kinderhort “Wer hat Angst vorm schwarzen Mann” mitspielen müssen. Und mit welchem Recht maßen sich diese Autoren an zu behaupten, dass das alles nicht so schlimm sei (Hacke:“Der Aufstand ist lächerlich”), und dass das Belassen des Originaltextes wichtiger sei (Greiner: Kulturgut!) als das (immerhin im Grundgesetz verankerte) Recht, nicht diskriminiert zu werden. Darf das für schwarze Deutsche nicht gelten?

Im Einzelnen:

1) Artikel von Herrn Greiner “Die kleine Hexenjagd”

(i) Herr Greiner setzt sich für die ursprüngliche, wenn auch rassistische Sprache ein und widersetzt sich dem ‘Diktat der politischen Korrektheit’ — ohne allerdings dem Leser zu erklären, was an diesen ‘Tugendwächtern’ eigentlich so schlimm ist. Anscheinend genügt es im deutschen Feuilleton das gehasste Wort ‘politische Korrektheit’ nur zu erwähnen. Was hat es aber mit politischer Korrektheit zu tun, wenn man dafür eintritt, dass schwarze Kinder in Deutschland das Recht haben, nicht herabwürdigend und degradierend abgebildet zu werden (ob nun in klassischen oder zeitgenössischen Kinderbüchern– ja, auch dort finden sich rassistische Wörter - oder auf der Bühne, wie z.B. in der derzeitigen Kinderaufführung der Zauberflöte an der Deutschen Oper Berlin – es gibt leider viele Beispiele). Und warum ist politische Korrektheit in Deutschland nur o.k., wenn es um unsere jüdischen Mitbürgern geht, nicht aber um andere Minderheiten? Gerade wir Deutsche sollten doch eine Vorreiterrolle im Umgang mit Rassismus und Diskriminierung aller Couleur spielen. Genau das Gegenteil ist meist der Fall. Wir sind in dieser Beziehung ein Entwicklungsland. Und um welche ‘Zensur’ geht es hier eigentlich? Es geht doch nicht darum die Bücher zu verbieten, sondern lediglich veraltete, rassistische Wörter und Inhalte zu editieren! Nicht nur unsere Sprache wandelt sich mit der Zeit und unsere Moralvorstellungen, wie Herr Greiner zu Recht bestätigt, aber auch die gesellschaftliche Verantwortung unseren Kindern gegenüber. Ich verstehe diese ganze Aufregung nicht. Kinderbücher wurden doch schon immer besonderen Kriterien unterstellt. Sie sind eben keine Erwachsenenbücher und viele Themen wie z.B. Vergewaltigung haben in Kinderbüchern nichts zu suchen (obwohl Vergewaltigungen ja in früheren Zeiten oder anderen Kulturen akzeptiert waren). Warum sollte Rassismus zugelassen werden? Zudem, jede Generation nimmt sich doch das Recht, ihr Kulturgut neu zu interpretieren!! Das sehe ich allabendlich im Theater, wenn klassische Theaterstücke neu inszeniert werden und die Kinderbibel, die ich neulich kaufte, weist auch eine modern, kindergerechte Sprache auf. Das Problem ist doch, dass Herr Greiner die Diskussion ausschließlich von dem Standpunkt weißer deutscher Eltern und Kinder betrachtet. Obwohl Herr Mesghena erwähnt wird, wird ihm entgegen gehalten, dass deutsche (weiße?) Eltern ein Recht darauf haben, wegen Ihrer Erinnerungen (die man ihnen nicht nehmen darf!), ihre alten Kinderbücher (in der alten Fassung!) vorzulesen. Aber worum geht es denn hier genau? Geht es um deren nostalgische Erinnerungen an das N-Wort? Und wer bitte hat das “Gesetz (?) des sprachlichen Altwerdens” erfunden? Das hört sich stark nach radikalem Konservatismus und Zensur an, und erinnert mich an amerikanische Evangelisten oder extreme Muslime, die jede modernisierte Interpretation Ihrer religiösen Texte ablehnen. Und wenn wir schon von Gesetzen reden, darf ich noch einmal an unser Grundgesetz erinnern? (ii) Herr Greiner argumentiert, dass manche Übersetzungen des N-Wortes lächerlich würden, aber das kann doch bitte kein Argument sein? Ich möchte behaupten, dass jeder kluge Verleger in der Lage ist, damit geschickt umzugehen. (iii) Herr Greiner argumentiert, dass dieses sogenannte ‘Problem’ nur in den Köpfen der Erwachsenen stecken und für Kinder kein Problem darstellt – dies wird mit einer Befragung zweier Hamburger Schulklassen unterstrichen. Leider wird uns vorenthalten, wie alt diese Kinder sind und wieviele Kinder schwarz waren. Ich bezweifle, dass sie solch aufgeklärte Antworten z.B. von Vorschulkindern oder Erstklässlern hören. Zudem, die Kinder sagen doch ausdrücklich, dass sie nicht wollen, dass solche Wörter in Geschichten vorkommen – warum nehmen sie das nicht ernst? (iv) Schließlich verneint Herr Greiner, dass Worte Schaden anrichten können (Frau Schröders Zitat). Wirklich? Als Journalist ist er sich sicher der Wichtigkeit von Sprache bewusst? Natürlich können Worte Schaden anrichten. Sie können beleidigen, degradieren, entwürdigen. Vielleicht hat er das nie persönlich als weißer, heterosexueller, deutscher Mann erfahren? Frauen, Menschen mit Behinderung, oder ethnische Minderheiten können ihm da anderes erzählen. Und würde Herr Greiner es auch befürworten, wenn in einem Kinderbuch von einer ‘Judensau’geredet würde? Oder vielleicht einfacher: wenn Ihr Sohn homosexuell wäre und in der Schule anti-homosexuelle Bücher und Bilder im Umlauf wären, dann fänden Sie immer noch nicht, dass Worte verletzen können?

2) Interview mit Herrn Kasten

Ein‘Experte’ wird geladen, Herr Harmut Kasten, der aber leider – soweit aus seinem CV ersichtlich -, keine Veröffentlichung zu dem Thema Rassismus und Kinderpsychologie aufweisen kann. Herr Kasten argumentiert, dass rassistische Kinderbücher Kinder nicht zu Rassisten machen (“Von Kinderbüchern allein wird sowieso kein Menschenbild geprägt.”) Aber wo steckt seine Beweisgrundlage? Sicherlich, werden Kinder nicht nur von Kinderbüchern geprägt, das ist wohl selbstverständlich. Aber, sie werden auch durch sie geprägt! Bücher beeinflussen Kinder – warum würden wir sie Ihnen sonst vorsetzen?? Jeder würde wohl zustimmen, dass sie ein wichtiger Teil von Erziehung sind (und auch für das Vermitteln von Moralvorstellungen). Und Bücher deren Sprache, Bilder und Inhalt, bestimmte Menschen— Schwarze (oder Frauen, Juden, Muslime, Menschen mit Behinderung oder anderer sexueller Orientierung…) — entwürdigend darstellen, beeinflussen die Kinder der gesellschaftlichen Mehrheit negativ. Sie lernen nicht nur Schimpfwörter, sondern insbesondere die stereotypische Darstellung dieser Menschen kennen (z.B. bei Jim Knopf ist der Schwarze natürlich arm und ein Waise). Und viel wichtiger: diese rassistischen Texte (und Bilder) beleidigen die Kinder, die diesen Minderheiten angehören, und beeinflussen ihr Selbstwertgefühl negativ. Im Gegensatz zu Herrn Kastens Meinung ist seit langem in der amerikanischen Literatur bekannt, dass Rassismus auch durch Text und Bild entsteht und Kinder negativ beeinflussen können. Es gibt seit den 60er Jahren Studien, die sich mit sexistischen und rassistischen Stereotypen in den Medien/ Büchern befassen, und deren Einfluss auf die Entwicklung von Kindern bestätigen (z.B. Paterson, S., Lach, MA. (1990) “Gender Stereotypes in children’s books: their prevalence and influence on cognitive and affective development”, Gender & Education, vol 2:2). Ich zitiere (ibid.: p. 1): “It seemed obvious that repeated exposure to these kinds of images was likely to have detrimental effects on the development of children’s self-esteem, particularly that of girls, and on the perceptions children have of their own, and of others’ abilities and possibilities”. Der (amerikanische) ‘Council for Interracial Books for Children’ (1976:1) zeigt zudem ähnliche Wirkungen bei rassistischer Kinderliteratur auf: “Racial stereotypes reflected in children books play an active part in maintaining that existing social structures by molding future adults who will accept it”.

Ich höre immer wieder, dass man solche rassistische Textstellen und Bilder zum Anlass nehmen kann über Rassismus zu sprechen – eine Lerngelegenheit (siehe Herr Kastens Argument). Aber, bitte welche (weiße) Eltern tun denn dies? Und warum, muss ich, als Mutter eines schwarzen Kindes, von einem Kinderbuch aufgefordert werden, über die deutsche Kolonialzeit und über Rassismus im Allgemeinen und besonderen zu reden?? Mir so etwas als Lernchance vorzuschlagen ist, ehrlich gesagt, eine Unverschämtheit. Und würden Sie auch eine jüdische Mutter auffordern, Ihren kleinen Kindern den Holocaust zu erklären, nur weil Juden in einem Kinderbuch diskriminierend dargestellt werden?

3) Artikel von Herrn Hacke: “Wumbabas Vermächtnis”

Herrn Hackes Artikel scheint nicht viel mit dem eigentlichen Thema zu tun zu haben, sondern ist ein emotionaler Verriss der Kritiker seiner Bücher und spiegelt leider seine zutiefst ignorante und arrogante Sichtweise wieder. Herr Hacke hält den Kampf gegen Rassismus für wichtig, aber man nimmt es ihm nicht ab. Im Gegenteil. Er bespottet seine Kritiker und macht sich lustig. Die Kritik an seinen Büchern (oder an anderen Büchern mit rassistischen Titeln) sei eine reine ‘Zeitverschwendung’. Schade, anscheinend hat Herr Hacke als Schriftsteller nicht begriffen, dass es sich bei Rassismus nicht nur um Gewalt einer Zwickauer Zelle handelt, sondern auch um entwürdigende Sprache, Inhalt und Bilder handeln kann. Da gibt es durchaus in der deutschen Geschichte genügend Ansichtsmaterial. Wie kann er behaupten, dass die Abbildung von Wumbaba eine Karikatur sei und deshalb nicht rassistisch? Können nur Bilder aber keine Karikaturen rassistisch sein? Können nur Texte aber keine Witze rassistisch sein? Sind Judenwitze nicht antisemitisch?

Zu guter Letzt: Um was es wirklich gehen sollte, ist die Frage, ob wir es uns als moderne Kulturnation und Einwanderungsland im 21. Jahrhundert weiterhin erlauben können, die alltägliche Diskriminierung von Minderheiten in unseren Medien und Öffentlichkeit als Lappalie herab zutun und zu ignorieren. Wir sollten endlich begreifen, das Rassismus nicht nur rechtsextreme Gewalt und Antisemitismus bedeutet, sondern ganz alltäglich in der Mitte unserer Gesellschaft, unserer Medien und im öffentlichen Diskurs angesiedelt ist. Dass es Deutschland schwerer fällt - als beispielsweise Amerika oder Großbritannien - hochgebildete ausländische Fachkräfte anzuwerben, hat auch damit etwas zu tun. Das ZEIT Dossier zeigt, wieweit Deutschland leider noch entfernt ist, ein wirklich tolerantes und offenes Land für Migranten und Minderheiten zu sein.

Schade.

Hochachtungsvoll,

Carola Frege

Montag, 21. Januar 2013

Rassismus in deutschen Kinderbüchern

Seit einer Woche tobt im deutschen Feuilleton eine Debatte zwischen dem Recht auf rassistischer Sprachausübung auf der einen Seite und dem Recht der Kinder ohne altbackenem Sprachgebrauch aufzuwachsen auf der anderen.

Nachdem Familienministerin Schröder öffentlich dafür plädierte, Kindern keine rassistisch besetzten Begriffe in Kinderbüchern vorzulesen und Kinderbuchverlage ankündigten, Klassiker der Kinderbuchliteratur auf rassistische Begriffe zu überprüfen und gegebenenfalls zu überarbeiten, wurde von Literaturkritikern und Journalisten nicht nur der Untergang des Abendlands sondern auch die Vorherrschaft des political correctness und das Einläuten des Orwellschen 1984 ausgerufen.

Erschreckende Kommentare und Positionen werden seitdem in der deutschen Qualitätspresse verbreitet: Die ZEIT titelte sogar mit dem Thema; auf Spiegelonline durfte Jan Fleischhauer die deutschen Kinderbücher auf dem Weg zur Trottelsprache sehen. Harald Martenstein durfte bei dem Konzert nicht fehlen: auch er polterte er im Tagesspiegel gegen die vermeintliche Zensur. In den dazugehörigen Kommentaren wurde auf dem Recht auf die Nutzung von "Neger" als neutraler Bezeichnung beharrt. Nach einer Umfrage der Bildzeitung ist eine knappe Mehrheit der Deutschen für die Entfernung rassistischer Begriffe aus Kinderbüchern; allerdings sind insbesondere Hochgebildete dafür die Bücher so zu belassen, wie sie sind. Je höher gebildet, desto eher hängt man am "Negerkönig" in Pippi Langstrumpf. Man müsse den Kindern halt beim Vorlesen den historischen Kontext erklären!

Den Feuilletonisten (und den Hochgebildeten) geht es weder um ihre noch um andere Kinder sondern um die Bewahrung einer vermeintlich heilen Kindheit, die sie mit den Originalausgaben der Klassiker verbinden. Dass die Objekte der mit rassistischen Begriffen belegten Geschichten mittlerweile längst unter uns sitzen, wird ihnen dabei noch nicht einmal bewusst. Wie es schwarzen Kindern beim Singen von den 10 kleinen Negerlein oder den wilden Negern auf den Südseeinseln bei Pippi Langstrumpf ergeht, ist ihnen auch eher egal. Hauptsache sie dürfen sagen, was sie schon immer im Sprachgebrauch hatten. Sie, die Herrscher über die Kommentarspalten und Kulturseiten, bestimmen die Gepflogenheiten der deutschen Sprache; nicht diejenigen, die nicht über Sprache diskriminiert, ausgegrenzt, belächelt oder angefeindet werden wollen.

Aber mit der Gesellschaft wandelt sich auch die Sprache. Deutsche Kindergärten sind nicht mehr ausschließlich von blonden und weißen Kindern bevölkert. Weder wird das Feuilleton die Ausbreitung der Kanak-Sprak verhindern noch werden die Kritiker die Modernisierung der Kinderbücher langfristig aufhalten. Die Verlage wollen die Auflagen der Kinderbuchklassiker überarbeiten, weil ansonsten Kindergärten und Grundschulen diese Bücher nicht mehr kaufen werden. Warum sollten sich Erzieherinnen mit einer undankbaren und unsinnigen Diskussion aufhalten, wenn sie den Kindern erklären, warum in einem bestimmten Buch ein längst überholter und im Sprachalltag nicht zu benutzender weil rassistischer Begriff auftaucht? Als Einführungsseminar in die Germanistik mit Migrantenkindern vielleicht?

Das Negerlein in der kleinen Hexe ist einfach kein guter Sprachgebrauch und noch dazu braucht ihn das Buch nicht. Noch weniger brauchen wir allerdings bornierte und selbstverliebte Literaturkritiker.


 

Sonntag, 13. Januar 2013

Russische Duma plant alle Auslandsadoptionen zu verbieten

Nach einem Bericht des englischsprachigen russischen Senders Russia Today bereitet die Duma derzeit ein Gesetz vor, das Auslandsadoptionen nur für Familien aus Ländern erlaubt, die ein bilaterales Abkommen mit der russischen Regierung abgeschlossen haben. Alle anderen Adoptionen werden gestoppt. Derzeit hat Russland Abkommen mit Frankreich, Italien und noch bis zum Ende des Jahres mit den USA.

Dafür wird das russische Familiengesetz entsprechend geändert. Das Änderungsgesetz soll nach Angaben des Abgeordneten Evgen Fodorov in drei Wochen im Parlament eingereicht werden. Er sagte der Nachrichtenagentur Itar-Tass:

“In fact, [adoptions of Russian orphans by foreign families] is a purchase. None of the civilized countries are involved in slave trade, or sell their children abroad.”
Fyodorov verwies darauf, dass Auslandsadoptionen in den meisten europäischen Ländern verboten seien. Es sei sogar eine Voraussetzung der Mitgliedschaft in der EU. Der Kinderrechtsbeauftragte  Pavel Astakhov unterstützt die Intiative. Er sagte, es sei eine Schande für ein Land, wenn seine Kinder ins Ausland geschickt werden. Alle Kinder sollten in ihrem Heimatland bleiben.

Dienstag, 8. Januar 2013

Aus erster Hand: Schulprobleme älterer Adoptivkinder

Aus erster Hand sind Berichte von Adoptiveltern, die uns erreichen und die wir hier in anonymisierter Form weitergeben:
Unsere Tochter war fünf, als wir sie aus Äthiopien abholten. Sie war vom ersten Tag offen, aufgeschlossen und positiv gegenüber allen Veränderungen, die sie erleben würde. Wir hatten und haben keine Bindungsprobleme oder Anzeichen einer größeren Traumatisierung. Sie ist ein freundliches und sehr vernünftiges Kind und für ihr Alter sehr klug und reif. Das macht es ihr in der Schule leichter, weil ihre Lehrer sie in der Klasse sehr schätzen. Ihren Schulleistungen hilft es jedoch nur bedingt. Während sie die Sprache innerhalb weniger Monate akzentfrei lernte und einen großen Wortschatz hat, fällt ihr sowohl Deutsch als auch Mathe schwer.
Nach dreieinhalb Schuljahren ist sie in beiden Fächern eher auf dem Level einer Zweitklässlerin. Sie liest und schreibt langsam mit vielen Fehlern und rechnet unsicher. Unsere - öffentliche - Schule hat uns bis jetzt sehr unterstützt und gibt ihr Zusatzunterricht in beiden Fächern meistens während des Religionsunterrichts oder nach der Schule. Ihre Klassenlehrerin hat uns versprochen, dass sie von ihr in jedem Fall weiter versetzt werden wird. Für sie wäre es eine Katastrophe ein Jahr zu wiederholen, da sie deutlich früher als ihre Klassenkameradinnen in die Pubertät gekommen ist und auch die Größte in ihrer Klasse ist. Mit jüngeren Kindern käme sie überhaupt nicht zurecht.
Allerdings ist es unklar, wie es langfristig weitergehen soll. Ihre Förderlehrerin in Mathematik empfahl sie auf Dyskalkulie testen zu lassen. Wir werden dies auf jeden Fall tun, weil eine solche Diagnose bedeutet, dass ihre Noten nicht für die Versetzung relevant sind und sie auch andere Klassenarbeiten schreiben wird als der Rest der Klasse.
Wir persönlich glauben jedoch nicht an eine Rechenschwäche, weil man auch gleich eine Schreib- und Leseschwäche mit diagnostizieren könnte. Wir halten es für wahrscheinlicher, dass sie aufgrund der Adoption und der kulturellen Umstellung einfach langsamer lernt. Ein Kind kann nicht innerhalb weniger Jahre eine komplett neue Familiensituation und eine neue Sprache verarbeiten, ohne dass das Auswirkungen auf die Lernkapazität hat. Sie bräuchte einfach einen langsameren Unterricht, der jedoch in ihrer Alterskohorte stattfinden müsste. Den gibt es jedoch weder an öffentlichen noch an privaten Schulen. Wir hofffen derzeit, dass unsere Schule weiterhin so tolerant und positiv mit uns umgeht und sie weiter versetzen wird. Ob sie jemals die Differenz zur restlichen Klasse aufholen wird, wissen wir nicht. Für sie ist es jedoch in jedem Fall das Beste, wenn sie in ihrer Klasse bleibt. 
 
Wir veröffentlichen gerne weitere Beispiele aus erster Hand, die dem Erfahrungsaustausch  von Adoptivfamilien dienen. 

Samstag, 29. Dezember 2012

Russland verbietet Adoptionen durch amerikanische Familien

Am 28. Dezember 2012 hat Präsident Vladimir Putin hat das Bundesgesetz Nr. 186614-6 unterzeichnet, das ab dem ersten Januar 2013 Adoptionen von amerikanischen Familien verbietet. Das amerikanische Außenministerium bemüht sich bereits vermittelte Adoptionen noch durchzuführen. Danach werden jedoch keine weiteren Adoptionen durchgeführt.

Sieht man mal von den außenpolitischen Drohgebärden ab, die Auslöser für das Gesetz waren, kann man an dem Beispiel eine Reihe von ethischen und rechtlichen Fragen klären. Dazu gehören:
  1. Natürlich hat die russische Regierung das Recht internationale Adoptionen zu verbieten. Dieses dürfte auch nicht gegen die UN-Konvention über die Rechte des Kindes verstoßen, wie z.B. Human Rights Watch in einer Presseerklärung unterstellt. Die UN Konvention nennt internationale Adoptionen als eines von vielen Mitteln zur Sorge elternloser Kinder. Daraus ergibt sich jedoch kein Recht auf Adoption für das Kind.
  2. Dem Verbot ging ein bilaterales Abkommen zwischen Russland und den USA voraus, in dem insbesondere Privatadoptionen verboten, Vermittlungsstellen stärker beaufsichtigt und die Rechte der russischen Behörden im Fall von Misshandlungen von Kindern und gescheiterten Adoptionen gestärkt werden sollten. Es gibt auf russischer Seite den Verdacht, dass die Misshandlung russischer Kinder weniger stark strafrechtlich verfolgt wird als die Misshandlung amerikanischer leiblicher Kinder. Ob dieser Vorwurf zutrifft, ist nicht zu klären. Bei den bekannten Skandalfällen, in denen Kinder zu Tode kamen, bzw. alleine nach Russland geschickt wurden, wurden die verantwortlichen Adoptiveltern strafrechtlich nicht belangt bzw. nicht bestraft. Sollte der Verdacht zutreffen, wäre dies ein veritabler Justizskandal.
  3. Russische Behörden stören sich schon länger an dem Verhalten amerikanischer Vermittlungsstellen, die nicht nur hohe Gebühren für eine Adoption verlangen, die in Russland kostenfrei ist, sondern auch im Internet Fotos von russischen Kindern veröffentlichen, für die sie unaufgefordert Adoptiveltern suchen. Dieses verstößt gegen das Persönlichkeitsrecht der Kinder.   
Adoptionen aus Russland sind im Vergleich zu China und Äthiopien weniger von Korruption auf der russischen Seite geplagt. Problematisch ist vielmehr das Ausmass von Behinderungen durch FAS sowie die Traumatisierung der Kinder, die zu der überproportional hohen Zahl von gescheiterten Adoption aber auch zu Misshandlungen führen. Für viele russische Kinder ist eine Adoption in die USA tatsächlich ein Glücksfall, da sie dort besser gefördert werden können. Gleichzeitig sind viele Adoptiveltern überfordert.

Dass die russische Regierung so harsch auf internationale Adoptionen reagierte hat, daher auch mit  den Vermittlungsstellen zu tun, die die Adoptiveltern nicht über den Gesundheitsszustand der Kinder aufklären und sich nicht an die Regeln halten. Ob deren Geschäftspraktiken sich durch das Verbot ändern, ist jedoch fraglich. Sie werden sich jetzt wohl noch stärker auf afrikanische Länder konzentrieren.

Allerdings sollte man sich auch nicht der Illusion hingeben, dass die russische Regierung mit diesen Maßnahmen wirklich das Interesse der Kinder im Sinn hat. Russland hat eine große Zahl von Kindern, die in Heimen untergebracht sind. Alkoholismus, schwierige wirtschaftliche Bedingungen und schlechte Standards der Heimunterbringung hat viele Kinder einen schweren Start in ihr Leben beschert. Zudem ist ein Teil der neuen Gesetze gegen Menschenrechtsorganisationen gerichtet. NGOs mit Finanzierung aus den USA werden ebenso verboten wie Adoptionen. Für die russische Zivilgesellschaft ist dies eine alarmierende Entwicklung.  

Donnerstag, 20. Dezember 2012

Kontroverse über Adoptionen aus Russland in die USA

Am morgigen Freitag, den 21. Dezember wird die russische Duma über ein Gesetz entscheiden, das Adoptionen aus Russland in die USA verbieten soll. Das Gesetz mit dem Namen Dima Yakovlev Gesetz ist eine Reaktion auf das sogenannte Magnitsky Gesetz, das US-Präsident Barack Obama letzte Woche unterschrieben hat. Dieses Gesetz verbietet russischen Beamten, die verdächtigt werden an dem Tod des russischen Hedgefundangestellten Sergei Magnitsky beteiligt zu sein, die Einreise in die USA.

Das Dima Yakovlev Gesetz ist offensichtlich außenpolitisch motiviert und nicht primär am Kindesinteresse russischer Adoptivkinder orientiert. Es nimmt dabei Bezug auf eine bereits seit längerem schwelende Kritik aus Russland an dem Schicksal russischer Adoptivkinder in den USA. Russland gehört mit China und Äthiopien zu den wichtigsten Herkunftsländern für adoptierte Kinder in den USA. In den letzten zwanzig Jahren wurden ca. 60.000 Kinder aus Russland in die USA adoptiert. Davon sind zwischen 19 und 29 Kinder zu Tode gekommen (die Angaben variieren je nach Quelle). Ein kontroverser Fall war Dima Yakovlev, ein zweijähriger Junge, der von seinem Adoptivvater im Auto vergessen wurde und starb. Ein weiterer Fall ist der von Artyom Savelyev, der als Siebenjähriger von seiner Adoptivmutter alleine nach Russland zurückgeschickt wurde, weil sie mit ihm nicht zurecht kam. Hinzu kommt die steigende Zahl der gescheiterten Adoptionen von russischen Kindern in den USA. Es gibt eine Einrichtung in Montana, die sich auf schwierige Kinder aus Russland spezialisiert hat und deren Existenz vom Ombudsmann für die Rechte von Kindern, Pavel Astakhov, stark kritisiert wurde.   

Während daher amerikanische Adoptiveltern in Russland in der Kritik stehen, gibt es zugleich auch Kritik an einem Verbot von Adoptionen in die USA. Der Außenminister Sergei Lavrov sprach sich laut Financial Times gegen ein Verbot und für eine verbesserte Praxis aus. Auch die Zivilkammer Russlands, die aus Experten besteht, äußerte sich kritisch. Sie monierte insbesondere den Umgang mit der Zahl der genannten Todesfälle. Den 19 bis 29 verstorbenen russischen Kindern in den USA stehen nach Angaben der Financial Times 1500 Todesfälle adoptierter Kinder von russischen Adoptiveltern gegenüber.   

Dienstag, 11. Dezember 2012

Reuniting children with their families - UNICEF

In Ethiopia, placing institutions and adoption practices under scrutiny - and reuniting children with their families

By Indrias Getachew

JARE HINESSA, Ethiopia, 10 December 2012

Emotions run high when baby Meseret comes home. It’s been 14 months since she was placed in an orphanage by her father, a single parent who had hoped that she would be adopted and raised abroad.

UNICEF correspondent Margaret Murphy reports on a programme that is reuniting Ethiopian children with their families.

“I gave her up to an orphanage because she was so young when her mother died,” says Meseret’s father Thomas Hatito. Mr. Hatito’s wife passed away in childbirth, and he was faced with raising Meseret in addition to his seven other children, on his own. “I gave her away so that she could grow up and get a better education than is available here.” Meseret was 6 days old when Mr. Hatito handed her over to the orphanage. Rising international adoptions, rising concerns In recent years, Ethiopia has become one of the most popular countries for international adoptions. More than 4,500 children were placed in inter-country adoption in 2009, double the number of children in 2006. According to the Ministry of Women, Children and Youth Affairs, the rapid increase in inter-country adoptions has spawned a proliferation of child care institutions. However, 45 per cent of these institutions were found to be operating without a valid license.

  Meseret has been reunified with her family 14 months after she was given up for adoption following the death of her mother during childbirth. Here, one month after reunification, she plays with her older sister. Concerns about methods – and facilities Rising demand for Ethiopian children and the lack of adequate mechanisms to ensure compliance with procedures meant to protect their best interests have led to concerns about methods used by adoption agencies and child care institutions. “[Parents] were being told, ‘if your child goes abroad, you will get all types of rewards, you will get more money,’” says Project Officer at the Southern Nations, Nationalities, and People’s Region (SNNPR) Bureau of Women, Children and Youth Affairs Yeshimebet Yirga. Increasing reports of abuse have prompted action by the Government of Ethiopia to address the issue.

In 2010, two assessments of institutional child care were conducted. The assessments looked at child care institutions in five regions, including SNNPR. “There are standards that any organization which raises children needs to meet,” says officer in charge of promoting child rights and protection with the SNNPR Bureau of Women, Children and Youth Affairs Ashenefech Admassu. “But, when many of them were reviewed, it became clear that they were not seeking the best interests of the children, but their own private benefit.”

When Meseret was returned to her village, she was welcomed by her family and members of the village. Here, she is held in the arms of the nanny who brought her home from the orphanage where she spent 14 months. Standing behind them is her father, Thomas Hatito, and next to them is her grandmother. Reuniting families The orphanage that had taken Meseret was among those deemed unfit to continue operating. Meseret and the other children who lived there were placed with caretakers while the process of family reunification began. Ms. Yirga and the rest of the team from the SNNPR Bureau of Women, Children and Youth Affairs were trained with the support of UNICEF to provide care for the children and reunite them with their families. “After convincing the families, we don’t just give the children back empty-handed,” she says. “We prepare a package that we believe a returning child will need, and that will reduce the burden on the family.” Meseret’s family received clothing and household items and a cash grant to ease their financial pressures.

The programme also helps families to set up projects that generate income. Ms. Yirga and her team accompanied Meseret and her nanny from the caretaker institution to Jare Hinessa village. Neighbours and community leaders turned out in large numbers to welcome Meseret home. Reaching as many children as possible According to the Central Statistic, 3.8 million orphans lost one or both parents to AIDS-related causes in 2009. It is likely that some 10,000 such children live under institutional care. “UNICEF is working with the federal and regional authorities to come up with a range of family-based options for children without parental care,” says UNICEF Ethiopia Communication Manager Alexandra Westerbeek. “We all agree that institutions are not the solution for children, and what they need is a family environment.”

Samstag, 8. Dezember 2012

Interview mit Katrine Rijs Kjaer über Mercy, Mercy

Auf youtube findet sich nun auch ein Interview mit der Filmemacherin Katrine Rijs Kjaer über Mercy, Mercy. Herzzerreissend und erschütternd.


 

Freitag, 7. Dezember 2012

Intercountry adoption: reinforcing legislation to ensure that the child’s best interests are upheld


Am 30. November 2012 verabschiedete die parlamentarische Versammlung des Europarates eine Resolution, in der sie die Mitgliedsstaaten auffordert ihre Regulierung von Internationalen Adoptionen zu verstärken.  In einigen Fällen würden die Menschenrechte von Kindern eindeutig verletzt, wenn Kinder durch Entführungen und Menschenhandel, aber auch durch Dokumentenfälschungen und Druck auf die leiblichen Eltern in die Adoption überführt wurden.
Die Resolution beruht auf Vorschlägen der Berichterstatterin Marlene Rupprecht. In ihrem Bericht dringt sie darauf, in allen Ländern eine zentrale Behörde zur Aufsicht von Vermittlungsstellen zu errichten. International adoptierte Kinder sollten vor, während und nach der Adoption einer besonderen Aufsicht unterliegen. Die Mitgliedsländer sollten sicherstellen, dass das Thema auch im Kontext der Strategie zur Sicherung der Rechte der Kinder (2012-2015) berücksichtigt wird.

Der Bericht an sich beinhaltet wenig Neues. Die Problematik wird in groben Zügen korrekt aber eher impressionistisch wiedergegeben. Um das Problem der Rechtmäßigkeit von Privatadoptionen mogelt sich der Bericht eher herum. 

Da es sich um ein grenzüberschreitendes Problem handelt, bei dem viele Mitgliedsländer des Europarates sowohl als Empfänger- wie auch Senderländer beteiligt sind, sollte man überlegen, inwieweit der Europarat selbst nicht ein geeignetes Organ zur Überwachung Internationaler Adoptionen sein kann. Insbesondere könnte eine Ombudsstelle zur Klärung von Beschwerden und der Verifizierung von Tatsachenberichten hilfreich sein. Ein unethisches Adoptionsverfahren ist eine Menschenrechtsverletzung, die klarer definiert und sanktioniert sein müsste, um wirksam bekämpft zu werden.   
 
 
 

Donnerstag, 6. Dezember 2012

Mercy, mercy on youtube

Ethiopia - Adoption goes wrong: A touching story of two Ethiopians adopted by a family from Denmark



 

Mittwoch, 5. Dezember 2012

Petition "Stoppt Racial Profiling"

Der Autor der Petition Carla Smith hat Ihnen eine neue Nachricht zu dieser Petition hinterlassen:

Betreff: Der Empfang der Petition wurde bestätigt

Liebe Erstunterzeichner_innen,

Leider muss ich mich noch mal an euch wenden und euch bitten, wenn nicht bereist geschehen, die neue Petition gegen racial profiling zu zeichnen.
Wir haben erst knapp über 7000 Stmmen und benötigen jede Unterschrift.
Zum ersten mal in der Geschichte der ISD und der jüngeren Schwarzen Bewegung haben wir die Chance in einem Parlament Gehör zu finden mit unserem Anliegen und auf gesetzliche Bestimmungen Einfluss zu nehmen.
Bitte verbreitete also diesen Aufruf und informiert möglichst viele Menschen.

Wir möchten um Ihre Unterstützung bitten. Die Petition zu „Racial/Ethnic Profiling“ ist online. Mit seiner Entscheidung vom 29. Oktober 2012 hat das Oberverwaltungsgericht in Koblenz diese Praxis für rechtswidrig erklärt und damit den Gleichbehandlungsgrundsatz des Grundgesetzes gewürdigt. Jetzt fordern die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) und das Büro zur Umsetzung von Gleichbehandlung (BUG) politische Schritte in einer Petition, die sich an den Bundestag richtet. (www.stoppt-racial-profiling.de)

Hier geht es zur Bundestagsseite zum direkt Unterschreiben:
https://epetitionen.bundestag.de/petitionen/_2012/_11/_07/Petition_37656.nc.html

Die Petition „Stoppt Racial Profiling“ kann noch bis zum 18.12 unterschrieben werden. Wir würden uns freuen, wenn Sie den angehängten Text redaktionell auf Ihrer Seite veröffentlichen würden. Gerne können sie auch das Logo nutzen. Ein Foto von der Übergabe von Unterschriften an Mitglieder des Petitionsausschusses finden Sie anbei.

Da jede Unterschrift zählt, bitten wir Sie auch die Info zur Petition über Ihren Verteiler weiterzuleiten und Ihre Medienpräsenz zu nutzen, um Aufmerksamkeit auf die Problematik zu lenken. Es werden mindestens 50.000 Unterschriften benötigt, damit der Petitionsausschuss des Bundestages öffentlich berät und vorgesprochen werden kann. Lassen Sie uns dies gemeinsam schaffen.
Für mehr Informationen über geplante Aktionen rund um die Kampagne und Hinweise auf Möglichkeiten die Aktivitäten zu unterstützen, wenden Sie sich bitte an das BUG oder die ISD.

Herzlichen Dank für die Unterstützung
Bündnis gegen racial profiling

www.stoppt-racial-profiling.de